Heghine Rapyan setzte sich in der Bechstein-Gesellschaft Düsseldorf für das Klavierwerk von Stéphan Elmas ein – und macht aus einer Wiederentdeckung einen Abend von seltener Empfindungstiefe
Es gibt Konzerte, die Türen zu Räumen eröffnen, von deren Existenz man bislang nichts geahnt hat. Der Abend, den die armenische Pianistin Heghine Rapyan in der Bechstein-Gesellschaft Düsseldorf mit Werken von Stéphan Elmas (1862–1937) gestaltete, vermittelte solch ein Erlebnis. Wer hier in diesem hervorragend gestalteten Saal saß, dessen formidable, transparente Akustik jede Phrasierung wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt, hörte einer Musikerin dabei zu, wie sie ein verschüttetes Œuvre Stück für Stück ans Licht trägt.
Zwischen Chopin-Nähe und eigener Tonsprache
„Chopin von Armenien“ ist der übliche Beiname, unter dem Stephan Elmas zurzeit dem Vergessen entrissen wird. Diese Etikettierung ist zugleich Wegweiser und Falle. Wegweiser, weil tatsächlich kein anderer Komponist des späten 19. Jahrhunderts so unbeirrt Chopins Gattungslandschaft durchwandert hat: Préludes, Walzer, Mazurken, Nocturnes, eine Polonaise-Fantasie, schließlich Scherzo und Sonate mit Trauermarsch. Eine Falle aber auch, weil dieser Vergleich den Eigenton verdecken kann, den Elmas definitiv besitzt. Spürbar war in Düsseldorf nämlich vor allem jene melancholische Wärme, die aus einem Leben zwischen Smyrna und Genf, zwischen Wunderkindtum und ertaubender Einsamkeit, zwischen Liszt-Begegnung und armenischem Genozid-Trauma erwächst.
Heghine Rapyans individuelle Anschlagskultur
Genau hier setzt Heghine Rapyans Spiel an, und zwar mit einer Konsequenz, die jeden Zweifel schon nach wenigen Takten zerstreut. Ihre Anschlagskultur ist von einer Individualität, die jeden Ton als persönliches, ureigenes Anliegen erscheinen lässt; jede Phrase kommt wie ein Atemzug aus dem tiefen Inneren. Der große Bechstein, der das kleine Podium ausfüllte und an dem sie sichtbar Freude hatte, antwortete ihr mit einer Tiefe und Differenzierung, die diese Art zu spielen geradezu provoziert.
Schon die sechs Préludes legt sie nicht als chopineske Etüden-Sammlung an, sondern als kleine, sehr diverse Charakterstudien, in denen sich ein ganzer Stimmungskosmos andeutet. Das G-Dur-Stück perlt mit jener unaufdringlichen Eleganz, die Salonmusik im besten Sinn meint, während das f-Moll-Prélude bereits eine Tür zu den dunkleren Räumen des Komponisten öffnet. Was diese Pianistin auszeichnete und den Abend zu mehr machte als zu einem Akt repertoirepolitischer Pionierarbeit, war die Arbeit am Detail – eine Arbeit, die so tief in die Grundlagen dieser Musik hineinreicht, dass man unwillkürlich denkt: Niemand sonst hat Elmas so gründlich studiert. Rapyan, Schülerin von Armen Babakhanian und Erste Preisträgerin des Stéphan-Elmas-Wettbewerbs, kommt aus einer Linie, die diese Musik nicht entdeckt, sondern kennt und lebt. Ihr Album „The Soul of Smyrna“ mit den sämtlichen Klaviersonaten Elmas‘ – eine Welt-Ersteinspielung von 2023 – wurde vom BBC Music Magazine als „sensationelle Entdeckung“ gefeiert.
Charakterstücke voller klanglicher Versenkung
Man hört diese Versenkung im Walzer As-Dur, der unter ihren Fingern eine fast lispelnde Zartheit gewinnt, und in der Mazurka E-Dur, deren rhythmische Eigenwilligkeit sie nicht glättet, sondern als Charakterzug stehen lässt. Vor allem aber hört man sie in den beiden Nocturnes Ges-Dur und fis-Moll, in denen sie viel orchestrales Klangdenken zeigt.

Die Dramaturgie des Abends zeichnete konsequent die Vita dieses Komponisten nach: vom Miniaturhaften der Préludes über die Charakterstücke des frühen und mittleren Œuvres bis hin zur Fantasie-Polonaise Des-Dur, einem Werk, in dem Elmas erstmals die größere Form anvisiert und das Rapyan mit großer architektonischer Klarheit beantwortet. Elmas war ein komplexer Charakter, einer, der in seiner Musik viel Aufrichtiges über sich selbst preisgibt – ein Mann, der die Romantik nicht imitierte, weil er nichts anderes konnte, sondern weil sie ihm das Idiom seiner inneren Wahrheit blieb, auch als die Welt um ihn herum längst andere Sprachen sprach.
Die große Form: Scherzo und Sonate h-Moll
Nach der Pause erfolgte dann der Sprung ins Großformat. Das Scherzo c-Moll Nr. 1 nimmt Rapyan mit einer Wucht an, die nichts Demonstratives hat, denn sie meint diese Musik. Und schließlich dann das Schwergewicht des Abends, die Sonate Nr. 1 h-Moll mit ihren drei Sätzen Allegro appassionato, Marche funèbre und Allegro. Die Parallele zu Chopin op. 35 ist unüberhörbar, aber Rapyan lässt sie nicht zum Vergleich werden. Ihr h-Moll ist eines, in dem der Trauermarsch nicht als musikgeschichtliches Zitat steht, sondern als das, was er biographisch unausweichlich ist: ein Klagegesang über das, was Elmas verloren hat, über das, was Armenien verloren hat.
Eine Zugabe als musikalische Neuerkundung
Der Applaus war voller Wärme und Dankbarkeit. Heghine Rapyan antwortete mit einer Zugabe, die in ihrer Logik kaum besser hätte gewählt sein können: Chopins „Revolutionsetüde“, einem Stück, das so oft gespielt wird, dass es kaum noch zu retten scheint vor seiner eigenen Berühmtheit. Doch unter ihren Händen klang es, als hörte man es zum ersten Mal – in einer Lesart, die das Forschende, das Frage-Stellende dieser Musikerin in jede Linie hineintrug, bei allem losstürmendem Temperament und einer Instrumentenbeherrschung, vor der man nur den Hut ziehen kann.
Titelfoto © Stefan Pieper
Ausgewählte Aufnahmen von Heghine Rapyan
The Soul of Smyrna (Solo Musica / Naxos SM423, April 2023) Die sämtlichen Klaviersonaten von Stéphan Elmas – Welt-Ersteinspielung. Vom BBC Music Magazine als „sensationelle Entdeckung“ gefeiert, vom American Record Guide unter die besten CDs des Jahres 2023 gewählt. Ausführliche Sendungen bei WDR, hr2 und SRF.
The Untouchable – Songs of Heghine Rapyan (Solo Musica, 2025) Debüt als Komponistin. Acht Stücke für Soloklavier und digitales Orchester, darunter My Salonic, The Late-Bird, Waltz, April Snow, Flame, Non Dubitare – Tango und das Titelstück The Untouchable. Ein zutiefst persönliches künstlerisches Statement, das ihre Identität über die Interpretation hinaus erweitert.
Chopin of Armenia – Stephan Elmas: Piano Works (Solo Musica / Naxos SM545, 24. Oktober 2025) Das Folgealbum zu The Soul of Smyrna, gewidmet Elmas‘ Klaviercharakterstücken. Es enthält jene Werkgattungen – Préludes, Walzer, Mazurken, Nocturnes, Polonaise-Fantasie, Scherzo –, die auch das Düsseldorfer Konzertprogramm formten.


