Einfach Klassik.

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Enthusiasten musizieren – drei Konzerte in Greifswald

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Was wäre man ohne sie? Und welcher Bereich gesellschaftlichen Lebens käme ohne sie aus? Gemeint sind hier diejenigen Mitbürger, die zum Beispiel innerhalb der vielen Bereiche vokalen und instrumentalen Musizierens als Laien, als im besten Wortsinne „Dilettanten“, also nichtprofessionelle Teilnehmer des Musiklebens, und noch besser: als Enthusiasten eine wichtige Stütze, ja unverzichtbare Bereicherung musikkulturellen Lebens darstellen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil das Laienmusizieren inzwischen beachtliche, nicht selten professionelle Standards erreichende Qualitäten aufweist.  

In Greifswald hatte man vor kurzem Gelegenheit, die Ergebnisse gleich dreier solcher Initiativen erleben zu können. Da gab es etwa im Dom St. Nikolai  eine „Musiknacht“, für die das Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald verantwortlich zeichnete und dafür sowohl professionelle Gäste als auch eigene universitäre Ensembles in das Thema „Very British“ einbezog. Von speziellem Interesse war auch ein Konzert des in Stralsund beheimateten „Enthusiastenorchesters“ – es nennt sich dezidiert genau so! – das sich durch bereits langjährige Zusammenarbeit mit einigen Mitgliedern der Vorpommernschen Philharmonie und vielen Laien auszeichnet, oder – und drittens – ein Kammermusikabend in der Universitäs-Aula. Als Teil einer kleinen Veranstaltungsreihe bot er Uni-Mitgliedern – und nicht nur ihnen – die Möglichkeit öffentlichen Musizierens.  

Zunächst also der Blick nach England. Er eröffnete den diesjährigen „Greifswalder November“ und damit eine Konzertreihe, die schon seit vielen Jahren existiert und vom genannten Institut sowie dem Musikverein Mecklenburg-Vorpommern betreut wird. Das Anliegen: Einblicke in eine Musikkultur, die hierzulande viel zu wenig bekannt ist und somit auch als Plädoyer für eine intensivere Beschäftigung mit ihr zu dienen vermochte. Deshalb auch ein etwas „buntes“ Programm, das den zahlreichen Besuchern wohl gerade auch deshalb sichtlich gefiel. Eindrucksvoll der Einstieg mit Edward Elgars berühmtem „Marsch“ aus „Pomp and Circumstances“ sowie dem Satz „Nimrod“ aus den nicht weniger bekannten und geschätzten „Enigma-Variationen“, eine überzeugend präsentierte Aufführung durch das (erst mit kürzlichem Semesterbeginn wieder neu zusammengesetzte) Universitäts-Sinfonieorchester unter der Leitung von UMD Harald Braun. Dann Bühne frei für einige Profis: Hier gefielen Ayano Kamei (Viola) und Pawel Motyczynski (Klavier) – sie vom Konzerthausorchester Berlin, er als Lehrbeauftragter an der HMT Rostock – mit Rebecca Clarks (1886-1979) spätromantisch expressiver, empfindsam bis pathetisch „erzählend“ ausladender Viola-Sonate (1. Satz). Nicht weniger aber auch Yuta Nishiyama (Viola, Komische Oper Berlin) und Pawel Motyczinski mit einer recht freien, auch hier wieder romantisch ausladenden, vielleicht etwas weitschweifigen „Phantasy for Viola and Piano op. 54 von York Bowen (1884-1961). 

Konzert "Very British"

Dann – im Dom mit seiner großen Orgel unausweichlich – die halbstündige G-Dur-Orgelsonate op. 28 von Edward Elgar. Der Interpret: mit William Peart ein echter Engländer, übrigens seit kurzem erst Orgeldozent am Greifswalder Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft. Das Werk: gut anzuhören, sorgt mit vier Sätzen für abwechslungsreiche, gelegentlich etwas akademisch daherkommende Stimmungen zwischen strengerer Sonatenverarbeitung, pastoraler oder fantasievoll freierer Zurückhaltung und gelegentlich klangstarker sinfonischer Attitüde. Das Ganze nicht aufregend, aber unbedingt willkommen als einer der Bausteine insularer englischer Kompositionskultur und -geschichte. 

Schließlich kam dann noch das gesungene Wort zu seinem Recht. Hier mit dem Kammerchor des Instituts unter Leitung Prof. Frank Dittmers, der sich ambitioniert für Chorsätze von Thomas Weelkes (1576-1623), Charles Viliiers Stanford (1852-1924) und John Rutter (* 1945, mit Orgel) einsetzte.  Klein , aber fein! Weniges, aber Charakteristisches. Das so expressive wie klangschöne  Finale eines anspruchsvoll unterhaltsamen Abends.   

Das galt auch für den zweiten Konzertabend in Greifswalds Kirche St. Jacobi. Die „Hütte“ ziemlich voll, die Erwartungen hoch. Nicht ohne Grund, denn das Enthusiastenorchester aus dem benachbarten Stralsund besitzt seit seinem Bestehen einen guten Ruf. 2014 vom damaligen GMD Golo Berg und Mitstreitern mit vielen guten Absichten ins Leben gerufen und seit 2018 ein Verein, begeistert der Klangkörper (seit 2019 unter David Behnke) mit wahrlich attraktiven und sehr ambitionierten Programmen. So – nach Stralsund und Putbus – auch in Greifswald. Es ließ schon aufhorchen, wenn da neben der Uraufführung einer 2022 komponierten „Konzertouvertüre“ des Mathematik-Studenten Jonathan Karl Franz Kruske (*2003) Maurice Ravels „Pavane pur le une infante défunte“ , Gabriel Faures „Pavane“ fis Moll op. 50, Joseph Haydns D-Dur-Klavierkonzert (Hob. XVIII)  mit dem 12jährigen Lukas A. Constantinescu und Emilie Mayers 1. Sinfonie in c-Moll auf dem Programm standen. Am Pult diesmal Yoshhiro Horie, seit 2023 Student an Rostocks Hochschule für Musik und Theater (hmt). Gespannte Neugier war da vorprogrammiert. Eine zwangsläufig etwas pauschal ausfallende Berichterstattung allerdings auch. 

Enthusiastenorchester Stralsund
Enthusiastenorchester Stralsund

Zunächst: ein Orchester, dem es an ambitioniertem Musizieren nicht mangelte, auch nicht an bemerkenswerten spielerischen und gestalterischen Fähigkeiten, die dem jungen Dirigenten seine Arbeit deutlich erleichterten. Ein Vergnügen also, den stilistisch so abwechslungsreichen Stationen des Programms zu folgen und zu verfolgen, wie überzeugend denn die musiksprachlichen Unterschiede zum Klingen gebracht werden konnten. Etwa bei Kruske, der das ganz große sinfonische Rad drehte: absolut tonal, harmonisch komplettes spätes 19. Jahrhundert, fast die perfekte stilistische Kopie, im Übrigen  hochdramatisch, pathetisch-hymnisch, effektvoll. Eine erstaunliche attraktive Instrumentation und meisterliche Beherrschung des Handwerks. Als starke Talentprobe gelungen, der nun aber mehr erkennbar Eigenes hinzuzufügen wäre. Schon hier zeigte das Orchster, was in ihm steckte und dann – zurückhaltender, klangsensibler – im französischen Impressionismus als weitere Stärke hörbar wurde. 

Für Haydn reichte dann eine kleinere Besetzung, um mit spielerischer Lockerheit und musikantischem Schwung des Meisters wohl bekanntestes Klavierkonzert zu präsentieren. Für den jungen Solisten erkennbar kein Problem. Lukas A. Constantinescu ist mehrfacher Preisträger bei „Jugend musiziert“ und studiert im Rahmen des YARO-Förderprogramms an Rostocks Musikhochschule (hmt) unter den wachsamen Augen Prof. Stephan Immordes. Sein Spiel ist technisch einwandfrei, locker, frisch, ungehemmt spielerisch, kennt aber auch den sanglichen Anschlag und das melodisch ausdrucksvolle Spiel. Keine Probleme gab es im Zusammenspiel mit dem einfühlsam begleitenden Orchester, und auch deshalb war allen Ausführenden heftiger Beifall sicher! Letzterer steigerte sich noch nach der das Konzert beschließenden Sinfonie Emilie Mayers. 

Da hatte man ganz hoch gegriffen und riskiert, an die Grenzen eigener Leistungsfähigkeit zu geraten. Aber warum nicht? Es hat schon seinen Reiz und ist auf besondere Weise motivierend, sich in spieltechnisch und gestalterisch selten berührten Bereichen zu bewegen. Und Emilie Meyers Sinfonik gehört – obwohl seit geraumer Zeit fast schon „in Mode“ geraten, nicht zu den Alltäglichkeiten unserer Konzertpraxis. Aber frisch gewagt… naja, Sie wissen schon. Man darf übrigens feststellen, dass es schon ein bißchen mehr war als nur „halb“ gewonnen. Auch wenn es einiges an Luft „nach oben“ gab. Das schloss nicht aus, dass vieles sehr hörenswert geriet, dass es gelang, dem mehr als halbstündigen Werk jene Charakteristika zu entlocken, die Mayers Musik kennzeichnen: ein unverkennbar sinfonischer Gestus bereits hier, verbunden mit enormem Kontrastreichtum, permanenten Wechseln der Ausdrucksebenen, mitreißender Lebendigkeit und stringenter Verve. Das lag vor allem auch am professionellen Dirigat des jungen Japaners. Er ließ keine Möglichkeit differenzierten Musizierens aus und forderte nicht nur in den Ecksätzen ein Höchstmaß an hellwachem Reagieren. Klangdicht, klanggewaltig und wuchtig in den Ecksätzen, melodisch weit ausschwingend, gefühlshaft mitnehmend oder freundlich-scherzos – Emilie Mayers sinfonisches Denken kann im ununterbochenen Pulsieren ihrer bewegten und beweglichen Abläufe schon gewaltig fesseln – und das in einem ihrer ersten sinfonischen Werke! Es gab also viele Gründe, dem Enthusiastenorchester für diesen besonderen Programmpunkt, aber natürlich auch für das gesamte Konzert dankbare Begeisterung zu zeigen! 

Enthusiastenorchester Stralsund
Enthusiastenorchester Stralsund

Unter der Maßgabe „Kammermusik variabel“ gab es dann noch einen weiteren Konzertabend, diesmal in der so prächtigen wie stimmungsvollen barocken Aula der Universität. Der rechte Ort also, um für Werke wie Mendelssohn Bartholdys Streichquartett a-Moll op. 13 (1827), Mozarts sogenanntes „Kegelstatt-Trio“ (Es-Dur, KV 498, für Klavier, Klarinette und Viola) und Francis Poulencs für Klavier, Klarinette und Violine geschriebene Bühnenmusik zu „L´invitation au château“ (Auswahl) auch den passenden intimen Raum zu besitzen. Enthusiasten auch hier, zumal solche, die das Wagnis obigen Programms nicht scheuten, aber wohl auch sicher sein durften, dass das vorwiegend jugendliche (studentische) Publikum ein von professionellen Zwängen befreites Musizieren zu schätzen wisse. Unabhängig davon, dass sich das „Caspar -Quartett“ (Florian Siegeneger, Max-Robin-Schultz, Annika Zettl und Mirjam Semper) natürlich der Anforderungen eines Mendelssohn bewusst war. Da galt es, mehr als eine halbe Stunde lang und über vier Sätze hinweg einen Musizierstil zu demonstrieren, der spieltechnisch, tonlich und gestalterisch selbst Profis hohes Können abverlangt. Hier sei den vier wackeren Musikanten doch eine Menge Gelungenes zu attestieren, vor allem einen wirklich respektablen, viele Gestaltungsmöglichkeiten nutzenden Gesamteindruck. (Denkbare Reserven sollten bei entsprechender künstlerischer Anleitung nutzbar gemacht werden können). 

Ähnlich gelungene Programmteile folgten. Hier zunächst der Mozart, dem das „Hausdorff-Trio“ mit Theodor Zerche (Klavier), Jakob Kropf (Klarinette) und Max-Robin Schultz (hier Viola) den Status eines sehr solide, frisch und locker musizierten und vor allem von der (vorzüglichen) Klarinette geprägten unikaten Werks verliehen. Das galt auch für den Poulenc (mit Max-Robin Schultz wieder an der Violine), der sich als eine unterhaltsame Folge kleiner, ja kleinster oft neckischer, witziger, skurriler und frech ironisierender, aber auch getragener, dahin schmelzender, liedhaft-gemütvoller, in jedem Falle ein Bühnengeschehen charakterisierender Stücke erwies. Herzlicher Beifall auch hier! 

Gepriesen seien sie alle, diese sympathischen Enthusiasten. Und ermutigt!  

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