Einfach Klassik.

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İlyun Bürkev und das Turkish National Youth Philharmonic Orchestra in der Elbphilharmonie

Pure Emotionn und ganz viel Ausstrahlung in Hamburgs Elbphilharmonie: Das Abschlusskonzert des diesjährigen Schleswig-Holstein Musikfestivals mit seinem Türkei-Schwerpunkt wurde zu einer bewegenden Begegnung zwischen den Kulturen. Die erst 16-jährige Pianistin İlyun Bürkev spielte gemeinsam mit ihren Landsleuten vom Turkish National Youth Philharmonic Orchestra unter Cem Mansur ein Programm, welches das begeisterte Publikum zu minutenlangen Beifallsstürmen hinriss, wofür sich die junge Musikerin mit einer intimen, zeitgenössischen Zugabe bedankte.

Turkish National Youth Philharmonic Orchestra, Foto © Stefan Pieper
Turkish National Youth Philharmonic Orchestra, Foto © Stefan Pieper

İlyun Bürkev ist bereits ein junger Star und das weit über ihre Heimat Istanbul hinaus. Die junge Frau studiert zurzeit am renommierten Salzburger Mozarteum bei Pavel Gililov und sammelt internationale Preise – zuletzt gewann sie den Wettbewerb „Jeune Chopin“ in der Schweiz. In der Elbphilharmonie zeigte sie eindrucksvoll, warum sie als eines der größten Klaviertalente ihrer Generation gilt und dabei authentisch bleibt.

Eine innige Verbindung zur Musik 

Das Herzstück des Abends war Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll. Bürkev interpretierte das romantische Meisterwerk mit einer emotionalen Tiefe, die vergessen ließ, was für immense spieltechnische und auch emotionale Herausforderungen dahinter stehen, und man sich fragen konnte, was diese 16-Jährige überhaupt noch dazu lernen kann. Das Geheimnis liegt wohl darin, sich hier völlig von der Emotion mitreißen zu lassen – und ja, İlyun Bürkevs Gesichtsausdruck spiegelte eine solche innige Verbindung zur Musik in jeder Sekunde wider. So geht echtes Durchleben von Musik. Der durchgehende Eindruck dabei: Ihr Klavierspiel vereint auch in den entfesselten Passagen eine kristalline Klarheit mit warmer Ausdruckskraft, die unter die Haut geht. Keine Frage, dass dies auch für die berüchtigten Oktavläufe im dritten Satz galt, denen sich die junge Solistin mit anmutiger Leichtigkeit gewachsen zeigte.

İlyun Bürkev, Foto © Stefan Pieper
İlyun Bürkev, Foto © Stefan Pieper

Als Zugabe spielte Bürkev ein Werk des türkischen Komponisten Adnan Saygun – die erste Etüde aus dem Zyklus „Ungewöhnliche Rhythmen“. Saygun, einer der „Türkischen Fünf“ des frühen 20. Jahrhunderts, bringt in dieser Etüde traditionelle anatolische Rhythmen mit westlicher Klaviertradition zusammen. Unter Bürkevs Händen entfaltete sich eine hypnotisch pulsierende Unruhe, in der die junge Pianistin die Töne wie orientalische Kalligrafien tanzen ließ. Das war ein magischer Schlussmoment ihres Auftritts, um nochmals die kulturelle Vielfalt des Abends in einem einzigen, brillanten Klangbild zu verdichten und selbstbewusst Farbe zu bekennen.

Zusammen mit dem hochmotivierten Turkish National Youth Philharmonic Orchestra war an diesem Abend in der Elbphilharmonie eine Begegnung auf Augenhöhe zu erleben. Hier feiert eine junge Generation das klassische Musikerbe und blickt hochmotiviert in die Zukunft. Seit 2007 tourt das Ensemble durch Europa und hat bereits in den bedeutendsten Sälen gespielt – vom Concertgebouw Amsterdam bis zum Berliner Konzerthaus. Vor allem die Ausstrahlung des Dirigenten Cem Mansur deutete darauf hin, dass hier vor allem menschliche Synergien im Spiel waren, die noch mehr wiegen als die hervorragend geleistete Arbeit, die sich in der beeindruckenden Präzision im Spiel der Großbesetzung zeigte. Da ergab es sich scheinbar wie von selbst, dass die Streicher mit ihrer hinreißend schönen Linienführung beeindruckten, dass die Bläser charaktervoll artikulierten, dass hinter der dynamischen Entfaltung des ganzen Apparates, der die Elbhi-Bühne bis zum letzten Quadratmeter ausfüllte, geballte junge Power stand. Was vor allem spürbar war – und was dieses Konzert über manche etablierte „Erwachsenen-Darbietung“ hinaushob: Die jungen Musikerinnen und Musiker – auffallend viele Frauen darunter – spielten mit einer Begeisterung und Emotion, die ansteckend wirkte.

Cem Mansur, Foto © Stefan Pieper
Cem Mansur, Foto © Stefan Pieper

Brücken bauen zwischen Kulturen und Generationen mit İlyun Bürkev

Benjamin Brittens „Four Sea Interludes“ aus der Oper „Peter Grimes“ führten einen kraftvollen, lautmalerisch bezwingenden Einstieg herbei. Das Orchester malte Brittens Meeresbilder mit großer Klangfantasie und ließ die Dynamik atmen, als würden riesige Wellen die Elphi fluten. Besonders die Sturmszenen kamen mit voller Wucht zur Geltung – ein besseres Intro zu İlyun Bürkevs Grieg-Konzert wäre definitiv nicht denkbar gewesen. Nach der Pause überraschte der türkische Komponist Cem Esen mit seinem Werk „Sarcasm“. Der Titel ist Programm: Esen lotet hier die expressive Bandbreite des Sinfonieorchesters aus und verbindet postromantische Klangpracht mit beißender Ironie. So geht sinfonische Persiflage: Bereits das Hauptmotiv des Stückes spottet über sich selbst und über vermeintliche Konventionen. Die Streicher attackieren es in frechen Synkopen, während die Holzbläser spöttische Kommentare dazwischenwerfen, als würden sie sich über ihre eigene Ernsthaftigkeit lustig machen.Den krönenden Abschluss bildete Beethovens berühmte Fünfte Sinfonie. Die Musiker packten das monumentale Werk mit der nötigen Kraft an, ohne in platte Effekthascherei zu verfallen. So konnten die berühmten Eröffnungsschläge eine Spannung entwickeln, die bis zum triumphalen Finale dieses großen Abends der diesjährigen Ausgabe des SHMF reichte. Und ja – dieser Abend hatte mal wieder sein Publikum spüren lassen, was Musik leisten kann: Nämlich Brücken bauen zwischen Kulturen und Generationen. İlyun Bürkev wie auch sämtliche Mitglieder des Turkish Youth Philharmonic verkörpert eine neue Generation von Musikerinnen, die international ausgebildet sind und doch ihre kulturellen Wurzeln pflegen. Es lohnt sich übrigens, Ilyun Bürkevs Social-Media-Kanäle aufzurufen, in denen sie viele anschauliche Argumente für das große Abenteuer der klassischen Musik liefert – und auch in ehrlichen Worten verrät, was sie antreibt.

Titelfoto © Stefan Pieper

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Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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