Einfach Klassik.

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Heghine Rapyan spielt Stéphan Elmas in Jerewan

Die armenische, heute in Salzburg lebende Pianistin Heghine Rapyan hat ein fast vergessenes Klavierkonzert von Stéphan Elmas zurück auf die Bühne gebracht – am 5. März 2026 in der Aram Khachaturian Concert Hall in Jerewan, mit dem Armenian State Symphony Orchestra unter Fernando Oscar Gaggini. Es bestand Gelegenheit, ihr zum großen Auftritt in ihrer Heimat zu folgen. Am 23. April ist Heghine Rapyan mit einem Elmas-Soloabend im C. Bechstein Centrum Düsseldorf zu erleben.

Wer vom Flughafen Jerewan in die Innenstadt fährt, durchquert in einer knappen Stunde mehrere Welten. Prachtarchitektur und Plattenbau-Tristesse, hochkultivierte Lebensart und karge Überlebensbedingungen, oft nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt. Die Kaskade, von deren höchster Stufe man auf den Ararat blickt, der über fünftausend Meter hoch in der Türkei steht und den die Armenier trotzdem als den ihren betrachten. Und überall eine Herzlichkeit der Menschen, die einen vom ersten Moment an trägt. In dieser Stadt der Gegensätze, an diesem Abend des 5. März 2026, spielte die Pianistin Heghine Rapyan in der Aram Khachaturian Concert Hall das Zweite Klavierkonzert in d-Moll von Stéphan Elmas, begleitet vom Armenian State Symphony Orchestra unter Fernando Oscar Gaggini. Die meisten Menschen im Saal wussten, wer Elmas war. Die wenigsten hatten dieses Konzert je gehört. Dass beides gleichzeitig zutrifft, sagt viel über den Zustand einer Erinnerung, die lange niemand pflegen wollte – und über die Künstlerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das zu ändern.

Heghine Rapyan spielt Stéphan Elmas in Jerewan

Elmas, 1862 im damals osmanischen Smyrna geboren, war ein Schüler von Liszt, ein gefeierter Virtuose, den die Pariser Presse einst den Dichter des Klaviers nannte. Eine Typhuserkrankung 1897 führte zu fortschreitender Taubheit. Er komponierte fortan aus der Erinnerung, aus einem eingefrorenen Klangvorrat, und schuf eine Musik, die seltsam zeitlos geblieben ist, weil sie nie mehr in Berührung mit ihrer Gegenwart kam. Dann geriet er in Vergessenheit, und die Vergessenheit dauerte Jahrzehnte.

Heghine Rapyan hat über zwanzig Jahre daran gearbeitet, dieses Vergessen rückgängig zu machen. Sie gewann schon früh den Stéphan-Elmas-Wettbewerb, nahm zweimal sein Solowerk auf – erst die Sonaten, dann die Miniaturen – und kämpfte mehr als ein Jahrzehnt dafür, das Zweite Klavierkonzert mit Orchester aufführen zu dürfen. Dass es im Rahmen des Contemporary Composite Festival geschah, eines aus dem Armenian Composers Festival und dem Penderecki Contemporary Festival zusammengeführten Formats, das seit fünfzehn Jahren zeitgenössische Musik und armenisches Erbe als zwei Seiten derselben Frage behandelt, verleiht der Sache programmatische Schärfe. Die Wiederentdeckung eines Romantikers als Akt der Gegenwart: kein Widerspruch, sondern eine Haltung.

Die Wiederentdeckung eines vergessenen Liszt-Schülers

Der Konzertsaal selbst, ein runder Bau in der geometrischen Mitte der Stadt, dessen eine Hälfte ein Opernhaus beherbergt und dessen andere ein Orchestersaal mit Orgel ist, war an diesem Abend gut besetzt. Familien mit Kindern, ein auffällig junger Altersdurchschnitt, Vertreter des Kulturministeriums, eine Festlichkeit ohne Verkrampfung. Man kennt das anders aus Mitteleuropa. Wer so voll mit Eindrücken in einem Konzertsaal sitzt, dem dehnen sich die Assoziationsräume.

Das Programm rahmte das Elmas-Konzert mit zwei zeitgenössischen Orchesterwerken ein. Den Auftakt machte Katherine Saxons Nunatak, ein kaum zehnminütiges Stück, das Gletscherlandschaften beschreibt und in der Lesart von Gaggini und dem Orchester eine Wucht und Bedrohlichkeit entfaltete, die weit über das Naturporträt hinausging. Die dunklen, aufgetürmten Klangfarben, ein Crescendo, bei dem der Saal physisch vibrierte – man konnte nicht anders, als darin etwas mitzuhören, das über Eis und Wind hinausweist. Dieses Land ist umgeben von Krisen, und die Musik schien das zu wissen, auch wenn es in der Partitur nicht steht.

Aram Khachaturian Concert Hall, Foto © Stefan Pieper
Aram Khachaturian Concert Hall, Foto © Stefan Pieper

Dann betrat Heghine Rapyan die Bühne, und mit ihr und dem zweiten Klavierkonzert von Stephan Elmas veränderte sich der ganze Aggregatzustand des Abends. Das Allegro appassionato spielte die Pianistin mit einer Selbstverständlichkeit, die sofort klarmachte, wer hier die Führung übernimmt. Was auffiel, war weniger die technische Souveränität als die Art, wie sie den großen Steinway zum Sprechen brachte. In den tiefen Registern ließ sie es mit viel Pedal aufbrausen und dunkel schimmern, in den hohen Lagen inszenierte sie ein silbriges Funkeln, das die Melodielinien zum Leuchten brachte. Bei aller Intimität bietet diese Musik genug Gelegenheit zum Loslassen, und Heghine Rapyan, die wie kaum jemand sonst diese Partituren verinnerlicht hat, nutzte sie mit einer Lust, die ansteckend wirkte.

Das zweite Klavierkonzert von Stéphan Elmas

Noch inniger geriet der Andante-Satz. Hier, wo das Klavier eine exponierte, sehr gesangliche Linie trägt und das Orchester nicht kommentiert, sondern nur noch hält, wurde hörbar, was Elmas‘ Taubheit mit seiner Musik gemacht hat. Ein Komponist, der aus der Stille heraus schreibt, für den jeder Ton Erinnerung ist. Der Steinway wurde unter den Händen der Solistin zum Flüstern gebracht, und im Saal entstand eine Intimität, die mit Sentimentalität oder Pathos nichts zu tun hatte. Das Orchester, das sich in wenigen Proben erstaunlich tief in die Partitur hineingehört hatte, ließ sich mitreißen. Das Finale führte beide Seiten temperamentvoll zusammen und durfte triumphieren.

Elmas den „Chopin Armeniens“ zu nennen greift nicht nur zu kurz, es verdeckt das eigentlich Interessante. Er ist der einzige armenische Komponist seiner Generation, der bewusst auf folkloristische Elemente verzichtete und eine universelle romantische Sprache spricht – schlanker als Chopin, leichtfüßiger als Brahms, mit einer Gelassenheit, die sich aus innerer Ruhe speist. Beim geselligen Essen nach dem Konzert wurde darüber diskutiert, wie sehr klassische Musik einer „Mental Health“ dienlich sein kann. Elmas‘ Musik stünde auf dieser Empfehlungsliste ganz oben, wie ein kleiner Selbstversuch ergab: Als wir uns mit dem Mietwagen durch den apokalyptischen Verkehrswahnsinn von Jerewan kämpften, lief Rapyans Einspielung der Elmas-Miniaturen, und das wirkte wie ein Refugium gegenüber der Hektik draußen. Aber die Konzertaufführung dieses Abends berührte noch größere Fragen: Welche Stimmen braucht eine Kultur, um sich ihrer selbst zu vergewissern?

Der Beifall war enthusiastisch. Heghine Rapyan wurde mit Blumen überschüttet, Angehörige und Freunde aus ihrer Heimatstadt Gavar drängten nach vorne, umarmten sie, und in dieser Szene spiegelte sich noch einmal jene Herzlichkeit, die einem in diesem Land überall begegnet war. Die Pianistin bedankte sich mit einer leisen Zugabe aus der Kammermusik von Elmas. Das Publikum nahm sie an, als hätte es auf genau diesen Moment gewartet.

Begeistertes Publikum und eine armenische Symphonik

Zum Abschluss erklang die Uraufführung von Hayg Boyadjians dritter Symphonie. Armenien hat im 20. Jahrhundert eine bemerkenswerte Zahl an Komponisten hervorgebracht, allen voran den Namensgeber des Konzertsaals, Aram Chatschaturjan. Boyadjian, 1938 geboren, steht für eine armenische symphonische Schule, die in der Auseinandersetzung mit der russischen Tradition eine eigenständige, zeitlos modern gebliebene Sprache entwickelt hat. Sein weit ausladendes Panorama bildete gemeinsam mit Saxons Eröffnungsstück den kontrastierenden Rahmen um das Elmas-Konzert – eine kluge Dramaturgie, die sichtbar machte, dass Vergangenheit und Gegenwart in dieser Musikszene einander bedingen.

Empathisch ist die Musik von Elmas, empathisch ist das Spiel dieser Pianistin, und empathisch ist ein Land, in dem Musik inmitten von Umbrüchen nicht Luxus ist, sondern Notwendigkeit. Bald wird Heghine Rapyan nach Salzburg zurückkehren und von dort aus weitermachen mit dem, was sie begonnen hat. Draußen vor dem Konzertsaal liegt die Stadt im Dunkeln, und nur eine halbe Autostunde entfernt beginnen jene archaischen Landschaften von atemberaubender Weite, in denen der Ararat immer im Blick steht, sofern er sich nicht in Wolken hüllt. Man nimmt viel mit von einer solchen Konzert-Reise.   

Titelfoto © Stefan Pieper

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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