Am 28. Februar spielte die Sinfonia Rotterdam unter Gastdirigent Murat Cem Orhan im De Doelen neunzig Minuten ausschließlich Musik von Fazıl Say und Mehmet Ali Sanlıkol – ohne Pause und ohne Sicherheitsnetz. Pianist Can Çakmur präparierte seinen Flügel mit einem Geodreieck, Sanlıkol rezitierte Koranverse über polyphone Streicher, und Says Kammersinfonie entfaltete eine Energie, die westliche Konzertkonventionen hinter sich ließ. Ein Abend, der mit Selbstverständlichkeit vorführte, wie reich das Repertoire klingt, wenn Kulturräume nicht gegeneinander abgegrenzt, sondern als gemeinsame Geschichte gehört werden – und der letztlich eine Frage aufwarf: nicht ob solche Programme funktionieren, sondern warum sie im „normalen“ Konzentbetrieb so selten stattfinden.
Fazıl Say und Mehmet Ali Sanlıkol bei der Sinfonia Rotterdam
Kein Beethoven. Kein Brahms. Kein Sicherheitsnetz. Die Sinfonia Rotterdam spielt im De Doelen anderthalb Stunden ohne Pause nur türkische Komponisten, und das Erstaunlichste daran ist, wie wenig das erklärt werden muss. Das Programm heißt „Soul of the Silk Road“, Gastdirigent ist Murat Cem Orhan aus Istanbul, auf dem Zettel stehen Fazıl Says Klavierkonzert Nr. 2 „Silk Road“, Mehmet Ali Sanlıkols A Gentleman of Istanbul und Says Kammersinfonie in niederländischer Erstaufführung. Neunzig Minuten, drei Werke, null Rechtfertigungsdruck. So geht das also auch.
„Soul of the Silk Road“: Ein Programm ohne klassisches Sicherheitsnetz
Can Çakmur, Jahrgang 1997, eröffnet am Flügel. Say hatte das Stück mit 24 in Berlin geschrieben, nach obsessivem Studium von 14.000 Aufnahmen orientalischer Musik im Völkerkundemuseum. Ein Kontrabass hält einen Bordunton auf Cis, die Grundierung für eine imaginäre Klangreise von Tibet nach Anatolien. Çakmur präpariert den Flügel mit Papier und Geodreieck, entlockt den Bassregistern einen rauen, körnigen Sound, bewältigt polymetrische Verdichtungen mit einer Souveränität, die aufhorchen lässt. In manchen Figuren blitzt Strawinsky auf – die perkussive Motorik, die rhythmischen Verschiebungen –, aber hier kommt das nicht aus der europäischen Avantgarde, sondern aus dem Makam-System, aus einer Musik, die ihre eigene rhythmische Komplexität seit Jahrhunderten kultiviert. Analytisch und sinnlich zugleich, eine Kombination, die bei jungen Pianisten selten ist. Merken Sie sich den Namen.
Dann Mehmet Ali Sanlıkol, und damit kippt der Abend in eine andere Dimension. Sanlıkol ist Grammy-nominierter Komponist, Multiinstrumentalist, Professor am New England Conservatory – und eine der interessantesten Figuren im Grenzgebiet zwischen westlicher Konzertmusik, Jazz und osmanischer Tradition. Man muss seinen Werdegang kennen: Als Jazzpianist in Boston gestartet, entdeckte er erst in der Ferne die türkische Musiktradition für sich. Und dann tat er etwas, das in der Karriereökonomie des Kulturbetriebs ziemlich wahnsinnig klingt: Er legte ein ganzes Jahrzehnt Pause ein. Hunderte Konzerte, Studium der Makam-Systematik, der Ney-Spieltechnik, der osmanischen Hofmusik. Erst danach komponiert er wieder. Zehn Jahre. Wer macht so was?
Mehmet Ali Sanlıkol zwischen Jazz, Makam und osmanischer Tradition
Jemand, der es ernst meint. Genau das hört man in A Gentleman of Istanbul, seiner viersätzigen Sinfonie für Streichorchester, Schlagzeug, Klavier, Oud, Ney und Tenor, 2017 von A Far Cry in Auftrag gegeben, 2023 für einen Grammy nominiert. Das Werk porträtiert den osmanischen Reisenden Evliya Çelebi, dessen kosmopolitische Weltsicht aus dem 17. Jahrhundert so manchem heutigen Leitartikler gut stehen würde. Die vier Sätze – Allegro, Jazz Ballad, Semai, Devr-i Kebir and Vivace – zeigen Sanlıkols Prinzip: Musikalische Sprachen werden als gleichberechtigte Systeme behandelt, die koexistieren. Klingt nach Seminar? Klingt im Saal nach Musik.

Der zweite Satz, eine Jazz-Ballade, kommt aus dem gleichen emotionalen Tiefengrund wie die osmanische Trauer, die sie besingt. Man denkt an Chet Baker, an eine Verwandtschaft über kulturelle Grenzen hinweg. Im Saal wurde es still. Die Vegetarian Dervishes legen einen gleichmäßigen Orchesterpuls unter filigrane Ney-Improvisationen. Im Schlusssatz rezitierte Sanlıkol Koranverse, und es fügte sich bruchlos, weil dieses Werk verschiedene kulturelle Wirklichkeiten als Schichten einer gemeinsamen Geschichte versteht.
Sanlıkol wechselt zwischen Klavier, Oud und Ney, singt, rezitiert, und das alles ohne jede Geste der Selbstinszenierung. Ein Musiker, der mehrere Sprachen spricht und gerade eben alle gleichzeitig braucht. Was dabei besonders hängen bleibt: die mikrotonalen Passagen. Intervallschritte, die in der temperierten Stimmung des westlichen Klaviers schlicht nicht existieren. Sanlıkol hat dafür am New England Conservatory ein digitales Keyboard mit 17 Tasten pro Oktave erfunden und patentiert. Seine These: Die Instrumente des Westens sind nicht neutral. Sie sind ideologisch. Und die Lücken in ihrem Tonsystem sind auch Lücken im kulturellen Bewusstsein. Das ist ein Satz, der sitzt.
Fazıl Says Kammersinfonie als energetischer Höhepunkt
Says Kammersinfonie setzt den Schlusspunkt, und was für einen. Das Stück ist kompakt, dabei alles andere als harmlos. Der 7/8-Takt Devr-i Hindi, ein althergebrachter osmanischer Rhythmus, treibt die Musik von der ersten Sekunde an voran, und die Sinfonia Rotterdam stürzt sich mit spürbarer Spiellust hinein. Die Streicher arbeiten polyphon auf engstem Raum, Figuren greifen ineinander wie Zahnräder, werden weitergereicht, beantwortet, verdichtet – eine Schreibweise, die an Bartóks Divertimento denken lässt, nur dass die Klangfarben hier nicht aus der ungarischen Dorfmusik kommen, sondern aus osmanischen Makam-Skalen, deren melodische Wendungen dem Streichersatz eine eigentümliche, zugleich archaische und hochmoderne Schärfe geben. Dazwischen öffneten sich kurze Momente osmanischer Palastnostalgie, bevor die Musik wieder anzog und in temperamentvolle türkisch-Roma-Tänze umschlug. Das Streichorchester entwickelte dabei eine fast rockige Energie – ein physischer Sog, den man eher auf einem Konzert von Mogwai erwarten würde als im Grote Zaal des De Doelen. Says Kompositionskunst zeigt sich hier von ihrer besten Seite: die Fähigkeit, die rhythmische Asymmetrie und modale Farbigkeit der Makam-Tradition mit der motorischen Intensität der europäischen Frühmoderne zusammenzudenken – und daraus etwas zu machen, das weder nach Bartók-Epigonentum noch nach Folklore-Arrangement klingt, sondern nach Fazıl Say. Musik, die den Kopf fordert und trotzdem in die Beine geht.
Murat Cem Orhan dirigierte den gesamten Abend souverän und moderierte zwischen den Werken mit einer Lockerheit, die wohltuend unakademisch ist. Das Publikum dankte mit Schlussapplaus, der nicht enden wollte – aber eigentlich hatte es schon vorher gedankt, mit jener reglosen Stille, die sich während des Abends immer wieder einstellte. Die ehrlichere Währung.
Über Diversität im Kulturbetrieb wird bekanntlich viel geredet. Dieser Abend macht das Reden überflüssig. Er zeigt einfach, was geht. Die eigentliche Frage ist nicht, ob solche Programme funktionieren. Die Frage ist, warum die Intendanzen sie dem Publikum so selten zutrauen.
Titelfoto @ Stefan Pieper


