Einfach Klassik.

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Ingrid Stölzel Three Silent Things Cover

Ingrid Stölzel: Three Silent Things im Review

Ich weiß nicht, wie man auf dieses Albumkonzept kommt, aber wenn man „Three Silent Things“ mit Werken der amerikanischen Komponistin Ingrid Stölzel hört, dann wirkt das Vorhaben sehr schlüssig. Vier Vokalwerke Stölzels sind auf dem Album vereint, und sie wurden von Musikerinnen eingespielt, die die Kompositionsprofessorin an der University of Kansas School of Music bereits aus längerer Zusammenarbeit kennt. Die Stücke stammen aus den Jahren 2018–2023 und sind Vertonungen von Gedichten vier unterschiedlicher Lyrikerinnen.

Ein außergewöhnliches Albumkonzept

Doch Vorsicht, „Vertonung“ steht hierbei nicht für die Umsetzung des Textes in eine Gesangstimme mit zusätzlicher Begleitmusik. Vielmehr lässt Stölzel alle beteiligten Instrumente das jeweilige Gedicht darstellen, die somit gleichberechtigt sein sollen. Folgerichtig sieht die Komponistin diese Werke nicht in der Gattung „Lied“, sondern zielt auf vokale Kammermusik ab. Und das ist beim Hören ein wichtiger Unterschied. Die Gleichberechtigung der Stimmen will wirklich mitgehört werden, dann gibt sie der Musik große Tiefe, sowohl klanglich als auch inhaltlich.

Ingrid Stölzel
Ingrid Stölzel, Foto von Cristian Fatu

Harmonie als erzählerische Kraft

So beginnt das gleich mit „Livid Loneliness of Fear“, einem fast 15-minütigen Stück für Mezzosopran, Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Schlagzeug zu einem Gedicht von Amelia Earhart. Die 1897 geborene Flugpionierin war nicht nur leidenschaftliche Kämpferin für Frauenrechte, sie war auch passionierte Lyrikerin. Ihr Gedicht „Courage“ nahm Ingrid Stölzel als Grundlage und übersetzte es in eine wunderbare Konstruktion aus verschiedenen Klangräumen und deren Verläufen. Hier wird mir schon wieder klar, dass die Komponistin, auch wenn sie meist als Melodikerin gilt, für mich noch etwas anderes weit mehr ist: Harmonikerin! Ihre Herangehensweise, eine vielschichtige, aber doch gut durchdringbare Harmonie zu setzen und aufzubauen, sie dann leicht zu verändern und sie wandern zu lassen, zieht sich durch weite Teile ihrer Arbeit und ist ein mächtiges Instrument, um eindrucksvolle, emotionstiefe und einfach sehr schöne Musik zu schaffen. Gemeinsam fliegen wir also durch Earharts und Stölzels „Livid Loneliness of Fear“ und bewegen uns dabei immer wieder durch die Töne A und E, die Initialen der Fliegerin. Annie Rosen koloriert als dunkeltönige Mezzosopranistin oftmals bewusst in tieferen und unteren Mittenfrequenzen. Dabei fügt sie sich immer ins Ensemble ein, ganz konform der Gleichberechtigung der Stimmen. Generell stehen Einzelleistungen auf diesem Album immer im Kontext, interagieren sogar mit ihm. Das Eröffnungsstück des Albums bringt uns aber auch die immer wieder aufblitzende, klangliche Kooperation von Flöte (Daniel Velasco), Klarinette (Justin Harbaugh) und Violine (Véronique Mathieu), die dann kurzzeitig verkoppelt werden und eine kleine Gruppe in der Gruppe bilden. Die drei Musiker*innen führen das auch bewusst in schöner Einigkeit und Synchronität aus, ein weiteres kleines Highlight der Platte.

Klangfarben zwischen Stimme und Ensemble

Im zehnteiligen Zyklus „To One Beyond Seas“ für Sopran, Violine und Klavier verarbeitet die Komponistin Gedichte von Emily Pauline Johnson. Die Sopranistin Sarah Anderson Tannehill begeistert mit sehr variabler Formantsteuerung, sie moduliert ihre Klangfarben auch innerhalb von längeren Tönen sehr malerisch und geht vorsichtig mit hohen, eher schrillen Frequenzen um. Gerade die hohen, aber leisen Töne singt sie mit viel Luft, was dem Ton sehr schöne Tiefe und Zerbrechlichkeit verleiht. Besonders gefällt mir aber das Spiel der Pianistin Ellen Sommer. Sie zeigt großes Gespür für Erzählung und für Balance mit dem gesamten Ensemble. Außerdem hat sie rein spielerisch viele Stärken, ihr differenziertes Anschlagspiel bringt viele Farben auf die musikalische Leinwand, und dann zeigt sie auf „Three Silent Things“ auch eine sehr tief modellierte Dynamiktopographie. Durch dieses gekonnte, über längere Abschnitte perfekt durchgeplante Laut-Leise-Spiel kann sie die Hörer*innen wirklich mitnehmen und damit das Albumkonzept der musikalischen Übertragung von Lyrik wunderbar umsetzen.

Auch im letzten Werk des Albums, „Silent Music of Infinity“ nach Texten von Sara Teasdale, wirkt die Pianistin wieder so universell und flexibel in der Gestaltung ihrer Rolle, an manchen Stellen richtiggehend orchestral, dann wieder als forderndes Gegenüber zur Gesangsstimme, die hier von der Sopranistin Stella Markou mit viel Konzentration auf Tempo und seine feinen Veränderungen ausgeführt wird.

Musik als emotionaler Raum

Ingrid Stölzels Musik eröffnet nicht nur musikalische und inhaltliche Sphären, es sind auch beeindruckende Gefühlsräume, die entstehen und einladen, betreten zu werden. Und zusammen mit der perfekten Auswahl an Musiker*innen wird „Three Silent Things“ zu einer ganz besonderen Hörfreude.

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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