Einfach Klassik.

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Greifswalder Bachwoche 2026: Zwischen Tradition und Aufbruch

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Die Erfolgsgeschichte begann im Herbst 1946 und ist heute, im nunmehr 80. Jahrgang, keineswegs altersmüde oder gar beendet; im Gegenteil. Die Rede ist von der Greifswalder Bachwoche, dem ältesten Musikfest auf dem Boden der ehemals Sowjetischen Besatzungszone, später der DDR, und seit der Friedlichen Revolution im Lande Mecklenburg-Vorpommern. Das sind 80 Jahrgänge einer Initiative, die sich seit langem als „Festival geistlicher Musik im Norden“ versteht und im Laufe ihrer Geschichte recht wechselvolle Entwicklungsphasen durchlaufen hat. Übrigens ohne Einbußen an einem Konzept zuzulassen, das konsequent Bach, sein Umfeld und  Nachwirken bis in unsere Gegenwart berücksichtigt. Auch Abstriche an hohen künstlerischen Standards waren und sind nie ein Thema. Sich wandelnde Akzentsetzungen, erweiterte Sichtweisen oder sich ändernde Prioritäten – durchaus gebunden an die jeweils leitenden Persönlichkeiten – sind hier natürlich eingeschlossen. Hinzu kommt ein stabiles, stets beibehaltenes programmatisches „Gerüst“ an bestimmten Programmformen, um die herum sich im Laufe der Zeit weitere, höchst variable und innovative Darbietungsformen gruppierten.  Und so ist auch die diesjährige Jubiläumswoche Spiegelbild eines von lebendiger Vielfalt bestimmten Umgangs mit Bach und den Folgen seines kompositorischen, musik- und gattungsgeschichtlichen, musikästhetischen, liturgischen und theologischen Erbes. Ein Fundus von größter Nachhaltigkeit!

80 Jahre Greifswalder Bachwoche

Wollte heißen: nahezu 40 Veranstaltungen an nur 7 Tagen. Mit täglichen Geistlichen Morgenmusiken (Kantatengottesdienste),  mitternächtlichen Bach-Konzerten“ im Dom“ (Orgel), täglichen Mitsingeproben für die Kantatenaufführungen, 15 Konzerte unterschiedlichster Besetzungen und Programmangebote vom 16. Jahrhundert bis in unsere unmittelbare Gegenwart; letztere zum Beispiel als „Gratulationen“ zum 100. Geburtstag des langjährigen Bachwochen-Leiters Manfred Schlenker oder schlicht der Bachwoche „zum Achtzigsten“ gewidmet. Vortrag, Symposion, Jugendtanz, Kinderkonzert, konzertante Dorfkirchenreise, Morgen- und Nachtgebet, Ausstellung – der weiteren Angebotsvielfalt ist kein Ende! Im Folgenden einige erste Eindrücke, natürlich in Auswahl.

Eröffnungskonzert, Foto © Geert Maciejewski
Eröffnungskonzert, Foto © Geert Maciejewski

Festlicher Auftakt mit „cantateBach!“

Festlich der Auftakt, dem in diesem Jahr eine zweitägige Veranstaltung vorgeschaltet war: der nunmehr 8. und seit 2011 in Zwei-Jahres-Folge stattfindende Internationale Gesangswettbewerb „cantateBach!“. Der zusätzlich positive Effekt: diverse Preisträger werden gleich öffentlichkeitswirksam in den Auftakt eingebunden. Was konkret einen einleitenden vierteiligen Komplex von Bach-Arien bedeutete, mit dem sich Lucia Boisserée (Sopran, 4. Preis), Martin Höhler (Tenor, 3. Preis), Benedikt Heisinger (Bass, 1. Preis) und Isabel Weller (Sopran, 2.Preis) die erste heftige Beifallswelle im rappelvollen Dom St. Nikolai ersangen.

Bachs Magnificat im Greifswalder Dom

Hauptteil des Abends mit dem Domchor Greifswald, dem Bachwochenorchester (Komische Oper Berlin) und dem Solistenensemble Johanna Ihrig und Jacoba Arekhi, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Christian Rathgeber, Tenor, und Anton Haupt, Bass, aber war dann Bachs „Magnificat“ BWV 243. Bleiben wir gleich beim Solistenensemble. Durchweg starke, schöne, charaktervolle Stimmen, mit großer Tragfähigkeit, was im Riesenraum des Domes nicht ohne Belang ist. Und sie können sichtlich auch Bach! Dies mit klarer Stimmgebung, locker im Koloraturbereich, ausdrucksstark und dennoch immer klangsensibel.

Der Domchor erwies sich wieder als bestens vorbereitet, strahlte Sicherheit aus, besaß Kraft, auch tonlichen Glanz, gelegentlich sogar „Schmiss“ und rundete damit den Gesamteindruck einer vokal überzeugenden Präsentation. 

Mit dem Orchester, das sich davor noch mit der Bachschen Orchestersuite D-Dur (BWV1068) als auch beim Thomaskantor stilistisch bestens „zu Hause“ erwies, hatten Solisten wie Chor den notwendigen Rückhalt, den adäquaten Partner und die Garantie einer in sich stimmigen Aufführung.

Natalya Pasichnyk und eine neue Sicht auf das Wohltemperierte Klavier

Langjährige Besucher der Greifswalder Bachwoche wissen es: Sie ist für Überraschungen immer gut. Und sie gehen ihnen nicht aus! Diesmal – eine von mehreren – war es der kühn scheinende, zunächst durchaus Skepsis provozierende Versuch einer ukrainischen Pianistin (Natalya Pasichnyk), den 48 Präludien und Fugen des Bach´schen „Wohltemperierten Klaviers“ (WK) Auszüge aus dazu (!) zu singenden Chorälen und Arien Bachs zuzuordnen. Die am Flügel selbst souverän agierende und Ihre Bearbeitung natürlich nur in Auswahl vorstellende Pianistin tat ein Übriges. Sie ordnete das Programm thematisch zu einer zusammenhängenden Geschichte (Jesu): Die Kapitelüberschriften lauteten: Versprechen, Verkündigung und Geburt, Lehre, Passion, Auferstehung und Himmelfahrt, Pfingsten, Einzug in Jerusalem, Existenzielle Reflexion. Der Partner: das CALMUS-Ensemble (Vokal-Quintett) aus Leipzig, das sich auch in Greifswald als hochprofessionelles und sängerisch faszinierend musizierendes Ensemble erwies; so maßvoll wie sinnvoll eingesetzte Bewegungselemente inbegriffen. 

CALMUS Ensemble, Foto @ Geert Maciejewski
CALMUS Ensemble, Foto @ Geert Maciejewski

So wichen Skepsis oder gar Vorbehalte schnell dem Eindruck einer gänzlich neuen Erfahrung. Denn Pasichnyk hat es – wie zu hören im Zusammenhang mit einer Dissertation – tatsächlich geschafft, den unangetastet bleibenden Klavierfassungen ebenso originale Teile vokaler Provenienz hinzuzufügen (zu über-legen), ohne dass man den Eindruck hätte, die Dinge würden nicht zusammenpassen. Dass dies 1:1, also ohne die vokalen Zutaten zu teilen, dann zu verteilen gehen könne, ist allerdings nicht vorstellbar. Dennoch: erstaunlich das Ganze. Nicht nur, weil toll gemacht und unglaublich überzeugend präsentiert, sondern als tatsächlich neue, für manchen dezidiert spirituelle Erfahrung, mit der umzugehen sicher jeder seine eigenen Sichten befragen muss. Bachs WK – so Albert Schweitzer – sei Ausdruck Bach´scher Religiosität, hier ganz besonders. Das wäre  vielleicht ein Zugang zu einem Verfahren dieser besonderen Art! 

Große Kammermusik mit Bach, Beethoven und Mozart

Musikalische Identitätsprobleme hatte einer der großen, jährlich zu den „Rennern“ zählenden Programmpunkte nicht: die sogenannte „Große Kammermusik“. Wobei der Begriff „Kammermusik“ eigentlich nie so recht gepasst hat. Denn er bezieht sich hier auf das Bachwochenorchester, also auf Orchestrales, wenngleich in kleinerer, also irgendwie dann doch ein bisschen kammermusikalische Besetzung. Das sah in diesem Jahr so aus: Bachs Ouvertüre h-Moll BWV 1067, Beethovens beide Romanzen für Violine und Orchester F-Dur (op. 50) und G-Dur (op. 40) sowie Mozarts große C-Dur-Sinfonie KV 551 („Jupiter-Sinfonie“). Solistin (Bach): Magdalena Bogner, Flöte, Leitung und Solovioline: Gabriel Adorjan, 1. Konzertmeister der Komischen Oper Berlin und langjähriger „Chef“ des Bachwochenorchesters.  Der Ruf des ununterbrochen beschäftigten Ensembles (Kantaten, Oratorien) ist mittlerweile legendär, eine Bachwoche „ohne“ nicht denkbar. Und die eigentlichen („großen“) Konzerte sind in der Regel ausverkauft. Hier paaren sich professionelle Routine, faszinierende Spieldisziplin, Erfahrungen in und mit allen nur denkbaren musikalischen Stilen und eine inspirierende Musizierlust. Bei Bach ebenso spürbar wie beim eher gemächlich-gemäßigt daherkommenden Beethoven, rasant ausgelebt aber bei einem geradezu schmissig und doch kraftvoll diszipliniert präsentierten Mozart; ein geradezu verklärt klangintensiv und nachdenklich-dramatisch gestaltetes Andante cantabile inbegriffen. Da war es besonders zu spüren: hier war man richtig „zu Hause“. 

Magdalena Bogner. Foto © Geert Maciejewski
Magdalena Bogner. Foto © Geert Maciejewski

Fazit: ein Orchesterabend bei der Greifswalder Bachwoche voller Spannung und Spielfreude, da, wo angebracht, mit scharfen Kontrasten und dynamischer Vielfalt, lebendiger Artikulation und  sinfonischem Atem. Über die Eignung solcher Programme in schwierigem akustischen Umfeld (hier Kirche St. Jakobi) kann man, muss man aber nicht (mehr) reden. 

Titelfoto © Geert Maciejewski

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