Einfach Klassik.

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Interview mit der Pianistin İlyun Bürkev

Sie ist erst 16 Jahre alt, spricht fließend vier Sprachen und steht bereits auf den größten Konzertbühnen der Welt – doch die türkische Pianistin İlyun Bürkev verkörpert die Antithese zum oberflächlichen „Wunderkind“. Während sie die Hälfte des Jahres in Salzburg verbringt und als Kulturbotschafterin zwischen den Welten vermittelt, erreichen ihre Familie täglich Nachrichten von Familien aus ganz Europa, deren Töchter durch ihr Vorbild den Weg zur Musik gefunden haben. Denn ihre Mission geht weit über das Konzertpodium hinaus: Über soziale Medien inspiriert sie junge Menschen, die klassische Musik für sich entdecken wollen, aber bisher den Mut oder die Unterstützung dafür nicht fanden. Das zahlt sich aus: Viele von ihnen gehen inzwischen ins Konservatorium, geben eigene Konzerte oder studieren an renommierten Musikhochschulen. Anders als die großen Pianisten vergangener Jahrzehnte, die einfach nur spielten, nutzt Ilyun Bürkv bewusst die Sprache ihrer Generation, um Brücken zu bauen. Und auch Auftritte wie ihr gerade absolviertes Konzert in Hamburgs Elbphilharmonie bekräftigen ihre Vision, durch Musik die Welt zu etwas Besserem zu machen. Am Morgen nach dem großen Auftritt stand die junge Musikerin Rede und Antwort.

Ihr Konzert gestern Abend in der Elbphilharmonie war außergewöhnlich. Welches Stück haben Sie als Zugabe gespielt?

Vielen Dank! Das war die erste Etüde aus den zwölf Etüden von Adnan Saygun – er ist der Lehrer meines Lehrers. Sie heißt „Die Ungewöhnlichen Rhythmen“. Ich möchte gerne mehr türkische Komponisten bekannt machen. Es gibt so viele faszinierende Werke, die kaum jemand kennt.

Sie spielen schon mit 16 in den großen Konzerthäusern der Welt. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich unglaublich bereichernd an. Vor zwei Jahren habe ich im Berliner Konzerthaus gespielt, dann im Münchner Herkulessaal und in elf weiteren Städten. Letztes Jahr habe ich das Istanbul Music Festival mit Cem Mansur eröffnet und im Mariinski-Theater in St. Petersburg gespielt. Die Tatsache, dass ich all das erleben durfte, ist sehr wertvoll. 

Wie haben Sie den gestrigen Abend in der Elbphilharmonie erlebt?

Das war wie ein Traum. Ich bewundere dieses Haus seit 2017, diese 10.000 akustischen Paneele und diese einzigartige Architektur. Und dann die Menschen überall um mich herum – man fühlt sich ihnen durch diese Sitzanordnung so viel näher als in normalen Sälen. Es kommt mir so vor, als wären die Emotionen dadurch doppelt so intensiv.

Wie erleben Sie die Zeit während eines Konzerts?

Alles geht wahnsinnig schnell. Am Anfang bin ich aufgeregt, aber sobald wir anfangen, ist es wie ein anderes Universum. Ich spüre die Realität nicht mehr, es fühlt sich an wie ein Traum. Am Ende bin ich glücklich, aber auch traurig, weil es vorbei ist.

Was geht in Ihnen vor, wenn 2000 Menschen Sie anschauen?

Natürlich ist da Druck – ich bin jung, die meisten sehen mich zum ersten Mal. Aber wir hatten schon zwei Konzerte in der Türkei gespielt und ich fühlte diese Intimität mit dem Orchester und dem Dirigenten. Wir waren wie eine Familie.

Hätten Sie sich vor drei Jahren vorstellen können, heute auf den großen internationalen Bühnen zu stehen?

Vor drei Jahren hätte ich das niemals gedacht. Vor zwei Jahren, als ich nach Salzburg zu Professor Gililov kam, änderte sich alles. Plötzlich gingen die internationalen Tourneen los. Hätten Sie mich vorher gefragt, ob ich mal in der Elbphilharmonie spiele – ich hätte gesagt: Vielleicht im Alter von 25 Jahren.

İlyun Bürkev, Foto © no-te
İlyun Bürkev, Foto © no-te

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Es ist harte Arbeit, ein bisschen Glück und vor allem die Unterstützung durch Familie und Lehrer. Ohne meine Eltern – mein Vater managt die Konzerte, meine Mutter kümmert sich um die Social Media – und ohne meine Lehrer in der Türkei würde nichts laufen. Musik ist definitiv Teamwork und allein wäre es unmöglich.

Was bedeutet die Zusammenarbeit mit dem Turkish National Youth Philharmonic Orchestra für Sie?

Das war anders als alles andere, was ich bisher erlebt habe. Alle Musikerinnen und Musiker sind in meinem Alter, was vom ersten Probentag an viel Energie erzeugt hat. Alle hier sind so motiviert und vertieft in die Musik. Und wir verstehen uns menschlich so gut und hatten auf unserer Tournee großartige Gespräche über das Leben und die Musik.

Wie ist das Orchester organisiert?

Seit 2007 machen sie jährlich große Tourneen – sie haben im Concertgebouw gespielt und im Berliner Konzerthaus. Cem Mansur organisiert und dirigiert alles. Tausende bewerben sich mit Aufnahmen, denn es ist eine der besten Chancen für junge Musiker in der Türkei.

Ist es eine Herausforderung, junge Menschen für klassische Musik zu begeistern?

Das ist definitiv eine große Herausforderung. Meine Generation ist zunächst einmal recht weit von klassischer Musik entfernt. Ich verbreite daher regelmäßig Videoclips über Social Media, ich sehe das als eine meiner großen Missionen. Wir müssen die Menschen einfach wieder zum Hören bringen.

Ist die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne ein Problem?

Menschen schauen heute TikTok-Videos – 30 Sekunden lang. Ein Konzert dauert zwei Stunden. Klassische Musik braucht Konzentration: Man entdeckt Themen, hört verschiedene Instrumente, versteht, wie der Komponist sie kombiniert. Aber ich bin optimistisch – man muss es nur richtig anpacken.

Welches Bild von Musik möchten Sie vermitteln?

Klassische Musik ist nicht nur entspannend oder ruhig! Das ist ein Klischee. Sie kann tragisch sein, Angst ausdrücken, Menschen wütend oder traurig machen. Man kann alles fühlen – intellektuell, philosophisch, spirituell. Es ist grenzenlos.

Wie wichtig ist es, ein modernes Bild der türkischen Kultur zu vermitteln?

Das ist unser großes Anliegen. Wir wollen zeigen: Die Türkei ist hochkulturell und weltoffen. Viele Menschen kennen nur Klischees. Musik ist in der Türkei bedeutend, auch wenn die Regierung andere Prioritäten hat – für die Kultur gibt es nur kleine Budgets und es gibt wirtschaftliche Probleme. Aber das ist überall so.

Was ist in Salzburg anders?

Hier bin ich wirklich in einer der Hauptstädte der klassischen Musik. Diese Atmosphäre ist unbezahlbar für junge Menschen.

İlyun Bürkev, Foto © no-te
İlyun Bürkev, Foto © no-te

Warum haben Sie gerade Edvard Griegs Klavierkonzert gewählt?

Ich habe mit diesem Stück eine tiefe Verbundenheit und das liegt daran, dass es eines der romantischsten Stücke überhaupt ist. Wenn ich glücklich bin, bin ich sehr glücklich. Wenn ich traurig bin, bin ich sehr traurig. Dieses Konzert lebt von solchen Höhen und Tiefen. Und Grieg ließ sich sehr von der Natur inspirieren – auch das spricht mich an. Technisch ist es sehr virtuos – man muss das Stück perfekt in den Händen haben. Aber wichtiger ist der Klang, der soll tief, romantisch und singend wirken. Das Klavier wird dabei selbst zum Orchester. Ich konzentriere mich auf die gesamte symphonische Einheit, nicht nur auf meine Solo-Rolle.

Welche anderen Konzerte möchten Sie spielen?

Bald werde ich Rachmaninows zweites Klavierkonzert spielen, auch das gehört zu meinen Lieblingskonzerten. Rachmaninow schrieb es nach einer schweren Depression, während er in Therapie war. Solche biografischen Hintergründe machen die Musik für mich noch interessanter.

Sie sprechen auf Ihren Social-Media-Kanälen oft über heilende Aspekte der Musik.

Die Welt steckt voller Krisen – politisch, wirtschaftlich, ökologisch. Gestern Abend kommunizierten wir mit 2.100 Menschen ohne ein einziges Wort. Das ist kraftvoll! Ich will junge Menschen mit großen Träumen inspirieren und Wege zur Heilung aufzeigen. Ein Hauptproblem ist, dass die Kommunikation zwischen Menschen an Wert verliert. Das Leben wird immer schneller. Klassische Musik kann aber wieder daran erinnern, was wirklich wichtig ist.

Sie spielen auch im Duo mit dem jungen, in Ankara geborenen Geiger Elvin Hoxha Ganiyev. Was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?

Wir kennen uns erst ein Jahr, aber es fühlt sich schon wie 15 Jahre an. Musikalisch verstehen wir uns blind – wir haben die Franck-Sonate gespielt, Beethovens Sonate Op. 12 Nr. 1, jetzt arbeiten wir an der Kreutzer-Sonate. Wir spielen auch türkische Stücke und Werke wie Ravels „Tzigane“. Und natürlich wollen wir türkische Musik weiter verbreiten.

İlyun Bürkev, Turkish National Youth Philharmonic Orchestra , Foto © no-te
İlyun Bürkev, Turkish National Youth Philharmonic Orchestra , Foto © no-te

Elvin erzählte von einem durchweg jüngeren Publikum bei klassischen Konzerten in Osteuropa. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Das kann ich absolut bestätigen! Besonders in der Türkei ist das Publikum so energetisch. In Ankara ist es wie bei Fußballfans: Menschen stampfen mit den Füßen, schreien und klatschen. Im Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg fiel mir ein sehr hoher Anteil junger Leute im Publikum auf. Nach einem Berlin-Konzert hingegen stand in Social Media: „Gab es jemanden mit schwarzem Haar? Alle hatten weißes Haar!“ Im Mariinsky sah man kaum weißes Haar.

Was kommt als nächstes?

Dieses Jahr ist mein letztes am Musischen Gymnasium. Dann werde ich mein Bachelorstudium an der Universität Mozarteum bei Prof. Pavel Gililov beginnen. Außerdem werde ich dieses Jahr eine Trio-Tournee mit zwei Mädchen in meinem Alter machen, die uns nach Stockholm, Washington, Chur, Liechtenstein und St. Moritz führen wird. Zusätzlich gibt es Projekte in Salzburg mit der Camerata Salzburg und Konzerte in Deutschland, Österreich und der Türkei. 

Was möchten Sie jungen Menschen Ihres Alters mitgeben?

Bleibt authentisch! Talent bringt Verantwortung mit sich. Es geht nicht darum, besser als andere zu sein, sondern darum, das Beste aus sich herauszuholen. Seid dankbar und lasst diese Dankbarkeit in die Musik fließen. Musik ist eine universelle Sprache – sie baut Brücken und verbindet Menschen. Aber wir müssen sie zugänglicher machen, ohne die Essenz zu verlieren. Wir jungen Musiker müssen zusammenarbeiten. Die Welt braucht mehr Musik, mehr Schönheit, mehr Verbindung. Unsere Mission ist es, nicht nur zu spielen, sondern zu heilen und zu vereinen.

Ein letztes Wort?

Ich danke allen, die mich unterstützen – meinen Lehrern, meiner Familie, dem Publikum und allen, die an die Kraft der Musik glauben. Musik gehört uns allen. Meine Reise beginnt gerade erst. Ich freue mich darauf, weiterhin mit Menschen weltweit zu kommunizieren – ohne Worte, aber mit dem Herzen.

İlyun Bürkev, vielen Dank für dieses Gespräch!

Titelfoto © no-te

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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