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Einfach Klassik.

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Interview mit dem Chronatic Quartet  zur CD „Karneval der Tiere“

Das 2017 gegründete Chronatic Quartet hat sich in der Kammermusik dem Crossover verschrieben. Das zeigt sich schon an seiner Besetzung mit Tobias Paulus, Violine, und Benedikt ter Braak am Klavier sozusagen auf der Klassikseite und mit Marco Tiziano Alleata, Bass, und Jan Friedrich am Schlagzeug in der Rhythmussektion. 

Auch der Name „Chronatic Quartet“ weist darauf hin, dass ihr aus der üblichen Schablone abweichen wollt. Was steckt dahinter? 

Tobias Paulus: Von der Idee her Chronatic wegen Kronos – der Zeit, was da so ein bisschen mit drinsteckt und gleichzeitig Matic- also das chromatische vielschichtige, vielfarbige in der Musik, die wir spielen und so ist diese Wortkomposition entstanden.

Für die Kompositionen ist der Pianist und Komponist Benedikt ter Braak zuständig.

Benedikt ter Braak: Das Schöne ist ja, dass heute unfassbar viel Musik zugänglich ist. Man kann ja gerne Streaming und alles verteufeln, aber wenn man Musik kennenlernen will, dann kann man das heute problemlos. Wenn man eine gewisse Offenheit entwickelt gegenüber allen möglichen Stilen, dann merkt man auch, wie unglaublich fruchtvoll das ganze sein kann und wie inspirierend auch viele Dinge sind, die man sonst vielleicht gar nicht versteht. Es ist alles Vergangenheit und alle Musik, der wir uns aus der Vergangenheit bedienen, ist wie ein endloser Pool von Ideen, aus denen ich schöpfen kann und denke, es wäre doch schön, diese Idee noch einmal frisch auszudrücken – zeitgeistlich auszudrücken. Das passte dann dazu, dass Kronos in der griechischen Mythologie ja die Personifizierung der Zeit selbst ist.

Schon in eurem ersten Album „Patchworks“ von 2020 verschmolz klassische Kammermusik mit Jazz und Pop. Damit hatte ihr viel Erfolg. Eure neue CD widmet sich dem Komponisten Camille Saint-Saëns und seinem Werk „Der Karneval der Tiere“. Welche Idee steckt dahinter?

Benedikt ter Braak: Wir wollen eine neue Geschichte erzählen mit mehr Fokus auf Klassik und mehr Fokus auf Rekompositionen im Vergleich zu Medleys. So haben wir die Idee für das neue Album entwickelt. Wir widmen uns da wirklich einem klassischen Werk. Diese Verschmelzung der Stile entstehen nicht einfach, indem wir verschiedene Stückteile aneinanderketten; sondern dass wir wirklich ein Werk nehmen und das in neuer aktueller Zeitgeistsprache ausdrücken.

Marco Tiziano Alleata: Es ist eine unglaubliche Ehre und Bereicherung, dass Benedikt unserer Formation beigetreten ist, denn er ist nicht nur Pianist sondern auch Komponist. Er hat natürlich fundierte Kenntnisse, was die ganze Klassik angeht, aber er denkt auch sehr modern, was neue Genres angeht. Und die Kombination passt einfach wie die Faust aufs Auge für dieses Ensemble.

Wie ist aus der Idee, sich einem größeren Werk zu widmen dann die konkrete Umsetzung entstanden?

Benedikt ter Braak: Saint-Saëns „Der Karneval der Tiere“ hat sich erstmal als Experimentierfeld total gut geeignet. Es ist gar nicht so einfach, für diese Besetzung zu schreiben, weil es schon so eine klassische Formation mit Rhythmusgruppe und Leadinstrument ist. So sehr stark in eine kammermusikalische Richtung kann man damit gar nicht gehen. Deshalb musste ich einen anderen Weg finden, die Stücke auf diese Besetzung zuzuschneiden.  „Der Karneval der Tiere“ hat sich auch deshalb angeboten, weil es kurze Stücke sind, bei denen ich viele aphoristische Ideen hatte, die ich dann nehmen und ausarbeiten konnte. Wenn man jetzt an den Esel denkt, was einfach nur so ein kleines Motiv ist oder die Kängurus, die einfach nur eine Spieltechnik sind, reicht das als Grundlage schon für die Assoziation und von da aus kann dann die eigene kompositorische Idee weiterwandern. Und dieses Werk habe ich also komponiert. Trotz allem ist es so, dass es im Probenprozess so ist, dass wir an diesen Ideen weitergefeilt haben. Aber die Grundstruktur, die gebe ich vor. Es ist so ein bisschen wie ein Rohbau von einem kleinen Haus, und das möblier ich dann natürlich nach meinen Vorstellungen, aber jeder hat dann noch eigene Ideen – vielleicht mal das Sofa an eine andere Wand, um in diesem Bild zu bleiben.

Marco Tiziano Alleata: Sehr viel Arbeit setzt du natürlich auch mit Tobias um, weil ihr beide ja den klassischen Fokus habt. Was ich toll finde an diesen Kompositionen: Es bringt mich oder uns alle an unseren Instrumenten viel weiter. Sagen wir‘s mal so, Benedikt komponiert Dinge, die kein Bassist spielt und das ist genial.

Jan Friedrich: Ich als Schlagzeuger brauche eigentlich immer fünf Hände…

Benedikt ter Braak: ich nehme immer schon mal so eine Demo auf, zuhause auf meinem Keyboard, damit die Anderen sich das schon mal anhören können. Und dann macht es am Schlagzeug „zack buff zack“ und ich denke, Jan weiß dann schon wie er das umsetzt und Jan sitzt dann da und sagt, „das höre ich jetzt genau so raus“ und dann kriege ich den Anruf, „Benedikt das geht gar nicht“.

Jan Friedrich: Beim Karneval der Tiere war es so, dass ich dachte, es soll ganz genauso sein wie auf der Demoaufnahme, weil das ja alles in Benedikts Kopf entstanden ist, aber er hat es eher als Idee verstanden – ich soll da was draus machen. Ich wollte es möglichst genau nachspielen und habe dann an gefühlt fünfzehn Stellen gedacht, so das mache ich jetzt mit der Hand, das mache ich mit dem Fuß und das mit der anderen Hand und dann…. , meine Gliedmaßen haben einfach nicht ausgereicht. Und da war dann irgendwann klar, ich habe auch den Freiraum, die Dinge so zu interpretieren, wie ich das als Schlagzeuger wiedergeben kann. 

Chronatic Quartet
Chronatic Quartet

Habt ihr alle ein Lieblingstier beim Karneval?

Marco Tiziano Alleata: Meine Lieblingsstücke sind die Kängurus und der Kuckuck. Das ist spielerisch technisch sehr kompliziert für den Bass. Das hat rhythmisch und harmonisch die interessanten Verflechtungen. Ein kleines Bassfeature gibt es dann natürlich auf dem Album mit dem Elefanten. Da hat mein Instrument die Hauptrolle und spielt das Thema. 

Benedikt ter Braak: Fies den Komponisten das zu fragen, das ist so ein bisschen wie zu fragen, hast du ein Lieblingskind. Natürlich liebe ich alle meine Kinder gleich. Ich verrate niemandem, dass es eigentlich die Hühner sind, die finde ich sehr gelungen und die machen mir immer sehr viel Spaß.

Tobias Paulus: Die fiese Antwort wäre jetzt natürlich zu sagen, der Schwan, weil wir da nichts dran verändert haben, den spielen wir Original – das Adoptivkind sozusagen. Den spielen wir nur mit Geige und Klavier. Ansonsten ist das schwierig, ich spiele sehr viele Stücke gern und sie sind so unterschiedlich. Aber sagen wir der Hausesel, der macht besonders viel Spaß von vorne bis hinten und ist sehr abwechslungsreich. Was als Vorlage da war und jetzt als Ergebnis dabei herausgekommen ist, das ist cool.

Jan Friedrich: Ich bin auch für den Hausesel. Das Stück macht für mich den meisten Spaß zu spielen und dabei das Publikum zu sehen. Vor allem wenn die Leute wissen, dass das nur die Lautmalerei bei Camille Saint-Saëns ist. Sonst ist der Schwan auch ein Favorit von mit – da hab ich mal Pause – Aber im Ernst, ich spiel alles sehr gern, jedes Stück hat etwas sehr Spannendes. Und bei den Pianisten spielen wir dann tatsächlich zu viert am Klavier – vier Leute achthändig.

Benedikt ter Braak: Das hat zum Komponieren am meisten Spaß gemacht, weil das im Original ja einfach nur eine Übung, quasi Tonleiter, wie in der ersten Klavierstunde ist. Es ist ja ganz bewusst von Saint-Saëns so stupide gehalten. Pianisten haben häufig genug den Fokus und sind häufig genug die „wilden Bühnentiere“, so dass er denen keine Charakter zugeschreiben hat. Das sind einfach die Pianisten, die sind schon Tiere genug – und dann ist das Stück einfach nur so dumm. Es ist gewollt so und das ist auch okay. Aber dann habe ich gedacht, das mache ich jetzt so richtig schön – so „guilty pleasure“ schön. Alle Kitsch-Klischees, die mir aus der Romantik einfallen zusammen und dann natürlich alle vier am Klavier. Zum Komponieren hat das am meisten Spaß gemacht. Spielen ist immer sehr spannend – es ist super eng.

In eurem Namen Chronatic Quartet bezieht ihr euch ja auf die Zeit. Heißt das für dich als Komponisten, du bleibst nicht in der Gegenwart stehen, sondern schaust auch ein wenig in die Zukunft?

Benedikt ter Braak: Die Forschung an Zukunftsmusik ist eher anderen Stylistiken vorbehalten, uns geht es mehr um das Einfangen eines gewissen Zeitgeistes. Und der Zeitgeist geht im Moment in die Richtung kreativer Umgestaltung von dem, was man als klassischer Musiker so gewohnt ist, wenn man sein Leben lang interpretiert hat, von anderen Künstlern und seltenst auch mal Künstlerinnen. Und wenn man sich schon so lange die Frage gestellt hat, wo geht es eigentlich mit der klassischen Musik hin – ist die Klassik eigentlich tot? Das ist ja eine ewig wiederkehrende Frage. Wo man dann merkt, die liegt eher im Koma, sie will nicht sterben, sie kommt immer wieder. Sie wird immer wieder neu belebt. Die Ideen, die Klassik immer wieder neu zu beleben, weil sie Botschaften, Haltungen und Emotionalität in sich trägt, die allgegenwertig, zeitlos und allgemein menschlich zu sein scheinen. Das lohnt sich, dass in unserer Sprache zu übertragen. Und dieser Versuch der Verbindung des Zeitgeistes mit der Klassik, das ist das worum es uns geht. Die Zukunft wird damit automatisch mitgestaltet, aber es ist Stein um Stein.

Hast du stilistische Vorlieben? Ich habe Funk, Latinorhythmen, aber auch Folk und Pop gehört.

Benedikt ter Braak: Es ist häufig das, was mir über den Weg läuft. Das die Hausesel so folkloristisch geprägt sind, hat natürlich viel damit zu tun, dass ich da gerade eine gewisse Inspiration hatte und ich habe in der Zeit so ein gälische Sängerin aus Schottland entdeckt, die unglaublich schöne Musik gemacht hat, die einen unglaublich interessanten Gesangsstyl hatte und die gesamte Inspiration ist in dies Stück geflossen. Je länger sich so ein Kompositionsprozess hinzieht und das ist ja bei 14 Stücken auch einiges –so ein dreiviertel Jahr mit Pause – und jeder Musikstil, den man dann adaptiert und versucht zu zitieren, der muss sich gerade authentisch anfühlen. Und da ist es natürlich sehr vom Moment abhängig. Wenn man dagegen die Fossilien hört, die so rockig, ein bisschen minimalistisch daherkommen – auch etwas Fusion steckt da mit drin – da merkt man, das Stück ist zu einem anderen Zeitpunkt entstanden als die Pianisten oder als der Löwe und das soll auch so sein. Es steht und fällt dann auch immer mit dem Schlagzeuggroove, wenn das gefühlt werden kann, dann ist es auch das richtige. 

Wie fühlt es sich als Schlagzeuger an, in einem Quartet mitzuwirken, das für den Opus Klassik im Bereich Kammermusik nominiert worden ist?

Jan Friedrich: Es hat für beide Seiten Vorteile, aber es gibt auch Schwierigkeiten oder Hindernisse, die zu überwinden sind. Zum Beispiel bei Live-Auftritten ganz klassisch das Thema Lautstärke. Weil das Schlagzeug einfach sehr physisch gespielt wird und je eingeschränkter man in der Lautstärke ist, desto schwieriger ist es, dass man gewisse Bewegungsabläufe noch richtig abspulen kann, das das funktioniert. Es ist ein bisschen so, als würde ich mit gebundenen Händen spielen. Es ist die Herausforderung am unteren Rand der Dynamikgrenze zu spielen und trotzdem nicht langweilig zu klingen oder dass es dann langsamer wird oder einfach nicht mehr groovt. Dadurch, dass ich so gar nicht aus der Klassik komme, sondern ein total neu beschriebenes Blatt bin, spiele ich so, wie ich es denke. Ich bin eher der Rock-Pop-Drummer, aber Benedikt hat noch genügend Zeit, mich zu schleifen, so wie er es denn braucht.

Ihr wurde ja insgesamt viermal für den Opus Klassik nominiert, was hat das für euch bedeutet?

Marco Tiziano Alleata: Es ist einfach schön nominiert worden zu sein. Uns hat besonders gefreut, dass wir in vier sehr verschiedenen Kategorien eingeordnet worden sind, dass wir auch tatsächlich in der Kategorie Kammermusik Einspielungen waren, hat mich jetzt persönlich überrascht, finde ich aber super.  Ich finde das gut, weil es auch nach außen hin zeigt, dass die Leute verstehen, was wir wollen. Wir sind eine Band, die Kammermusik macht und gleichzeitig dann auch in der Kategorie Neoklassik – neue Klassik ohne Grenzen nominiert wurde und für die Ersteinspielung – das macht natürlich Sinn.

Ich danke euch für dieses erfrischende Gespräch und wünsche euch für die Zukunft ganz viel Erfolg.

Das Album

Icon Autor lg
Als Hörfunkjournalistin habe ich die unterschiedlichsten Formate von der Live-Reportage, über Moderationen bis zum Feature bedient. In den letzten Jahren habe ich meine inhaltlichen Schwerpunkte auf die Kultur gelegt. Als Ethnologin interessiere ich mich schwerpunktmäßig für außereuropäische Literatur. Doch war Musik schon immer mein großes Hobby – Singen in vielen Chören begleitet mich durch mein Leben. Seit einiger Zeit bin ich im Vorstand von Orso Berlin e.V. an der Organisation und Durchführung von großen Konzerten in der Philharmonie mit unserem eigenen Chor und Orchester beteiligt und stehe auch auf der Bühne. Somit ergeben sich bei Gesprächen mit Profimusikern viele Anknüpfungspunkte. Es interessiert mich besonders, welchen ganz persönlichen Zugang die Musikerinnen und Musiker zu ihren jeweiligen Werken finden – oft auch verbunden mit dem Brückenschlag zu anderen Kulturen.
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