Die Flötistin Noemi Györi hat letztes Jahr zusammen mit Zoltán Fejérvári das Album „L’après-midi d’une nymphe“ veröffentlicht. Im Interview erzählen beide mehr über das Projekt.
Frau Györi, wie entstand die Idee, die Perspektive der Nymphen in den Mittelpunkt eines musikalisch-literarischen Programms zu stellen?
Alles entstand aus meiner langjährigen Leidenschaft für Claude Debussys Flötenmusik und aus meinem Wunsch, den Figuren und inneren Welten der griechisch-mythologischen Nymphen mehr Aufmerksamkeit zu schenken – deren Gefühle und Perspektiven historisch übersehen und daher in den Geschichten, die Debussys ikonische Flötenwerke und andere französische, mythologisch inspirierte Repertoirestücke prägten, weitgehend vernachlässigt wurden. Nachdem ich diese Werke über Jahrzehnte hinweg gespielt habe, wuchs in mir ein immer stärkerer, unwiderstehlicher Wunsch, der Stimme den Nymphen Raum zu geben – damit wir ihre Welt, ihre Geschichte, ihre Gefühle und ihre Verletzlichkeit erleben können.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Dichterin Anna T. Szabó?
Ich bewundere die Lyrik von T. Szabó seit meiner Jugend. Ihre Texte sind außerordentlich kraftvoll und befassen sich oft mit Themen von Weiblichkeit und Identität. Zugleich ist ihr Schreiben von Natur aus sehr musikalisch, sodass es sich ganz organisch mit klassischer Musik verbindet. Bevor die Gedichte entstanden, haben Anna und ich über den thematischen Rahmen gesprochen, und ich habe ihr die ausgewählten Musikstücke gezeigt, sodass die Texte als Reflexionen bzw. als Antworten auf dieses konkrete Repertoire entstanden sind.
Interpretatorische Ansätze von Noemi Györi und Zoltán Fejérvári
Inwiefern haben die Gedichte Ihre Interpretation der Werke von Debussy oder Mouquet beeinflusst – etwa in Klangfarbe oder Phrasierung?
Durch T. Szabós Worte konnte ich die Stimmen, Gefühle und Erzählungen der Nymphen hören – die in den Geschichten und Klangwelten dieser Werke so präsent sind, traditionell aber stumm bleiben. Das ließ die Musik für mich unendlich viel farbiger erscheinen. Ich fühlte mich dazu hingezogen, in der Musik mehr Verletzlichkeit zu zeigen.

Herr Fejérvári, welche Rolle spielt für Sie die Erzählung bzw. das poetische Konzept beim Spiel einer eigentlich rein instrumentalen Musik?
Es dient als Grundlage für einen möglichen Dialog zwischen dem literarischen Text und der Musik und fügt der Wahrnehmung des Publikums eine zusätzliche Dimension und Ebene hinzu.
Das Booklet beschreibt „Prélude à l’après-midi d’un faune“ als Wendepunkt in der Musikgeschichte. Wie übersetzen Sie diesen historischen Stellenwert ins Kammermusik-Format für Flöte und Klavier?
Debussys visionäre Musiksprache, seine unverwechselbare Klangwelt und sein einzigartiger Umgang mit der Flöte sind in diesem Werk vollständig präsent – deshalb ist auch die Fassung für Flöte und Klavier ebenso bedeutend wie das orchestrale Original. Sie eröffnet außergewöhnliche Möglichkeiten für sensibles kammermusikalisches Zusammenspiel und bietet eine enorme Farbpalette im Dialog zwischen Flöte und Klavier.
Viele Gedichte sprechen offen Themen wie Lust, Macht und weibliche Selbstermächtigung an. Gab es musikalisch Stellen, an denen Sie bewusst Grenzen überschreiten oder mit Hörerwartungen brechen wollten?
Die Gedichte selbst – durch ihre Intention und ihren Inhalt – überschreiten bereits Grenzen. Die Musik und ihre Interpretation mussten dafür nicht bewusst verändert werden. Ich hatte das Gefühl, dass schon die Kombination von Musik und Poesie in diesem Programm ausreicht, um die Erwartungen des Publikums herauszufordern und zu erweitern.

Technische und künstlerische Herausforderungen für Noemi Györi
Was war für Sie jeweils die größte technische oder interpretatorische Herausforderung bei diesem Repertoire?
Herr Fejérvári: Für mich war es am anspruchsvollsten, in L’après-midi d’un faune all die Farben des Orchesters überzeugend darzustellen.
Frau Györi: Für mich war es ganz eindeutig Jolivets Chant de Linos. Dieses Stück ist technisch außerordentlich anspruchsvoll und wird daher oft mehr für seine Kraft und seinen Schwung als für seine lyrischen Qualitäten gefeiert. Ich wollte einen Weg finden, beide Aspekte zu verbinden und eine wirklich vielseitige, reich dramatische Interpretation zu schaffen, die als echtes Schlussstück – gewissermaßen als Zusammenfassung des gesamten Albums – dienen kann.
Frau Györi, Sie erwähnen Ihre Verbundenheit mit Debussys Syrinx. Hat sich Ihre persönliche Beziehung zu diesem Stück durch das Projekt verändert?
Ich spiele dieses Stück seit Jahrzehnten, und es hat mich durch viele der bedeutendsten Momente meiner Karriere begleitet. Durch dieses Projekt jedoch hat es für mich einen anderen Charakter angenommen: Ich nehme nun viel mehr Verletzlichkeit in der Musik wahr und habe nach noch feineren und nuancierteren Klangfarben gesucht als zuvor.
Herr Fejérvári, inwiefern unterscheidet sich Ihre Herangehensweise bei diesem Album von der bei einem klassischen Lied- oder Sonatenabend?
Ich glaube nicht, dass sich meine Herangehensweise unterscheiden müsste, denn ich denke nicht in Kategorien. Beim Kammermusizieren ist für mich die Persönlichkeit des Partners entscheidend, und dazu versuche ich mich bestmöglich zu verhalten – möglichst so, dass dabei auch meine eigenen Gedanken ausreichend Raum bekommen.

Verschmelzung von Musik und Poesie in der Produktion
Gab es in der Produktion Momente, in denen Musik, Text und Interpretation für Sie auf besondere Weise verschmolzen sind?
Die Verbindung von Poesie und Musik wirkte durchgehend authentisch und dramatisch, doch die Mouquet-Sonate war für mich eine besondere Überraschung: Durch die Kombination mit der Dichtung gewann sie ein ganz neues Gewicht und eine neue Bedeutung; in diesem Kontext klang die Musik wesentlich tiefer und eindringlicher.
Welche Reaktionen wünschen Sie sich vom Publikum – eher kontemplative, sinnliche, politische?
Jede Reaktion ist zu begrüßen. Meiner Meinung nach ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn unsere Kunst keinerlei Wirkung auf die Menschen ausübt. Von den von Ihnen aufgezählten Reaktionen kann ich mir vielleicht die politischen am wenigsten vorstellen, aber wer weiß, wozu sich die Menschen nach einer eindrucksvollen Aufnahme oder einem Konzert hinreißen lassen …
Frau Györi, planen Sie, das Konzept von L’après-midi d’une nymphe auch live auf die Bühne zu bringen, eventuell mit Lesung und visuellen Elementen?
Ja, unbedingt. Wir haben dies bereits im wunderschönen Haus der Musik in Budapest getan, mit T. Szabó, die ihre Gedichte live auf der Bühne mit uns präsentierte. Geplant ist, das Programm an weitere Orte auf der ganzen Welt zu bringen und möglicherweise künftig auch visuelle Elemente einzubeziehen.
Noemi Györi, vielen Dank für dieses Interview!
Titelfoto © Laszlo Emmer


