Einfach Klassik.

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Duo Ebano Dear Franz Rezension Cover

Duo Ebano – „Dear Franz“: Schubert im Spiegel der Gegenwart

Ein heftiges Anklopfen eröffnet das Album. Nachklänge bleiben im Raum stehen. Ein grollender Urklang steigt aus den Tiefen eines geöffneten Flügels empor. Schon die ersten Sekunden sagen unmissverständlich: Hier geht es um alles.

Zehn Jahre Duo Ebano – und zum Jubiläum kein selbstzufriedener Rückblick, sondern ein Wagnis: Mit „Dear Franz“ übersetzen Klarinettist Marco Danesi und Pianist Paolo Gorini Musik von Franz Schubertin eine Klangsprache, die radikal nach Gegenwart klingt. Duduk, Toy Piano, Synthesizer und Extended Piano Techniques treffen auf Wiener Romantik. Das Ergebnis ist keine Crossover-Spielerei, sondern ein konsequent gedachter Dialog über zwei Jahrhunderte hinweg.

Schubert als Ausgangspunkt eines Dialogs

Die beiden italienischen Musiker, beide in Amsterdam ansässig, haben sich einen Ruf erarbeitet für Programme, die den klassischen Kanon nicht museal verwalten, sondern befragen. Ihr Debütalbum „Blackbird (R)evolution“ verband bereits Johannes Brahms und Robert Schumann mit elektronischen Experimenten und brachte dem Duo mehrere Auszeichnungen ein, darunter den Storioni Toonzaal Preis und den ersten Preis beim Salieri-Zinetti Kammermusikwettbewerb in Verona.

Elisabeth Hetherington, Foto © Nathalie Hennis
Elisabeth Hetherington, Foto © Nathalie Hennis

Ein Ensemble mit programmatischem Zugriff

Man sollte dieses Album bei Nacht hören. Je weiter weg alle Tagesreize sind, desto mehr öffnen sich die Sensoren für das, was hier geschieht. Paolo Gorini, der alle Arrangements verantwortet, dekonstruiert nicht um der Geste willen, sondern um freizulegen, was unter zweihundert Jahren Interpretationsgeschichte verschüttet liegt. Dabei arbeitet er mit drei konzeptionellen Leitbegriffen: Klang, Harmonie und rhythmische Struktur. In Gute Nacht, dem Eröffnungslied der Winterreise D 911, erhebt Danesis Klarinette ihre Stimme mit bebender Flatterzunge. Lautmalerische Anspielungen folgen. Das Duo zollt Schuberts Melodie Respekt durch behutsame Diktion, doch sogleich durchkreuzen tonale Verfremdungseffekte das Erwartbare. Motive verhallen wie Echos. Die Winterreise rahmt das Album, dazwischen öffnen sich Klangräume, die Schubert nie betreten hat und die doch aus seinem Geist entstanden scheinen. Die Introduktion und Variationen über „Trockne Blumen“ D 802 werden zum Experimentierfeld: Die zweite Variation legt eine Celesta obendrüber, die dritte kombiniert Celesta mit Duduk und Synthesizer. Armenische Klagetradition trifft auf Wiener Romantik und digitale Klangmodulation. Schuberts Einsamkeit wird zur universellen Erfahrung ohne geografische Grenzen. Entscheidend für die Qualität dieses Albums ist, dass das Duo nie übertreibt. Alles bleibt zentriert um das Kerngeschäft: Klarinette als instrumentale Singstimme, Klavier als Raumgeber und Dialogpartner. Diese Balance zwischen Wagnis und Bodenhaftung unterscheidet „Dear Franz“ von konzeptlastigen Experimenten, die sich in den eigenen Ideen verheddern.  Der Hirt auf dem Felsen D 965 mit Sopranistin Elisabeth Hetherington öffnet ein Fenster in die andere Richtung: Hier erklingt keine Bearbeitung, sondern das Original. Dieser vokale Moment macht bewusst, wie beredt die instrumentalen Erzählungen bereits waren. Das Andante sostenuto aus der Klaviersonate D 960 und das Andantino aus der Klaviersonate D 959 verschmelzen danach zu einer ganz zarten instrumentalen Intimität, in der vor allem die Duduk eine große Rolle spielt.

Vom Fragment zum Transzendentalen

Nichts bleibt befriedet im Schubertschen Kosmos. Wie ein Weckruf ziehen hämmernde Tonrepetitionen in die fieberhafte Getriebenheit des Erlkönig D 328 hinein. Aus tiefen Urgründen steigt die Bassklarinette empor. Danesi teilt sie in drei Register auf: Vater, Kind, Erlkönig. Das ist packend, weil nicht bloß illustrativ. Das Finale rechtfertigt allein den Erwerb dieses Albums. Der Leiermann, das Schlusslied der Winterreise D 911, wird ins Transzendentale erhoben. Ein Bordunton, ähnlich wie in einem indischen Raga, trägt Klänge der Celesta. Die Melodie tritt erst verzögert in diesen Raum hinein, vorsichtig, bescheiden. Alles vereint sich zu einem Fadeout, das keinen Trost verspricht, aber Raum schafft für das Unaussprechliche.

Ein radikal gegenwärtiger Schubert

In dieser Kreativität lebt genug Leidenschaft, um Schubert aus bildungsbürgerlicher Erstarrung loszueisen. Ein Album für alle, die wissen wollen, was passiert, wenn man große Musik wirklich ernst nimmt.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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