Jedem Anfang… Kiveli Dörken gibt ihr Aufnahmedebüt

Kiveli Dörken

Fast erschrocken bin ich, als ich erfuhr, dass dies die erste CD-Veröffentlichung von Kiveli Dörken ist. Hat die deutsch-griechische Pianistin doch schon so eine konstante Präsenz im Klassik-Konzertbetrieb, und in den sozialen Medien eine öffnende, interessante Einblicke gebende Rolle in Bezug auf das Klavierspiel. Mit unter anderem zehnjähriger Ausbildung beim legendären Karl-Heinz Kämmerling in Hannover steht sie auf einer soliden Basis bester Ausbildung. Gut – nun also Debüt.

Entscheidungen

Und die Werkauswahl ist durchaus interessant dafür. Spielen doch viele zu Beginn ihrer Aufnahmekarriere Beethoven, Schubert, Chopin, um größere Zielgruppen zu erreichen. Nicht Kiveli Dörken. Mit Josef Suk wählt sie einen Komponisten, der gleichwohl unbekannter, aber auch umso interessanter ist. Der tschechische Komponist und Schwiegersohn Antonín Dvořáks erlebte die Tragödie innerhalb eines Jahres Ebendiesen, sowie dessen Tochter, seine Ehefrau Otylka zu verlieren, was zu einem erwartbaren Bruch in seiner Tonsprache führte. Wohl aus diesem Grund hat Dörken für ihr Album ein Frühwerk, das Klavierquintett g-Moll op. 8, sowie eine späte Komposition, den Klavierzyklus „Erlebtes und Erträumtes“ op. 30 ausgewählt.

Und für das Quintett erhält die Pianistin ebenfalls prominente Unterstützung von Christian Tetzlaff (1. Violine), Florian Donderer (2. Violine), Timothy Ridout (Viola) und Tanja Tetzlaff (Violoncello), die nicht nur auf ihren jeweiligen Instrumenten höchst erfahren und gefragt sind, sondern die auch schon des öfteren mit Kiveli Dörken gespielt haben, und dadurch entscheidende Vorteile im Zusammenspiel geniessen können.  Als Folge geben sie dann auch ihr ganzes Können in diese Aufnahme, gestalten mit sehr viel Konzentration auf Details, und geben so ein Höchstmaß an Leben und Atmosphäre in den Vortrag.

Räume, Gestaltung

Von Beginn des Klavierquintetts an fällt jedoch auf, dass die Pianistin voll auf die musikalische Interpretation und das Kollektiv fokussiert ist. Selbst in für das Klavier vordergründigen Passagen nimmt sie nie zu viel Raum ein, sondern bleibt bei einer sehr maßvollen Präsentation, spielt immer im Kontext der anderen. Dadurch bekommt das Streichquartett viele Gestaltungsmöglichkeiten, die die Musiker*innen unter anderem nutzen, um mit sehr singender Tongestaltung die Anklänge böhmischer Volksmusik herauszuarbeiten. Die elegischen Melodien gleich im ersten Satz breiten die vier Streicher mit geschicktem Vibratoeinsatz weit aus, und demonstrieren so die erzählenden Eigenschaften in Suks Musik. 

Im zweiten Satz – Adagio (Religioso) erfährt dies dann eine Steigerung, bei gleichzeitiger Besinnung auf kleinere Räume, intimere Melodien und Momente, gerade wenn Ridout an der Viola so gefühlsbetont die Stimmführung übernimmt.

Und Dörken ist immer gekonnter Gegenpart zu diesen aufblitzenden Soli, begleitet mit bester Dosierung, oder gibt dem Vortrag Kraft, dort wo es nötig ist, phrasiert präsentere Momente in höheren Lagen bewusst mit dem helleren Timbre der stärkeren Anschläge.

Im Scherzo spielt sie dann die Triller nicht nur in absolut perfektem Ablauf, und mit bewusster Gestaltung, sie ordnet sie auch ganz gezielt und passend im Gesamtkontext der Quintettbesetzung ein. Das sind dann die Momente, in denen technische Perfektion, ideale Abstimmung und Eingespieltheit und höchste Interpretationsfähigkeit zu echtem Musizieren werden, das die Hörenden mitreisst.

Das Tagebuch

Der Klavierzyklus “Erlebtes und Erträumtes” besteht aus zehn kurzen Stücken, die sehr persönlich aus dem Leben des Komponisten erzählen. Suk bezeichnete die Miniaturen selbst als Tagebuch, in das er eigene Erlebnisse, Wünsche und Träume schrieb. Kiveli Dörken versucht vor allem die unterschiedliche Natur der einzelnen Teile herauszuarbeiten. Und es gelingt. Gleich zu Beginn kann sie im Allegretto moderato in hohem Tastendruck ihr ureigenes Temperament einbringen und umsetzen, jedoch nicht ohne den erneuten Übergang in tänzerisches Piano. Davon ausgehend folgt sie dann gekonnt der Weiterentwicklung der Komposition, und betont den angelegten Vorwitz mittels federleichter Triller.   

In Teil III (Andante sostenuto) meint man etwas Ravel herauszuhören, was die Pianistin mit epochentypischer, weicher und fast zögerlicher Interpretation unterstreicht. Gleichzeitig lässt sie dann aber auch die perlenden Melodieregen mit lockeren Fingern auf die Zuhörer herab. Es ist diese von aussen erlebbare Mischung aus Unbeschwertheit und Temperament, die diesen Zyklus so passend für die junge Pianistin macht.

Kiveli Dörken
Kiveli Dörken, Foto: Giorgia Bertazzi

 

Fast schon wütende Momente erlebt man nämlich, wenn sich Dörken in “IV Poco allegretto” energiereich in die Tasten wirft, und dann wieder viele Nachdenkliche in den Adagio-Sätzen und sogar im Vivace. Die raumgebende Zurückhaltung die manchmal sogar zögernd wirkt, setzt sie mit betont weichem Anschlag um, und schafft viel Platz zwischen den Noten. Ihre Intention, sich mit diesen Stücken zu identifizieren und Parallelen zu sich selbst zu suchen realisiert sie hier perfekt. Ohne aber sich selbst untreu zu werden. Ihr wohl immanent fröhlicher Charakter betont dann in “VI Moderato quasi allegretto” ganz klar das allegretto, was dem Gesamtverlauf der Stücke an dieser Stelle aber auch sehr gut tut.

Und so geht Kiveli Dörken konsequent weiter durch diesen Zyklus bis ans Ende, lässt sich auf alle unterschiedlichen Charaktere ein, bleibt aber immer sie selbst.

Dadurch gelingt ein Debüt mit einem aussergewöhnlichen Programm und einer begeisternden Besetzung, und ist somit ein farbenfroher Insasse in jeder Klassiksammlung.

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