Einfach Klassik.

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Interview mit dem Komponisten Nuno Côrte-Real

Der portugiesische Komponist Nuno Côrte-Real über seine Sinfonie 2022, die deutsche Erstaufführung in der Berliner Philharmonie und seine bevorstehende CD-Aufnahme

Nuno Côrte-Real gehört zu den führenden portugiesischen Komponisten zeitgenössischer Musik. Nach der gefeierten deutschen Erstaufführung seiner Sinfonie 2022 in der Berliner Philharmonie sprachen wir mit ihm über das vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine entstandene Werk, die anstehende CD-Produktion mit den Berliner Symphonikern und seine ästhetische Haltung zur zeitgenössischen Musik.

Nuno Côrte-Real, nach der erfolgreichen Aufführung Ihrer Sinfonie 2022 bereiten Sie sich nun auf die CD-Aufnahme vor. Was genau werden Sie in den kommenden Tagen aufnehmen?

Am Dienstag nehmen wir die Sinfonie 2022 auf, aber auch ein weiteres Stück von mir, die Banksters Suite. „Banksters“ ist ein Wortspiel aus „Banker“ und „Gangster“ Die Suite besteht aus sechs rein sinfonischen Stücken, die ich aus meiner gleichnamigen Oper von 2011 entwickelt habe. Diese CD wird meine vierte Zusammenarbeit mit dem Produzenten Wolfgang Schiefermair.

Sie kombinieren auf der CD die neue Sinfonie mit der älteren Banksters Suite. Was verbindet diese Werke?

Das verbindende Element ist das Thema. Ich möchte die CD „2022“ nennen, weil ich glaube, dass dieses Jahr ein Wendepunkt in unserer Geschichte ist – wegen des Krieges, der Invasion der Ukraine, aber auch wegen der Veränderungen, die wir erleben: Veränderungen in Bezug auf Sicherheit, Krieg, Zukunft, Macht und auch in Bezug auf Finanzierung und Kapitalismus. Beide Werke sind für mich eine künstlerische Reaktion auf unsere Zeit.

Ihre Sinfonie 2022 enthält sehr unterschiedliche Stimmungen und stilistische Elemente. Wie würden Sie die Dramaturgie des Werkes beschreiben?

Wenn ich sage, dass die Sinfonie ein dunkles Stück ist, ist sie tatsächlich nicht nur dunkel. Der Marsch-Satz beispielsweise ist satirischEs ist eine Reflexion unserer Zeiten, wo ein Tag etwas bringt und der nächste etwas anderes, diese ständige Show der Enttäuschungen. Der letzte Satz ist nicht wirklich hoffnungsvoll, sondern eher meditativ, eine Art Kontemplation. Die verschiedenen Stile – rhythmische Teile, rockige Passagen und romantische Elemente – spiegeln für mich die Gleichzeitigkeit verschiedener musikalischer Welten unserer Zeit. Es wäre sehr einseitig, nur in einem Stil zu bleiben. Mein Ziel ist es, etwas Organisches zu schaffen, das nicht künstlich wirkt. Ich habe viele Einflüsse und finde, wir sollten die populäre Musik unserer Zeit nicht ausklammern – sie ist ein Teil unserer Realität.

Wie war das Konzerterlebnis gerade in der Berliner Philharmonie? Auch im Vergleich mit der Welturaufführung des Stückes im Januar 2023 im Sao Carlos National Opera Theatre in Lissabon?

Die Aufführung in der Philharmonie hat dem Stück eine ganz neue Dimension verliehen, besonders durch die Orgel. Als ich das Stück vor drei Jahren in Lissabon aufführte, nutzten wir ein elektronisches Instrument. Die echte Orgel hier in der Philharmonie, zusammen mit der Percussion, hat dem Werk eine unerwartete Kraft gegeben. Ich war zunächst etwas besorgt, ob es funktionieren würde, ob es zu viel oder zu wenig sein könnte. Aber das Ergebnis war überwältigend – es hat wirklich funktioniert und dem Stück eine neue Dimension verliehen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit den Berliner Symphonikern?

Die Zusammenarbeit entstand im Rahmen einer Reise des Orchesters nach Portugal – nach Lissabon und Sintra. Es ergab sich daraus die Möglichkeit, auch hier in Berlin ein gemeinsames Konzert zu spielen. Ich habe eine besondere Beziehung zu Berlin und zum Teldex Studio, wo wir direkt nach dem Konzert die Aufnahmen machen werden. Das wird bereits meine vierte CD-Produktion mit Wolfgang Schiefermair als Produzent sein.

Wie haben Sie die Interaktion mit den Berliner Symphonikern während des Konzerts empfunden?

Es war eine sehr gute Erfahrung. Im Konzert enstand eine besondere Empathie zwischen allen Beteiligten. Die Musikerinnen und Musiker haben alles gegeben, um das Konzert zu etwas Besonderem zu machen. Ich schätze sehr, wie sie arbeiten und was für eine Objektivität zwischen so vielen unterschiedlichen Menschen aufkommen kann. 

Und wie war es mit der Publikumsresonanz? 

Das Publikum hat der Musik erst die richtige Dimension gegeben. Da war wirklich eine Art Superkraft im Spiel, bei der übrigens auch die Orgel und das Schlagwerk eine wichtige Rolle spielte. 

Nuno Corte-Real & Berliner Symphoniker, (c) Stefan Pieper
Nuno Côrte-Real & Berliner Symphoniker, (c) Stefan Pieper

Es gibt viele spannende Dinge in diesem großen Symphonieorchester, die vielleicht viele Menschen so noch nie erlebt haben – dieser kraftvolle rhythmische Klang, die Perkussion, die kompakte Masse des Klangs. Das ist wie eine große Band in einem Konzertsaal.

Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, die Sinfonie in diesem Raum zu spielen, in der Philharmonie. Es hat wirklich funktioniert, und ich fühle mich gut damit.

Wie empfinden Sie den Kontrast zwischen der Spontaneität im Live-Konzert und dem kontrollierten Studioprozess? 

Das Aufnehmen im Studio ist etwas völlig anderes als eine Live-Performance. Es ist eine andere Art von Arbeit, aber nichts, wovor ich Angst hätte. Es ist herausfordernd, weil es sowohl positive als auch schwierige Aspekte gibt. Der Vorteil ist, dass wir sehr präzise sein können, damit die Balance stimmt und wir Fehler korrigieren können. In einem Live-Konzert passiert einfach etwas und dann ist es da. Im Studio können wir stoppen und neu anfangen.

Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Alles steht und fällt mit der emotionalen Seite. Wenn man eine Passage mehrfach wiederholt, ist es schwierig, immer die gleiche Emotion zu erzeugen. Die Aufnahmesituation ist wirklich anspruchsvoll, weil wir Präzision brauchen, aber auch Emotionen – und wir stoppen und müssen dann wieder mit der gleichen Emotionalität weitermachen. Es ist anstrengend, aber mit professionellen Musikern und einem exzellenten Produzenten wie Wolfgang Schiefermair ist es möglich, beides zu erreichen.

Der gesamte Konzertablauf mit der kurzen Mozart-Ouvertüre, dann meiner Sinfonie und der Brahms-Symphonie nach der Pause hat eine Art Welle erzeugt, eine bestimmte Spannung. Wie haben Sie es empfunden? Das Orchester war sehr konzentriert und gleichzeitig frei im Spiel. Diese Qualität zu bewahren ist eine Herausforderung in der Studiosituation, aber es ist schwierig, nicht unmöglich.

In Ihrer Musik verbinden Sie Elemente der klassischen Tradition mit zeitgenössischen Einflüssen. Wie würden Sie Ihre ästhetische Haltung zur zeitgenössischen Musik beschreiben?

Ich schreibe nicht für Spezialisten. Was mich interessiert, ist die Welt, wie ich sie höre. Ich möchte mich verändern, verschiedene Dinge machen, aber immer ich selbst bleiben. Meine Musik kommt wirklich vom Herzen, aus meinem Leben, nicht nur aus dem Intellekt. Vor allem strebe ich danach, dass meine Musik organisch bleibt und authentisch aus meinen Erfahrungen schöpft.

Auh ihr letztes Album „Kind of Classic“ zeigt eine große stilistische Bandbreite, die für mich trotz aller Unterschiede sehr wesensverwandt mit dem heute gehörten Konzert anmutet . Wie verhält sich diese letzte Aufnahme zu Ihrem neuen Projekt?

„Kind of Classic“ war stärker auf die Concerto-Form fokussiert, auf die Beziehung zwischen dem Symphonischen und den Solisten. Es enthält das Konzert für Tuba sowie die konzertanten Werke für Cello und Streicher und für Klavier und Orchester. Die Stücke entstanden zwischen 2013 und 2019. Es ging um die Reflexion des Begriffs „klassisch“ und „concerto“, ein bisschen als Hommage an Miles Davis‘ Album „Kind of Blue“. Was mich bei der „Sinfonie 2022“ noch mehr interessiert, ist eine gewisse Entität, die aus verschiedenen Elementen etwas Starkes und noch Organischeres schöpft. Die verschiedenen Stücke auf den beiden Alben sind natürlich unterschiedlich, aber ich will ja auch nicht immer zu gleich klingen. Ich möchte mich verändern und verschiedene Dinge machen, aber dabei immer ich selbst bleiben.

Nuno Côrte-Real, Foto © Jorge Carmona
Nuno Côrte-Real, Foto © Jorge Carmona

Sie haben in den letzten Jahren auch begonnen, Filmmusik zu komponieren. Wie beeinflusst diese Arbeit Ihre Konzertmusik?

Vor etwa vier oder fünf Jahren habe ich angefangen, Musik für Filme zu komponieren. Ich habe bereits zwei Filme gemacht und werde Ende dieses Jahres an meinem dritten Projekt arbeiten – einer portugiesischen TV-Serie für Amazon Prime. Diese Erfahrung verändert mich nicht grundlegend, aber ich bin wirklich offen und sehr interessiert daran.

Was können Sie von Filmmusik lernen?

Ich lerne viel von der Filmmusik. Manchmal haben Filmkomponisten wirklich unglaubliche, originelle Lösungen in Bezug auf Musik und Stil. Wenn ein Filmkomponist es schafft, die Hauptrolle in einem Film zu spielen – denn ohne seine Musik wäre der Film nicht das, was schließlih sein will –, dann funktioniert der Film wirklich durch die Musik. Ich bin in dieser Hinsicht sehr aufmerksam und lasse mich inspirieren, auch wenn es in der Filmmusik oft nur um kurze Momente, um Sekunden oder einzelne Minuten geht. Und diese Erfahrungen fließen auch wieder in meine Konzertmusik ein.

Sie haben erwähnt, dass Sie beim Komponieren zunächst mit Stift und Papier arbeiten und erst später zur Software übergehen. Wie sieht Ihr kreativer Prozess aus?

Ich beginne nie mit dem Computerprogramm. Ich arbeite immer zuerst mit Bleistift und Papier und spiele am Klavier. Die Grundideen entstehen dort. Ich improvisiere sehr viel am Klavier, bewege mich im Raum, mache Gesten und singe. Ich brauche dieses physische Gefühl des Spielens und Improvisierens. Die Software – ich arbeite mit Dorico – kommt erst im letzten Schritt zum Einsatz, wenn die Musik bereits fertig geschrieben ist und ich sie orchestrieren muss. Aber zuvor ist alles Handarbeit. Selbst in unserer digitalen Zeit bleibt der direkte physische Kontakt mit dem Instrument und dem Notenpapier für mich der Ausgangspunkt des kreativen Prozesses.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was bedeutet Berlin für Sie?

Ich liebe Berlin sehr. Ich komme nicht oft hierher, aber manchmal, wegen Teldex und den CDs, die ich hier gemacht habe, und jetzt natürlich wegen des Konzerts. Für mich ist Berlin eine sehr inspirierende Stadt. Ich kann hier atmen. Das ist meine Erfahrung. All diese Bäume und verschiedenen Orte – es ist sehr vielfältig und ich fühle mich gut, um hier zu arbeiten. Die Menschen hier geben mir ein gutes Gefühl. Ich habe mich die ganze Probenwoche mit dem Orchester sehr wohl gefühlt, und dann auch während des Konzerts. Wir hatten eine starke Empathie, die Sie ja bestimmt auch im Konzert gespürt haben. 

Nuno Côrte-Real, ich bedanke mich sehr für dieses interessante Gespräch!

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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