Einfach Klassik.

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Joseph Haas Violine Klavier Cover

Joseph Haas für Violine und Klavier: Eine Wiederentdeckung

Manchmal braucht es zwei Musikerinnen, die einander so gut zuhören, dass sie in vergilbten Noten eine Dringlichkeit entdecken, die hundert Jahre überdauert hat. So geschehen bei einer neuen Weltersteinspielung: Ludmila Pavlová und Alissa Firsova haben für ARS Produktion die sämtliche Werke für Violine und Klavier von Joseph Haas aufgenommen – einem Komponisten, der zu Lebzeiten eine zentrale Figur des deutschen Musiklebens war und heute nahezu vergessen ist.

Bei einem guten Essen nach einem langen Aufnahmetag in der Wuppertaler Immanuelskirche sitzen die beiden Musikerinnen mit Wolfgang Haas zusammen, dem Enkel des Komponisten. Einen besseren Insider bezüglich dieser Musik kann man wohl kaum am Tisch sitzen haben – und Wolfgang Haas steht wie ein offenes Buch Rede und Antwort. Die Sätze fliegen zwischen drei Sprachen hin und her, die beiden Musikerinnen fallen sich gegenseitig ins Wort, ergänzen einander, lachen – man spürt sofort, dass die beiden mehr verbindet als ein gemeinsames Projekt. Pavlová und Firsova lernten sich 2017 beim Dartington-Festival in Südengland kennen – über einen Salsa-Kurs, dem es an Tänzern mangelte! Firsova suchte eine Geigerin für die Poulenc-Sonate, Pavlová kannte das Stück nicht, ging in die Bibliothek, studierte die Partitur und stellte eine Bedingung: „Bevor wir proben, müssen wir Salsa tanzen.“ Was auf der Tanzfläche begann, wirkte nachhaltig als künstlerische Verbindung im Duo: Auftritte beim Prager Frühling, in London, Cambridge, München folgten, dass sie beste Freundinnen sind, versteht sich von selbst. Zum versteckten Oeuvre von Joseph Haas kamen sie über Umwege: Firsova, seit einigen Jahren in Pullach bei München ansässig, wurde für eine Buchvorstellung über die dortige Gartenstadt gebeten, Musik aus der Gegend und der Zeit zu spielen. So stieß sie auf Haas‘ Violinwerke – und auf Wolfgang Haas, der im selben Ort lebt und sich seither als kundiger Begleiter dieses Projekts erwiesen hat.

Alisse Firsova
Alisse Firsova

Wie Pavlová und Firsova zu Joseph Haas fanden

Wer war nun dieser Joseph Haas? Der Enkel legt erstmal mit den Eckdaten los: Joseph Haas, 1879 im schwäbischen Maihingen geboren, 1960 in München gestorben, war Reger-Schüler, Kompositionsprofessor an der Münchner Akademie der Tonkunst und Lehrer unter anderem von Karl Amadeus Hartmann. Mehr noch: 1921 gründete er gemeinsam mit Hindemith und Heinrich Burkard die Donaueschinger Musiktage. Er blieb zwar Traditionalist, förderte aber die Avantgarde nach Kräften, obwohl er selbst stets tonal komponierte. Seine Kammermusik hatte bis heute keine einzige Einspielung erfahren, so dass sich die neue CD Weltersteinspielung nennen darf. Da war natürlich die Neugier groß, in die musikalischen Resultate hineinzuhören. Auf der neuen CD finden sich zwei Sonatinen op. 4, die Sonate op. 21 in h-Moll und die sechssätzige Suite „Grillen“ op. 40. Ein erster, zugesandter Mix kurz nach den Aufnahmesessions gab Aufschluss, mittlerweile liegt die fertig postproduzierte CD in bewährter ARS-Qualität vor. Schnell ist klar: Das hier ist nicht die weitere pflichtschuldige Reanimierung eines vergessenen Komponisten, der im 20. Jahrhundert noch in der Romantik stehen geblieben ist. Was Pavlová und Firsova hier musizieren, klingt dafür viel zu frisch und nahbar. Die Werke umspannen einen Zeitraum von 1905 bis 1912 und zeichnen eine Entwicklung vom Reger-Schüler bis zur vollen Entfaltung eines eigenen Stils. Die Sonatinen zu Beginn sind Kleinode romantisch verklärter Poesie – realisiert in verfeinerter Satzkunst, die keine Revolution oder Aufruhr braucht. Und auch wenn in der späteren, komplexeren Sonate und den raffiniert skizzenhaften Charakterstücken der Grillen-Suite dieser Komponist größer und kühner denkt, ist das Spektrum an unmittelbaren menschlichen Regungen immens. Diese Musik schreitet, schwärmt, seufzt, erzählt und tanzt. Die beiden Musikerinnen sind für die Herzensangelegenheit, die diesen wiederentdeckten Noten innewohnt, mit ganzer Seele entflammt.

Ein fortschrittlicher Traditionalist

Nach 1920 hat Haas außer für Klavier und Lieder keine Kammermusik mehr geschrieben – das Wort, die Vokalmusik, gewann in seinem Schaffen zunehmend an Bedeutung mit Oratorien, Messen, zwei Opern und Liedzyklen nach Hesse und Kneip. Das auf dieser CD gebündelte Repertoire für Violine und Klavier liefert in drei Werkgruppen eine zusammenhängende musikalische Erzählung. Die beiden Sonatinen op. 4 zeigen den jungen Komponisten in strenger Sonatenform mit charaktervollen Themenkontrasten und harmonisch durchhörten Begleitungen. Im Andante der D-Dur-Sonatine verwendet Haas erstmals Variationen im Geiste Regers und schafft aus einem einzigen edlen Thema heraus ein inniges, formvollendetes Stück. „Das erinnert mich manchmal fast an Schubert“, bekundete Ludmila Pavlová im Gespräch.

Mit der h-Moll-Sonate op. 21 emanzipiert sich Haas hörbar von seinem Lehrer. Die Themen sind energisch gestrafft, quintenleere Dreiklänge greifen dem späteren Personalstil vor, im Scherzo lösen sich die Akkorde spritzig auf und die Instrumente gewinnen an Selbständigkeit. „Es gibt so viel in der Klavierstimme, da steckt ein ganzes Orchester drinnen“, erläutert Alissa Firsova, die als Komponistin und Dirigentin stets den Orchesterklang in der Kammermusik sucht: „Es wäre absolut falsch zu sagen, die Violine führt und das Klavier begleitet. Es muss eine Zusammenkraft sein.“

Ludmila Pavlová
Ludmila Pavlová

Am meisten haben sich die Musikerinnen von der sechssätzigen „Grillen“-Suite op. 40 aus dem Jahr 1912 begeistern und überraschen lassen, die das Finale dieser Aufnahme bildet. Wolfgang Haas bezeichnet sie im Booklet als das reifste Kammermusikwerk, das sein Großvater je geschrieben hat. Der Titel greift ein antiquiertes Wort für liebenswerte Eigenheiten und Launen auf. Beim Etikett Spätromantik muss hier auf jeden Fall das Wörtchen „spät“ unterstrichen werden, oder nennen wir es ruhig Fin de Siècle: Das gleichberechtigte Klavier leistet motivische Arbeit über die ganze Tastenfläche, manche Genrebilder verraten französischen Einfluss und Spannung baut sich in Septimintervallen auf. Auch wenn das leichtfüßig und skizzenhaft klingt, wird wieder deutlich: Dieser Komponist hat groß gedacht – und die ganze Bandbreite menschlicher Launen in sechs Miniaturen gebannt.

Die „Grillen“-Suite und der späte Personalstil

Wolfgang Haas erzählt an diesem Abend noch viel mehr über seinen Großvater. Er war Schüler des umstrittenen Max Reger. Im Gegensatz zu diesem hat sich Haas kompositorisch aber viel mehr auf die melodische Linie besonnen, wo Reger oft in komplexe Labyrinthe führt. Wir reden noch weiter über seine Mitwirkung bei der Gründung der Donaueschinger Musiktage, die heute nach wie vor das wichtigste Festival für Neue Musik in Deutschland sind. „Es kam meinem Großvater immer darauf an, das Neue zur Diskussion zu stellen“, beschreibt Wolfgang Haas eine Haltung gemäß dem Credo: „Das Experiment muss sein.“ In der NS-Zeit wurde er dafür als „Fortschrittsapostel“ angefeindet und sein Verleger riet zur Distanzierung. „Er hat immer abgelehnt“, betont Wolfgang Haas: „Er hat gesagt: Ich habe das gemacht und dazu stehe ich. Wie würde ich vor meinem Freund Paul Hindemith dastehen?“

Joseph Haas zwischen Tradition und Moderne

Alissa Firsova und Ludmila Pavlová reden weiter über die Eindrücke in dieser Musik: „Je mehr wir sie spielen, desto mehr verstehen wir ihre vielen Seiten. Da ist so viel Schönheit, aber auch ein launischer Charakter dahinter.“ Und man könne über manche kompositorischen Einfälle auch mal herzlich lachen. Die bisherigen Konzerteindrücke bestätigen dies, auch bei Kindern haben diese wiederentdeckten Kompositionen schon Begeisterung hervorgerufen. Kurz vor dem Aufnahmetermin hatten Pavlová und Firsova ein Konzert in Pullach gespielt, bei dem Ururenkel von Joseph Haas im Publikum saßen. Wolfgang Haas mischt sich ein und erläutert, was sein Großvater im Grunde wollte: Nicht erschüttern oder zerschmettern, sondern mit Tönen das Leben veredeln, aber nie banalisieren.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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