Mit dem Leitmotiv „Der Anfang“ schlagen die Gustav Mahler Musikwochen 2026 in Toblach ein neues Kapitel auf. Erstmals gestaltet Josef Lanz das traditionsreiche Festival gemeinsam mit dem Dirigenten Dirk Kaftan, der neue Impulse und eine stärkere internationale Vernetzung einbringen möchte. Im Interview sprechen die beiden künstlerischen Leiter über Tradition und Aufbruch, Mahlers Bedeutung für die Gegenwart, die Rolle von Wissenschaft und Vermittlung sowie ihre Vision für die Zukunft eines der bedeutendsten Mahler-Festivals Europas.
Tradition und Neuanfang bei den Gustav Mahler Musikwochen
Das Motto 2026 lautet „Der Anfang“. Gleichzeitig gehören die Gustav Mahler Musikwochen zu den traditionsreichsten Mahler-Festivals Europas. Was genau ist mit dem Motto gemeint?
Josef Lanz: Tradition und Neuanfang gehören zum Wesen der abendländischen Musikgeschichte. Da Musik immer wieder aufgeführt werden muss und darf, sind Lebendigkeit und Neuinterpretation geradezu vorprogrammiert. Gerade für die Rezeption der Musik Mahlers ist es wichtig, sie stets so zu spielen und zu hören, als erklinge sie zum ersten Mal. Nur so bleiben ihre revolutionäre Kraft und ihre künstlerische Größe erfahrbar und werden nicht durch den „Niedergang zum Klassiker“ (Attila Csampai) abgeschwächt.
Dirk Kaftan: Zunächst geht es ganz direkt um den Anfang eines Schaffenskreises, den Anfang der Sinfonik bei Mahler. Dem stellen wir als Orchester der Beethovenstadt Bonn den Anfang von Beethovens Sinfonien gegenüber, – die erste Sinfonie eines Komponisten, an dem sich fortan alle anderen messen mussten. Gleichzeitig ist es der Anfang einer hoffentlich glücklichen und kreativen Zusammenarbeit an diesem magischen Ort hier!
Josef Lanz und Dirk Kaftan über die Zukunft des Festivals
Herr Lanz, Sie prägen die Musikwochen seit vielen Jahren. Herr Kaftan, Sie kommen neu hinzu. Was haben Sie jeweils gedacht, als diese gemeinsame Konstellation entstand – und wo sehen Sie die größten Chancen einer Doppelspitze?
Josef Lanz: Ich bin seit 1994 künstlerischer Leiter der Mahler Musikwochen. Mein Bestreben war immer, auch Ideen und Vorschläge aus den verschiedenen Richtungen aufzunehmen und sie in ein Gesamtkonzept einzubauen. Teamarbeit und Vielseitigkeit der Ideen und Konzepte sind für die Mahlerwochen nur positiv.
Dirk Kaftan: Ich habe den größten Respekt vor dem Lebenswerk von Josef Lanz. Es ist ein echtes Privileg große Ehre, hier einen Beitrag zu dem leisten zu dürfen, was Josef über die Jahre aufgebaut hat. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und jeder von uns bringt eine eigene Welt mit. Mein Gefühl ist, dass wir uns perfekt ergänzen! Von außen kommend ist der Blick auf eine Programmatik ja naturgemäß eine andere. Dabei empfinde ich mich als ein Ast an einem wunderbar gewachsenen Baum. Die enge Beziehung zu einem Orchester, besonderen Künstler*innen macht am Ende die Persönlichkeit eines Festivals aus. Meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Formaten und Experimenten gehen hier Hand in Hand mit einer gesund gewachsenen Tradition.

In der Presseankündigung wird eine stärkere internationale Ausrichtung betont. Was bedeutet „international“ für Sie konkret – mehr Gastorchester, neue Perspektiven auf Mahler oder vielleicht sogar neue Publikumsgruppen?
Josef Lanz: „International“ ist für viele ein klangvolles Wort, das Qualität verspricht und einem Ereignis über die Grenzen des eigenen Landes hinaus Aufmerksamkeit verschafft. Oft wird international als Gegensatz zu lokal verstanden – eine Sichtweise, die ich für problematisch halte. Mir geht es vielmehr darum, beides miteinander zu verbinden und einen guten Ausgleich zu finden. Die lokale Kultur liegt mir sehr am Herzen. Gerade ihre Verwurzelung und Eigenart sind die Voraussetzung dafür, dass sie auch international wahrgenommen und geschätzt werden kann.
Dirk Kaftan: Musik misst immer international, Musik verbindet die Welt! Wir möchten in Zukunft insbesondere einen Beitrag zum größeren Zusammenhalt Europas leisten und bewusst Formate suchen, die diskursiv und verbindend Brücken bauen. Toblach ist doch ein Labor für das gemeinsame Schaffen und Denken von Musiker*innen, Komponist*innen und der Wissenschaft.
Toblach ist kein beliebiger Festivalort. Mahler hat hier seine letzten großen Werke geschrieben, und viele Besucher erleben den Ort fast wie eine Pilgerstätte. Empfinden Sie diese Geschichte eher als Inspiration oder manchmal auch als Verpflichtung?
Josef Lanz: Ich würde sagen: beides. Mahler ist in Toblach nicht nur eine historische Persönlichkeit, sondern ist zu einer kulturellen Identifikationsfigur geworden, die Toblach international sichtbar macht. Darin liegt eine große Chance, aber auch eine Verantwortung. Entscheidend ist, dass Mahler nicht zum Denkmal erstarrt. Seine Musik lebt von ihrer Modernität, ihrer Unruhe und ihrer Fähigkeit, jede Generation neu herauszufordern. Eine lebendige Mahler-Kultur bedeutet daher nicht nur Erinnerung, sondern immer auch Aufbruch zu Neuem.
Dirk Kaftan: Beides. Aber Verpflichtung ist überhaupt nichts Negatives! Wir tragen den ähnlichen Auftrag als Beethoven Orchester. Dabei geht es aber immer drum, Musik und ihre Inhalte ganz nah zu den Menschen zu tragen. Zu Menschen mit sehr unterschiedlichem Erfahrungshorizont, was die Berührung mit Musik angeht.
Das Festival steht seit jeher für die Verbindung aus Musik, Wissenschaft und Ortserfahrung. Wie wichtig sind Vorträge, Diskurse und Kontext heute noch – gerade in einer Zeit, in der Aufmerksamkeitsspannen oft kürzer werden?
Josef Lanz: Der wissenschaftliche Teil mit Vorträgen aus verschiedenen kulturellen Bereichen, Diskussionen, Filmen und dem Schallplattenpreis war lange Zeit das Herzstück der Mahlerwochen und von internationaler Bedeutung. In letzter Zeit ist dieser Bereich jedoch in den Hintergrund gerückt. Eine erneute Aufwertung des wissenschaftlichen Programms würde den Mahlerwochen wieder mehr Gewicht verleihen und neue Zielgruppen ansprechen
Dirk Kaftan: Extrem wichtig. Ich spüre einen großen Hunger nach Nähe, Tiefe und Begegnung durch Live- Konzerte oder eben auch diskursive Formate, die uns zur Musik und damit zu uns selber bringen. Die Voraussetzung dafür ist für mich, dass alles, was wir tun, nicht in einem Elfenbeinturm, sondern für möglichst viele Menschen wahrnehmbar, verständlich und sinnlich gestaltet wird.
Mahler, Aufbruch und neue Konzertformate
Das Thema „Anfang“ lässt sich biografisch, musikalisch und gesellschaftlich lesen. Gab es Werke im Programm, bei denen Sie das Gefühl hatten: Hier erzählt Musik tatsächlich von Aufbruch?
Josef Lanz: Der Übergang in das neue Jahrtausend sowie die Einweihung des neuen Konzertsaals „Mahler Saal“ im Grand Hotel im Jahr 1999 waren von einer Aufbruchsstimmung und großer Zuversicht geprägt. Von nun an konnten dort alle Sinfonien Gustav Mahlers – mit Ausnahme der Achten – in einem akustisch hervorragenden Saal aufgeführt werden. Auch die Anlage des Grand Hotels mit seinem Park trägt wesentlich zu einer angenehmen gesellschaftlichen Atmosphäre bei.
Dirk Kaftan: Ja, sehr! Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit der Natur in der ersten Sinfonie von Mahler steht für mich ganz klar im Zeichen des Aufbruchs. Und Beethovens 1. rüttelt schon mit den ersten Akkorden wach! Mit unseren kleinen Überraschungs-Formaten machen wir uns auf, um die Stadt und die Region anzustiften und zu bewegen.
Herr Kaftan, Sie werden oft mit ungewöhnlichen Konzertformaten und einer besonderen Nähe zum Publikum verbunden. Welche Impulse möchten Sie nach Toblach mitbringen?
Dirk Kaftan: Ich möchte durch Musik eine Beziehung zum Publikum und damit zu den Menschen knüpfen. Unser Handeln, hat mit dieser Beziehung zu tun. Da ist jeder Ort anders und ich komme als „Fremder“ mit großem Respekt vor der Kultur hier vor Ort. Schon unser erstes Programm hier ist nicht als Diktat von außen entstanden, sondern im Dialog mit den wunderbaren Partnern vor Ort. Dabei stärken wir die Musikvermittlung, schwärmen in kleinen Entdecker-Formaten und in unterschiedlichen Besetzungen aus an ungewöhnliche Spielorte und bündeln unsere Kräfte in drei besonderen Konzerten. Die Erfahrungen werden sicher dazu beitragen, dass das Programm im nächsten Jahr wieder ganz anders wird….

Viele Mahler-Festivals konzentrieren sich verständlicherweise auf die großen Symphonien. Wo sehen Sie heute noch unentdeckte Perspektiven auf Mahler?
Josef Lanz: Mahler bleibt bis heute ein Reizwort für Bearbeitungen und Neukompositionen, die auf sein Werk Bezug nehmen oder von ihm inspiriert sind. Vielleicht wäre es jedoch an der Zeit, den Mahler-Symphonien etwas zurückhaltender zu begegnen und stattdessen verstärkt Werke der Spätromantik sowie des 20. Jahrhunderts in die Programme aufzunehmen. Die Konzentration auf Mahler ist zweifellos berechtigt, für ein umfassendes Verständnis der Musik dieser Epoche allein jedoch nicht ausreichend.
Dirk Kaftan: In Toblach ganz klar im Bezug zur Natur und im Bezug zu dem, was Mahler zu Mahler hat werden lassen. Ich bin auch überzeugt davon, dass wir Mahler nur dann im weitesten Sinne gerecht werden, wenn wir dem Neuen, also der neuen Komponist*innen-Generation einen Raum geben und dieses Neue wieder in Beziehung zum Vergangenen setzen, um so eine quasi zeitlose Schaffens-Dynamik zu beflügeln. Für mich ist auch die Beziehung einer Persönlichkeit mit der jeweiligen Gesellschaft ein entscheidender Punkt, der sehr viele Ideen und Formate inspiriert….
Das Beethoven Orchester Bonn wird eine wichtige Rolle spielen. Was kann ein Residenzorchester für ein Festival leisten, was mit einzelnen Gastkonzerten schwerer erreichbar wäre?
Dirk Kaftan: Durch die Präsenz in verschiedenen Besetzungen, vom Streich-, oder Hornquartett, über die Harfe bis hin zum großen Orchester wünschen wir uns hier Freundschaft zum Publikum und den Menschen vor Ort schließen zu können. Ein singuläres Konzert bleibt doch immer ein wenig anonym und austauschbar. Durch die Freundschaft können wir gezielter auf den Ort und die unterschiedlichen Partner aus Wirtschaft, Politik und Kultur eingehen. Da ist dieses Jahr wahrlich erst der Anfang.
Warum Mahler heute zeitgenössischer denn je wirkt
Mahler selbst war ein Komponist an Übergängen – zwischen Romantik und Moderne, zwischen Lied und Symphonie, zwischen verschiedenen kulturellen Welten. Ist Mahler vielleicht gerade deshalb ein besonders zeitgenössischer Komponist?
Josef Lanz: Mahler verbindet unterschiedliche musikalische und kulturelle Sphären. In seinen Symphonien treffen Volkslieder, Militärmärsche, religiöse Elemente und hochkomplexe Kunstmusik aufeinander. Diese Offenheit für verschiedene Einflüsse wirkt heute sehr modern, da sie einer pluralen und global vernetzten Welt entspricht. Klangliche Vielfalt, Brüche, individueller Ausdruck und zugleich universelle existentielle Fragestellungen, die Mahler in seiner Musik gestaltet, entsprechen unserem Zeitgeist.
Dirk Kaftan: Für mich ist jede gute Musik auch zeitgenössisch. Allerdings ist es für mich regelrecht erschreckend, wie viele Parallelen es zwischen der Zeit gibt, in der Mahler gelebt hat mit ihren großen Konflikten und Fragen und unserer Zeit. Wir wünschen uns ja, dass wir aus der Geschichte lernen, und gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit vergangenen Epochen so entscheidend. Musik ist dabei die zeitlose Brücke und Mahler, ja, besonders zeitgenössisch.
Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Welche Entwicklung würden Sie sich wünschen, damit Besucher 2030 oder 2035 sagen: Hier hat sich wirklich etwas verändert?
Josef Lanz: Mahler sollte für Toblach weiterhin als kulturelle Leitfigur gepflegt werden. Zugleich wäre eine stärkere Öffnung gegenüber anderen Werken, Vorträgen und Diskussionsformaten wünschenswert. Mahler könnte dabei nicht nur als Gegenstand der Auseinandersetzung, sondern auch als Ausgangspunkt für ein vielseitiges und breit gefächertes Musikfestival dienen.
Dirk Kaftan: Das klingt so, als ob ich das Rad in Toblach neu erfinden will! Nochmal: Es ist so viel gewachsen, ein regelrechtes Ökosystem vor Ort, das es zu respektieren und bewahren gilt. Wenn die Menschen sich einfach nur auf das Fest freuen und gerne zu uns kommen, dann haben wir gewonnen! Ich wünsche mir natürlich intensive Unterstützung von den Partnern und auch Ermöglichern vor Ort, damit wir 2030 alle zusammen die gleiche Neugier in die Tat umsetzen, wie wir es jetzt tun. Eine möglichst überregionale Strahlkraft sollte das Ziel dabei sein, die wir aber nur durch starke Verankerung vor Ort auf Augenhöhe mit den Menschen immer wieder neu erreichen können.

Eine persönliche Abschlussfrage: Gibt es einen Moment in Toblach – einen Klang, einen Ort, vielleicht den Weg zum Komponierhäuschen –, der für Sie ganz unmittelbar etwas von Mahlers Welt bewahrt hat?
Josef Lanz: Für mich ist Altschluderbach mit dem Trenkerhof und dem Komponierhäuschen der eigentliche Inbegriff Mahlers. Dort hat er komponiert, gelitten und die Schönheit der Natur genossen. Ich selbst bin auf der gegenüberliegenden Talseite, in Aufkirchen, aufgewachsen und verbringe auch heute noch viel Zeit dort. Der Blick hinüber nach Altschluderbach und meine langjährige Beschäftigung mit Mahler im Rahmen der Musikwochen lassen seine Präsenz für mich lebendig bleiben. Mahler ist dadurch zu einem bleibenden Bestandteil meiner inneren Welt geworden.
Dirk Kaftan: Der Weg durchs Fischleintal hinauf….!!
Vielen Dank für dieses Interview!
Titelfoto © Manuel Kottersteger


