Man legt diese CD ein und ist sofort irritiert. Auf die schönste Weise. Da spielt jemand Bachs Chaconne, und doch klingt sie anders als alles, was man kennt. Voller, farbiger, als würde ein ganzes Orchester im Flügel stecken. Der Schweizer Pianist Gabiz Reichert nimmt sich die Brahms-Transkription für die linke Hand vor – und reichert sie an mit Elementen aus den Bearbeitungen von Busoni, Schumann, Mendelssohn. Ein Mixing, das für Puristen einer Provokation gleichkommt. Für Reichert ist es ein Akt der Neuerfindung, der unmittelbaren Sichtbarmachung aus dem Kontext von heute. Und man muss sagen: Es funktioniert.
Denn wie beweglich sich dieser Dreißigjährige durch das Dickicht seiner eigenen Montage arbeitet, das hat nichts von akademischer Demonstration. Der Anschlag nie forciert, Luft und Raum gebend. Das Tempo zügig, fast pulsierend, die Verzierungen frei ausgespielt, die Agogik kontrolliert und doch atmend. Als würde er das Material immer wieder von einer anderen Seite beleuchten – hier orchestral aufgefächert, dort kammermusikalisch verdichtet. Da begibt sich jemand ganz hinein, bekennt Farbe, nimmt seine Hörer mit. Was will man mehr?
Ein dramaturgisches Konzept mit Sprengkraft
„Rupert’s Tear“ heißt das Album, erschienen bei Ars Produktion. Rupert’sche Tränen – das sind Tropfen aus heißem Glas, außen hart wie Diamant, die explosionsartig zerspringen, sobald ihr dünner Schwanz bricht. Robust und zerbrechlich zugleich. Man könnte lange darüber nachdenken, was das über Reicherts Verhältnis zur klassischen Musik aussagt. Jedenfalls hat er ein Triptychon konzipiert, das einem großen dramaturgischen Bogen folgt: Aufbruch, Verwandlung, Rückkehr.
Alles greift selbstverständlich ineinander
Das eigentlich Verblüffende an diesem Album ist aber, wie selbstverständlich die Teile ineinandergreifen. In Schumanns posthumen Appendix-Variationen zu den Symphonischen Etüden – Stücke, die Schumann selbst nie veröffentlichen wollte – entfaltet sich ein leichtfüßig vibrierender Spielfluss. Wohltuend, wie Reichert die hohen Lagen funkeln lässt. Diese für sich allein stehenden Stücke bekommen hier ein Eigenleben, das sie in den üblichen Gesamteinspielungen nie haben.
Robin Becker: Gegenwart als Resonanzraum
Nahtlos münden sie in „Isle of Memory“, eine zwanzigminütige Fantasie des gleichaltrigen Komponisten Robin Becker. Und hier muss man innehalten, denn allein dieses Stück macht die CD zu einer echten Empfehlung. Becker greift das Bestehende auf, bricht es in Motivfragmente, die sich allmählich in Traumschichten auflösen. Minimalistische Klangpatterns entstehen, in denen die Stimmung der Schumann-Welt noch nachhallt. Dann figuriert Reichert die Musik aus – in etwas, das einer funkelnden, vom Wind bewegten Wasseroberfläche nahekommt. Intime Improvisation, kontemplative Lyrik und klassisch geprägte Texturen gehen ineinander über. So empfindsam, ja zärtlich spielt Reichert hier, dass sinnlich vielleicht das treffendste Wort dafür ist. Man fragt sich unwillkürlich: Warum macht er nicht ein ganzes Album mit solchem Repertoire?
Der Kreis schließt sich – eine kluge Collage
Aber hier geht es um etwas anderes. Um einen Gesamtzusammenhang. Den Abschluss bildet eine trickreich gedachte Collage aus Rachmaninoff-Präludien, verbunden durch eine Mussorgsky-Promenade – auch das wieder ein kühnes Wagnis, das aber in sehr wirkungsvoller Weise dem Gesamtanliegen dient. Reichhaltige Dynamik, spitze Stakkati, dann eine lyrische Ruhephase. Und schließlich der Clou: Die CD endet mit dem Chaconne-Thema, jetzt in cis-Moll. Bach in einem Rachmaninoff-Prélude. Der Kreis schließt sich, und man begreift rückwirkend die Architektur des Ganzen.
Gabiz Reichert als interpretierender Gestalter
Reicherts Ansatz lässt sich so beschreiben: das Material befragen, Verbindungslinien ausloten, durch Kompositionen aus der Gegenwart und improvisatorische Ideen neue Antworten finden. Er reproduziert nicht, er antwortet. Alles in einen solchen Zusammenhang zu stellen, ist eine eigene Kunst – und eine, die in der durchformatierten Klassikwelt selten geworden ist. Dass dabei eine Aufnahme entsteht, die vor allem berührt, ist das Beste, was man über sie sagen kann.


