Einfach Klassik.

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Interview mit der Sopranistin Eva Resch

Ein Beitrag von Anna-Barbara Schmidt

Im Gespräch spricht Eva Resch über ihren Motor als Künstlerin, ihre Bühnenerfahrung, über Neue Musik und ihr jüngstes Album „ROT“.

Eva Resch, du bist ein Allround-Talent: jonglierst auf der Bühne mit schrägen und geraden Tönen, mit lauten und leisen Worten, mit Leib und Seele. Was antwortest du, wenn man dich nach deinem Beruf fragt?

Als erstes würde ich tatsächlich antworten: ich bin Sängerin und Gesangspädagogin. Das sind meine zwei Standbeine. Aber wenn ich wirklich schaue, was ich den ganzen Tag mache, dann bin ich eher eine eierlegende Wollmilchsau. Als Sängerin überlege ich mir viele Projekte selber, um meiner Kreativität und meinem Herzen und meinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Ich empfinde diesen künstlerischen Beruf als sehr ganzheitlich. Zur Projektarbeit gehört aber auch ganz viel Organisation: ich muss den Laden zusammenzuhalten, Kolleg*innen gewinnen, Akquise betreiben, Partner finden, mit Veranstaltern kommunizieren. Als Lehrerin und Gesangspädagogin kommt noch ganz viel Beziehungsarbeit dazu. Da stehe ich ja weniger als Künstlerin im Fokus, sondern ich bin da, um anderen Raum zu geben. Ich höre zu, reflektiere und überlege, was ich tun kann, damit sich jemand wirklich voll ausdrücken und entfalten kann. 

Wie schaffst Du es, auf der Bühne oder bei einer Aufnahme all das Drumherum auszublenden? 

Ich sage es mal so: ich bin damit gesegnet, dass ich mich in das, was gerade ansteht richtig hineingraben und dann auch wirklich sehr lange Zeit ganz fokussiert arbeiten kann. Wenn ich jemand wäre, der viel Input von außen braucht, dann wäre das wahrscheinlich nicht leistbar. Ich liebe es genau hinzugucken, im Detail zu arbeiten. Ich liebe es, genau zu sein. Was für andere vielleicht Verdruss und Langeweile bedeutet, bleibt für mich spannend und erfüllend.

Eva Resch, Foto © Saskia Allers
Eva Resch, Foto © Saskia Allers

Was treibt dich als Künstlerin an und um?

Ich glaube, mich treibt das Leben an und um: das, was ich gesellschaftlich und zwischenmenschlich beobachte, was mir widerfährt, was mich gedanklich beschäftigt. Und all das zu spiegeln — nicht auf eine moralische Art und Weise (das ist heutzutage ja im Diskurs oft der Fall) — sondern auf eine rein menschliche, mitfühlende, emphatische, weiche, mutige. Mutig auch in dem Sinne, dass ich mich emotional einem Thema öffne. Das ist mein Motor: immer wieder Themen zu suchen, die es wert sind zu beleuchten und zu untersuchen und auf der Bühne zu reflektieren. Und im besten Fall neue Sichtweisen für mich zu erschließen. Das gilt für meine eigenen Projekte, aber auch wenn ich engagiert werde. Es treibt mich genauso an, die Visionen anderer umzusetzen. Gemeinsam etwas hervorzubringen ist höchst befriedigend. Dabei ist vollkommen egal, wessen Idee das ursprünglich war. Etwas Gemeinsames zu erschaffen, ist etwas, das mich sehr berührt.

Auf deinem neuen Album sieht man buchstäblich ROT. Warum?

Der Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt dieses Albums ist ganz banal das Heidenröslein. Das Lied hat mich ehrlichweise nie interessiert, weil es ein Gassenhauer ist, den jeder kennt – zumindest die erste Strophe und den Refrain – aber dann hört es auch schon auf. In der Coronaphase habe ich mich intensiv mit den Schubertliedern beschäftigt und beim Durchblättern des ersten Bandes bin ich auf das Heidenröslein gestoßen. Es hat mich sehr erschreckt, dass ich offensichtlich diesen Text nie verstanden habe. Es ist im Grunde genommen eine Gewaltszene an einer Frau, die da beschrieben ist, vielleicht ist es sogar eine Vergewaltigung, aber auf jeden Fall ist es eine männliche Gewalt. Das hat mich total schockiert. Im Schulunterricht wird das gesungen, wenn das Thema Kunstlied ansteht, aber es wird inhaltlich gar nicht reflektiert und auch ich selber habe das nie hinterfragt. Und da dachte ich, wenn ich das mit diesem Lied nicht gemacht habe, dann gibt es wahrscheinlich noch zig andere Lieder, die man nie wirklich verstanden und richtig kontextualisiert hat. Das war für mich der Auftakt, ins Forschen zu gehen und erstmal nur ganz stupide in der Bibliothek Noten durchzublättern und zu lesen, lesen, lesen… Das war eine sehr assoziative Arbeit, ich habe gar nicht speziell nach Themen oder Texten gesucht. Die Texte sind eher zu mir gekommen. In dieser Offenheit sind mir Lieder begegnet, die nachhaltig in mir etwas angestoßen haben, was ich meinte, wichtig sei, in die Welt zu bringen. Und auch das folgte dramaturgisch erstmal keinem konkreten Plan. Doch nach und nach kam dieser rote (sic!) Faden zum Vorschein und für mich zumindest erzählt dieser mittlerweile inhaltlich eine Geschichte, die auch einen Spannungsbogen hat.

Eva Resch Cover

Du hast vorhin gesagt, du möchtest mit deiner Arbeit die Gesellschaft spiegeln. Welche Spiegel-Bilder finden sich auf deinem Album?

Zunächst möchte ich nochmal betonen, dass es nicht meine Absicht ist zu moralisieren, sondern ich verstehe es als meine künstlerische Freiheit und als Herausforderung, den Mut aufzubringen, einen Mörder auch als Mörder darzustellen, oder eine böse Frau als eine böse Frau. Ein Zuhörer oder eine Zuhörerhin kann dann eigene Gedanken dazu entwickeln, die mit dem, was mich beschäftigt räsonieren. In dem Album könnte viel Moral stecken, aber Moralisieren finde ich anmaßend.

Du hast für das Booklet einen außergewöhnlichen Text verfasst, der den Inhalt des Albums genial zusammenfasst, aber ganz viele Fragen aufwirft – nicht zuletzt auch nach dir als Verfasserin.

Oh ja, das war ein besonderer Moment des Schreibens. Eine Probe war gerade krankheitsbedingt abgesagt worden, sodass ich den Kopf plötzlich frei hatte und auch die Zeit und den Raum, mich mit dem Booklettext für das Album zu beschäftigen. Da habe ich – und das scheint der Hintergrund des gesamten Albums zu sein – begonnen, assoziativ Gedanken aufzuschreiben, die sich auch mit einzelnen Worten und Zitaten an den Liedern entlanghangeln. Das war wie ein Sog, ich habe mich in Rage geschrieben. Ein erklärender oder vielleicht sogar wissenschaftlicher Text wäre total unpassend und unangemessen gewesen. Es ist deshalb auch Neuland für mich und sehr aufregend, mich mit diesem Text zu zeigen.

Bist du perfektionistisch?

Bis zum gewissen Grad schon. Ich glaube, es ist beides: ich brauche einerseits das Gefühl, dass das, was ich tue stimmig ist und andererseits brauche ich aber auch genug Bewegungsspielraum, um flexibel zu bleiben. Perfektionistisch sein im Sinne, dass etwas genau SO sein muss, wie es einer bestimmten Vorstellung entspricht – so eine starre Haltung – finde ich ganz schrecklich. Ich brauche Raum, um zu spielen, dann fühle ich mich zuhause. Ich sehe immer, was noch möglich wäre und dann spüre ich diesen großen Drang, dieses Ziel auch zu verwirklichen. Insofern hat so eine CD-Aufnahme beide Seiten. Erstmal ist es eine totale Erleichterung, wenn alles im Kasten ist und dann höre ich es einmal, zweimal und denke: Wahnsinn, ist das gut gelungen! Und dann höre ich viermal und fünfmal und denke: Mist, ich möchte es eigentlich gern nochmal machen, weil ich Dinge dann vielleicht ganz anders sehe. Es ist tatsächlich nicht ganz leicht für mich, zu akzeptieren, dass so ein Prozess dann auch irgendwann abgeschlossen ist.

Eva Resch, Foto © Saskia Allers
Eva Resch, Foto © Saskia Allers

Du bist heute als Sängerin speziell von Neuer Musik sehr gefragt. Wann begann diese Spezialisierung?

Ich habe Noten schon immer sehr schnell gelernt. An der Hochschule damals haben meine Kommiliton*innen, die Komposition studiert haben, immer Leute gesucht, die ihre Sachen singen und da war ich einfach offen und habe immer gesagt, lasst uns das probieren! Das hat irre Spaß gemacht, über traditionell expressive Grenzen hinauszugehen und raus zu gehen aus dieser Vergleichbarkeit. Mozart-Arien zu singen ist ganz wunderbar, aber manchmal geht es leider nur darum nachzueifern. Ich habe das im Studium oft erlebt. Da heißt es, du musst die und die Aufnahme anhören. So musst du das singen. Das hat mich aber überhaupt nicht interessiert. Mich hat interessiert, einen eigenen Zugang zu einem Werk zu finden. Das ist in der zeitgenössischen Musik natürlich viel leichter, weil es weniger Vergleichbares gibt. 

Leben und Kunst sind nicht zweierlei (Das hat Mendelssohn mal gesagt). Siehst du das auch so?

Ja, wann immer ich die Chance habe, selbst auszusuchen, womit ich mich beschäftigen möchte, dann ist die Kernfrage: Was hat das Werk, der Text, die Aussage im Hier und Heute mit mir zu tun? Wo ist die Verbindung? Alles andere finde ich nicht interessant. Anders natürlich, wenn ich meinetwegen im Auto Musik höre, Pop z.B., dann spricht es mich an, weil es mich schönstens unterhält, entertaint, aber mehr auch nicht… Doch wenn ich mich ernsthaft auseinandersetze mit Musik, dann brauche ich das Verbindungsstück zu mir, zu meinem Leben als Frau im Jahr 2025, als Mensch in einem privilegierten, reichen Land, in dem Frieden herrscht. Um mich herum sieht die Welt ja ganz anders aus.

Aber dieses Verbindungsstück erschließt sich dem Publikum ja nicht immer so leicht

Das stimmt, gerade auch, weil ich nicht unbedingt die gängige Literatur aussuche. Deshalb komme ich in meinen Liederabenden dem Publikum auch entgegen – begebe mich also herunter aus dem Olymp auf die Ebene des Publikums. Im wahrsten Sinne, mein Klavierpartner Eric Schneider und ich haben uns auf offener Bühne schon unterhalten über die Stücke, manchmal mit Hintergrundinformationen, manchmal auch eher investigativ und unterhaltsam. Das Publikum ist sehr dankbar für den Zugang zu den Werken auf so unkonventionelle Art.

Eva Resch, Foto © Saskia Allers
Eva Resch, Foto © Saskia Allers

Einen Weg zu finden, zum Wesen einer Sache vorzudringen. Ist das auch eine Erfahrung, die du als Gesangspädagogin beherzigst und weitergibst?

Ja, das ist ein ganz wesentlicher Punkt, dass ich mich als Lehrerin nicht abhebe von meinen Studierenden, sondern, dass ich sie auf Augenhöhe ernst nehme. Ich empfinde mich nicht als Allwissende, die weiß, wo es langgeht. Natürlich habe ich einen bestimmten Wissens- und Erfahrungsvorsprung mit dem Singen, mit der Stimme, mit bestimmten Abläufen usw., deshalb unterrichte ich ja auch. Aber es geht nicht darum, die jungen Leute in eine Richtung zu pressen, sondern – im Gegenteil – herauszufinden, was jeden Einzelnen rührt, was sie ausmacht, was deren Wesen ist. Das herauszufinden, darin möchte ich sie unterstützen und bestärken, auch darin, den Mut zu haben, expressive Freiheit zu entwickeln und unabhängig von irgendeiner Konvention, von irgendeiner Erwartungshaltung zu agieren.

Wovon träumst du als nächstes?

Oh, da gibt es ein Projekt, das wirklich schon sehr lange auf meinem Schreibtisch liegt und das umzusetzen ein großer, großer Wunsch ist. Es heißt: „Cold Trip – Winterreise“. Da geht es um Schuberts Winterreise als Vorlage, die Bernhard Lang in einem geteilten Werk, Cold Trip I und II, unterschiedlich instrumentiert und verhackstückt hat. Das würde ich gerne als nächstes auf CD bringen – aber dafür suche ich noch das nötige Geld. Das wird eine Herausforderung, weil es sehr aufwändig ist, mit vielen Beteiligten.

Eva Resch, vielen Dank für dieses Gespräch!

Titelfoto © Saskia Allers

Das Album

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