Einfach Klassik.

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Interview mit Jakob Wagner zu seinem Album „Pictures“

Das Album „Pictures“ des Gitarristen Jakob Wagner ist mehr. Es ist ein interdisziplinäres Projekt für das neue Kompositionen beauftragt wurden die sich an Werken bekannter Maler orientieren. Die resultierende Musik hat Wagner aufgenommen, und zusätzlich noch Videos für die Stücke produziert. Im Interview gibt Jakob Wagner mehr Auskunft darüber.

Jakob Wagner, ihr Album „Pictures“ entstand aus Ihrer Faszination für die Verbindung von Musik und bildender Kunst. Wann haben Sie erstmals gespürt, dass diese beiden Welten für Sie miteinander verbunden sind?

Intuitiv glaube ich sehr früh, vielleicht als Teenager. Ich habe irgendwie gespürt, dass die bildende Kunst, die Musik und die Literatur einer Epoche oft aus einer gemeinsamen ästhetischen Haltung heraus entstehen.  Künstler, Musiker und Schriftsteller standen meist auch im Austausch miteinander und haben sich gegenseitig inspiriert. 

Für mich gehört das alles zusammen. Man kann oft etwas über die Ästhetik einer Kunstform lernen, wenn man die einer anderen Disziplin derselben Epoche betrachtet. Bei Debussy zum Beispiel erkennt man viele Parallelen zum Symbolismus in der Literatur – er hat Mallarmé und Verlaine gelesen und sich davon inspirieren lassen. Die Lyrik von Verlaine oder Maeterlinck vermittelt ähnliche Ideale, nur in einem anderen Medium. 

Sie erwähnen, dass Ihr Vater Bildhauer ist und Sie als Kind viel Zeit in seinem Atelier verbracht haben. Hat diese frühe Erfahrung Ihr heutiges Klangverständnis beeinflusst?

Ich weiß nicht, ob ich damals schon ein „Klangverständnis“ hatte, aber das Atelier meines Vaters war sicher ein prägender Ort für mein ästhetisches Empfinden überhaupt. Vielleicht hat es einfach mein Bewusstsein dafür geschärft, dass sich künstlerische Ideen auf ganz unterschiedliche Weisen ausdrücken lassen.

Sie haben fünf Komponisten eingeladen, neue Stücke für Gitarre solo zu schreiben – allesamt inspiriert von Kunstwerken ihrer Wahl. Nach welchen Kriterien haben Sie die Komponisten ausgewählt?

Ganz subjektiv – ich habe Komponisten eingeladen, deren Arbeit ich sehr schätze. Einige kannte ich bereits persönlich, andere nicht. Ehrlich gesagt habe ich anfangs gar nicht damit gerechnet, dass wirklich alle zusagen würden. Als dann plötzlich alle dabei waren, dachte ich kurz: Okay – jetzt wird’s ernst! Aber ich war natürlich unglaublich froh und dankbar, dass sie sich alle auf das Projekt eingelassen haben.

Einige Stücke des Albums erfordern ungewöhnliche Skordaturen und neue Spieltechniken. Wie verändert eine solche Umstimmung Ihre Herangehensweise an Klangfarbe und Ausdruck?

Eine solche Umstimmung der Saiten führt zunächst dazu, dass alle Töne an anderen Stellen liegen. Man kann also nicht auf das gewohnte motorische Gedächtnis zurückgreifen und muss zunächst neu lernen, wo sich die Töne in der neuen Stimmung befinden. Das erfordert beim ersten Kontakt mit dem Werk etwas mehr kognitive Arbeit, ist aber unglaublich spannend – wie das Betreten einer neuen klanglichen Welt.

Für Komponisten hat das den Vorteil, dass sie – gerade, wenn sie selbst Gitarre spielen oder das Instrument und sein Repertoire gut kennen – nicht so leicht in vertraute Muster oder Floskeln zurückfallen. Stattdessen lässt man sich stärker vom Klang selbst und vom musikalischen Moment leiten, weniger von motorischen Reflexen.

In „The Starry Night“ von Jeremy Collins wurde das Musikvideo an genau dem Ort gedreht, an dem Van Gogh sein berühmtes Gemälde schuf. Wie war dieses Erlebnis für Sie – fast an der Quelle der Inspiration zu spielen?

Das war tatsächlich ein magischer Moment – und nicht nur „fast“. Wir waren exakt an dem Ort, an dem viele seiner Gemälde entstanden sind, und haben – so glauben wir zumindest – einige Motive, bestimmte Bergspitzen oder uralte Olivenbäume, wiedererkannt. Besonders eindrücklich war für mich, dass wir an den Drehorten, etwa in einem Olivenhain, wirklich lange verweilt haben – viel länger, als man es als Besucher normalerweise tun würde. Da ein Dreh seine Zeit braucht, waren wir stundenlang in dieser Landschaft, ganz intensiv in Farbe, Licht und Atmosphäre eingetaucht. Ich hatte das Gefühl, wir haben die Magie dieses Ortes regelrecht aufgesogen – so, wie jemand, der ein Bild in freier Natur malt, es auch tun würde. Diese Zeit dort hat etwas mit uns gemacht: Man spürt die gleiche Atmosphäre und Magie, die auch in Van Goghs Bildern lebt. Es war, als würde man selbst für einen Moment Teil dieser Welt werden.

Die Stücke auf „Pictures“ sind sehr unterschiedlich – von Goyas düsterer Selbsterforschung bis zur spielerischen Welt von Sven Nordqvist. Wie gelingt es Ihnen, diese Vielfalt zu einer musikalischen Einheit zu verbinden?

Zu Beginn hatte ich tatsächlich die Sorge, dass die Stücke zu unterschiedlich sein könnten. Im Endeffekt sehe ich aber gerade darin eine Stärke des Albums – dass man verschiedene Stimmen und Perspektiven hört. Alle Werke sind durch das gemeinsame Konzept miteinander verbunden, und letztlich bin ja ich diejenige Konstante, die alles mit ihrer eigenen Klangvorstellung und Interpretation zusammenhält. Diese Vielfalt auf einem Instrument abzubilden, war für mich eine der spannendsten Aufgaben.

Alle Werke sind natürlich Ersteinspielungen. Sehen Sie „Pictures“ auch als Beitrag zur Erweiterung des zeitgenössischen Gitarrenrepertoires?

Auf jeden Fall. Mir ist es wichtig, dass die Gitarre auch im zeitgenössischen Kontext präsent ist und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Wenn durch dieses Projekt neue Impulse oder Anregungen für andere Musiker*innen entstehen, freut mich das besonders.

Die „Kyoto Sonata“ von Marek Pasieczny beschreibt eine spirituelle Reise durch Japan. Welche Bedeutung hat Spiritualität oder innere Reflexion für Ihr eigenes Musizieren?

Ruhe und Stille sind für mich die Basis des Musizierens. Nur aus der Stille kann etwas entstehen. In der Kyoto Sonata spielt dieses Verhältnis von Klang und Leere – das, was in Japan als Ma bezeichnet wird, der bewusste Raum zwischen den Dingen – eine zentrale Rolle. Mich fasziniert, dass dort auch die Pausen zwischen den Noten wesentlich zur Wirkung beitragen.

Jakob Wagner Pictures Cover

Sie schreiben, dass jedes Stück eine neue Art des Hörens und Spielens verlangt. Können Sie ein Beispiel geben, wo Sie besonders stark „umdenken“ mussten?

Jeder Komponist hat seinen eigenen Zugang zur Musik, und jeder Gitarrist seine eigene Technik und Herangehensweise an das Instrument. Drei der Komponisten spielen selbst Gitarre, und ihre jeweilige Spielweise spiegelt sich natürlich in den Kompositionen wider. Genau das macht für mich den Reiz aus – diese Unterschiede wahrzunehmen, zu verstehen und hörbar zu machen.

In der Erarbeitung war jedes Stück völlig unterschiedlich. Bei Alí Arangos Servando musste ich nicht so stark umdenken, weil wir denselben Professor hatten und unser technisches Denken auf der Gitarre sehr ähnlich ist – ich konnte seine musikalische Sprache schnell nachvollziehen. Daniel Rheinbay dagegen, der das Stück Hundpromenaden beigesteuert hat, hatte zuvor noch nie für Solo-Gitarre komponiert. Wir standen in engem Austausch darüber, was auf dem Instrument möglich ist, und ich habe Vorschläge gemacht, wie sich seine Ideen umsetzen lassen. Das war fast schon eine gemeinsame Arbeit und hat ein stärkeres Hineindenken in seine Perspektive verlangt.

Jakob Wagner, Foto © Anna Tena
Jakob Wagner, Foto © Anna Tena

Ihr Album schlägt eine Brücke zwischen Klang und Bild. Könnten Sie sich vorstellen, dieses Konzept in Zukunft weiterzuentwickeln – etwa mit bildenden Künstler*innen, Filmemacher*innen oder Installationen?

Auf jeden Fall. Ich habe in bisherigen Projekten immer die Erfahrung gemacht, dass sich verschiedene Disziplinen in gemeinsamen Konzertformaten gegenseitig bereichern. Ich bin grundsätzlich sehr offen und neugierig auf weitere Kollaborationen – mit bildenden Künstlerinnen, Filmemacherinnen oder anderen Kunstformen.

Auch in Pictures spielt die visuelle Ebene bereits eine große Rolle: Die Musik ist von bildender Kunst inspiriert, und zu jedem Stück haben wir ein eigenes Video realisiert. Dabei haben wir bewusst überlegt, welche Art von Bildsprache und welche Orte zur jeweiligen Musik passen – also eine weitere Übersetzung derselben ästhetischen Idee in eine andere Form.

Zum Beispiel basiert Autorretrato von Bojan Vuletić auf einem späten Selbstporträt Goyas, in dem er sich als alternder, kränkelnder Mann zeigt. Dieses Thema des Verfalls war für mich zentral. Wir haben dafür an einem ausrangierten Zugausbesserungswerk gedreht – ein echter Lost Place, der selbst schon Spuren der Vergänglichkeit trägt. Ich hatte das Gefühl, dass sich dort das Thema des Stücks visuell noch einmal erfüllt.

Nach diesem intensiven Projekt – was hat „Pictures“ mit Ihnen persönlich gemacht? Haben Sie Ihren Blick auf Musik oder Kunst dadurch verändert?

Dieses Projekt hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Ich habe unglaublich viel gelernt – über die Gitarre, über Musik, aber auch über mich selbst. Vor allem der gesamte Prozess, ein Album aufzunehmen – mit all den künstlerischen, organisatorischen und technischen Aspekten – war eine intensive Erfahrung. Darüber bin ich sehr dankbar.

Jakob Wagner, vielen Dank für dieses Interview!

Titelfoto © Anna Tena

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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