Einfach Klassik.

Einfach Klassik.

Interview mit Blaise Ubaldini – Komponist zwischen Neuer Musik, Clubkultur und Avantgarde

Die Avantgarde sollte mal Konventionen sprengen. Heute ist sie selbst zur Konvention erstarrt – mit eigenen Codes, Festivals und Förderstrukturen. Im Blaise Ubaldini Interview räumt der französische Komponist auf mit diesen Festlegungen. Auf seinem Album „In Between“ lässt er ein Streichquartett auf Trap-Beats treffen, mischt Neue Musik mit Clubkultur und Freejazz. Klingt nach Chaos? Ist es auch – aber ein produktives. Am Telefon zwischen Los Angeles und Europa erzählt Ubaldini, warum er sein erstes Album nie hören wollte, was David Lynch mit Modular-Synthesizern zu tun hat und warum die beste Avantgarde die ist, die keine sein will. 

Blaise Ubaldini zwischen Neuer Musik und Clubkultur

Du pendelst in der letzten Zeit viel zwischen der Schweiz und Kalifornien – wie fühlt sich dieser Kontrast für Sie an?

Es ist wie zwei verschiedene Atemzüge. L.A. atmet laut, grell und weit — da kommen Bilder, Stimmungen und eine Art von Übermut, die sofort in Musik umsetzbar ist. Die Schweiz ist das Gegenstück: ruhig, geordnet, ein Ort zum Nachdenken. Beides zusammen macht mich produktiv. Die amerikanischen Eindrücke waren oft schon in mir, aber erst hier habe ich verstanden, woher sie stammen

Worin besteht der Unterschied zwischen Ihrem neuen Album und dem Vorgänger? 

Das erste Album war eher eine Sammlung von Momenten. In Between ist ein erzähltes Ganzes. Ich wollte kein loses Portfolio, sondern ein Werk mit innerer Logik, wiederkehrenden Motive und Stimmungen, also mehr Roman als Kurzgeschichtensammlung.

Los Angeles, Klangbilder und kulturelle Horizonte

Welche Rolle spielt Los Angeles klanglich auf dem Album? 

L.A. ist für mich eine Stadt der Gegensätze: Es gibt diese Morgen, wenn Orange in Violett kippt, Neon, endlose Highways — das sind Bilder, die sich direkt in Klang übersetzen lassen. Traum und Dystopie liegen nah beieinander. David Lynchs Lost Highway hat mir gezeigt, wie man diese Ambivalenz musikalisch fassen kann. In L.A. entstehen Ideen ohne den europäischen Filter, und das hat dem Album eine andere Tonalität gegeben.

In Between – Produktionsweise, Ästhetik und Grenzüberschreitungen

Wie sind Sie praktisch an die Produktion herangegangen? 

Einige Teile waren bereits komponiert — das Streichquartett in sieben Sätzen zum Beispiel. Dann habe ich diese Sätze neu kontextualisiert: Elektronik, Texte, Stimmen dazu, manchmal radikal umarrangiert. Vieles entstand improvisiert am Modularsynthesizer oder direkt im Studio. Ich nenne das „De-Arrangement“: zurück zur ursprünglichen Idee, bevor ein Stück durch einen bestimmten Kontext geformt wurde.

Das Album verbindet auf sehr originelle Weise klassische Instrumente mit Club- und Popästhetik. Was war die Idee dahinter? 

Ich habe Musiker aus verschiedenen Szenen eingeladen und das Mixing als kreatives Werkzeug genutzt. Jean Lamoot sollte den Orchesterklang nicht „natürlich“ lassen, sondern ihn formen, damit er poppiger und farbiger wird. Für das Mastering habe ich Andrew Garver in den USA geholt, um noch eine andere Klangfarbe einzubringen: einen dickeren, amerikanisch geprägten Sound. So entsteht ein Dialog, kein Hierarchiediktat.

Warum ist Ihnen diese Mischung von Ästhetiken so wichtig? 

Weil ich es satt habe, dass Einflüsse nur als Zitat durch die akademische Brille laufen. Rock, Pop, Elektronik sind keine Accessoires, sondern Denkweisen. Ich will, dass sie gleichberechtigt sind, dass keine Szene die andere dominiert. Das ist für mich echte Integration, nicht bloßes Aneinanderkleben.

Hat Ihr theoretisches Studium in Los Angeles Ihre Arbeit verändert? 

Ja. Meine Forschung verbindet Komposition, Kulturtheorie und Neurowissenschaften. L.A. ist kulturell horizontal: viele Subkulturen existieren nebeneinander, ohne dass eine alles erklärt. Das hat mir geholfen, Einflüsse nicht hierarchisch zu ordnen, sondern als gleichwertige Ressourcen zu sehen. Das verändert, wie ich komponiere und produziere.

Avantgarde, Offenheit und die Frage nach künstlerischer Identität

Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Avantgarde?

Die Avantgarde hat sich institutionalisiert und ist damit teilweise selbst zur Konvention geworden. Sie hat Codes, Festivals, Förderstrukturen — und damit wird das Brechen von Regeln wieder attraktiv. Ich suche Offenheit. Die beste Avantgarde ist für mich die, die gar nicht mehr Avantgarde sein will, sondern einfach gute, neugierige Musik macht.

Brauchen Komponisten heute noch eine klar erkennbare „Stimme“?

Die Idee der festen, leicht identifizierbaren Stimme ist mir zu eng. Ich arbeite lieber im unscharfen Raum zwischen Stilen. Dort passieren die interessanten Dinge: Widersprüche, Überschneidungen, Überraschungen. Diese Unschärfe ist meine Signatur.

Blaise Ubaldini, Foto (c) Christian Meuwly
Blaise Ubaldini, Foto (c) Christian Meuwly

Warum haben Sie Texte von Henri Michaux verwendet? 

Michaux ist schwer zu fassen, das ist weder klassische Poesie noch Philosophie, eher eine Art mystische Kartographie des Bewusstseins. Seine Texte sind assoziativ, unklassifizierbar, und das passt perfekt zu meinem Anliegen, Kategorien zu sprengen. Michaux beschreibt Wege aus dem Gefängnis der Gewohnheit. Ich sehe darin eine starke Metapher für Musik, die Grenzen aufweicht.

Wie stellen Sie sich eine Live-Aufführung von In Between vor?

Live wird das Album nicht einfach reproduziert, sondern weitergedacht: mehr Freejazz und mehr Improvisation. Jedes Konzert beginnt mit einem Tuning-Moment — einer freien Improvisation, die Musiker, Publikum und Raum einbezieht. Die Bühne soll ein Treffpunkt sein, wo Leute aus der Contemporary-Szene neben einem Club-Publikum sitzen und etwas Gemeinsames erleben.

Was möchten Sie mit diesem Album letztlich erreichen? 

Ich möchte die Musik machen, die ich wirklich mag. Keine neue Schublade, keine Selbstvermarktungsideologie. In Between soll Welten zusammenbringen und etwas Neues ermöglichen. Es geht darum, Räume zu öffnen, in denen Vielfalt produktiv wird — nicht als Konzept, sondern als gelebte Praxis.

Blaise Ubaldini, vielen Dank für dieses Interview!

Titelfoto (c) Christian Meuwly

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
Dots oben

Das könnte Dir auch gefallen

Dots unten
Dots oben

Verfasse einen Kommentar

Dots unten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter

Icon Mail lg weiss

Bleib informiert & hol dir einen
exklusiven Artikel für Abonnenten