Der 28-jährige Geiger Elvin Hoxha Ganiyev hat bereits in der Royal Albert Hall, der Carnegie Hall, dem Kreml, der Berliner Philharmonie und dem Amsterdamer Concertgebouw unter berühmten Dirigenten gespielt und schaut auf eine Menge an Auszeichnungen zurück. Er ist ein Kosmopolit und lebt zur Zeit in Berlin. Die Musik liegt ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Blut.
Elvin Hoxha Ganiyev, bitte, Erzählen Sie von Ihrer Familie.
Ich stamme aus einer alteingesessenen Musikerfamilie. Es begann mit meinem Großvater: Sein Vater war ein Minister und seine Mutter eine Designerin, aber er beschloss, Geiger zu werden und kam aus Aserbaidschan, was damals zur Sowjetunion gehörte. Wie Sie wissen, hatte die Sowjetunion starke Musikschulen in Moskau und St Petersburg und mein Großvater studiert in Moskau bei Dimitri Zyganow. Er wurde ein staatlicher Musiker und spielte etwa 200 Konzerte in der gesamten UdSSR. Mit dem Ende der Sowjetunion ging er nach Ägypten und unterrichtet dort an der Musikhochschule. Noch heute bekomme ich Nachrichten von Musikern, die seine Schüler waren und mir sagen, wieviel sie meinem Großvater verdanken. Anschließend ging er in die Türkei. Ein reicher Geschäftsmann und Professor, İhsan Doğramacı, gründete in Ankara die private Bilkent Universität und berief meinen Großvater, Server Ganiyev, für den Fachbereich Musik. Er gründete das Bilkent Symphony Orchestra, das zeitweilig das berühmteste in der Türkei war. Er holte dazu viele Musiker aus der Sowjetunion und gründete sozusagen eine russische Musikschule in der Türkei, Ende der 80er-Jahre. Später hörte mein Vater, der ein albanischer Cellist ist, von diesem Orchester und wurde der Erste Cellist. Er traf dort meine Mutter, die bereits Klavier an der Universität lehrte. Mein Onkel spielte Geige und so musizierten mein Vater, meine Mutter und mein Onkeln oder mein Großvater sehr häufig gemeinsam. Sie konzertierten häufig als Trio und als meine Mutter schwanger war, 1997, war ich bereits mit ihr auf der Bühne.
Heißt das, dass Ihr Weg als Musiker damit schon festgelegt war?
Ja, als ich geboren wurde, waren sich alle einig, dass ich Musiker werden würde, sie waren sich nur nicht einig, welches Instrument. Natürlich wollte jeder, dass ich ihm folge. Aber meine Großmutter, die ebenfalls Pianistin ist, sagte, sie wolle nicht, dass ihr Enkel das ganze Leben ein Cello mit sich herumtragen müsse – das sei zu schwer – also Klavier oder Geige und dann entschied mein Großvater sich für die Geige. Es gibt eine Menge Videos aus meiner Kindheit, wo ich mit zwei, drei Jahren bei meinem Großvater bin und versuche, ihn „zu begleiten“. Alle waren sich einig, dass ich Talent habe und als ich vier Jahre alt war, begann mein Großvater mit dem Geigenunterricht, etwa drei Stunden täglich.
Wo lebten Sie zu dieser Zeit?
Wir wohnten in Ankara, genauer gesagt in Bilkent, dem Campus der Universität, das war ein abgeschlossenes Gelände. Alle meine Freunde waren auch Musiker, deren Familien bei dem Orchester arbeiteten. Mit fünf Jahren hatte ich vier Freunde, die ebenfalls Musiker geworden sind, die jetzt auch in Deutschland studieren und wir sind immer noch befreundet. In dieser Umgebung waren alle sehr ehrgeizig. Ich spielte mit sechs oder sieben mein erstes Konzert und mit acht Jahren gewann ich meinen ersten Wettbewerb in Moskau. Da gibt es eine lustige Anekdote. Ich konnte damals meine Geige noch nicht stimmen. Mein Vater war mit mir nach Moskau gefahren und als es mir auf der Bühne nicht gelang, meine Geige zu stimmen, kam mein Vater auf die Bühne, nahm meine Geige hielt sie wie ein Cello und stimmte sie. Jeder lachte. Aber ich gewann und gab danach einige Konzerte in Russland. Ich traf Vladimir Spriakov, einen legendären russischen Geiger, der das Moskauer Virtuosi Orchester gründete. Sie hatten eine Stiftung, die junge Musiker unterstützte und er lud mich jedes Jahr ein, im Kreml und anderen großen Konzerthäusern zu spielen, so bin ich viel mit ihm gereist. Dadurch bekam ich viel Selbstvertrauen und Präsenz auf der Bühne. Gleichzeitig, mit acht Jahren, besuchte ich in Kasachstan eine Meisterklasse, die mein Großvater leitete. Danach studierte ich bei Professor Zakar Bron, eine Legende bei der alle namenhaften Violinisten studiert haben, beispielsweise Vadim Repin, Daniel Hope und sogar David Garrett. Nachdem ich einige Stunden bei Professor Bron hatte, ging er zu meinen Eltern und sagte ihnen, er sehe wirklich Potenzial in meinem Spiel und er würde mich gern unterrichten. Darüber waren sie natürlich sehr begeistert, doch damit begannen auch die Schwierigkeiten. Meine beiden Eltern unterrichteten und spielten im Orchester und ich war noch sehr klein und sollte jeden Monat für ein oder zwei Wochen nach Europa reisen, um mit Professor Bron zu studieren.

Wo lebte Professor Bron?
Er lehrte in Köln, Madrid, Zürich und noch an weiteren Orten. Zu meinem ersten Unterricht fuhr ich nach Genua in Italien, dort war ein Wettbewerb, „Premio Paganini“, bei dem er in der Jury saß. Er sagte meinen Eltern, er würde mich dort unterrichten. Ich war sehr nervös. Die Meisterklasse ist eine Sache, aber als sein Einzelschüler, das war etwas anderes. Er war sehr strikt und fordernd, er hat mich nicht wie ein Kind behandelt, sondern wie einen erwachsenen Musikstudenten und er war nicht leicht zufriedenzustellen. Mein Großvater war genauso, aber da ich sein Enkel war, konnte er nicht ganz so streng mit mir sein. Aber ich mochte das. Am Anfang war ich etwas ängstlich und fühlte mich nicht wohl, aber dann versstand ich ihn und kam damit klar. Meine Eltern hatten mir gesagt, das sei die beste Möglichkeit, die ich hätte. Sie meinten, was immer er zu dir sagt, höre auf ihn. Ich begann mich sehr schnell weiterzuentwickeln. Ich durfte kleine Konzerte mit einem Piano oder einem kleinen Ensemble spielen. Ich entwickelte mich nicht nur als Geiger sondern als Künstler. Wenn man auf der Bühne steht ist es anders, als wenn man ein Schüler ist. Man steht vor dem Publikum und muss bei sich bleiben und sein Bestes geben. Diese Jahre haben mir unglaublich viel Vertrauen gegeben und ich begann daran zu glauben, dass mein Leben in eine Karriere münden würde.
Wie alt waren Sie da?
Ich war etwa elf Jahre alt, als ich begann, Konzerte zu geben. Gleichzeitig begannen die Menschen in der Türkei meinen Namen öfter zu hören, bei Wettbewerben und Preisverleihungen. Journalisten schrieben über mich in Zeitungen und ich trat im Fernsehen auf. Als ich dreizehn oder vierzehn war, wurde ich zum Istanbul Klassik Musik Festival, dem größte Festival in der Türkei und auch eins der größten in Europa, zum Eröffnungskonzert eingeladen. Ich war der jüngste Musiker bei dem Eröffnungskonzert und da gilt bis heute, darauf bin ich sehr stolz. Danach ging meine Karriere in der Türkei bergauf. Ich spielte mit allen guten Orchestern und hatte jede Saison fünfzehn bis zwanzig Konzerte mit Orchestern und auch Vorstellungen mit dem Piano oder als Solist. Schon als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger spielte ich mindestens dreißig bis vierzig Konzerte jährlich. Das ist wirklich viel für einen Teenager. Einerseits ist das gut, aber es kann auch gefährlich sein. Eine so junge Person kann zu stark von sich überzeugt sein. Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich sei der Beste in der Welt. Aber dann verstand ich, dass es darum gar nicht geht. Man sollte das Beste aus sich machen und sich nicht vergleichen. Dann mit etwa sechzehn begann ich auch den Druck zu spüren. Langsam kam ich in ein „normales“ Alter und es gab viele Talente um mich herum und ich bekam das Gefühl, ich müsse mehr machen. Das war eine schwierige Zeit für mich, immer in guter Stimmung zu bleiben und zu üben. Es war eine ungesunde Situation immer allein mit Professor Bron zu studieren und nur allein zu üben, vorher hatte mich meine Familie vor allen Einflüssen geschützt, aber nun war ich Kritik ausgesetzt und stellte mich das erste Mal in meinem Leben in Frage. Als ich dann etwas später zu Wettbewerben fuhr und Musiker aus der ganzen Welt traf, aus Südkorea, Japan etc. und sah, wie hoch das Niveau ist, da wurde ich bescheidener und begann mich mehr auf mich selber zu fokussieren. Da begriff ich, ich kann mich nicht mit jedem vergleichen, ich muss hart arbeiten und es geht als Künstler um die Musik und nicht nur um den persönlichen Erfolg. Natürlich wollen wir erfolgreich sein, aber wesentlicher ist, welche Emotionen und welche Qualität wir auf die Bühne bringen. Diese Sichtweise hat mir geholfen.
Haben Sie diese Einstellung zu ihrem Dasein als Künstler allein gefunden oder hatten Sie dabei Hilfe?
Zu dieses Einsicht bin ich selber gekommen. Professoren sprechen selten über psychologische Dinge, weil sie so viele Studenten haben. Natürlich habe ich auch mit meinen Freunden gesprochen, aber es dauerte einige Zeit um anzuerkennen, dass es hilfreiche Kritik gibt. Und natürlich habe ich die ganze Zeit über gespielt. 2013 gewann ich den 3. Preis im David Oistrakh Violinen Wettbewerb in Moskau. Das hat mir sehr geholfen. Und ich wusste, ich bin auf dem richtigen Weg. Dann wurde ich in Madrid für vier Jahre ein offizieller Student von Zakar Bron bis ich 21 Jahre alt war. Ich dieser Zeit habe ich auch Konzerte mit Zubin Mehta, Anne Sophie Mutter und Placido Domingo gespielt, all diese Stars kamen zu unserer Universität und ich erfuhr auch etwas über ihre Vorstellungen und Visionen und das waren wunderbare Erfahrungen in diesen wichtigen Jahren. Nachdem ich vierzehn Jahre mit Professor Bron studiert hatte, beschloss ich, in einem anderen Land zu leben und neue Einflüsse kennenzulernen. So ging ich nach Hannover, um bei Professor Krzystof Wegrzyn zu studieren. Leider begann nach einem Semester Covid für die nächstes eineinhalb Jahre. Wir hatten Unterricht, aber es gab keine Konzerte und ich hatte gehofft, auch in Deutschland bekannt zu werden, aber es gab keine Möglichkeit. Diese Jahre waren die schlimmsten meines Lebens.
Ich habe von mehreren Künstlern gehört, dass sie diese Zeit genutzt haben, um ihre Präsenz in den sozialen Medien aufzubauen. Wie war das bei Ihnen?
Ich hatte bereits vorher Berührung mit den sozialen Medien und ich wollte die Verbindung zum Publikum natürlich nicht verlieren und nahm einige kleine Videos auf, weil in der Zeit jeder Netflix und YouTube anschaute. Also habe ich fast täglich etwas auf Instagram gepostet, wo ich gut eine Minute spielte und zweimal habe ich von Zuhause aus live Konzerte gestreamt. Da hatte ich etwa 3000 Zuschauer, das ist sogar mehr, als in einen Konzertsaal passen. Aber es ist nicht dasselbe Gefühl. Lieber spiele ich im Konzertsaal vor 100 Menschen als im Livestream vor 20 000 Menschen. Dort ist man allein, es gibt keinen Applaus. Aber ich habe tatsächlich während Covid viele Follower gewonnen. Aber mein Traum ist es, Konzerte überall zu spielen und nicht in den sozialen Medien. Ich finde es auch gefährlich, du kannst dort schnell als Influencer wahrgenommen werden, statt als seriöser klassischer Musiker. Das ist eine Gratwanderung. Aber alles in allem war es eine traurige Zeit. Ich bekam eine Einladung in der Türkei, wieder zur Eröffnung des Festivals zu spielen, aber ich durfte nicht fliegen, weil ich noch keine Impfung bekommen hatte. Sie erinnern sich, für junge Menschen war es am Anfang kaum möglich.
Kommen wir nochmal zurück auf ihre Abstammung. Sie haben Wurzeln in Aserbaidschan und Albanien und sind in der Türkei geboren. Wo fühlen Sie sich zugehörig oder zu Hause?
Ich liebe alle drei Länder und möchte da keins auswählen. Aber der Präsident von Aserbaidschan, Ilham Alijew, und seine Frau, die die Vizepräsidentin ist, unterstützen mich, seitdem ich zehn Jahre alt bin. Mehriban Alijewa hat für das aserbaidschanische Orchester Konzerte in Europa arrangiert und ich war der Solist. So bin ich nach Paris gereist und wir haben in der UNESCO Halle gespielt, wir waren in Stockholm, Mailand und vielen anderen Orten. Sie wollten der Welt die aserbaidschanischen Künstler vorstellen, denn davor waren sie kaum bekannt. Von den beiden bekam ich viel Unterstützung. Sie kauften für das Land die ‘Filius Andreae’-Geige von Giuseppe Guarneri und stellten sie mir zur Verfügung. Sie machten sich um viele Künstler verdient. Im November letzten Jahres fand die UN Weltklimakonferenz in Baku statt und sie haben mich eingeladen, dort vor den Präsidenten der Welt zu spielen. Für mich ist es wichtig, dass ein Präsident sich Gedanken über die Kunst und die Künstler macht – in der Türkei ist das nicht so.
Als klassischer Geiger stehen Ihnen die Kompositionen von sehr vielen wunderbaren Komponisten zur Verfügung. Wonach suchen sie aus, was Sie spielen?
Ich finde, die Komponisten haben sich mit der Zeit immer wieder komplett verändert. Seit der Zeit von Bach hat es so viele Richtungen für die Geige gegeben. Aber für mich persönlich ist entscheidend, ob die Musik zu mir spricht, wenn ich die Partituren lese. Wenn ich ein Konzert spiele, möchte ich diese Musik wirklich hundertprozentig verstanden haben. So versuche ich sehr viel über den Komponisten zu erfahren, sein Leben und dann entscheide ich, ob mich diese Musik wirklich anspricht. Wenn sie nach meinen Lieblingskomponisten fragen: Ich liebe Dmitri Schostakowitsch wegen seines Lebens, des Krieges, seiner Studenten, er brachte Weinberg nach Russland, der ebenfalls ein berühmter Komponist ist, er hat mit Kara Karajew, dem besten aserbaidschanischen Komponisten zusammengearbeitet. Für mich hat Schostakowitsch nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch so viel für die Musikwelt getan. All seine Probleme mit dem Regime – seine Musik ist sehr dunkel und tiefgreifend, und das alles bewegt mich und in seinen Violinkonzerten kann man die Zeit erleben. Wenn ich die Musik spiele, bin ich in den 40er-, 50er-Jahren und kann den Krieg fühlen. Leider hat sich bis heute in der Welt nicht so viel verändert, es gibt viele Probleme und so können wir uns mit dieser Musik verbinden. Aber ich liebe auch Barockmusik. Sie zu spielen, ist für mich eine große Freude. Wenn man Bach spielt, sagen einige, es muss sehr seriös sein, aber es kann so spielerisch sein, es gibt so viele Tänze und so viel mehr Möglichkeiten als in der klassischen oder modernen Periode. Man hat die Möglichkeit in der Barockmusik, sich so unterschiedlich auszudrücken, das macht viel Freude, aber bei Schostakowitsch fühle ich die Verbindung zu der Zeit, bei Bach ist mir das in dem Maße nicht möglich.
Auch Karol Szymanowski ist für mich ein wichtiger Komponist. Als ich seine Musik das erste Mal hörte, fühlte es sich für mich an wie Wasser – allerdings im Himmel. Man ist in einer anderen Welt, aber es fließt die ganze Zeit wie ein Fluss, seine Musik stoppt nie. Sie ist so erfrischend und auf der anderen Seite so romantisch und mystisch. Wenn ich seine Musik spiele, bin ich niemals nervös, ich empfinde immer nur wie wunderschön seine Musik ist. Seine Werke für Orchester, Klavier und Geige sind unglaublich. Vor zehn Jahre hörte ich erstmal seine Musik. Im September 2023 fuhr ich nach Polen zu dem Szymanowski-Wettbewerb und gewann dort den zweiten Preis. Die Jury sagte, ich würde seine Musik so gut verstehen, als wäre ich sein Schüler gewesen. Sie spricht wirklich direkt zu mir, also mag ich auch den Impressionismus und natürlich Eugène Ysaÿe.
Seine Werke spielen Sie auf der gleichnamigen CD, die jetzt im Handel ist.
Eugène Ysaÿe war nicht nur ein Komponist für Violinmusik, sondern auch ein sehr berühmter Geiger. Er war sehr beeinflusst von Bachs drei Sonaten und drei Partiten, somit hat er 1923 einen Zyklus von sechs Sonaten geschaffen, und zwar für die Geiger, die er sehr verehrte: Joseph Szigeti (Nr. 1), Jacques Thibaud (Nr. 2), George Enescu (Nr. 3), Fritz Kreisler (Nr. 4), Mathieu Crickboom (Nr. 5) und Manuel Quiroga (Nr. 6). Aber er war nicht nur von Bach beeinflusst, sondern er brachte viel Neues seiner Zeit in seine Komposition mit ein, wie seine Verwendung der Harmonien und Akkorde und den Rhythmus. Wissen Sie, Sologeigenstücke sind oft nicht so interessant es ist wirklich schwierig im Vergleich zum Klavier oder einem Orchester, wo die Akkorde immer die Grundlage bilden. Aber für die Geige als Soloinstrument ist es für den Komponisten gar nicht so einfach, dies zu erschaffen. Man kann ein bis drei Saiten gleichzeitig spielen, aber nicht die ganze Zeit. Man kann Akkorde spielen, aber nicht durchgängig. Doch Ysaÿe ist das irgendwie gelungen, diesen Eindruck zu erwecken und dabei hat er sehr die Möglichkeiten der Geige berücksichtig. Ich habe nie das Gefühl, das ist unmöglich zu spielen. Alles was er geschrieben hat, ist realistisch, spielbar aber trotzdem sehr schwierig. Er spielte selber auf einem so hohen Niveau und auch die Geiger, denen er die Sonaten gewidmet hatten, waren die besten. Somit hat er sich keine Grenzen gesetzt. Wie Paganini zu seiner Zeit. Allerdings hat Paganini verschiedene Techniken erschaffen, während Ysaÿe sowohl technisch als auch musikalisch unglaublich herausfordern ist. So war es für mich sehr inspirierend als ich seine Sonaten erstmals gehört habe. Das erste Album das ich davon gehört habe, war von Leonidas Kavakos. Die Aufnahme ist fast so alt wie ich, aber es ist immer noch mein Lieblingsalbum. Ysaÿe ist einerseits so einfach und gleichzeitig so tiefgreifend. Er ist für mich ein Genie. Es war mir so wichtig zu sehen, was die Geige alles erreichen kann. Somit war es mein Traum, alle Sonaten von Ysaÿe einmal aufzunehmen. Ich hatte nicht gedacht, dass der Zeitpunkt so schnell kommt, ich bin dafür noch sehr jung und hatte gedacht, dass ich das in meinen dreißiger oder vierziger Jahren tun würde.

Wie ist es dann zu dieser Aufnahme gekommen?
Vor zwei Jahren habe ich beschlossen, mehr Alben aufzunehmen ein bis zwei pro Jahr, Vorher waren es nur zwei oder drei insgesamt. Ich möchte nicht nur in Konzerten spielen, sondern auch in der Welt der Geiger etwas hinterlassen, und da ich kein Komponist bin, kann ich nur Aufnahmen und Videos meiner Konzerte machen. Ich habe dann überlegt, was könnte das Beste sein und habe beschlossen, meinen größten Traum umzusetzen und das war Ysaÿe. Aber es war eine schwierige Zeit, denn ich hatte einige Konzerte mit anderen Programmen und dann habe ich mein Studio in Hannover ausprobiert und es war wirklich unglaublich, die Qualität, der Klang, der Toningenieur, aber sie waren sehr ausgebucht und gaben mir zwei mögliche Termine. Einer war unmöglich für mich, der zweite war ein Monat nachdem ich für einen Monat in der Türkei zum Militärdienst gehen musste. Also war ich einen Monat beim türkischen Militär und danach hatte ich vier Wochen, um diese Album vorzubereiten. Natürlich hatte ich die sechs Sonaten schon vorher gespielt, aber während der Armeezeit habe ich die Geige überhaupt nicht angerührt. Danach hab ich dann wie verrückt geübt, denn ich hatte nur drei Tage im Studio und in diesen drei Tagen musste dann alles erledigt werden, sonst ist es vielleicht erst ein Jahr später möglich, wieder einen Termin zu erhalten. Das war ein großer Druck und harte Arbeit. Aber ich habe nicht eine Sekunde an dem Projekt gezweifelt, denn es ist die Musik, die ich liebe und es war mein Traum. Also war diese Vorbereitung eine der härtesten Zeiten in meinem Leben, aber auch eine der besten. Ich will viele weitere Alben aufnehmen, aber dieses ist wirklich sehr besonders bei allem, was ich noch in meinem Leben spielen werde.
Nachdem Sie sich diesen großen Traum schon erfüllt haben, gibt es noch weitere Träume für Ihr Leben?
Ich möchte nicht nur meine musikalischen Träume persönlich umsetzen, sondern auch jungen Menschen helfen, ihre Wünsche zu erreichen, wenn sie Musiker werden möchten. Das ist insbesondre in den Ländern meiner Herkunft nicht so einfach. Wie oft habe ich gehört: Ach du willst Geige spielen, möchtest du auf Hochzeiten Musik machen? Also möchte ich gern angehende Musiker unterstützen, international bekannt zu werden, dass hat schon mein Großvater getan. Ich bin zwar erst 27, aber er ist mein Vorbild, und wenn ich in Ankara bin und jemand kommt zu mir zum Unterricht, dann muss er dafür nicht bezahlen, wenn er kein Geld hat. Ich habe selber so viel Unterstützung erfahren, das möchte ich gern weitergeben.
Elvin Hoxha Ganiyev, haben Sie herzlichen Dank für dieses offene Gespräch und mögen sich Ihre Träume erfüllen.


