Einfach Klassik.

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Jean-Nicolas Diatkine – Schubert: Moments musicaux und Impromptus (Albumcover)

Jean-Nicolas Diatkine spielt Schubert

Franz Schuberts Klavierminiaturen müssen ihre Zeitlosigkeit in jeder Generation neu beweisen. Die Moments musicaux, die Impromptus – sie wirken vertraut, fast zu vertraut. Umso bemerkenswerter, wenn ein Pianist diese Musik so erklingen lässt, als höre man sie zum ersten Mal. Jean-Nicolas Diatkine gelingt auf seiner neuen Einspielung für das Label Solo Musica ein subjektiver künstlerischer Blick, der die universale Aussage dieser Musik neu freilegt.

Eine persönliche Annäherung an Schuberts Klavierminiaturen

Diese Aufnahme hat eine persönliche Vorgeschichte. Diatkines Mutter, eine Ärztin, hatte ihm als Kind bei diesen Stücken geholfen. Ein Jahr arbeitete er an der Einspielung – nicht um Bekanntes zu wiederholen, sondern um es neu zu durchdringen. Kurz vor ihrem Tod konnte er ihr die fertige CD noch vorspielen.

Rhetorik, Klang und Erzählkraft bei Jean-Nicolas Diatkine

Der französische Pianist hat nie ein Konservatorium besucht. Seine Schule war die Liedbegleitung: Winterreise, Die schöne Müllerin, Schwanengesang. Man hört das sofort. Seine Rhetorik ist eine sprechende – Staccati, die Nähe und Ferne ausloten, Crescendi, die sich aufbauen und zurücknehmen, Pausen, die mehr erzählen als manches Fortissimo. In den Moments musicaux spürt man von Beginn an eine unverbrauchte Gestaltungskraft. Im ersten Satz erzeugen Hemiolen eine unterschwellige Spannung. Der zweite setzt fünfstimmig ein – die Stimmen wirken wie auf unerschöpflichem Atem geführt. Im dritten höre ich lautmalerisch den Rhythmus eines trabenden Pferdes – eine Miniatur von knapp zwei Minuten, der Diatkine durch präzise Akzentuierungen überraschende Tiefe verleiht.

Im vierten Satz fällt auf, wie Diatkine den Kontrast zwischen dem düsteren cis-Moll und einer tänzerischen Episode in Dur gestaltet: Letztere scheint wie aus weiter Ferne zu kommen und lässt das Schicksal im Rückblick nur noch tragischer erscheinen. Der fünfte wirkt orchestral gedacht – die Sprünge klingen nicht wie pianistische Gesten, sondern wie Instrumentenwechsel. Der sechste bildet umso überzeugener einen Ruhepol.Mit den Impromptus verändert sich der Charakter grundlegend. Im ersten schleudert Diatkine den isolierten Dissonanzakkord hinaus, lässt die Obertöne verklingen, macht im erstickten Stakkato weiter. Das Marschartige fährt in die Glieder. Dann die Verwandlung: Das Legato fließt, die Melodie bekommt Raum. Man staunt, wie er den Bogen wahrt, wie nichts auseinanderfällt.

Impromptus, Ungarische Melodie und der bleibende Eindruck

Im zweiten jagen Tonkaskaden dahin – ein imaginärer Wind weht durch die Figurationen. Diatkine nimmt die gebrochenen Akkorde so, dass die Melodie in der Oberstimme hörbar bleibt. Das ist bis in die letzte Nervenzelle gelebte Musik. Im dritten schwebt die Begleitung unartikuliert, darüber breitet sich die Melodie wie eine Ballade aus. Im vierten treffen arpeggierte Figuren auf kraftvolle Akkordantworten – mediterrane Leichtigkeit und dramatischer Ernst im ständigen Dialog. Die Ungarische Melodie überrascht. Anfangs fragt man sich, warum Schubert es Melodie nannte, wenn es wie ein Marsch klingt. Diatkine gibt die Antwort: Er spielt mit freiem Rubato, mit Beschleunigung und Stillstand. Es wird ein Tanz, der Raum gibt zu klagen, zu erzählen. Das Attribut ungarisch war damals wohl eine Tarnung – es war gesellschaftlich nicht akzeptabel, eine Melodie jüdisch oder Zigeuner zu nennen. Diatkine macht daraus keinen akademischen Diskurs. Er spielt.

Was bleibt nach dem Hören? Der Eindruck eines Pianisten, der nach eigenem Bekunden „verschwindet“, um die Musik sichtbar zu machen. Transparent, hellsichtig und ganz im Dienst dessen, was Schubert gemeint haben könnte. Eine Aufnahme, die lange nachwirkt.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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