Einfach Klassik.

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Interview mit der Mezzosopranistin Megan Kahts

Die südafrikanische Mezzosopranistin Megan Kahts lebt seit 2009 in ihrer Wahlheimat Wien. Neben der Oper widmet sie sich mit Vorliebe historischen Aufnahmen, ist eine gefragte Oratoriensängerin und veranstaltet regelmäßig Liederabende. Erstmals hat sie zusammen mit dem Wiener Akademie Orchester eine CD aufgenommen mit Arien aus Opern von Händel und Hase, die demnächst auf den Markt kommt.

Megan Kahts, was ist an diesem Projekt für Sie so besonders?

Es gibt so vieles, was bei dieser CD für mich bemerkenswert ist. Der Dirigent ist Jeremy Joseph, für unser Projekt ist auch der Cembalist und er stammt ebenfalls aus Südafrika, so wie ich. Das ist sehr besonders für mich, denn er ist aus Durban, dort bin ich aufgewachsen, ich habe dort zehn Jahre gelebt. Es ist eine sehr besondere Stadt, weil es fast keinen Winter gibt, es ist nur heiß, direkt am indischen Ozean. Er ist ein indischer Südafrikaner. Wir haben dieselbe Herkunft, sind beide in Wien seit langer Zeit und ich freue mich, mit ihm das alles zu gestalten, ein fantastischer Musiker. Das ist die Verbindung und es ist eine Steigerung zu meinem ersten Album, das auch ein Barockprojekt war, aber es war ein Kammermusikprojekt. Es waren zwei Kantaten mit einem Barockensemble, einem kleinen, meinem eigenen. Ich habe es gegründet für das Album, ein sehr schönes Programm war das und jetzt habe ich mir gedacht, ich bin sowohl Konzert- als auch Opernsängerin. Mir sind beide Richtungen gleich wichtig. Diese Alben, die sind für uns Musiker heutzutage sehr wichtige Visitenkarten. Ich wollte zeigen, dass ich auch Opernsängerin bin und mich sehr wohl auf der Bühne fühle. Ich wollte auch in diesem Bereich im Barock – Alte Musik bleiben, darauf habe ich mich spezialisiert. Das ist ein Traumprojekt, genauso wie das erste. Ich brauchte ein größeres Ensemble als beim ersten Mal für dieses Opernprojekt. Und das ist nun das Wiener Akademie Orchester. Ich bewundere dieses Orchester seit vielen Jahren. Es ist ein Traum, dass ich dieses Projekt mit Ihnen machen darf, es ist ein Spitzenorchester in Wien. und es ist mir eine große Ehre. Wir haben auch zukünftig Projekte zusammen.

Welches Programm haben Sie für dieses Traumprojekt gewählt?

Ich habe so etwa ein Jahr nach Corona für die Cape Town Opera in der Oper „Alcina“ von Händel die Rolle des „Ruggiero“ gesungen. Zweieinhalb Monate lang hat diese Produktion gedauert und ich habe mich einfach nur mit dieser Rolle beschäftigt für diese Zeit und wurde verliebt in die Rolle selber. Händel war immer schon mein Lieblingskomponist. Aber wie diese Rolle so wie ein Handschuh für meine Stimme ideal gepasst hat, da war ich einfach begeistert, wie Händel diese Partie geschrieben hat. Und dann habe ich ein bisschen geforscht und herausgefunden, er hat es für den Kastraten Giovanni Carestini geschrieben. Und alle Händel-Partien für Carestini und auch die Carestini-Partien von anderen Komponisten passen mir super. Ich habe gedacht, wow, das wäre cool, eine Sammlung von Arien, die für ihn geschrieben wurde, weil die Sänger aus der Barockzeit sehr wichtig waren. Sie waren wichtiger als heute. Heutzutage sind die Komponisten sehr wichtig oder noch zeitgenössischer, heute sind eigentlich die Regisseure in der Oper sehr, sehr wichtig. Aber in der Barockzeit waren die Sänger ausschlaggebend, auch für die Komposition. 

Megan Kahts
Megan Kahts

Das heißt, es wurde speziell für den Sänger eine Komposition gemacht? 

Ja, der Sänger war so wichtig, wegen dieser „Verzierkunst“. Sie haben die Musik so sehr verziert, dass sie recht viel „umkomponiert“ wurde. Sie waren bekannt für diese Art von Verzierung. Das ist natürlich sehr spannend für mich. Das gibt einem Sänger sehr viel Freiheit, wenn man die Musik so gestalten kann, dass die Verzierungen ideal zur Stimme passen. Deswegen liebe ich alte Musik im Allgemeinen. Aber ich habe, gemerkt, ich möchte ein Projekt gestalten, das irgendwie diese Zeit des Barocks spiegelt und einen Fokus auf die Sänger geben, von der Zeit – nicht nur auf die Komponisten.  Und dann gab es auch noch eine Sängerin aus der Barockzeit, die mich fasziniert. Sie ist die Frau von Johann Adolf Hasse. Und Hasse war eigentlich der bekannteste Opernkomponist aus dem Barock, oder aus seiner Zeit – frühe Klassik -Spätbarock. Damals war es nicht so abgegrenzt. Seine Frau, das war Faustina Bordoni. Während Corona habe ich ein Zusatzstudium gemacht und habe mich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert in Wien an der Musik-Uni. Ich bin sehr dankbar dafür, denn es war sehr wichtig für meinen künstlerischen Weg. Es hat mich so viel inspiriert. Es gibt ausgeschriebene Versionen von Arien, die Faustina Bordoni gesungen hat, mit ihren eigenen Verzierungen. Man sieht, wie sehr die Sängerin auf die Komposition Einfluss hatte. Sie war ein absoluter Star und eigentlich die erste Operndiva. So wird sie zumindest gefeiert, als die erste Operndiva überhaupt. Außerdem war sie sehr geschäftstüchtig und genauso berühmt wie die ganzen Kastraten, obwohl, heutzutage hören wir hauptsächlich von den Kastraten. Sie hat Regeln gebrochen. Frauen wurde nicht vieles erlaubt. Eigentlich war es nicht sehr edel, auf der Bühne zu stehen als Frau, deswegen haben Kastraten auch Frauen gespielt. Aber sie hat es geschafft, ihren eigenen Weg zu gehen. Ich finde sie einfach vorbildlich. Wir können leider keine Aufnahmen von ihr hören. Aber es gibt viele Traktate, viele Quellen beschreiben ihre sehr individuelle Art zum Singen, ihre Stimme, ihre Verzierungskunst, aber vor allem, wie sie außergewöhnlich gestaltet. Ihre Darstellung war so besonders. Ich fühlte mich irgendwie zu ihr hingezogen. Vor allem, weil sie als Sopran begonnen hat und dann ist sie zum Mezzo-Fach gewechselt, so wie ich. Obwohl es in dieser Zeit diese Begriffe nicht gegeben hat. Man war Sopran. Es wurde nur beschrieben, dass ihre Stimme um eine Terz gefallen ist, der Stimmumfang. Und mir ist quasi dasselbe passiert. Ich hatte auch eine Rolle von Hasse gesungen. Ich bin mit seiner Musik gut bekannt geworden. 

Diese Musik hat Ihnen gut gelegen? 

Ja, ich habe sie kennengelernt in einer Opernproduktion. Die Rolle, die ich gesungen habe, war aber keine Rolle, die für Faustina Burdoni geschrieben wurde, weil es eines seiner letzten Werke war und da hat sie schon aufgehört mit dem Singen. Die letzten Jahre ihres Lebens haben sie in Wien verbracht, ganz am Ende. Da hat sie nicht mehr gesungen und diese Oper wurde in Wien komponiert, „Piramo e Tibise“. Sein Stil hat mich fasziniert. Deswegen habe ich mir gedacht, ich mache ein Album, das ein Porträt von mir als Opernsängerin ist und singe Werke von diesen zwei Komponisten, von Händler und Hasse, die mir wichtig sind. Und dann halt diese zwei Sänger, die Rollen, die für sie sind, weil sie zwei Vorbilder für mich sind. 

Die Arien stammen also aus einer Vielzahl der Opern von Händel und Hasse? 

Aus verschiedenen Opern, als eine Widmung. Ich habe das Gefühl, ich ehre diese Sänger, denn wegen diesen Sängern haben wir heute so tolle Musik, die wir singen dürfen. Und dadurch entsteht auch ein Porträt von mir als Sängerin. 

Ich möchte mal auf die Verzierungen kommen. Wie kann ich mir die vorstellen? 

Es gibt zwei Arten. Die wesentlichen Verzierungen, das sind die normalen Triller, Doppelschlag und Vorhalt und Vorschlag und Nachschlag und so weiter. Und dann die willkürlichen Verzierungen, das sind die freien. Und das sind die Koloraturen, die kann man absolut frei gestalten. Die Barock-Arien haben immer eine bestimmte Form, das heißt Da Capo. A, B und A wieder. A, B, A. Der A-Teil kommt zurück. Aber man darf nie den A-Teil ohne Verzierungen lassen. Man muss immer möglichst viel verzieren. So wie die Architektur damals verziert war, war es die Musik auch. Aber immer individuell. Und ich darf meine eigenen Verzierungen komponieren, die mir passen. So gebe ich meine eigene Handschrift auf die Musik und das finde ich toll. Wir klassische Sänger singen immer dasselbe. Natürlich sollte es nicht langweilig werden, natürlich ist immer Herz dabei. Es ist immer neu. Es ist immer unsere eigene Interpretation dabei. Aber noch spannender ist es, Barockmusik zu singen, denn da kann man mitgestalten. Ich kann diese Rolle so singen und das nächste Mal anders. Ich kann die Verzierungen dann wieder ändern und das ist schön, diese Freiheit zu haben. Ich fühle mich wie eine Jazzsängerin manchmal. In meinem letzten Album war ich während der Aufnahmezeit vor den Mikrofonen auf einem enormen Niveau von Konzentration und Spannung, dass ich in dem Moment so viele weitere Ideen hatte und einfach frei verziert habe. Ich habe meine Musiker überrascht und sie fragten, wieso machst du das jetzt anders als in der Probe? Das ist dann auch eine Herausforderung für das Orchester. Einerseits schon, obwohl ich mich ihnen anpassen muss. 

Das heißt, dass Orchester liefert den Klangteppich und Sie können ein wenig darüber schweben?

Ja, genau. Es ist so wie im Jazz. Der Schlag und die Struktur müssen gleichbleiben. Und nur wenn die Struktur immer stabil bleibt, kann man als Solistin frei sein drüber. So kann man sich dehnen und Rubato machen. Wenn alle völlig frei sind, ist niemand frei. Das ist das Geheimnis dazu. Die Harmonien bleiben gleich, das gibt mir eine Struktur, so werden wir Klassiker ein bisschen frei von unserem Korsett. 

Megan Kahts, Foto © Damian Posse
Megan Kahts, Foto © Damian Posse

Auch in der Klassik suchen Künstler immer wieder ihren eigenen Stil, der etwas Persönliches hat, was herausfordert und das Publikum dann nochmal ganz anders fordert, weil es, obwohl bekannt, doch überraschend und frisch ist. 

Das hat mich sehr beschäftigt in meiner Studienzeit und danach, wo ich mir gedacht habe, ich kann mich keine Künstlerin nennen. Ich bin vielleicht 10% Künstlerin und sonst bin ich Sportlerin. Eigentlich sollte man nur zeitgenössische Musik singen, wenn man sich Künstler nennen will. Dann habe ich mir gedacht, das ist die Herausforderung. Es gibt so viele Sänger und wir singen immer dieselben Werke. Aber in der Barockzeit, in der Klassik, sogar in der Romantik, waren die Werke zeitgenössisch und heute sollte das Repertoire unserer Zeit widerspiegeln. Ich glaube, ich habe diese Freiheit gesucht. Teilweise habe ich mich deswegen sehr für die Barockmusik interessiert. Ich hatte die ganzen Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt in Südafrika als Teenager gekört und mich in diese Frische verliebt. Es war immer neu, die Instrumente haben anders geklungen, mit ein bisschen Rausch, diese frische Phrasierung, dass es keine feste Tradition gibt. Eigentlich darf man alles hinterfragen, darf man wagen, neue Wege zu gehen, neue Interpretationen zu finden und neue Verzierungen zu machen. Ich glaube, so fühle ich mich mehr als Künstlerin, als wenn ich nur romantische Opern singe, die ich natürlich auch liebe – so wie jeder Sänger, jeder klassische Musiker. 

Wenn Sie die Lieder aus verschiedenen Opern singen, wechseln Sie auch das Geschlecht in den Rollen, die Sie da spielen?

Ja, ich muss viele Hosenrollen singen. 

Ist das kompliziert, wenn man das innerhalb kurzer Zeit macht? Wenn Sie auf der Bühne stehen, sehe ich Sie häufig mit diesem schönen Schnurrbart. Ich denke, das ist auch so Hilfsmittel, dass man sich mental in diese Rolle reinbegeben kann. Aber wenn man so schnell wechselt, wie ist das dann? 

Naja, wenn man in einer Oper ist, ist man dann entweder Mann oder Frau. Es gibt natürlich immer diese Verkleidungsdingen in manchen Rollen, zum Beispiel „Bradamante“ in „Alcina“ von Händel. Das ist eine Frau, aber sie verkleidet sich als Mann. Eigentlich ist es keine Hosenrolle, aber doch halb. Als Mann auf der Bühne zu stehen, wenn man sehr weiblich ist wie ich von meiner Art her, kann sehr befreiend sein. Für mich persönlich ist es schön. Du kannst impulsiv sein, ganz anders als eine Frau. Es war andersrum in der damaligen Zeit. Es waren meistens Kastraten, die eine Frau gesungen haben. Ich habe als Mezzosopran diese Hosenrollen entdeckt, denn als Sopran davor wurde ich nur als Frau oder Mädchen besetzt. Und ich habe gemerkt, ich singe Rollen, die für Frauen komponiert wurden oder für einen Kastraten, und es ist egal, beide passen meiner Stimme. Ich habe mir gedacht, es ist auch zeitgenössisch, dass Geschlechter frei sind. Wir befreien uns von diesen Abgrenzungen. Das gibt es eigentlich seit ewig und dieses Album zeigt uns das auch. 

Das heißt Sie zeigen das dort auch visuell?

Das Cover wird das widerspiegeln. Mein Konzept ist, dass mein Gesicht halb männlich und halb weiblich ausschauen wird. Die Fotos stammen von meinem Lieblingsfotograf in Südafrika. Er hat auch die Fotos für das erste Album gemacht. Ich habe auch eine Zusammenarbeit mit einer Designerin dort. Sie macht das Styling für das Album.

Megam Kahts
Megam Kahts

Sie haben ja ihre Karriere schon früh in Südafrika begonnen?

Als Teenager habe ich zwei CDs rausgebracht als Kinderstar in Südafrika. Ich bin sehr stolz auf meine afrikanische Seite, die in meiner Seele ist. Vor allem in den Schulchören. Das war toll. Die afrikanischen schwarzen Mädchen, die in meinem Chor waren, ich war in einer Mädchenschule, sie hatten diese afrikanische Volksmusiktradition im Blut. Sie haben so eine Freude beim Singen. so ein Spirit, ein Gefühl und einen Rhythmus im Blut. Und das habe ich alles mitbekommen als Kind. Es ist fantastisch. Wir haben viele Chorwettbewerbe gemacht. Wir sind durch die Straßen gegangen mit dieser Volksmusik. Das habe ich alles mitgelernt. Und ich halte es in meiner Seele immer noch beim Musizieren. Ja, das war halt meine Kindheit, geprägt von diesem Melting Pot von Kulturen. Ich bin sehr dankbar, dass ich genau in der Zeit groß geworden bin in Südafrika. In der Mandela-Zeit… Es war so eine freudvolle Zeit. Und ich bin sehr stolz auf diese Seite, die in meiner Seele ist. Heutzutage gibt es ganz viele südafrikanische Sänger, die überall die Opernwelt erobern. 

Singen Sie auch heute noch in Südafrika?

Ja, im Sommer bin ich in Kapstadt für eine Opernproduktion. Und es wird dort Winter sein, dann ist es kalt, sehr unangenehm manchmal, denn die Häuser sind für den Sommer gebaut. 

Haben Sie weitere Pläne oder Träume?

Vielleicht werde ich nächstes Jahr wieder ein Album machen, Ich weiß noch nicht, was es sein wird. Ich lasse mich noch inspirieren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Liedprogramm sein wird. Entweder nur mit Klavier oder nur mit klassischer Gitarre zusammen. Etwas ganz Intimes wieder. Schauen wir mal. Für die Abwechslung. 

Haben Sie vielen Dank, Megan Kahts, für dieses herzliche Gespräch.

Titelfoto @ Damian Posse

Das Album

Icon Autor lg
Als Hörfunkjournalistin habe ich die unterschiedlichsten Formate von der Live-Reportage, über Moderationen bis zum Feature bedient. In den letzten Jahren habe ich meine inhaltlichen Schwerpunkte auf die Kultur gelegt. Als Ethnologin interessiere ich mich schwerpunktmäßig für außereuropäische Literatur. Doch war Musik schon immer mein großes Hobby – Singen in vielen Chören begleitet mich durch mein Leben. Seit einiger Zeit bin ich im Vorstand von Orso Berlin e.V. an der Organisation und Durchführung von großen Konzerten in der Philharmonie mit unserem eigenen Chor und Orchester beteiligt und stehe auch auf der Bühne. Somit ergeben sich bei Gesprächen mit Profimusikern viele Anknüpfungspunkte. Es interessiert mich besonders, welchen ganz persönlichen Zugang die Musikerinnen und Musiker zu ihren jeweiligen Werken finden – oft auch verbunden mit dem Brückenschlag zu anderen Kulturen.
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