Das international zusammengesetzte Streichquartett „Pacific Quartet Vienna“ blickt auf eine längere Geschichte mit wechselnder Besetzung zurück. Seit 2009 ist die Cellistin Sarah Weilenmann Mitglied des vielfach ausgezeichneten Ensembles.
Sarah Weilenmann, wie ist es zu dem Namen Pacific Quartet Vienna gekommen? Wien liegt nicht am Pazifik.
Definitiv nicht, auch wenn es schön wäre – da war Yuta, unser erster Geiger aus Japan, dann waren es noch drei Männer aus China, Russland und Taiwan, und diese vier Länder liegen halt rund um den Pazifik, das war das verbindende Element, und alle haben in Wien studiert. Aber eigentlich verantwortlich für den Namen ist unser erster Geiger, der auch ein großer Philosoph ist, würde ich sagen. Er sieht den Pazifik als verbindendes oder friedensstiftendes Element, das trägt er im Herzen mit sich, aber ursprünglich war es auch eine geografische Angabe. Wir waren immer ein multinationales Quartett. Jetzt sind wir noch aus Japan, Taiwan und eigentlich ist mittlerweile die Schweiz doppelt vertreten, beziehungsweise ich bin auch noch Deutsche und Simon ist auch noch Österreicher, aber lange Zeit, waren wir drei Asiaten, also aus Taiwan und Japan und nur ich als Europäerin dabei.
Sie haben gerade eine neue CD rausgebracht, „Szenen ohne Worte“ und sich drei Streichquartetten von Mozart, Donizetti und Verdi zugewandt. Wie kann es zu dieser Zusammenstellung?
Unsere Reise für diese CD begann eigentlich mit Verdis Streichquartett. Wir wurden vor ungefähr drei Jahren für eine Programmgestaltung angefragt. Da haben wir es kennengelernt und dann waren noch Engelbert Humperdinck und Wagner dabei, auch Opernkomponisten, aber davon gab es schon eine CD. Uns hat Verdi so fasziniert, dass wir gesucht haben, was dazu passen würde, denn es ist ein Werk, was man nicht so häufig hört. Es ist so dicht und komplex und vielseitig geschrieben, dass wir das unbedingt aufnehmen wollten. Wir sind seit unserer Gründungszeit mit der Wiener Klassik verbunden, so kam schnell Mozart mit ins Spiel, weil Mozart wirklich ein Komponist ist, der die Opernwelt auch in der Kammermusik aufleben lässt. Dann haben wir gesucht, was weiterhin passen könnte und Donizetti hat auch 17 oder 18 wunderbare Streichquartette komponiert. Dann haben wir die Nummer 17 gefunden, die uns wirklich gefallen hat.

Was ist das Reizvolle, wenn große Komponisten, die überwiegend Opern geschrieben haben – und Oper ist ja immer ganz großes Kino mit Bildern, Kostümen und allem Drum und Dran – sich dann plötzlich reduzieren auf vier Streicher?
Da wir von der Wiener Klassik kommen, haben wir sehr stark die Rhetorik als Grundlage, also wirklich das Gespräch, aber, wenn man dann diese Opernwelt hinzunimmt, kommt eine ganze Palette an neuen Klangfarben hinzu. Es macht die Musik so lebendig, wenn man diese szenischen Elemente mit einbezieht. Wenn man zum Beispiel Mozart-Opern gespielt hat, kann man sich diese Szenen überall vorstellen, das ist wie eine Oper im kleinen Format. Natürlich gibt es auch andere Sätze, die mehr die rhetorischen Elemente mit ins Spiel bringen oder den Tanz, aber es befruchtet sich gegenseitig und schenkt uns eine Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten.
Wenn Sie von szenischen Elementen sprechen, heißt das, dass dann bei Ihnen beim Spielen Bilder ablaufen?
Ja, absolut. Jeder kann ein individuelles Bild haben, aber wir sprechen, über alle Momente – was sind das für Szenen, was stellen wir uns da vor und wenn jemand gerade ein anderes Bild hat, dann ist es auch gut. Hauptsache, wir haben Bilder, die wir zum Leben bringen können.
Was verändert sich, wenn man Bilder sieht und nicht nur Noten und Läufe?
Ich denke, es ist unsere Aufgabe als Musiker, dass wir nicht nur einen Notentext spielen, sondern dass wir eine Geschichte erzählen oder eine „Klangrede“ mitteilen. Es ist unsere Aufgabe, die Musik zu entziffern, was hat der Komponist gewollt und anhand dieser verschiedenen Elemente in die Tiefe zu gehen und das zum Ausdruck bringen. Ich sehe das als A und O unseres Berufes.
Das Parific Quartet Vienna liebt auch zeitgenössische Musik?
Wir hatten schon immer ein Faible für asiatische zeitgenössische Musik, weil wir sehr viel in Japan auf Tournee waren, vor Corona-Zeiten jedes Jahr. Wir haben nach Stücken aus dieser Region gesucht. Denn der Kulturaustausch im Quartett, aber auch in der Musik hat uns sehr interessiert. So kamen wir zuerst mehr auf die asiatische zeitgenössische Musik und jetzt auch immer mehr auf alle möglichen Komponisten in Europa. Jetzt hatten wir gerade eine Konzertmöglichkeit bei Wien Modern. Da haben wir Werke von Gert Kühr kennengelernt und er hat uns ein neues Streichquartett gewidmet und so ergibt sich eine Chance nach der anderen. Es ist unglaublich schön, nicht nur 250-jährige Werke oder 100-jährige Werke zu spielen, sondern tatsächlich am Ball unsere Kultur zu sein, das zu entdecken und sich mit den Komponisten auszutauschen, die Gedanken zu verstehen. Dann ändern sich die Werke natürlich nochmal – wenn man sich austauschen kann, das ist schon faszinierend.
Heißt Austausch auch persönliches Gespräch?
Ja, wir versuchen mit jedem Komponisten, der noch lebt, uns treffen zu können und mindestens eine Probe gemeinsam zu haben. Da ist auch eine große Bereitschaft von den Komponisten. Wir hatten zum Beispiel noch das Glück, mit Sofia Gubaidulina zu arbeiten, die leider dieses Jahr verstorben ist. Kurtágs Werke haben wir auch schon sehr häufig gespielt, aber er ist jetzt, glaube ich, 99 und hat uns über Freunde ausrichten lassen, dass er im Moment seine ganze Energie, die er noch hat, für seine zweite Oper benötigt und deswegen leider keinen Unterricht mehr erteilt. Aber wo es geht, versuchen wir die Komponisten zu treffen.
Sarah, Sie haben schon gesagt, Kulturvermittlung ist Ihnen wichtig, also über die Länder hinweg, aber auch über Generationen hinweg?
Absolut! Seit vielen Jahren haben wir auch ein Familien- oder Kinderprogramm und das heißt die klingenden Märchen. Weil wir ursprünglich vier Mitglieder aus vier verschiedenen Ländern waren, hatten wir uns zum Ziel gesetzt, zu schauen, ob wir ein Märchen finden, was in allen vier Ländern, Kulturen vorhanden ist und wir haben es fast geschafft. Wir haben ein japanisches, ein ungarisches, ein Schweizer Märchen gefunden, was von der Grundphilosophie her die gleiche Geschichte erzählt, natürlich immer ein bisschen unterschiedlich. Nur in Taiwan, da haben wir es nicht geschafft, da ist die Tradition ganz anders im Geschichtenerzählen. Aber so haben wir im Laufe der Jahre immer wieder ein Märchen ausgewählt, was wir von einem Komponisten aus dem jeweiligen Land vertonen ließen. Wir haben das in allen möglichen Ländern aufgeführt, in Japan, Taiwan, in der Schweiz, in verschiedenen Sprachregionen und in Österreich.

Das heißt, Sie haben neue Kompositionen geschaffen?
Genau, wir vergeben das in einem Kompositionsauftrag und ein Komponist komponiert dann, sei er aus Spanien, aus Ungarn oder aus Japan, Taiwan die Musik dazu.
Sie haben auch einen Förderverein, weil die Situation für Kunst heutzutage, das wissen wir alle, nicht einfach ist. Das heißt, Sie sind da ziemlich innovativ und versuchen möglichst viele Dinge zu machen?
Die Idee kam schon vor 14 Jahren auf. Ich selber hatte drei Jahre in Amerika studiert, und fand es sehr beeindruckend, wie innovativ die Menschen mit der Kulturförderung umgehen, wie offen alle sind und wie sehr die Kultur von privaten Sponsoren abhängig ist, finanziert oder unterstützt wird. Als ich zurück in der Schweiz war, hatte ich ein Quartett in Wien. Da kam die Idee, so etwas könnten wir auch ins Leben rufen. In der Schweiz gibt es tatsächlich sehr viele Vereine oder Quartette, die einen Freundeskreis haben. Jetzt haben wir das auch neu in Österreich gegründet. Da ist es noch ein bisschen harziger, wenn man das so sagen darf. Aber wir haben Glück, dass wir auch wunderbare Unterstützer haben. Das ermöglicht uns unsere eigene Konzertreihe, aber auch die CD-Aufnahmen werden immer großzügig unterstützt. Oder auch was man heutzutage immer haben muss, diese YouTube-Filme und alles, um für das Marketing zu investieren.
Mir hat neulich eine Musikerin gesagt, CDs hören Leute heute eigentlich kaum noch, aber es sind Visitenkarten, die man einfach braucht und auch etwas, was bleibt. Sehen Sie das auch so?
Wir sehen das absolut so. Ich meine, wir hatten die Diskussion jetzt bei dieser CD zum ersten Mal auch mit unserem CD-Verleger, sollen wir die CD überhaupt noch physisch haben oder wird sie einfach aufgenommen und dann nur online gestellt? Und selbst unser Produzent von Solo Musica sagt, er weiß nicht, wie es weitergehen wird, wir stehen an der Kreuzung und es gibt ja im Moment noch beide Bedürfnisse. Es gibt noch das Bedürfnis nach CDs, wir verkaufen sie immer noch bei jedem Konzert. Es ist natürlich nicht mehr die ganz große Menge wie vor zehn Jahren, aber es ist noch immer das Interesse da. Und lustigerweise ist es wirklich eine Visitenkarte. Die Aufmerksamkeit ist schon sehr, sehr hoch, wenn man eine CD auf den Markt bringt. Aber natürlich hören sich viele das schon online an. Mal schauen, wie es weitergeht.

Haben Sie weitere Pläne, Träume?
Wir hatten eine Idee, die jetzt gerade noch im Raum schwebt, aber sich vielleicht doch nicht so schnell umsetzen lässt. Wir wollten gleich noch mal eine CD einspielen mit Gerd Kührs drei Streichquartetten, die wir bei Wien Moderne spielen durften, plus Haydn und Janáček. Da hatten wir kurz ein Label, was das unbedingt verlegen wollte, aber dann wurde es finanziell eng. Deswegen schwebt das ein bisschen im Raum, ob wir das machen. Aber wir haben sehr viele weitere Konzertprojekte, und Konzerte bei Festivals. Ideen haben wir immer mehr als genug. Es ist immer die Frage der Zeit, wie schnell wir die Ideen umsetzen können. Eine Idee ist schon seit zwei Jahren, dass wir gerne ein reines Programm mit Komponistinnen hätten, zeitgenössische und historische Werke.
Ich nehme an, alle vier Musiker sind nicht nur mit dem Quartett beschäftigt, sondern machen noch etwas nebenbei.
Ja, genau. Wir alle haben noch ein zweites Standbein, aber unser Herz schlägt zu 100 Prozent fürs Quartett. Das ist für alle unsere erste Priorität, aber gleichzeitig, sind unsere zwei Geiger stellvertretend Konzertmeister in verschiedenen Kammerorchestern. Ich unterrichte viel und spiele auch zwischendrin mal Orchester, weil ich einfach diese Ergänzung wunderschön finde, wenn man Musik von verschiedenen Perspektiven aus erleben kann. Qin Qing unterrichtet auch, aber sie liebt auch Organisation und übernimmt Managementaufgaben für verschiedene Organisationen im Musikbereich. Es gibt es für uns alle ein zweites Standbein. Es gibt ja kaum noch ein Quartett, das nur vom Quartettspiel leben kann, wie das vielleicht früher die fünf, sechs großen Quartette konnten.
Sarah Weilenmann, herzlichen Dank für dieses offenen Gespräch.
Titelfoto © Julia Wesely


