Einfach Klassik.

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Interview mit der Pianistin Shorena Tsintsabadze 

Ein gemeinsamer Spaziergang durch die Altstadt von Tiflis offenbarte die Zerrissenheit Georgiens: Zwischen den charakteristischen Holzbalkonen alter Häuser und dem Duft von Khachapuri aus den Bäckereien pulsiert Aufbruchsgeist – doch die geopolitische Lage wirft Schatten auf die Zukunft des Landes zwischen Europa und Asien. Die Pianistin Shorena Tsintsabadze kennt diese Spannungen gut. Obwohl in Moskau geboren, hat die Musikerin georgischer Herkunft stets ihre ethnischen Wurzeln gepflegt. Mit ihrem neuen Album, das ausschließlich georgischen Komponisten gewidmet ist, wirbt sie für die kulturelle Vielfalt ihrer Heimat – ein Bogen von Zakharia Paliashvili bis zum jungen Sandro Nebieridze, der mehr als 150 Jahre georgischer Musikgeschichte umspannt.

Zur aktuellen kulturpolitischen Situation in Georgien, das sich unter zunehmendem russischen Einfluss befindet, findet Tsintsabadze deutliche Worte. Aber sie spricht auch über ihre eigene Kindheit, was sie antreibt und stark macht – und gibt einen Ausblick auf ein kommendes Projekt, auf das sich Musikliebhaber freuen können.

Shorena Tsintsabadze, wir haben gerade einen wunderschönen Spaziergang durch die Altstadt von Tiflis gemacht. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Tiflis hat eine besondere Magie für mich, auch wenn ich hier nicht meine Kindheit verbracht habe. Ich liebe diese historische Altstadt. Zum Beispiel dieses große alte Haus mit dem schönen Balkon, vor dem wir gestern standen. Solche Orte erinnern mich sehr an meine Kindheit, die ich in Kutaisi verbracht habe. Solche Erkundungen helfen mir, meine eigene Identität besser zu verstehen. Kutaisi ist übrigens noch viel älter als Tiflis und war über viele Jahre Georgiens Hauptstadt.

Tiflis houses

Erzählen Sie von Ihrer Kindheit in Kutaisi.

Ich wohnte mit meinen Großeltern in einem schönen Dorf. Wir hatten ein Haus mit einem großen Garten voller Mandarinen, Rosen, Zitronen und vielen anderen Bäumen. Ich habe dort eine traumhafte Kindheit verbracht. Es war zunächst etwas einsam, weil meine Schwester erst acht Jahre nach mir geboren wurde. Aber auch wenn ich alleine war, habe ich unglaublich viel in der Natur genossen! Diese Einsamkeit beschreibt für mich eine positive Erfahrung, die mir Selbstständigkeit und Kreativität gelehrt hat.

Ihr aktuelles Album widmet sich ausschließlich georgischen Komponisten. Was steht dahinter?

Als leidenschaftliche Georgierin ist es mir sehr wichtig, für die Vielfalt und Eigenständigkeit unserer Kultur zu werben. Deswegen habe ich dieses Album den eher unbekannten Komponisten meiner Heimat gewidmet. Ich möchte diese Musik unbedingt mit der Welt teilen. Das Programm beginnt mit dem 1871 geborenen Zakharia Paliashvili – er war Sammler georgischer Volksmusik und später Direktor des Tifliser Konservatoriums. Dann folgen Aleksi Machavariani und seine Zeitgenossen – Revaz Lagidze, Otar Taktakishvili, Sulkhan Tsintsadze, Wazha Azaraschwili, Giya Kancheli und Bozna Kvernadze. Als Brücke zur Gegenwart lasse ich auch den jungen Sandro Nebieridze zu Wort kommen – er ist 2001 geboren.

Shorena Tsintsabadze Cover.

Kanchelis Filmmusiken sind ein besonderer Schwerpunkt. Warum?

Für mich ist Kanchelis Musik zutiefst mit meiner Kindheit verbunden und produziert etwas Nostalgisches wegen der sowjetischen Filme. Ich erinnere mich genau, dass oft solche alten Filme auf unserem Schwarzweißfernsehgerät liefen mit dieser besonderen Musik. Kancheli stellte ein Album „Lichtmusik“ zusammen – seine besten Melodien aus Filmen und Theaterstücken zu Brecht, Shakespeare und russischen Werken. Ich fühle mich dabei auf einer Spurensuche in meinem eigenen Land. Trotzdem wünsche ich mir, dass viele Menschen diese kulturellen Schätze kennenlernen.

Wie beurteilen Sie die georgische Kultur zwischen sowjetischem Erbe und Eigenständigkeit?

Der Prozess einer selbstbewussten Identitätsfindung ist noch lange nicht abgeschlossen. Georgische Musik, besonders die Stücke, die ich aufgenommen habe, wurden vor allem in der Sowjetzeit geschrieben. Vieles war beeinflusst von der russischen Musikschule. Gleichzeitig reisten bedeutende Komponisten aus Moskau nach Georgien – Rachmaninoff, Chaliapin, Prokofiev, Schostakowitsch. Ich lese sehr gerne Tagebücher und Briefe – diese Primärquellen widerspiegeln durchweg eine extrem positive Wahrnehmung von Georgien. Übrigens – im Konservatorium von Tiflis steht noch jener Flügel, auf dem Rachmaninoff selbst gespielt hat! Problematisch war, dass georgische Komponisten oft als „sowjetische“ etikettiert wurden, was einem Identitätsverlust gleichkam.

Wie treten Sie für die kulturelle Identitätsfindung ein? Erzählen Sie vom MISA-Festival.

Als ich vor zehn Jahren das MISA-Festival gründete, wurde als Eröffnungsstück bewusst Takishvilis erstes Konzert aufgeführt – ein großartiger Mix aus Folklore, Tanz und romantischen Melodien. Mittlerweile ist daraus ein internationales Netzwerk erwachsen mit Lektoren, Masterclasses und Bildungsangeboten. Das Netzwerk bringt Musiker aus aller Welt zusammen und hat viele internationale Begegnungen verwirklicht. Es ist mir wichtig, Initiativen zu schaffen, die mehr sind als nur Konzerte – so entstehen kulturelle Brücken zwischen den Völkern. Leider konnte ich es noch nicht wieder organisieren – ich hoffe auf eine Fortsetzung.

Sie haben auch ein Jugendorchester gegründet.

Das Jugendorchester liegt mir besonders am Herzen, weil es um die Zukunft unserer Musikkultur geht. Junge Menschen sind offen und begeisterungsfähig. Wenn wir sie früh für georgische Musik interessieren, tragen sie diese Traditionen weiter. Mit unserem Jugendorchester spielten wir Pergolesis Stabat Mater – es war pures Glück zu erleben, mit welcher Hingabe die jungen Menschen musizieren. Wenn sie georgische Komponisten spielen, verstehen sie ihre eigene Identität besser. Gleichzeitig lernen sie, dass große Kunst keine Grenzen kennt. Durch das gemeinsame Musizieren entstehen Freundschaften und Gemeinschaftsgefühl. Das ist besonders wichtig in den schwierigen Zeiten, die wir durchleben.

Wie bewerten Sie die Perspektiven für die Kultur angesichts der politischen Situation in Georgien?

Ich habe keine guten Gefühle für die Zukunft, leider. Unser Premierminister will die Euro-Integration für fünf Jahre stoppen. Ich bin mir nicht sicher, ob er diese Integration 2028 wieder aufbaut. Er arbeitet mit der russischen Regierung zusammen. Dass Georgien in Europa integriert wird, wäre Moskaus schlimmster Albtraum. Die Kulturförderung ist ziemlich prekär. Du brauchst staatliche Förderung für große Projekte, aber dafür musst du praktisch Regierungsfreund sein. In Georgien unterstützt das Kulturministerium nur solche Projekte, von denen bestimmte Beamte finanziell profitieren – insbesondere internationale Festivals und Musikwettbewerbe. 

Shorena Tsintsabadze
Shorena Tsintsabadze

Welche Auswirkung hat das für Sie selbst als Kulturschaffende? 

Wenn ich so ein Projekt wie MISA in Georgien machen möchte, stoße ich schnell an die Grenzen meiner Energie – und irgendwann würde ich meine Prinzipien über Bord werfen. Als ich den Professor und Dekan der Klavierabteilung des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums sowie mehrere andere großartige Musiker, die ich sehr schätze, eingeladen habe, um unserer jungen Generation kostenlose Meisterkurse zu geben, wurde mir die Förderung mit der Begründung verweigert, dass man keine Musiker russischer Herkunft unterstütze, da 20 % unseres Landes von Russland besetzt seien. In Wirklichkeit beweisen sie jedoch das Gegenteil – nämlich die Annäherung der russisch-georgischen Beziehungen, die Zunahme des Handelsvolumens zwischen unseren Ländern, die Abkehr vom Westen und die Aussetzung der europäischen Integration. Ich kann nicht mit Partnern zusammenarbeiten, wenn ich deren Gegnerin bin. Das meiste ist ehrenamtlich, wir spielen meist kostenlos. Zuweilen veranstalten wir Spendenkonzerte – zuletzt für ein Kind mit einer schweren Krankheit.

Was sind Ihre Hoffnungen und Ängste für die Zeit nach 2028?

Ich kann nichts Positives darüber sagen. Ich denke an das Überleben unseres Landes, unserer Stadt, unserer Familie. Mental versuche ich, mich auf Musik und meine eigenen Projekte zu konzentrieren.

Was macht Sie stark und gibt Ihnen Kraft?

Meine Philosophie der kontinuierlichen Selbstverbesserung. Du solltest besser sein als gestern – wenn auch nur ein bisschen. Selbst in schwierigen Lebenssituationen solltest du jeden Tag an dir arbeiten. Meine Familie gibt mir Kraft. Und natürlich ist die Musik mein Lebenselixier. Es bleibt die Hoffnung, wieder internationale Projekte zu organisieren, vielleicht eine Musikakademie in einem Bergdorf, wo es noch keine internationalen Musikfestivals gibt.

Shorena Tsintsabadze

Sie haben in Wuppertal in der Immanuelskirche aufgenommen. Wie erleben Sie diesen Ort?

Die Aufnahmen in Wuppertal waren etwas ganz Besonderes! Mich faszinierte auch die Orgel in dieser Kirche. Eine Orgel kann ein ganzes Orchester ausführen, hat unvergessliche Töne und unendliche Möglichkeiten. Du kannst alle erdenklichen Klänge imitieren – es ist wie ein Traum! Ich hatte die Idee, Bachs Toccata direkt auf der Orgel zu spielen, aber da ich Pianistin bin, dachte ich, es wäre nicht korrekt. Stattdessen inspirierte mich der Klang dazu, alles auf dem Klavier zu interpretieren.

Im November erscheint schon Ihre nächste CD, diesmal mit Werken von Bach und Rachmaninoff. Was für ein thematischer Kreis schließt sich für Sie?

Nach meinem georgischen Album ist dies meine Hommage an die großen europäischen Traditionen, die auch mich geprägt haben. Ich spiele Bachs Präludien und Fugen sowie Rachmaninoffs Etudes-Tableaux und Préludes. Bach und Rachmaninoff verkörpern beide absolute Meisterschaft und tiefe spirituelle Dimension. Bach mit seiner mathematischen Perfektion und transzendenten Religiosität, Rachmaninoff mit seiner romantischen Leidenschaft und russischen Seele – beide schufen Musik, die direkt ins Herz trifft. Rachmaninoff war selbst ein großer Bach-Verehrer und webte dessen Einfluss in seine Kompositionen ein.

Besonders bewegend sind Rachmaninoffs Variationen über ein Thema von Corelli – sein letztes Werk für Soloklavier! Er beginnt mit dem archaischen Thema der spanischen „Folia“, was „Wahnsinn“ bedeutet. Es ist eine Zusammenfassung dessen, was die Menschheit aus den schönen Epochen der Renaissance und des Barock machte – Kriege, Massenerschießungen, Völkermord. Alles endet mit einer Katharsis – der letzten Variation, in der Rachmaninoff mit den Worten des Allmächtigen spricht. Das ist unsterbliche Musik, die auch nach dem Verschwinden der Menschheit irgendwo im Universum weiterleben wird.

Shorena Tsintsabadze, vielen Dank für dieses Gespräch!

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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