Die Liedpianistin Tatjana Dravenau ist nicht verlegen um interessante Albumkonzepte. Nach „Kannst du das Lied verstehn?“ kommt nun mit „Eisnacht“ ein ganz anderes Liedalbum. Zusammen mit der Sopranistin Pia Viola Buchert präsentiert sie Werke von sechs Komponis*innen, die alle vom NS-Regime vertrieben oder ermordet wurden. Mehr und mehr wird diese Musik ans Licht gebracht und wieder gespielt. Das ist wichtig und richtig, und es liegt noch viel Arbeit vor uns! Auf „Eisnacht“ steht Musik von Walter Arlen, Ursula Mamlok, Hans Gál, Ruth Schonthal, Felix Wolfes und Viktor Ullmann auf dem Programm, und alle Genannten hatten trotz der schwerwiegenden Gemeinsamkeiten doch auch unterschiedliche Wege in dieser großen Krise, allein durch die verschiedenen Geburtsjahre und -jahrzehnte. Gerade über den Gesang können diese verschiedenen Sichtweisen aus den unterschiedlichen Lebenssituationen variabel und breitbandig dargestellt und erzählt werden. Und Buchert hat im Speziellen viele Möglichkeiten dazu. Beim allerersten Hören scheint ihre Stimme vor allem bekannte Attribute aufzuweisen, wie die typische Öffnung des Formantspektrums in höheren Lagen. Das gibt ihrer Stimme viel Durchsetzungskraft und gute Ortbarkeit. Bei längerem Hören zeigen sich aber noch viele weitere Klangdetails, die die Stimme der Sopranistin sehr situationsvariabel macht. Zum Beispiel bei den dunklen Vokalen oder bei manchen „n“s klingt die Stimme sehr gedeckt, eine Dunkelheit, die die Sängerin gerade bei diesem Programm sehr gut zur Gestaltung nutzen kann. Zusammen mit Tatjana Dravenaus hoher Aufmerksamkeit für feine Dynamikunterschiede schafft das sehr viel eindrückliche Atmosphäre und emotionale Beteiligung.
Konzept und Programm von „Eisnacht“
Das Titelgebende „Eisnacht“ ist ein Lied von Felix Wolfes nach einem Text von Siegbert Stehmann. Die beklemmende Atmosphäre entsteht eindrucksvoll durch Dravenaus zögerlich schreitendes Spiel und Bucherts große Dynamikbandbreite, die viel Steigerungspotenzial bringt. In „Vergiß, vergiß“ bewegen sich die beiden Musikerinnen schon fast stolz mit gerader Haltung, und die Sopranistin klettert in beeindruckender Entspannung die Melodieleiter hoch, um sie dann ganz oben einfach in den Raum hinein zu verlassen.

Bei all diesem tollen Programm auf „Eisnacht“ soll nicht vergessen werden, was Tatjana Dravenau eigentlich ausmacht. Dass sie hochangesehene Liedpianistin ist, die auch einen Lehrauftrag innehat, freut mich außerordentlich, denn sie spielt mit so viel eigenem Charakter. Sie haut nie wirklich in die Tasten. Auch auf dem vorliegenden Album spielt sie sich nicht in den Vordergrund, um zu glänzen. Vor allem in den Liedern von Viktor Ullmann erkennt man besonders gut, wie sie ihre Dynamikunterschiede in Zaum hält, niemals Gefahr läuft zu übertreiben und mit Zurückhaltung und Hintergrund agiert. Dadurch ermöglicht sie dieses einmütige Durchschreiten des Programms, in diesem Fall zusammen mit Pia Viola Buchert, der sie damit sehr viel Raum zur Gestaltung gewährt, gleichzeitig aber immer den Dialog mit der Sopranistin aufrecht erhaltend.
Stimme und Klavier: Pia Viola Buchert und Tatjana Dravenau
So erzeugt die Pianistin ihre ganz eigene Dramaturgie, gut hörbar in den Liedern von Ursula Mamlok (nach Texten von Hermann Hesse), deren ambivalente musikalische Stimmungen bei dieser Aufnahme auch durch sehr überlegte und fein gesteuerte Agogik dargestellt sind.

Melodien, Ernst und Wirkung des Albums
Und dann hat „Eisnacht“ aber doch noch einen weiteren Aspekt: Die Lust der Musikerinnen auf Melodien. Hans Gáls „Fünf Melodien, Op. 33“ tragen sie schon im Namen, und Dravenau und Buchert gestalten die einprägsamen musikalischen Themen einfühlsam, sanft und manchmal sehnsuchtsvoll. Aber wieder nicht über die Maßen elegisch, sondern mit Konzentration auf die wesentlichen Kernaspekte der Musik, auf den Ernst, der hinter dieser Musik steht.
Konzentration auf die Musik, dafür steht „Eisnacht“ meiner Meinung nach, und damit meine ich nicht so sehr die äußerst hochwertige technische Ausführung, sondern Schönheit und Schmerz, Erzählkraft und Gegensatz. Diese Platte kann man erleben!
Das Album


