Manrico Padovani, in Zürich als Sohn italienischer Eltern geboren, gilt als eines der gößten Talente der Schweiz. Er war der erste Schweizer Geiger, der den gesamten Zyklus der 24 Capricen von Paganini an nur einem einzigen Abend aufführte.
Manrico Padovani, ich kann mir vorstellen für Geiger ist Paganinis Musik in etwa vergleichbar mit der Mona Lisa für bildende Künstler. Sie haben sich für Ihre neue CD zwei Violinkonzerte und eine Sonate Paganinis ausgesucht – warum?
Diesen Vergleich finde ich interessant, auch wenn meine Vorstellung eine andere ist. Ich würde Paganinis Werke eher mit dem Maler Giuseppe Arcimboldo (1526-1593) vergleichen, der im 16 Jhd. ganz Europa mit seinen Porträts, in denen er menschliche Gesichter mit alltäglichen Objekten wie Obst, Gemüse, Bücher, Werkzeuge usw. zusammengesetzt und durch diese Illusion für eine Sensation gesorgt hat. Von Leonardo Da Vinci würde ich musikalisch eine Parallele zu J. S. Bach ziehen, z.B. zu solchen Werken wie die „Goldberg Variationen“. Die Paganini-Aufnahmen auf meiner CD sind in Wirklichkeit ausschließlich Live-Aufnahmen, die nicht mit dem Ziel einer Publikation entstanden sind. Das sind einfach Live-Mitschnitte, die aufgenommen und später im Radio ausgestrahlt wurden. Jedes Mal habe ich am Ende des Projektes das Audio Material bekommen.

2021 habe ich mit meiner Beethoven gewidmeten CD (das Violinkonzert, die Romanze Nr. 2 und Sonate Nr. 1) angefangen, mit dem Label ARS eine Reihe von Live-Aufnahmen zu veröffentlichen. Diese erste Beethoven CD war sehr erfolgreich und wurde für den Deutschen Preis OPUS KLASSIK nominiert. Das hat mich zunächst sehr überrascht, wenn man bedenkt wie viele Aufnahmen von Beethovens Werken es bereits auf dem Markt gibt. Diese Anerkennung hat mich jedoch dazu gebracht, weitere Aufnahmen unter dem Thema “LIVE” zu veröffentlichen.
In diesem Vol. 2 wollte ich die Aufnahmen der Violinkonzerte 1 und 2 von Paganini mit dem Streichquartett in e-Moll von Giuseppe Verdi verbinden, das ich als Primgeiger vom „Quartetto di Milano“ im Konzert mehrmals aufgeführt habe. Die Aufführung des Quartetts hat in der Schweiz stattgefunden und wurde, wie oft der Fall, vom Schweizer Radio DRS aufgenommen und ausgestrahlt. Leider war die Dauer dieser ersten Auswahl der drei Werke 10 Minuten zu lang für eine CD-Aufnahme. So habe ich an der Stelle von Verdis Streichquartett ein anderes Werk suchen müssen, als Ergänzung zu den beiden Violinkonzerten. Die Weigl Variationen, die ich in Lugano aufgeführt habe, schienen mir die beste Wahl für die Ergänzung dieser CD zu sein, auch weil sie, außer einer Version für DG in den 70er-Jahren, nie mehr in der Original-Besetzung mit Orchester aufgenommen wurden. So gesehen ist meine Version auch die erste veröffentlichte Live-Aufnahme dieses Werkes überhaupt. Wie Sie beobachten können, gab es ursprünglich keinen Plan dahinter, sondern eine Reihe von Zufällen, die zusammengekommen sind.

Was hat Sie genau an diesen Stücken gereizt?
Anders als bei den Capricen Op. 1 für Violine Solo, die als sein Meisterwerk angesehen werden, die den Künstlern gewidmet sind und die eine eher komplexe musikalische Sprache vorweisen, handelt es sich bei den Konzerten um Werke, die explizit für Auftritte vor einem Publikum konzipiert wurden. Die musikalische Sprache ist daher viel verständlicher und direkter. Er wollte damit alle Zuhörer erreichen und die Schöpfung der Solostimme ist wie das Auftreten einer Operndiva. Der Reiz von Paganinis Violinkonzerten liegt ohne Zweifel in den Gegensätzen zwischen der Schönheit der Kantilenen (seine langsamen Sätze sind voller Ausdruck und wunderschön) und den verhexten virtuosen Teilen, mit der Einführung von absolut neuen technischen Effekten, die für die damaligen Zeiten eine Sensation waren. Diese Dualität finde ich unheimlich attraktiv!
Sie haben für diese Aufnahmen mit drei Orchestern – den Seoul Güri Philharmonic, Oltenia Philharmonic und dem Orchestra della Svizzera Italiana und den beiden Dirigenten Boris Perrenoud und Howard Griffiths zusammengearbeitet. Welche Unterschiede gab es für Sie in der jeweiligen Zusammenarbeit?
Ich kannte bereits beide Dirigenten, hatte mit ihnen gearbeitet und war auch mit ihnen in öffentlichen Konzerten aufgetreten. Ich wusste genau, dass es keine Probleme geben wird. In der Vorbereitungsphase zu einem Konzert muss man sich mit dem jeweiligen Dirigenten über crescendi und diminuendi oder ritardandi einigen, sodass es am Schluss zu einer natürlichen Einigkeit der musikalischen Intentionen kommt. Mit den wenigen Proben, die man heutzutage zur Verfügung hat (meistens gibt es nur eine Probe und eine Generalprobe), muss man sehr pragmatisch handeln. Dies gelang mir mit beiden Dirigenten am Schluss sehr gut!
Sie sind Schweizer mit italienischen Wurzeln und natürlich als Musiker international unterwegs. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Diese ist eine sehr interessante Frage, die mich oft beschäftigt hat. In der Tat, mit meinem italienischen Blut fühlte ich mich oft in der Schweiz, wo ich aufgewachsen bin, NICHT als 100% Schweizer.
Wiederum mit der allgemeinen Ausbildung, die ich in der Schweiz hatte, fühlte mich in Italien auch NICHT als 100% Italiener. Am Schluss dachte ich, ich fühle mich da zu Hause, wo mir das Essen am besten schmeckt, und das ist definitiv in der italienischen Schweiz und in Italien.

Ist Ihnen die Musik bereits in die Wiege gelegt worden oder wie kamen Sie zur Geige?
Anders als viele meiner Kollegen bin ich nicht in einer Familie aufgewachsen, die klassische Musik regelmäßig praktiziert hat. Ich war sehr musikalisch, habe ab meinem siebten Lebensjahr in dem Jugendchor der Kirche gesungen, und war von der Musik sehr fasziniert.
Der Wendepunkt war, als ich mit zwölf einen Film über den Geigenvirtuosen Paganini gesehen habe. Da spürte ich, dass ich Geige spielen muss, es war wie ein Donner im Bauch. Ich war besonders temperamentvoll und es war für mich sehr schwierig, diszipliniert zu bleiben. Als ich meinen Wunsch äußerte, eine Geige zu bekommen, dachten meine Eltern, dass ich mir einen flüchtigen Wunsch erfüllen wollte, der mit Sicherheit bald wieder verschwunden wäre‘.
Sie hatten das Bild, dass man, um Violine zu spielen, ruhig und sehr diszipliniert sein soll. Deswegen haben sie mich zunächst nicht ernst genommen. Ich musste mir meine erste Violine erkämpfen und ihnen beweisen, dass ich begabt war. Aus diesem Grund habe ich auch ziemlich spät angefangen, Geige zu spielen. Als meine Eltern gemerkt haben, dass ich in der Musik absolut involviert war, und nachdem mein Vater mich von Experten erfolgreich einschätzen ließ, hat er mich auf der ganzen Linie unterstützt.
Für jeden Musiker ist sein Instrument wichtig, aber Pianisten sind auf die jeweiligen Flügel angewiesen, die in den Konzertsälen stehen. Das ist bei einem Geiger ganz anders. Was für eine Geige besitzen Sie oder sogar mehrere?
Meine erste Geige war eine italienische Geige aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundert, eine Ferdinando Garimberti gebaut in Mailand 1927. Später bekam ich von Stiftungen, Banken oder Sammlern wertvolle Meisterviolinen aus Frankreich und Italien. Die Leihgabe dieser Instrumente war leider immer zeitlich begrenzt, was mir große Schwierigkeiten bereitet hat. Das Instrument ist wie ein Lebenspartner. Man kann nicht immer wieder nach ein paar Jahren Partner wechseln.
Nach diesen eher negativen Erfahrungen habe ich mich bald entschlossen, eine eigene Meistervioline zu kaufen. Ich spiele auf einer wertvollen Violine, gebaut von J. B. Vuillaume in Paris 1870, mit der ich mich wunderbar fühle. Außerdem besitze ich noch eine italienische Violine von Joseph Gagliano, gebaut in Neapel 1780.

Sie blicken schon auf zahlreiche Auszeichnungen zurück und die Zusammenarbeit mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten. Gibt es in Ihrer Karriere für Sie einen Höhepunkt?
In meiner Karriere hat es mehrere wichtige Momente gegeben. Hier möchte ich spezielle Momente erwähnen, die mich emotional bewegt haben. Zum Beispiel der Auftritt zusammen mit der Geigerin Natasha Korsakova für Papst Benedikt XVI in der Sala Nervi im Vatikan, vor einem Publikum von 10.000 Zuhörern.
Oder die Aufführung sämtlicher 24 Capricen von Paganini an einem Abend in Zürich, als erster Schweizer Geiger, und ebenfalls der Auftritt im Louvre von Paris, als Empfänger der Stradivari Violine von 1721 ‚Jupiter‘, die ich von der „Nippon Foundation“ in Tokio bekommen hatte. Wir waren 15 Instrumentalisten, jeder mit einem anderen Instrument von Stradivari. Absoluter Wahnsinn!
Ebenfalls einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat die Aufführung der drei großen Werke für Violine und Klavier von Franz Schubert. Selten bekommt man beim eigenem Spielen Gänsehaut – mit Schubert war das mehrmals der Fall.
Wie soll es weitergehen – welche Pläne und Träume haben Sie?
Es geht jetzt weiter mit verschiedenen Events in der Schweiz, Österreich und Italien. Was Aufnahmen anbelangt, ist eine weitere Folge auf CD von Live-Mitschnitten vorgesehen. Ferner ist die Entstehung von zwei neuen Musik-Festivals in der Schweiz und in Italien im Gange, und die Publikation eines populärwissenschaftlichen Buchs über Musik für die jüngere Generation.
Manrico Padovani, haben Sie herzlichen Dank für dieses erfrischende Gespräch.


