Einfach Klassik.

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Maximilian Haberstock im Interview: Ein junges Orchester

Maximilian Haberstock ist ein 21jähriger Dirigent, Pianist und Komponist. Mit sechs Jahren hat er angefangen Klavier zu spielen, mit etwa neun begonnen zu komponieren und mit 13 die ersten Preise als Pianist gewonnen, ist in der Carnegie Hall aufgetreten und hat mit Lang Lang im Duett gespielt. 

Vom „Wunderkind“ zum Dirigentenfokus

Maximilian Haberstock, Sie waren damals gerade an der Grenze zum Teenager, würden Sie sich als „Wunderkind“ bezeichnen?

Ich habe deswegen immer den Begriff Wunderkind gemieden, weil er in gewisser Weise nahelegt, dass einem alles einfach so zugefallen sei, jedoch ausklammert, dass dabei sehr viel Arbeit hinter all dem steckt. Natürlich bin ich dankbar für eine gewisse Begabung, die von mir allerdings auch eine hohe Selbstdisziplin verlangt, alle Veranlagungen entsprechend auszuformen und auszubilden. Deshalb bin ich bei dem Begriff Wunderkind, eher vorsichtig. 

Sie sind Pianist, Komponist und Dirigent. Worauf legen Sie Ihr Hauptaugenmerk im Moment? 

Primär bin ich Dirigent und das eigentlich schon seit einigen Jahren. Es war gut, dass ich einige Zeit dreigleisig fahren konnte. Aber ein sehr wichtiger Mentor für mich, Mariss Jansons, den ich bereits mit elf Jahren kennenlernen durfte, hatte mir von Anfang an gesagt, dass alles einen Fokus braucht. Der liegt bei mir nun absolut im Dirigieren, während das Klavier und das Komponieren diese optimal beflügeln.

Das heißt, Sie treten nicht mehr als Pianist auf?

Zurzeit fehlt mir der Freiraum öffentlich als Pianist aufzutreten; aber ich lerne nach wie vor das ganze Repertoire, das ich dirigiere, auch am Klavier. Bei Opernproduktionen zum Beispiel, arbeite ich mit den Sängern wichtige Abschnitte der Werke vom Klavier aus. Ebenso verständige ich mich mit den verschiedenen Solisten meiner Symphoniekonzerte vom Klavier aus. Ich spiele also nach wie vor noch sehr viel und nutze es vor allem im Dienste meines Dirigierens. Selbiges gilt fürs Komponieren; das ganze musiktheoretische Wissen, welches man sich nicht nur durch theoretische Studien, sondern auch durch praktisches Komponieren aneignet, ist von unschätzbarem Wert.

Dirigieren als Kommunikations- und Führungsberuf

Als Komponist sitzt man allein in seinem Kämmerlein normalerweise, als Pianist spielt man auch meistens solistisch. Als Dirigent ist man derjenige, der ein Orchester zu führen und zu leiten hat. Das mit 21 ist ziemlich ambitioniert. Wie gelingt Ihnen das? 

Natürlich mag ich für einen Dirigenten sehr jung erscheinen. Ich habe jedoch bereist mit elf Jahren angefangen Orchester zu dirigieren und mich dabei von Anfang an sehr wohlgefühlt. Natürlich ist jede Begegnung mit einem neuen Orchester immer etwas Besonderes, aber mit den Jahren mir immer vertrauter. Selbstverständlich geht mit dem Dirigierberuf eine große Verantwortung einher, die im Komponieren und Klavier in der Form so nicht existiert. Mein Dirigierprofessor sagt immer den so wunderbaren Satz: Dirigieren ist eigentlich ein Kommunikations- und Führungsberuf, der rein zufällig etwas mit Musik zu tun hat. Gerade dieses finde ich an dem Dirigierberuf so faszinierend. 

Der Weg zum eigenen Orchester

Sie reisen nicht nur durch die Welt und dirigieren dort, wo Sie angefragt werden, sondern Sie haben ein eigenes Orchester. Erzählen Sie etwas zu der Geschichte und zu diesem Orchester. 

Die allerersten Grundlagen wurden 2019 dafür gelegt. Ich war 15 und hatte zwar schon das ein oder andere Musikschulorchester dirigiert, suchte aber eigentlich nach einer guten Gelegenheit mit „meinem Instrument“ zu üben. Ich habe daher einfach mit einigen Bekannten aus der Münchner Musikhochschule ein kleines Ensemble zusammengestellt, 20 Leute, und wir haben im Schloss Nymphenburg am 1. Dezember 2019 ein reines Haydnprogramm aufgeführt – mit Haydns Abschiedssinfonie und dem D-Dur Klavierkonzert.

Das haben wir im folgenden Jahr 2020 dann mit einem Mozart-Programm und 24 Musikern wieder gemacht. In den nächsten Jahren bekam ich dann regelmäßig Einladungen von professionellen Orchestern und war bei verschiedenen Meisterkursen, so auch 3-mal beim Verbier-Festival in der Schweiz, bereits 2018 als Pianist, 2019 als Junior Conducting Fellow und 2021 dann als Dirigier-Assistent von James Gaffigan. Dabei durfte ich drei Wochen lang mit ihm zusammenarbeiten, wobei ich auch mit den Orchestermusikern gewohnt habe und dadurch einen sehr engen Kontakt zum internationalen Spitzennachwuchs meiner Generation habe knüpfen können. 

Das ist der Grundstock meines Orchesters geworden und bis heute geblieben. Ich habe es dann 2023 unter dem Namen „Junges Philharmonisches Orchester München“ in einem neuen und wesentlich erweiterten Format gegründet; quasi als ein Verbier-Festival-Reunion-Projekt, ergänzt durch junge Musiker aus der Musikhochschule in München. Wir waren 52 Musiker und spielten u.a. Mendelssohns Schottische Symphonie, sowie auch Tchaikovskys Rokoko-Variation mit dem Cellisten Alban Gerhard. Dieses Konzert war so erfolgreich, dass alle miteinander weiter musizieren wollten.

So machten wir 2024 ein weiteres Projekt mit Daniel Müller-Schott und Tassilo Probst als Solisten, das Brahms Doppelkonzert und die Brahms Erste Symphonie. Wir haben nach dem zweiten Konzert eine gGmbH gegründet, Strukturen aufgebaut und Anfang 2025 kam noch ein Freundeskreis dazu.

Unsere erste – noch kleine – Konzerttournee fand dann im Mai 2025 statt; es ging nach Salzburg und München – mit einem reinen Beethoven Programm und Eva Gevorgyan, einer herausragenden, international agierenden Pianistin, die übrigens die jüngste Finalistin im Chopinwettbewerb war, als Solistin.

Wie sehe Ihre Pläne für das kommende Jahr aus, werden Sie sich ausweiten?

Die Projekte werden tatsächlich größer. Im März 2026 steht eine Vierstädte-Tournee, Smetana-Saal in Prag, Kurhaus Wiesbaden, Alte Oper in Frankfurt und Herkulessaal in München an. Das Orchester hat sich sowieso schon stark vergrößert. Wir haben mit 52 Musikern angefangen; ursprünglich sogar mit 20 Musikern. Nunmehr werden bei der nächsten Tournee 93 Musiker auf der Bühne sein. 

Weiterhin plane ich, dass die Projekte immer regelmäßiger werden, dadurch den Spitzennachwuchs unserer Generation zu vereinen, um von Anfang an eine feste Besetzung zu schmieden sowie einen einzigartigen Klang zu entwickeln, um in einigen Jahren international ein neues Spitzenorchester zu etablieren, welches von Anfang an gemeinsam aufgewachsen ist. 

Maximilian Haberstock, Junges Philharmonisches Orchester München
Maximilian Haberstock, Junges Philharmonisches Orchester München

Klangideale und deutsche Dirigiertradition

Sie haben gerade schon gesagt, „um ein einzigartiges Klangbild zu produzieren“, was sind da Ihre Vorstellungen? Was möchten Sie umsetzen in der Musik?

Ich selber fühle mich der klassischen deutschen Dirigiertradition zutiefst verbunden, einer Schule von Richard Wagner initiiert, mit seinen Nachfolgern Mottl und Weingartner, ausgeformt durch Persönlichkeiten wie Knappertsbusch, Furtwängler, Karajan etc. 

Was mich schon immer an diesem Klangbild fasziniert hat, ist dieses warme, dichte, breite, erzromantische Klangbild, welches Christian Thielemann sinnbildlich so treffend als „Fleisch mit einer schönen Rotweinsauce“ beschrieben hat. 

In dieser Tradition sehe ich mich fest verankert. Sie ist nicht eine Anbetung der Asche, es ist das Weitertragen des Feuers, wie Gustav Mahler schon gesagt hat. Dieser Tradition zu einer neuen, international lebendigen Wirksamkeit verhelfen, darin sehe ich eines der wichtigen Aufgabenfelder meiner beruflichen Zukunft.

Das heißt, Sie haben mit Ihrem Orchester sehr langfristige Pläne?

So ist es! Ich möchte eine solche Tradition bei meinem Orchester langfristig etablieren, die sogar von mir als Dirigent unabhängig ist. 

Im nächsten Jahr werden Sie eine Tournee mit Maxim Lando machen. Was fasziniert Sie an diesem Pianisten? 

Ich habe mit Maxim Lando schon öfter musiziert, aber bisher noch nie als Dirigent. Was ich an ihm so schätze, ist seine unbeschreibliche, fast schon manisch besessene Energie, die er ausstrahlt, wenn er spielt. Sein musikalisches Hineinsteigern in die Werke zieht einen derart in den Bann und fasziniert in jedem Ton, den er spielt. Ich freue mich wirklich auf eine Zusammenarbeit nach einigen Jahren – dieses Mal mit einer neuen Perspektive. 

Maximilian Haberstock, Junges Philharmonisches Orchester München
Maximilian Haberstock, Junges Philharmonisches Orchester München

Ich kehre nochmal zurück zu den Anfängen. Stammen Sie aus einer sehr musikalischen Familie?

Ich komme aus einer sehr musikliebenden Familie. Musik seit meiner frühesten Entwicklung absolut allgegenwärtig, präsent, überhaupt kein Fremdkörper. Meine Schwester und ich haben beide von Anfang an sehr guten Klavierunterricht erhalten. So bin ich auf Grund eines familiären Abonnements sehr oft als Kind in die Oper mitgegangen und das auch sehr gerne. 

Sie engagieren sich auch sozial, wie genau sieht das aus?

Ich habe ein Projekt „Young Musicians Live“ eigentlich noch als Kind ins Leben gerufen. Angeführt durch meine Schwester und mich, entstand zusammen mit den anderen Schülern unseres damaligen Klavierlehrers die Idee gemeinsam ein soziales Projekt ins Leben zu rufen. Dieses nannte sich dann „Young Musicians Live“ und hatte das Ziel, klassische Musik Leuten zu bringen, die nicht so einen einfachen, direkten Zugang haben. Also haben wir in Altersheimen gespielt; wir haben Benefizkonzerte zugunsten der klassischen Musikbildung von Flüchtlingskindern gemacht, ähnliche Sachen. Das erfolgreiche Projekt zerfiel dann, als wir alle älter wurden und auseinanderwuchsen. Im Moment fesseln die aktuellen Orchesterprojekte meine gesamte Aufmerksamkeit, aber der soziale Aspekt ist einer, der mir sehr wichtig ist und den ich in der Zukunft auch weiter betreiben werde.

Haben Sie einen großen Traum für die Zukunft? 

Viele! Einen habe ich Ihnen ja schon verraten, dass ich das Junge Philharmonische Orchester München zu einem neuen internationalen Spitzenklangkörper formen möchte. Und es werden sich darüber hinaus noch viele weitere Sachen ergeben: Da können Sie gespannt bleiben!

Maximilian Haberstock, haben Sie ganz herzlichen Dank für dieses anregende Gespräch.

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Als Hörfunkjournalistin habe ich die unterschiedlichsten Formate von der Live-Reportage, über Moderationen bis zum Feature bedient. In den letzten Jahren habe ich meine inhaltlichen Schwerpunkte auf die Kultur gelegt. Als Ethnologin interessiere ich mich schwerpunktmäßig für außereuropäische Literatur. Doch war Musik schon immer mein großes Hobby – Singen in vielen Chören begleitet mich durch mein Leben. Seit einiger Zeit bin ich im Vorstand von Orso Berlin e.V. an der Organisation und Durchführung von großen Konzerten in der Philharmonie mit unserem eigenen Chor und Orchester beteiligt und stehe auch auf der Bühne. Somit ergeben sich bei Gesprächen mit Profimusikern viele Anknüpfungspunkte. Es interessiert mich besonders, welchen ganz persönlichen Zugang die Musikerinnen und Musiker zu ihren jeweiligen Werken finden – oft auch verbunden mit dem Brückenschlag zu anderen Kulturen.
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