Paganini-Preisträger Giuseppe Gibboni und Busoni-Gewinner Arsenii Moon gastierten am 9. April im Kammermusiksaal des Bonner Beethoven-Hauses. Konzentriert, sinnlich und mitreißend – so lässt sich dieser Abend auf drei Worte bringen, aber drei Worte werden ihm nicht gerecht.
Schon der Spielort ist ein Erlebnis für sich. Der Kammermusiksaal Hermann J. Abs bietet 199 Plätze in sechs aufsteigenden Halbkreisen um die ebenerdige Bühne, dazu warmen rötlichen Holzton an den Wänden und ist seit 1989 eine der ersten Adressen für Kammermusik in Deutschland. Die Nähe zu den Musikern ist hier architektonisches Prinzip.
Ein Raum für Nuancen und Nähe
Und dann bekannte dieses Duo sogleich Farbe – und wie! Es ist kaum zu glauben, dass die beiden bislang noch gar nicht in dieser Konstellation aufgetreten waren. Giuseppe Gibboni versenkt sich in einzelne Töne und bewohnt sie regelrecht. Sein Klang ist dunkel, silbrig und blühend, getragen von einem Vibrato großer Natürlichkeit. Seine Stradivari von 1699 entfaltete in dieser intimen Akustik eine Tiefe, die den Raum förmlich auflud – ein Klang, der sich verschenkt. Man begreift in solchen Momenten, warum ein Saal wie dieser so kostbar ist: Weil er genau die Nuancen hörbar macht, die anderswo untergehen.
FAE-Sonate als kraftvoller Auftakt
Pianist Arsenii Moon bot das eigentliche Überraschungsmoment des Abends. Wo Giuseppe Gibboni makellose Souveränität ausstrahlte, war Arsenii Moon der Antreiber und das Kraftzentrum. Er denkt Klavier als gleichberechtigte Stimme, manchmal sogar als die drängendere. Genau das brauchte diese Musik. Die beiden eröffneten mit der „FAE-Sonate“, einem Kuriosum der Musikgeschichte. Albert Dietrich, Robert Schumann und der gerade zwanzigjährige Johannes Brahms komponierten 1853 gemeinsam dem Geiger Joseph Joachim eine Sonate auf den Leib. Meist hört man nur das Brahms-Scherzo isoliert. Dass Giuseppe Gibboni und Arsenii Moon das komplette Werk an den Anfang stellten, war bereits eine Ansage: Hier wird dem Publikum etwas zugemutet, im allerbesten Sinne. Das Scherzo geriet feurig und kontrolliert zugleich, und auch Albert Dietrichs Kopfsatz wurde unter diesen Händen zum Erlebnis – durchdrungen von einer Gestaltungskraft, die das historische Material zum Leuchten brachte. Viele Konzertabende setzen dieses große Werk ans Finale, doch hier war es erst der Einstieg.
Alexey Shor: Kontrast und Dramaturgie
Es folgte die erste Violinsonate von Alexey Shor, ein programmatischer Bruch, der sich als kluge Dramaturgie erwies. Die Sonate des 1970 in Kiew geborenen Komponisten verbindet melodischen Reichtum mit unerwarteten Wendungen und romantischen Stilzitaten, die Alexey Shor in zeitlose Eleganz überführt. Das Allegro Agitato erzeugte nach der monumentalen FAE-Sonate einen überraschend frischen Kontrast. Im Scherzo entwickelte sich zwischen Violine und Klavier ein edler Wettstreit, in dem beide Musiker Alexey Shors Idiom dieselbe gestalterische Intensität schenkten wie den Klassikern des Abends.

Die eigentliche Überraschung war der Schlusssatz. Nach zwei drängenden Sätzen landet man in der „Meditation“ plötzlich ganz woanders, ganz still und ganz anders. Alexey Shors Musik orientiert sich oft an klassisch-romantischer Formensprache, kann aber auch das Gegenteil. Der Puls beruhigt sich, und die Stille wirkt wie eine Öffnung – Raum zum Nachdenken, bevor der Abend weiterzieht.
Zwischen Verletzlichkeit und Triumph
Nach der Pause wurde ein Schalter umgelegt. Sergei Rachmaninows Vocalise diente als Brücke – lyrisch, emotional und von wunderbarer Zurückhaltung. Giuseppe Gibboni hielt den endlosen Melodiebogen in einer Schwebe zwischen menschlicher Stimme und instrumentaler Poesie. Die Akustik des Saals trug diese leisen Töne mühelos bis in die letzte Reihe.
Dann folgte der Höhepunkt des Abends: Sergej Prokofjews erste Violinsonate f-Moll, ein Werk von fast zwanzig Jahren Entstehungszeit, geschrieben im Schatten von Terror und Krieg, 1946 von David Oistrach uraufgeführt. Es wird viel zu selten programmiert. Sergej Prokofjew sprach vom ersten Satz als „Wind über einem Friedhof“, und genau das machte dieses Duo erlebbar: geisterhafte Stimmungen, Themen, die sich in dunkle Schlünde entwickeln, scharfe Kontraste und Momente des Stillstands. Die strenge architektonische Anlage schloss sich am Ende zu einem fast unerbittlichen Kreis.
Einer von vielen faszinierenden Momenten verdient besondere Erwähnung: Giuseppe Gibboni spielte die rasenden Läufe des Finalsatzes in leisestem Pianissimo, und der Klang füllte trotzdem den gesamten Raum. Man hielt den Atem an und begriff, was eine Stradivari in den richtigen Händen vermag. Arsenii Moon ließ hier erst recht alles aufblühen. Sein perkussiver Zugriff im „Allegro brusco“ war atemberaubend – tiefschwarze Basstöne und eine Urgewalt aus diesem zierlichen Menschen heraus, im selben Atemzug feinsinnig strukturiert. Giuseppe Gibboni, der Klangpoet, und Arsenii Moon, der das Klavier wahlweise zum Resonanzkörper oder zum Schlaginstrument macht – die Chemie stimmte auf eine Weise, die umso bemerkenswerter ist, als die beiden kein festes Duo sind. Man kann nur Fortsetzungen wünschen.
Gibboni und Moon als außergewöhnliches Duo
Giuseppe Gibboni, Jahrgang 2001, gewann 2021 als erster Italiener seit 24 Jahren den Premio Paganini. Arsenii Moon holte 2023 den Internationalen Ferruccio Busoni Klavierwettbewerb mit einstimmigem Juryentscheid, eine Auszeichnung, die über Jahrzehnte nicht verliehen worden war. Das sind beeindruckende Biografien, aber was an diesem Donnerstagabend in Bonn zählte, ging weit darüber hinaus.
Titelfoto © Stefan Pieper


