Ein Liederzyklus über die Abgründe der Kinderseele, eingespielt von einem Ensemble, das eineinhalb Jahre daran probte: Mit „Käfer töten“ legt der Komponist und Pianist Alexander Maria Wagner ein verstörendes Konzeptalbum vor, das klassische Musik dorthin führt, wo sie selten hingeht.

Käfer töten von Alexander Maria Wagner: Panoptikum aus Wahnsinn
Der Titel dieses Albums suggeriert, dass man sich auf etwas gefasst machen muss: „Käfer töten“. Und richtig vermutet: Das neue Werk des hochgelobten Komponisten Alexander Maria Wagner zieht uns hinein in ein schräges Panoptikum aus Wahnsinn und schwarzem Humor. Wagner hat offensichtlich erkannt, dass wahre Kunst immer auch etwas mit Subversion zu tun hat und jede Angepasstheit auf Dauer lähmend, ja mitunter tödlich wirkt. Zusammen mit dem schottischen Vokal-Künstler Graham F. Valentine und einem handverlesenen Kammerensemble führt er dies eindrucksvoll vor. Im Zentrum seines Konzeptalbums, das man auch als Liederzyklus – im allerweitesten Sinne – bezeichnen kann, steht eine abseitige Textlyrik, die von Valentine in all ihren Facetten singend, sprechend, rezitativisch und lautmalerisch inszeniert wird. Das wirkt wie das Epizentrum einer Klangwelt, die dazu angetan ist, in einen Stream of Consciousness voller Verrücktheit hineinzuziehen.
Ausgiebig wird die Lust am Tabubruch gefeiert: kindliche Lust am Töten, Grausamkeit in ihrer Urform. Von dort aus erfolgen schillernde Streifzüge durch die Labyrinthe des Unbewussten, die an die düsteren Welten eines David Cronenberg oder Franz Kafka erinnern mögen. Wir taumeln von „Sommer“ über „Beschützertier“ und „Planetenteleskop“ bis hin zum „Regenbogen“: Neun Stationen einer Reise ins Ungewisse, die mit jedem Schritt tiefer in die Untiefen der Psyche führt. Mit dem Schotten Graham F. Valentine hat sich Wagner eine illustre Gestalt ins Boot geholt, die als Theaterschauspieler – unter anderem in Marthaler-Produktionen – und in der Neuen Musik international für Furore sorgt. Es überrascht dann auch nicht, dass Schönbergs „Pierrot lunaire“ zu Valentines Erfahrungsschatz gehört. Das Kammerensemble in der gleichen Besetzung wie bei Schönberg – Enikő Cseh (Flöte), Jake Mann (Klarinette), Florian Moser (Violine), Felix Rosenboom (Violoncello) und Shun Oi (Klavier) unter der Leitung von Cristian Spătaru – erweist sich als kongeniale Ergänzung.

Zwischen Moritat und Melodram
Valentine bewegt sich zwischen gutturalem Gesang und hysterischem Falsett, zwischen Moritat und Melodram, erkundet dabei alle Zwischenwelten von Sprech- und Singstimme. Mal ist seine Stimme kaum mehr als ein gehauchtes Flüstern, das sich aus dem instrumentalen Dickicht herauslöst. Oft bietet sie der brachialen Wucht der entfesselten Klangkulisse Paroli, die sich wie eine Flutwelle über die Hörer ergießt. Neben dem drastischen Stimmeinsatz tragen plakative instrumentale Gesten zum Gesamteindruck bei: Brutale Fortissimo-Schläge des Klaviers prasseln auf das Bewusstsein ein, gellende Piccoloflöten bedienen das Hörspektrum am obersten Rand – so sieht es die Partitur vor, die hier ihre Ersteinspielung erfährt.

Diese CD ist keine Momentaufnahme. Über eineinhalb Jahre haben Wagner und sein Ensemble geprobt, sich immer wieder getroffen, Teile aufgeführt. Diese Sorgfalt zahlt sich aus – der zehnminütige „Regenbogen“ am Schluss, in dem Valentine in fünfzehn Rollen schlüpft und die Grenzen zwischen Ekstase und Psychose verschwimmen, ist ein einziger ungeschnittener Take. Aufgenommen wurde im Studio Cap à pie in Neutraubling. Hier ist viel Fantasie auf die schiefe Bahn geraten – so wie die Tonalität der dichten Arrangements zuweilen kräftig „verbogen“ wird. Das alles wirkt, als würde Wagner mit augenzwinkerndem Sadismus die Zuhörer in die dunkelsten Ecken der Vorstellungskraft ziehen, damit diese sich ihren Abgründen stellen.

Zugegeben: „Käfer töten“ von Alexander Maria Wagner ist eine Zumutung, eine sportliche Herausforderung für die Ohren, ein Marathon fürs Gehirn. Man muss Luft holen und sich wappnen, bevor man sich in diesen Strudel stürzt. Doch wer durchhält, wird belohnt – mit der Erkenntnis, dass es sie noch gibt: junge Menschen wie der 1995 geborene Komponist Alexander Maria Wagner, die sich gleichermaßen tief ernst und mit fröhlicher Anarchie dem Genormten widersetzen.


