Die Akkordeonistin Eva Zöllner ist seit vielen Jahren eine prägende Musikerin in der Neuen Musik. Nun ist sie mit dem Interpret*innenpreis der Gesellschaft für Neue Musik augezeichnet worden. Grund dafür ist unter anderem die beeindruckend große Vielfalt ihrer Arbeit, die mit vielen verschiedenartigen Projekten weit über die Tätigkeit einer Instrumentalsolistin hinausgeht. Im Interview gibt die Musikerin Einblicke in ihr Schaffen.
Eva Zöllner, du hast 2025 den neu geschaffenen Interpret*innenpreis der Gesellschaft für Neue Musik erhalten – als allererste Preisträgerin. Übergeben wurde der Preis dann bei einem Konzert im BKA-Theater Berlin. Wie hast du von der Auszeichnung erfahren, und welcher Gedanke war dein allererster?
Ich habe am Telefon von der Auszeichnung erfahren, und war sehr überrascht, denn ich wusste gar nicht, dass es diesen Preis überhaupt gibt, und hätte auch nicht damit gerechnet, ihn zu bekommen. Er kam aber in einem Moment überraschend vor meine Füsse gefallen, in dem er sehr wichtig und wegweisend für mich war, denn die Lebensbedingungen für freie Musiker*innen sind in der letzten Zeit nicht einfacher geworden. Der Preis hat mich darin bestärkt, trotzdem mit dem weiterzumachen, was ich tue.
In der Jurybegründung ist von „auratischer Bühnenpräsenz“, „spieltechnischer Exzellenz“ und einem Repertoire die Rede, das sich „zu einem großen Teil deinem persönlichen Einsatz verdankt“. Gibt es in dieser Würdigung Formulierungen, in denen du dich besonders wiederfindest?
Das mit der Bühnenpräsenz hat mich gefreut. Mir geht es in meiner Arbeit auf der Bühne vor allem um Authentizität, und die hat auch was mit Präsenz zu tun, und es ist schön, wenn das so wahrgenommen wird. Und natürlich freut man sich, wenn öffentlich wertgeschätzt wird, dass man 20 Jahre sehr persönlichen Einsatz für eine Sache geleistet hat.
Die Preisverleihung war in ein „Unerhörte Musik“-Konzert des Zöllner-Roche-Duos eingebettet, mit Werken von Annegret Mayer-Lindenberg, Jonah Nuoja Luo Haven, Luke Nickel, Melissa Varga, Haukur Þór Harðarson und Bekah Simms, zum Teil als Uraufführungen. War es dir wichtig diesen Abend nicht als „Best of Eva Zöllner“, sondern als Labor für neue Stücke und künstlerische Partnerschaften anzulegen?
Unbedingt. Ich bin zwar auch viel als Solistin unterwegs, aber nie als Einzelkämpferin. Es geht mir bei meiner künstlerischen Arbeit um das Verbinden von Menschen: Komponist*innen, Interpret*innen, Publikum, … Daher passte dieser Abend sehr gut ins Konzept, und ausserdem war es schön, ihn mit meiner Kollegin, der Klarinettistin Heather Roche, zu feiern, denn uns verbindet eine sehr lange künstlerische Freundschaft. Die Auswahl der Komponist*innen, die an diesem Abend präsentiert wurde, hatte etwas Weltumspannendes, von Island bis Kolumbien, das war mir auch wichtig.

Deine Biografie erzählt von einem Weg über Köln und Kopenhagen, von mehr als 300 Uraufführungen und Konzertreisen auf alle Kontinente, mit einem besonderen Fokus auf Mittel- und Südamerika. Wenn du auf diese Wegstrecke schaust: Welche künstlerischen Entscheidungen würdest du als die „Weichenstellungen“ bezeichnen, die maßgeblich deine heutige Situation ermöglicht haben?
Ich glaube, die wichtigste Weichenstellung war, dass ich mich schon sehr früh in meinem ersten Studium bewusst dafür entschieden habe, mich auf zeitgenössische Musik zu spezialisieren. Es macht für mich mit dem Akkordeon einfach am meisten Sinn, Musik zu spielen, die original für mein Instrument (und oft auch für mich als Interpretin) geschrieben ist, und über die ich mich mit den Komponist:innen austauschen kann. Ich bewundere Kolleg*innen, die stilistisch sehr breit aufgestellt sind. Aber durch die frühe Spezialisierung auf Zeitgenössisches habe ich mir ein sehr eigenes Profil erarbeitet, das für mich am besten funktioniert. Es ist keinesfalls eine Limitierung, sondern es ermöglicht mir, richtig in die Neue Musik, die ja immer noch ein sehr weites Feld ist, einzutauchen. Ich habe eine Leidenschaft für das, was ich auf der Bühne mache, und das transportiert sich idealerweise zum Publikum.
Hinzu kommt, dass ich schon immer neugierig war und gern mit dem Instrument gereist bin, um mich (und das Akkordeon, wie ich es spiele) in anderen kulturellen Kontexten auszuprobieren. Daher war ich früh viel und gern unterwegs und habe dadurch unglaubliche musikalische und menschliche Erfahrungen auf allen Kontinenten machen dürfen, dafür bin ich sehr dankbar.
Mit „voces, señales“ hast du eine Solo-CD vorgelegt, die sich ganz zeitgenössischer Musik aus Kolumbien widmet; daneben gibt es dein Buch „Komponieren für Akkordeon“, das Komponist*innen konkrete Einblicke in das Instrument gibt. Inwiefern gehören für dich diese beiden Ebenen – dokumentierende CD und vermittelndes Fachbuch – zu derselben künstlerischen Agenda?
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Wahrnehmung des Akkordeons erfreulicherweise sehr verändert – vom „Schifferklavier“ zum ernstzunehmenden Instrument. Viele engagierte Kolleginnen und Kollegen und auch ich haben hart daran gearbeitet. Qualitativ hochwertige Veröffentlichungen und Fachliteratur, die Informationen bündelt, gehören für mich zu dieser Arbeit dazu und sind wichtig für die Präsenz des Instruments im Musikleben. Ich war sehr dankbar, dass der Deutschlandfunk sich 2022 dafür interessiert hat, diese sehr besondere Musik aus Kolumbien im Kammermusiksaal in Köln aufzunehmen und mir so die Chance zu geben, sie in Europa bekannt zu machen. Das war auch für die beteiligten Komponist:innen sehr wichtig.
Das Buch „Komponieren für Akkordeon“ war ein Lockdown-Projekt, das mich während der Pandemie beschäftigt hat. Ich habe meine Erfahrung aus 20 Jahren, in denen ich immer wieder an Hochschulen in der ganzen Welt Workshops für Kompositionsstudierende angeboten habe, zusammentragen. Das Akkordeon ist ein komplexes Instrument, daher trauen sich manche Komponierende erstmal nicht dran. Aber es gab gute Resonanz auf des Buch, und ich freue mich, wenn ich sehe, dass das E-book tatsächlich von Peru bis Vietnam heruntergeladen wird, dass Komponist:innen gern damit arbeiten und sich inspiriert fühlen, für Akkordeon zu komponieren.
Im Zöllner-Roche-Duo setzt du mit dem Composers Lab ein deutliches Zeichen für Nachwuchskomponist*innen: 2025 gingen über 150 Einsendungen aus aller Welt ein, vier Komponist*innen wurden ausgewählt, mit denen Ihr neue Werke erarbeitet und aufgeführt habt. Was wünschst du dir, dass ein solcher Prozess bei jungen Komponierenden langfristig verändert – vielleicht auch im Blick auf das Akkordeon?
Die Zusammenarbeit mit jungen Komponierenden und die Auslotung der Beziehung zwischen Komponist*in und Interpret:in liegt mir und auch meiner Kollegin Heather Roche sehr am Herzen, denn durch den Austausch entstehen so viele spannende musikalische Ideen. Die Duobesetzung Klarinette und Akkordeon eignet sich auch sehr gut dafür, denn sie bietet endlose klangliche Möglichkeiten. Wir arbeiten seit 10 Jahren im Duo zusammen und immer noch schaffen es Komponist:innen, uns zu überraschen, das ist großartig. Und für die jungen Leute ist das Composers Lab glaube ich eine ziemlich einzigartige Gelegenheit, mit viel Zeit und persönlichem Austausch mit professionellen Interpretinnen ein neues Stück Musik zu erschaffen. Das Akkordeon ist da natürlich immer der ungewöhnlichere Partner; die meisten haben ja schonmal für Klarinette komponiert. Aber gerade in der Kammermusik kann sich das Potential des Akkordeons, seine Flexibilität und sein Farbenreichtum optimal entfalten. Formate wie das Composers Lab tragen hoffentlich dazu bei, dass das Instrument sich im Kammermusikkontext und darüber hinaus weiter etabliert.

Deine letzte Konzertreise führte dich als Artist in Residence zum Sterkfontein Composers Meeting nach Südafrika, wo du intensiv mit acht südafrikanischen Komponist*innen gearbeitet hast; unterstützt wurde das Projekt vom Goethe-Institut. Welche Eindrücke aus Südafrika wirken in deiner künstlerischen Arbeit gerade am stärksten nach, und werden wir davon in nächster Zeit auch im Repertoire etwas hören?
Es war schon lange ein großer Wunsch von mir, nach Südafrika zu reisen, denn wie in vielen Teilen der Welt hat auch dort das Akkordeon in der populären Musik sehr eigene Musikstile entwickelt, und solche Länder finde ich besonders spannend. Die Arbeit mit den jungen Komponierenden dort war sehr besonders. Sie hatten alle sehr individuelle Ideen zu meinem Instrument und es sind sehr einzigartige Stücke entstanden, die von einer vertonten Reise mit der Eisenbahn bis hin zu einem elektroakustischen Stück, in dem das Akkordeon mit den Rufen eines Südafrikanischen Frosches musiziert, reichen. Ich hatte die Gelegenheit, eine Woche mit diesen jungen Menschen an einem sehr besonderen Ort, einer Künstlerresidenz in der Savanne in der Nähe von Johannesburg, zu verbringen. Die Komponist*innen gehören zur Generation der Free-borns, die kurz nach Ende der Apartheid geboren sind und bewegen sich in ihrer Lebensrealität zwischen Hoffnung und Desillusion. Das wundert nicht, wenn man die bewegte Geschichte des Landes und die gesellschaftlichen Probleme, die zu bewältigen sind, betrachtet. Und vielleicht bringt gerade das sie dazu, sich als Künstler*innen bewusst zu positionieren und sehr starke Kunst zu machen. Für mich war es jedenfalls eine wunderbare Gelegenheit, mit diesen tollen jungen Leuten Musik zu machen, Gedanken zu teilen und ihre Geschichten zu hören.
„Charlene from Big Data and other stories“ nennst du „das Spaßigste, was du seit Jahren gemacht hast“ – ein Album mit sechs Songs von Olly Sellwood für Stimme, Akkordeon, Klarinette und Elektronik, basierend auf Micro-Fictions von Rose Biggin & Keir Cooper, aufgenommen mit dem Zöllner-Roche-Duo. Wo verortet sich dieses Projekt zwischen Neuer Musik, Songkultur und Storytelling – und was hat die Arbeit daran mit dir als Interpretin gemacht?
Charlene ist tatsächlich ein sehr besonderes und kurioses Album geworden, das sich irgendwo zwischen zeitgenössischer Kammermusik, Live-Elektronik, Pop-Produktion und Spoken Word Performance bewegt. Es ist aus einer engen Zusammenarbeit des Zöllner-Roche-Duos mit dem englischen Komponisten Olly Sellwood, dem Performer Peter Falconer und den Schriftsteller*innen Rose Biggins und Keir Cooper aus London entstanden. Gerade ist die CD übrigens in der Kategorie „Grenzgänge“ für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert worden, und ich finde diese Überwindung von Genregrenzen, wie sie da passiert wirklich total spannend und in ihrer Kreativität auch ziemlich einzigartig. Die Songs lassen mich das Instrument neu erfahren, da groovt es zum Beispiel auch mal richtig, und es passiert viel zwischen den verschiedenen Ebenen der Musik. Ausserdem sind die Texte der vertonten Kurzgeschichten nicht nur tiefgründig sondern auch wirklich lustig, und das kommt in der Neuen Musik, in der ich mich sonst bewege, leider nicht so oft vor.
Neben dem eigenen Spiel bist du künstlerische Leiterin der Reihe „Lauschvisite“ in Montabaur und des Jugendensembles Neue Musik Rheinland-Pfalz/Saar. Wie befruchten sich diese kuratorischen und pädagogischen Tätigkeiten mit deinem eigenen Musizieren?
Musikvermittlung gehört für mich zum Musizieren dazu. Die Neue Musik braucht manchmal leider mehr „Vermittlungsarbeit“ als andere Musik. Nicht, weil sie „komplizierter“ zu verstehen ist, sondern weil die Hemmschwelle naturgemäss höher ist, sich auf etwas einzulassen, wenn man nicht weiss, was einen erwartet. Es macht mir Freude, Menschen im ländlichen Raum, wo solche Kulturangebote selten sind, und den Musiker:innen im Jugendensemble neue Erfahrungsfenster mit der Musik von heute zu öffnen. Ich mache diese Musik ja, weil sie mir Spass macht und glaube, dass sie für die Welt etwas zu bedeuten hat, und das möchte ich gern teilen.
Du sprichst du von „Zukunftsplänen“ für das Akkordeon in immer neuen Kontexten. Wenn du dir den Interpret*innenpreis der GNM als Ausgangspunkt denkst: Welche künstlerische Vision für die nächsten Jahre möchtest du von hier aus am liebsten zuerst in Angriff nehmen?
Meine künstlerische Vision ist mit einer gesellschaftlichen verknüpft: Als Künstlerin habe ich einen Spielraum, der weit über das rein Künstlerische hinausgeht, und auch eine Verantwortung: Ich kann mitentscheiden, was gespielt wird, kann mich dafür einsetzen, dass Menschen gehört werden, die in unserer Gesellschaft oder auf unseren Spielplänen nicht so präsent sind. Das Akkordeon spielt da für mich eine wichtige Rolle, denn es ist ein „menschliches“ Instrument – es atmet und ist sehr sensibel. Ich möchte Menschen zusammenbringen und zum Zuhören einladen. Denn es ist – glaube ich – sehr wichtig, dass uns das Zuhören und die Fähigkeit, etwas oder jemandem ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, nicht verloren geht. Ich glaube an den Zauber, den jede Art von Musik auf der Bühne entwickeln kann, und daran, dass der unserer Welt sehr gut tut.
Eva Zöllner, vielen Dank für dieses Interview!
Titelfoto: Eva Zöllner, Foto © Camo Delgado


