Einfach Klassik.

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Elvin Hoxha Ganiyev Mendelssohn Cover

Elvin Hoxha Ganiyev spielt Mendelssohns Violinkonzerte

Gleich zwei Mendelssohn-Violinkonzerte hat Elvin Hoxha Ganiyev für seine neue Einspielung bei Solo Musica auf eine Platte gepackt: neben dem allseits bekannten Evergreen in e-Moll ein Werk, das selbst in Klassikkreisen für große Augen sorgt – ein Violinkonzert in d-Moll, das der frühreife Mendelssohn mit dreizehn Jahren komponierte. Die Kombination ist Programm, und sie funktioniert sensationell gut. Ganiyev, Jahrgang 1997, Szymanowski-Preisträger, hat bei Zakhar Bron studiert und spielt eine Guarneri von 1715. Das ist alles beeindruckend, aber was diese Aufnahme wirklich besonders macht, ist die Idee dahinter: Ganiyev koppelt das anerkannte Heiligtum in e-Moll mit einem Stück, das kaum jemand auf dem Schirm hat. Das Manuskript lag über hundert Jahre in einer Schublade, bis Menuhin es in den Fünfzigern wiederentdeckte. Ganiyev ist erst vor wenigen Jahren darauf gestoßen und sagt, beide Konzerte seien künstlerisch absolut ebenbürtig. Und er hat recht.

Zwei Violinkonzerte, eine starke Idee

Dieses d-Moll-Konzert ist dann auch die eigentliche Überraschung der Platte. Es packt einen von der ersten Sekunde: Streicher, deren punktierte Rhythmen durch Mark und Bein gehen, ein zupackendes Call and Response, Hochspannung und pure Musizierlust von Beginn an. Die Württembergischen Philharmoniker klingen, als hätte Ganiyevs Energie sie angesteckt – da wird nichts brav abgespult, da wird musiziert mit Haut und Haar. Griffiths am Pult gibt klare Linien vor, lässt dem Orchester aber Luft zum Atmen. Barocke Wucht, klassische Eleganz, romantische Ahnung – alles ist in diesem schlanken Zugriff gebündelt, ohne je historisierend verkopft zu wirken.

Elvin Hoxha Ganiyev
Elvin Hoxha Ganiyev

Ganiyev surft geschmeidig durch die Tonskalen und lässt sich vom Dazwischenfunken des Orchesters niemals aus der Ruhe bringen. Sein Musizieren ist anregend treibend, seine Präzision beeindruckend, und dabei bleibt er nie kalt, nie akademisch. Man hört einem Dreizehnjährigen beim Geniestreich zu und einem Siebenundzwanzigjährigen, der genau weiß, wie er diesen Geniestreich erzählen will. Im zweiten Satz wird es still und schön. Die Violine singt in schwelgenden Bögen, entrückt und beglückt – da schimmert schon der ganze spätere Romantiker durch. Der letzte Satz folgt als Rondo alla Turca in komprimierten viereinhalb Minuten, tänzerisch und beschwingt, voller lässiger Ideenfeuerwerke und improvisatorischer Spontaneität in der Kadenz. Man möchte sofort noch einmal von vorn beginnen.

Das frühe d-Moll-Konzert als eigentliche Entdeckung

Der Sprung zum großen e-Moll eröffnet dann sofort einen anderen Klangraum: gedämpfter, distanzierter, auf eigenwillige Weise würdevoll. Als würde man einen Konzertsaal betreten, in dem die Geschichte schwer in der Luft hängt. Griffiths baut in präziser Taktung, ohne Verbiegen und Agogik, ein solides Fundament, und Ganiyev setzt sofort mit dem berühmten Thema ein – so wie Mendelssohn es damals revolutionär angelegt hatte, ohne orchestrales Vorspiel, der Solist vom ersten Takt an im Zentrum.

Das e-Moll-Konzert neu befragt

Das Ehrliche an dieser Aufnahme ist, dass Ganiyev nicht versteckt, wie sehr dieses Konzert eine Herausforderung für ihn war. Jeder Geiger lernt es mit vierzehn, die Finger spielen irgendwann von allein. Genau da lag das Problem, sagt er selbst im Interview, welches im Booklet zu lesen ist: aufhören, auf Autopilot zu spielen, und sich fragen, was aus dem Jetzt kommt – darum ging es. Man hört dieses Ringen – und man hört, dass es sich gelohnt hat. Im langsamen Satz betört ein pulsierendes, nie aufdringliches Vibrato, im Finale sprüht und funkelt es in aufblitzenden Sechzehnteln, zügig und nie überspannt. Die Virtuosität dieses Geigers ist durch nichts zu erschüttern.

Zwischen Virtuosität und künstlerischem Risiko

Am Ende steht eine doppelte Erkenntnis: Es gibt ein Mendelssohn-Violinkonzert, das viel zu wenige kennen – und es klingt hier fantastisch. Und selbst das Konzert, das wirklich alle kennen, fühlt sich plötzlich wieder frisch an, weil da einer spielt, der es nicht als Monument behandelt, sondern als lebendige Partitur. Elvin Hoxha Ganiyev hat den Mut, Mendelssohn aus dem Heute heraus zu befragen.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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