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Einfach Klassik.

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DVD-Review: Margarita Höhenrieder spielt Beethovens fünf Klavierkonzerte

Ludwig van Beethovens fünf Klavierkonzerte widerspiegeln ein Lebenswerk – für den Komponisten ebenso wie für jede Interpretin und jeden Interpreten. Margarita Höhenrieders Einspielungen sämtlicher Konzerte mit verschiedenen Orchestern und Dirigenten an unterschiedlichen Spielstätten wirken wie ein kraftvoller roter Faden durch die eigene künstlerische Biografie. Hör- und sichtbar geht es der Münchener Pianistin um „spontanes natürliches Musizieren“, wie sie ihr künstlerisches Anliegen im Gespräch gerne auf den Punkt bringt. Dass dafür gut funktionierende persönliche Verbindungen alles sind, dokumentiert eine neue dreiteilige DVD-Edition auf dem accentus-Label. Margarita Höhenrieder hat Beethovens Konzerte bereits seit frühester Jugend musiziert und ist an ihnen, wie sie selbst bekundet, immer weiter künstlerisch und persönlich gewachsen. 

Auf den zwischen 2008 und 2020 realisierten Konzertmitschnitten zeigt sie einen souveränen Reifegrad und vor allem, eine Haltung von großer Aufrichtigkeit. Wichtigste persönliche Triebfeder für dieses Langzeit-Projekt sei jedoch gewesen, dass in den fünf Konzerten das „größte Spektrum aller menschlichen Gefühle enthalten“ ist. 

Margarita Höhenrieder Cover

Die menschliche Verbindung zählt

Eindrücklich dokumentieren die fünf Konzertaufnahmen, wie sehr Menschen, Zeitpunkt und Ort stimmen müssen, damit Musik zu etwas wirklich Echtem wird. Diesem Anliegen dient eine atmosphärische Kameraführung, welche an jene Spielorte entführt, die für Margarita Höhenrieder bedeutend waren. Die ausgiebigen Nahaufnahmen von Gesichtern der Ausführenden sagen viel über die Einvernehmlichkeit unter den Mitwirkenden und ebenso zwischen den beteiligten Musiker-Generationen. Der daraus erwachsende gemeinsame Geist führt auf diesen Aufnahmen dahin, dass die Musik eben im Sinne dieser Künstlerin so klingt, „wie sie gemeint ist“.

Bei zweien der aufgezeichneten Livekonzerten stand bzw. saß der amerikanische Pianist und Dirigent Leon Fleisher am Pult – und damit erfuhr die für Margarita Höhenrieder wohl prägendste künstlerisch-menschliche Begegnung eine Neuauflage im Konzertsaal. Einst bekam die hochtalentierte Musikerin ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Sie selbst durfte den Ort auswählen und brauchte nicht lange zu überlegen: Sie wollte nach Baltimore zu Leon Fleisher – einem Pianisten-Idol, von dem sie fortan viele künstlerische Anregungen erhalten sollte. Heute bezeichnet sie Leon Fleisher als „Philosophen am Klavier“, der ihr einen tief gründenden interpretatorischen Blick und vor allem das richtige Gefühl für Timing nahe gebracht hat. Auch davon kann sich jeder, der hörend und sehend in diese Konzertmitschnitte eintaucht, überzeugen. 

Mit Stolz erfüllt es sie zudem, dass Leon Fleisher bei Artur Schnabel lernte, der wiederum bei Theodor Leschetitzky studierte, welcher wiederum Schüler von Carl Czerny war, der bekanntlich von Beethoven selber ausgebildet worden ist. Margarita Höhenrieder kann sich gar nicht genug über diese „direkte Linie“ zwischen ihr und einem der größten Komponisten der Musikgeschichte freuen…

Überlegene gemeinsame Augenhöhe

Sichtbar wird auf den neu vorliegenden DVD-Mitschnitten: Beim Klavierfestival Ruhr, im postindustriellen Ambiente der Zeche Zollverein, lebt kein Lehrer-Schülerin-Verhältnis, sondern eine überlegene gemeinsame Augenhöhe – immerhin 30 Jahre, nachdem Margarita Höhenrieder ihr Studium bei Fleisher vollendete. Fleisher sitzt am Dirigentenpult der Kammerphilharmonie Amadé. Auf dem Programm steht Beethovens Klavierkonzert Nr. 2. Temperamentvoll und mit glasklarer, hellsichtiger Noblesse wird musiziert, im langsamen Satz breiten sich berückende Zustände von gemeinsamer Versunkenheit aus. 

Mit ähnlich begeistertem Charisma wurde ein Jahr später mit dem Württembergischen Kammerorchester im Max-Littmann-Saal zu Bad Kissingen zu Werke gegangen – vor allem im Adagio-Satz lebt ein Zustand von tiefer Versunkenheit. Immer wieder ist es ein Gewinn dieser DVDs, so etwas auch visuell erlebbar zu dürfen. Denn das macht den verbindende „Spirit“ zwischen den Generationen um so nachhaltiger spürbar.

Diese historischen Sternstunden finden sich auf den insgesamt drei DVDs systematisch in die Chronologie aller fünf Beethoven-Konzerte eingereiht. Beethovens erstes Konzert strahlt im Zusammenspiel mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Fabio Luisi in der schicken Münchener Philharmonie am Gasteig vor anmutiger Frische. Und auch die Konzerte Nr. 4 und Nr. 5, welche schon weit in die musikalische Zukunft blicken, knüpfen an die hohe Klasse der legendären Fleisher-Mitschnitte an. Als da wäre das vierte Klavierkonzert mit den Bamberger Symphonikern unter Martin Haselböck in Bambergs Konzerthalle und schließlich eine ganz junge, unter „Corona-Bedingungen“, also ohne Publikum entstandene Aufnahme aus dem Jahr 2020 mit dem fünften Klavierkonzert mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Bruno Weils Leitung. 

Margarita Höhenrieder, Foto © Suzanne Schwiertz
Margarita Höhenrieder, Foto © Suzanne Schwiertz

Margarita Höhenrieder mit Zugabe voll moderner Abenteuerlust 

Für einen faszinierenden Kontrast sorgt ein „Zugabenstück“ aus der musikalischen Moderne: Ein aufregend vibrierender Presto-Finalssatz aus der „Suite in C“ von Harald Genzmer legt offen, mit wieviel spontaner Abenteuerlust sich Margarita Höhenrieder auch der musikalischen Gegenwart öffnet. Ebenso legt dieser Programmpunkt Zeugnis über eine langjährige Freundschaft mit dem im Jahr 2007 verstorbenen Komponisten ab, der sein letztes großes Werk mit dem Titel „Wie ein Traum am Rande der Unendlichkeit“ der Münchener Pianistin widmete.Die Konzertaufzeichnungen dieser Edition werden ergänzt durch ausführliches Bonusmaterial, in denen Margarita Höhenrieder ebenso wie ihre verschiedenen Dirigenten-Partner ausführlich zu Wort kommen. Ebenso gibt es Einblicke in den Alltag der Pianistin als Lehrende, die einst im Alter von 28 Jahren zu Deutschlands jüngster Klavierprofessorin wurde und der die Ausbildung junger Generationen genauso wichtig ist wie die eigene Konzerttätigkeit.

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Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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