Die Komponistin Helena Cánovas Parés ist eine Geschichtenerzählerin. Ihre Musik öffnet Räume für Fantasie und verrät Offenheit und Nähe zu Interpret:innen und Hörenden. Ihr neuestes Stück ist eine Auftragskomposition des „Orquestra simfònica de Barcelona i nacional de Catalunya“, kurz OBC, und wurde jetzt im Rahmen des Projekts „Singen mit dem OBC“ im Auditorium von Barcelona uraufgeführt. Bei der Wahl der Texte hatte Cánovas Parés freie Hand und hat sich für eine Auswahl aus dem Gedichtband „Doméstica maragda“ (Häuslicher Smaragd) der katalanischen Schriftstellerin Gemma Casamajó Solé entschieden. Als „eine Hommage an das Haus, an das Zuhause als Tempel“ beschreibt die Autorin selbst ihre Lyriksammlung, in der allerdings nicht nur die Geborgenheit, sondern auch die mögliche Unterdrückung von Frauen im Haus gespiegelt wird.
Ein mutiges Projekt beim Sinfonieorchester Barcelona
Während in Deutschland landauf landab bei „Sing along“, in Bürger- Community- und Mitsingchören vertrautes Repertoire von Bach bis Beethoven geschmettert wird, bietet das Sinfonieorchester Barcelona seit fünf Jahren singfreudigen Laien die Gelegenheit, ein zeitgenössisches Chorwerk einzustudieren und im größten Konzertsaal der Stadt, aufzuführen. Das ist ein mutiges Bekenntnis zur Musik von heute, und das Interesse an „Canta amb l’OBC“ ist enorm. Mehrere Hundert Laien melden sich jedes Jahr für eine Teilnahme an. Mitmachen können dann aber nur 150 – das ist die vom Veranstalter gesetzte Obergrenze. Die Teilnehmer:innen werden unterstützt von einem festen Vokalensemble – in diesem Jahr ist es der „Coral Sant Jordi“ unter der Leitung von Oriol Castanyer. Er ist es auch, der den insgesamt 200 Stimmen starken Klangkörper in zehn Proben auf die Uraufführung vorbereitet.

Helena Cánovas Parés schreibt für singende Menschen
„Alle Sängerinnen und Sänger haben die Noten zuhause geübt und konnten anhand einer Audiodatei das Stück kennenlernen“, so Castanyer. „Das Schwerste ist das Sich-Einlassen auf die Klangwelt der Komponistin, die doch so ganz anders ist als das, was Chöre normalerweise singen.“ Doch diese Klangwelt ist tonal und voller schöner Harmonien. Den Möglichkeiten eines Laienchors auf den Leib geschnitten, ist der Chorsatz über weite Strecken melodiös, hat Fixpunkte und führt die Sänger:innen immer wieder in ein beruhigendes Unisono. Helena Cánovas Parés hat selbst viele Jahre Chorerfahrung gesammelt und das hört man der Komposition an. Sie versteht es, komplexe Rhythmen so zu komponieren, dass niemand im Chor sich überfordert fühlt. „Es macht großen Spaß, diese Musik zu singen! Ich bin zum ersten Mal in diesem großen Saal auf der Bühne und ziemlich aufgeregt“, so eine weibliche Teilnehmerin des Projekts. Für das musikalische „Zuhause-Gefühl“ hat Cánovas Parés ein Zitat aus Frédéric Chopins Prelude op. 28 zum wiederkehrenden Motiv gemacht.
„Doméstica Maragda“ als klingendes Zuhause
Bestens vorbereitet präsentierten Chor und Orchester unter der Leitung von Adrian Moscardó die Komposition „Doméstica Maragda“, das bisher am größten besetzte Werk der katalanischen Komponistin. Bei der Orchesterbesetzung hat Cánovas Parés nicht gespart: „Ich hatte keine Einschränkung in Bezug auf die Orchestergröße und das habe ich dann auch wörtlich genommen.“ Ohne den Einsatz von Spezialinstrumenten aber mit voller Orchesterstärke entwickelt das OBC eine faszinierende klangliche Vielfalt. Mal lautmalerisch, mal experimentell lässt die Komponistin Bilder entstehen, setzt Bewegung und Aufregung im Haus ebenso in Töne um wie das behagliche Knistern des Feuers im Ofen und die dadurch entstehende Ruhe und Vertrautheit.

Mendelssohn und Bruckner mit Anja Bihlmaier
„Doméstica Maragda“ war der Auftakt zu einem fulminanten Konzert mit dem Sinfonieorchester von Barcelona, das gleichzeitig Nationalorchester von Katalonien ist. Kristīne Balanas lieferte anschließend eine feurige Interpretation von Mendelssohns zweitem Violinkonzert op. 64. Unter der Leitung von Anja Bihlmaier erklang nach der Pause Anton Bruckners Sinfonie Nr. 3 in einer grandiosen Interpretation: klar konturiert, ohne pathetische Überhöhung und doch von unverminderter Intensität.
Titelfoto © May Zircus/L’Auditori

