Einfach Klassik.

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Die dänische Nationaloper – Maskerade in der Oper Frankfurt

Die Werke des dänischen Komponisten Carl Nielsen sind auf den deutschen Bühnen und Konzertsälen verhältnismäßig selten vertreten. Seine Sinfonien finden zwar gelegentlich Zugang in die Programme der Konzerthäuser, doch nach seinen Opern oder Schauspielmusiken sucht man vergebens. Daher ist es umso überraschender, dass Maskerade als die dänische Nationaloper gilt und dort regelmäßig aufgeführt wird, gar als wichtiges Werk und fester Bestandteil des dänischen Repertoires gilt. Es war demnach nur eine Frage der Zeit, bis diese Oper auch in Deutschland zur Aufführung kommt und wo, wenn nicht in der Oper Frankfurt, deren Publikum wie kaum ein zweites an Raritäten dieser Art gewöhnt ist und ihr Intendant Bernd Loebe diese als wichtigen Eckpfeiler der Spielplanpolitik seines Hauses betrachtet.

Die Handlung der Oper, basierend auf einer Komödie von Ludvig Holberg aus dem Jahre 1724, ist schnell erzählt: um Leonora und Leander verlieben sich auf einem Maskenball ineinander, doch ihre Eltern haben für sie augenscheinlich andere Pläne, denn beide sind bereits mit anderen Partnern verlobt. Erst im dritten Akt erkennen beide, dass sie in der Tat einander versprochen wurden – Ende gut, alles gut und die heile Welt ist wiederhergestellt.

Susan Bullock (Magdelone) und Tänzer*innen , © Monika Rittershaus
Susan Bullock (Magdelone) und Tänzer*innen , © Monika Rittershaus

Musikalisch kommt Maskerade (UA 1906) zunächst recht konventionell daher, klingt die Komposition doch eher neoklassizistisch operettenhaft und so gar nicht wie die visionären Arbeiten seines Zeitgenossen Richard Strauss, dessen Salome im Jahr zuvor uraufgeführt wurde, oder Debussys Pelléas et Mélisande (UA 1902) als Vertreter des Symbolismus. Statt progressiver Zwölftonmusik bekommt man allerlei flotte Melodien und eine Verwechslungskomödie à la Fledermaus geboten, sie auch nicht unähnlich den Meistersingern ist – man denke an die reimerischen Entgleisungen Beckmessers oder dem Auftritt des Nachtwächters, die in Maskerade verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen. Auch Parallelen zu Mozarts Le Nozze di Figaro sind erkennbar, denn sowohl der Diener Henrik als auch Figaro sind Figuren, die direkt der Zeit der Aufklärung, also Entstehungszeit beider Literaturvorlagen, entspringen.

Wer von Komik und Leichtigkeit Gebrauch macht, muss aufpassen, dass er nicht in Lächerlichkeit und Banalität abdriftet. Während des gesamten Abends scheint die Regie von Tobias Kratzer genau auf diesem schmalen Grat herumzutänzeln, ihn gar immer wieder zu überschreiten. Dies mag nicht zuletzt an der Entscheidung der Oper Frankfurt, das dänische Libretto ins Deutsche zu übertragen, gelegen haben. Die Übersetzung von Martin G. Berger auf Grundlage der Linearübersetzung von Hans-Erich Heller strotzt nur so von forcierten Reimen und droht gar durch diese zu zerbersten.

Das exzessive Reimen wirkt wie ein ausgeartetes Spiel, bei dem jeder Vers mit einem weiteren Reim antwortet, um sein Gegenüber zu übertrumpfen. Statt an ein formvollendetes Opernlibretto muss man an die bekannten Gedichte Heinz Erhardts („Hinter eines Baumes Rinde sitzt die Made mit dem Kinde….“) denken, die hier im direkten Vergleich plötzlich hochgeistig wirken. So passt die deutsche Übersetzung zwar zum dänischen Original und legt sich gut auf die Orchestrierung, lässt sie aber in einem recht altbackenen, banalen Bild erscheinen. Dies ist äußerst schade ist, da Regisseur Tobias Kratzer eine gefällige, aber doch moderne Bildsprache wählt.

In einem dunklen, grau-tristen Raum, deren Wände nur aus Türen bestehen, lässt sich durch kleinste Veränderungen die Szene wechseln. Hauptaugenmerk der Verwandlungen liegen hier bei den Kostümen, die selbstverständlich zu jedem Maskenball dazugehören. Die verklemmte Gesellschaft, ebenfalls in grau gehüllt, die ihre Lüste und Triebe nur nachts bei der Maskerade ausleben kann, lässt zuerst die Kleider fallen, dann geht’s rein in die bunten Kostüme, und sogleich fallen auch alle Regeln des Anstands. Ob sich zu ver- oder entkleiden – jeder scheint sich hier ganz ausleben zu können. Rainer Sellmaier sprengt mit den bunten Verkleidungen alle Schranken von Gender und Identität – „be whoever you want to be“ – steht auf dem Shirt des einen und auch sonst gilt: man(n) trägt, was gefällt – gern auch rote Stilettos und ultrakurze Lacklederröcke.

Nielsens Maskerade bietet dank seinen zahlreichen kleinen und mittelgroßen Rollen die Gelegenheit gerade für die Sänger*innen des Ensembles sich zu beweisen und dem Publikum zu präsentieren. Dies wurde hier vortrefflich genutzt, wobei einmal wieder die hohe Qualität des Frankfurter Ensembles zum Vorschein kam, mit einigen Namen, die man sich merken sollte.

Ensemble, © Monika Rittershaus
Ensemble, © Monika Rittershaus

Liviu Holender führte als Diener Henrik in unterhaltsamer Conferencier-Manier durch die Handlung und schien mit seinem spritzigen Bariton eine Idealbesetzung für die Rolle zu sein. Michael Porter trumpfte dagegen mit tenoralem Schmelz auf, der seine lyrische Stimme strahlen ließ. Monika Buczkowska als Leonora verfügte über stimmliche Größe, aber szenisch wenig Präsenz. Michael McCowns markanter, heller Tenor glänzte im Zusammenspiel mit der feinsinnig gestalteten Komik seiner Rolle. Barbara Zechmeister trat als wunderbar überdrehtes und williges Püppchen mit charismatischem Sopran auf und Susan Bullock kehrte nach ihren Auftritten als Brünnhilde und Emilia Marty als Magdelone an die Oper Frankfurt zurück. Obwohl sie nicht ganz heimisch im tiefen Register dieser Mezzopartie wurde, verlieh sie ihre Rolle dank unnachahmlichem Witz und ansteckenden Esprit sofort Kultcharakter.

Titus Engel und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester ließen auch im Graben die Korken knallen. Mit spritzig frischem Dirigat führte er versiert und selbstbewusst durch die komplexe Partitur und vermochte besonders im dritten Akt, der reich an Instrumentalpassagen ist, die Einzigartigkeit Nielsens Komposition strahlend hervorheben.

Lässt man sich auf Kratzers Inszenierung ein, kann seine Maskerade überaus kurzweilig und unterhaltsam sein, oft ironisch und mal sogar selbstreferentiell. Vor allem aber will sie sagen: Nehmt nicht alles zu ernst! Wer Tiefgang wünscht, muss hier genauer hinschauen, doch gerade in diesem grauen November scheint das Publikum für solch plakative Komik und die platten Witze ein offenes Ohr zu haben und nimmt diese Komödie herzlich mit offenen Armen in Empfang.

Programm

Carl Nielsen: Maskerade
Komische Oper in drei Akten von Carl Nielsen
Text von Vilhelm Andersen nach der Komödie (1724) von Ludvig Holberg
Neue deutsche Fassung von Martin G. Berger
auf der Grundlage der Linearübersetzung von Hans-Erich Heller

Oper Frankfurt, 20. November 2021

Titelfoto: Maskerade Ensemble, © Monika Rittershaus

Icon Autor lg
Alexandra Richter ist Journalistin und Filmemacherin aus Frankfurt. Ihre Leidenschaft zu Oper und klassischer Musik entwickelte sich im Studium. Ihre erste Opernvorstellung war Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, die sie sehr beeindruckte und auch ihren Musikgeschmack nachhaltig beeinflusste. Momentan interessiert sie sich vorrangig für die Opern der Moderne, aber auch romantische Opern (v.a. von Richard Wagner) gehören zu ihren Schwerpunkten, wobei zeitgenössische Musik und Opernraritäten ebenfalls Beachtung finden.
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