Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
Kurz bevor auch auf Usedom die letzten Töne des diesjährigen Usedomer Musikfestivals verklingen, wurde traditionsgemäß die große Kraftwerkshalle des Museums Peenemünde zum Ort eines großartigen Finales: Das „Musikland MV“ – Dachverband von acht großen Musikfesten Mecklenburg-Vorpommerns – verabschiedete sich für dieses Jahr von seinen vielen treuen Besuchern. Und das standesgemäß! Wollte heißen: mit der Teilnahme des NDR Elbphilharmonie-Orchesters, der finnischen, in Dresden lebenden internationalen Starsopranistin Camilla Nylund und dem finnischen Dirigenten Jukka-Pekka Saraste. Dazu gab es ein Programm, das mit Wilhelm Stenhammars (1871-1927) symphonischer Ouvertüre „Excelsior“ op. 13, Orchesterliedern von Jean Sibelius, dessen Sinfonischer Dichtung „Luonnotar op. 70 sowie der 6. Sinfonie d- Moll op. 104 noch einmal ganz dem Generalthema 2025 huldigte; und das hieß FINNLAND. Und es hieß SIBELIUS. Denn – wie mit dem genannten Programm verdeutlicht – war er, wie schon im Eröffnungskonzert vor zwei Wochen, der musikalische Hauptakteur. Was nicht dazu verleiten sollte, einen Wilhelm Stenhammar gering zu schätzen.
Musikland-Finale mit Sibelius
Im Gegenteil. Er gehört zu jenen schwedischen (dirigierenden) Komponisten, die zu kennen musikgeschichtliche wie künstlerische Bereicherung gleichermaßen bedeutet; nicht zuletzt unter dem Aspekt, daß auch er – wie viele skandinavische Komponisten vor ihm sowie Zeitgenossen – erfahrungsreiche, auf musikalische Begegnungen mit Brahms und Wagner fußende Studienjahre in Deutschland verbrachte und dort auch erste Erfolge feiern konnte.

Schon die ersten, stürmischen Takte seiner Ouvertüre (1896) ließen aufhorchen. Sie vermittelten schnell den Eindruck, daß da einer klanglich sehr wirkungsvoll mit dem großen Orchesterapparat umzugehen wusste und durchweg zu fesseln vermochte. Als „absolute“ Musik gedacht, scheint dennoch der Eindruck nicht zu täuschen, dass es da einen gedanklich-emotionalen „Hintergrund“ geben könne, der sich mit dem Begriff „Excelsior“ als „höher“ oder „bis zum Höchsten hinauf“ in Verbindung bringen ließe. Vielleicht Goethes „Faust“, von dem ein Zitat die Titelseite der Partitur ziert?
Wie auch immer: Stenhammar fesselte mit klangromantisch mächtigem Schwung, der großen sinfonischen Geste, faszinierenden Spannungsbögen und klangüppiger, kontrastreich erregender Dramatik, ohne auf die Wirkung auch zarter, sanglicher Töne zu verzichten. Ein toller Auftakt mit einem Orchester, das schon hier mit jedem Ton, jeder Geste und mitreißender Verve beeindruckte. Stenhammar, den eine große Enzyklopädie als den seinerzeit bedeutendsten Komponisten Schwedens bezeichnet, hatte das vedient!
„Aus dem wird was“ – so Brahms nach dem Anhören eines Liedes von Jean Sibelius. Recht hatte er, auch wenn der Liedkomponist in der öffentlichen Zur-Kennntisnahme weit hinter dem Sinfoniker zurücksteht – bis auf den heutigen Tag! Dabei hat Sibelius bis 1917 fünfzehn Werkgruppen von Sololiedern komponiert, zumeist für Klavier und Solostimme,aber eben auch für Orchester. Mit vier Beispielen aus op. 36 und 37 gab es die Möglichkeit eines Einblicks in ein Schaffen, das die Fachwelt für deutlich unterschätzt hält. Und das rechtens, wie die Interpretation mit Camilla Nylund bewies. Als „sensitiver Lyriker von hohem Rang“ (Erich Brüll, 1986) darf er unangefochten gelten, denn es reichten diese vier Lieder auf schwedische Texte, um eben diesen Eindruck zu gewinnen. Sehr romantisch in der Klangsprache, von schöner sanglicher Erfindungskraft, nahezu balladesker, sprachorientierter Anlage bis hin zu rauschhafter, schwelgerischer Emphase verkörpern sie einen Sibelius der etwas anderen, traditionellen, sehr hörerfreundlichen Art. Ein überaus dankbares „Arbeitsfeld“ für eine Sängerin wie Camilla Nyland, deren Erfahrungen als weltweit geschätzte Opernsängerin hier mit der Sensibilität liedhafter Lyrik aufs Beste harmonierten.
Selten Gehörtes
Und dies auch mit einem Stück dann doch anderer Provenienz: der Sinfonischen Dichtung „Luonnotar“ op. 70 von 1913. Auf Texte aus dem mythischen Nationalepos „Kalevala“ geschrieben, spricht dieses Zehn-Minuten-Stück eine im Vergleich zu den anderen Liedern deutlich weniger füllige, klanglich ausgespartere Sprache. Sie ist kaum liedhaft, wirkt theatralischer, szenischer, erzählend und weist damit eher auf eine stilistische Verwandtschaft mit den Orchesterwerken des Komponisten. Standing ovations für die grandiose Aufführung eines selten im Konzertsaal zu hörenden Werkes.
Sibelius prägte dann auch das Finale des Abends! Und da schloss sich ein Kreis, denn 14 Tage zuvor gab es im Eröffnungskonzert des Usedomer Musikfestivals schon das Violinkonzert und die „Fünfte“ des Komponisten. Nun also Nr. 6 (1923).

„Düster, mit pastoralen Gegensätzen. Wahrscheinlich in vier Sätzen, zum Schluß sich steigernd zu einem düsteren Orchesterbrausen, worin das Hauptthema ertrinkt.“ So eine ursprüngliche Werkkonzeption. Aber es gibt auch diesen Satz (Tagebuch): „Wenn die Schatten länger werden“- was dann immer mal zu Überlegungen dahingehend geführt hat, ob nicht Sibelius immer stärker das Gefühl hatte, „in den Nachmittag seines schöpferischen Lebens eingetreten“ zu sein (Jan Brachmann im Programmheft).
Wer der Elbphilharmonie und dem Sibelius-Spezialisten Jukka-Pekka Saraste aufmerksam gelauscht hat, wird von beiden Seiten Entscheidendes gehört haben; dies vielleicht mit der Tendenz zu gemäßigter Tonsprache und Ausdrucksweise. Zudem wurde deutlich, dass der Komponist den gewählten Rahmen des traditionellen viersätzigen Zyklus sehr individuell, sehr frei handhabt. Dazu passt, dass Sibelius das Werk auch als „Symphonische Fantasie“ bezeichnet hat, womit der ungemein differenzierte Ausdruckscharakter des Stückes zielgenau getroffen wäre. Und als im Wortsinne überwältigendes akustisches Ereignis die wieder vierstellige Hörerschaft faszinierte und zu stehenden Ovationen veranlasste. Wie auch nicht, wenn ein Klasse-Orchester wie die Elbphilharmonie und ein mit Sibelius so vertrauter Dirigent wie Jukka-Pekka Saraste den so originären, seltsam widersprüchlichen, befremdlich-begeisternden Klangvorstellungen jener „Erscheinung aus den Wäldern“ eine Faszination verleihen, die so einfach nicht in Worte zu fassen ist. Dem Formalen ist beim Hören kaum beizukommen, aber der Welt eines manchmal geradezu unheimlichen, auch dunklen Klingens schon! Gelegentlich fühlt man sich vom Komponisten allein gelassen, vermisst vertraute Muster – und wird gleichzeitig eingefangen und mitgenommen, ja mitgerissen von einer Atmosphäre beständigen Fließens, gebändigter Unruhe, dramatischer Kontraste, rhapsodischer „Mitteilungsdichte“, auch einer gewissen Uferlosigkeit, aber eben auch zarter, beruhigender Zwielichtigkeiten. Eine nationale, finnische Ausdruckswelt, auch ohne jeden folkloristischen Anklang. Und – vom Podium herab als grandiose Bestätigung erfolgt – ohne wirkliche Vorbilder als ein ganz Eigener! Und als solcher ist er dann auch zu werten. Adornos böswillige, lange Zeit die Sichtweise prägende Verleumdung des Meisters und seines Werkes als amateurhaft, als „Konfiguration des Banalen und des Absurden“ , als Zeichen einer „Originalität der Hilflosigkeit“ 1938) kann heute die Bedeutung des Komponisten nicht mehr beeinflussen; unabhängig davon, ob und wie man den Zugang zu ihm findet.
Titelfoto © Geert Maciejewski


