Wenn acht junge Musikerinnen und Musiker eine Woche lang in einer Wohngemeinschaft zusammenleben, gemeinsam proben und jeden Abend in variablen Konstellationen auftreten, entsteht eine Mischung aus künstlerischer Exzellenz und menschlicher Begegnung, die weit über die übliche Dramaturgie auf Festivals hinausgehen kann. Und dieser Beweis wurde erbracht beim Festival Insel Intermezzi, das Ende August zum zweiten Mal auf Rügen stattfand – und das eine Reise auf die weitläufige Ostseeinsel allemal rechtfertigt.
Dieselben acht Musikerinnen und Musiker bespielten sämtliche sieben Konzerte nach dem Credo „alle mit jedem“. Cosima Soulez Larivière und Victoria Wong (Violinen), Lorenzo Dainelli (Klarinette), Marcel Johannes Kits und Irena Josifoska (Celli), Marcel Mok und Philipp Scheucher (Klaviere), Brian Isaacs (Viola) – das sind Namen vornehmlich aus der jungen Berliner Klassik-Szene und alle längst international profiliert mit erfolgreich absolvierten Konzertexamen. Hier wurden sie in wechselnden Konstellationen ihrem Publikum immer vertrauter – wie die Charakterdarsteller in einem guten Theaterensemble.

Resonanzräume mit Geschichte beim Festival Insel Intermezzi
Die über die weitläufige Insel verteilten Veranstaltungsorte verstärken diese Philosophie: Theater Putbus, Pfarrkirche Altenkirchen, Kultur- und Wegekirche Landow, Badehaus Goor, Kunstscheune Vaschvitz und Schloss Ralswiek sorgten für atmosphärische Bereicherung. Solchen Orten tut eine aktive Bespielung mit Kulturereignissen ohnehin immer gut, weil sich dadurch jede museale Erstarrung auflöst – egal ob bei Kerzenlicht in jahrhundertealten Kirchen oder im noblen Ambiente eines Ostsee-Bäderhotels.
Debussy: Impressionistische Offenbarung
Höhepunkte zu benennen fällt schwer, da das ganze Programm ambitioniert durchkonzipiert und leidenschaftlich musiziert wurde. Hier nur einige Eindrücke von den zwei letzten Festivaltagen: Zum Highlight wurde hier gleich zwei Darbietungen von Claude Debussys Streichquartett g-Moll op. 10. Zwei Aufführungen an unterschiedlichen Orten mit spezifischen atmosphärischen und auch hörpsychologischen Voraussetzungen: Wie sehr kann so ein Vergleich neue Sichtweisen, Aspekte und Zugänge bei einem einzigen, komplexen Werk offenlegen! Debussy überwand gültige Konventionen durch Rückgriffe auf polyphone Strukturen älterer Musik, die in ganz neue Zusammenhänge versetzt werden. Zugleich machte das Quartett jene kulturelle Weltoffenheit eines modernen Zeitalters erfahrbar. Und was gut ist, kann auch immer noch besser werden: Bei der zweiten Aufführung beim Festival-Abschlusskonzert ging mit dem hellwachen, analytischen Zugriff noch mehr pure Leidenschaft einher.

Ravel: Weltbürgerliche Moderne in Perfektion
Maurice Ravel hätte seinen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert – dies ausgiebig zu begehen lohnt sich immer, allein wenn dieser Komponist der Öffnung der Musik in die Moderne des 20. Jahrhundert hinein einen großen Dienst erwiesen hat. Eine Kurzversion des Boléro zu Beginn des Konzerts im Theater hatte noch wie eine freundlich-charmante Geste fürs Publikum gewirkt– noch viel mehr ans Eingemachte ging danach Ravels Klaviertrio aus dem Jahr 1914, ja, markierte eine echte Überraschung. Baskische Rhythmen treffen auf orientalische Skalen, Bachsche Polyphonie auf impressionistische Klangflächen, französische Saloneleganz auf iberische Volksmusik. Das erste Thema des Kopfsatzes wurde mit jener temperamentvollen Dringlichkeit vorgetragen, die das Festival prägte, asiatische Elemente und Bach-ähnliche Polyphonie verschmolzen zu einem Kaleidoskop der Moderne. Der langsame Satz entfaltete komplexe Rhythmik wie ferne Erinnerung an malaiische Gedichtformen, während Marcel Mok am Shigeru Kawai-Flügel filigranste Klangfarben zauberte. Im Finale brachen baskische „Zortzico“-Rhythmen durch alle drei Stimmen – auch das ein Klangrausch, der zu enthusiastischen Ovationen führte. Umso erfreulicher ist diese Intensität bei einem so jungen Festival, das in dieser Region noch dabei ist, „sein“ Publikum aufzubauen.
Programmarchitektur zwischen Tradition und Innovation
Das vom Pianisten Marcel Mok kuratierte Gesamtprogramm balancierte geschickt zwischen Publikumszugänglichkeit und Anspruch: Händels Passacaglia (Halvorsen-Bearbeitung), Beethovens „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ und „Gassenhauer“-Trio, Debussys „Petite Suite“ vierhändig, Milhauds jazziger „Scaramouche“, Fallas mediterrane „Suite populaire Espagnole“ – und Gabriel Faurés Klavierquintett g-Moll op. 89.

Faurés 1906 vollendetes Spätwerk unterscheidet sich markant von seinen bekannten Kompositionen, wie der Pavane oder seinen berühmten Charakterstücken wie „Apres un reve“. Statt süßlicher Eleganz herrscht in diesem gewichtigen Quintett ein getriebener, fast ruheloser Charakter vor. Lange, chromatisch gewundene Melodielinien suchen vergeblich vollständige Auflösung, harmonische Wendungen bleiben in der Schwebe. Die fünf Musiker – Marcel Mok am Klavier mit dem Streichquartett – erzeugten jene „wahnsinnig emotionalen“ Momente, die Marcel Moks einfühlsame Anmoderation dem Publikum erschloss. In diesem Werk offenbart sich Faurés späte Harmonik in ihrer ganzen Komplexität: Modulationen führen in entlegene Tonarten, ohne dort zu verweilen, Akkordfolgen schaffen Spannungen, die sich nicht konventionell lösen. Das Resultat war Gänsehaut beim Publikum.
Vision und gesellschaftlicher Auftrag
Hinter dem Festival steht der Berliner Verein Konzertleben e.V. mit idealistischen Zielen: Er verschafft Musikhochschulabsolventen Auftrittsmöglichkeiten mit Karrierebegleitung. Die Initiative erwuchs aus der Erkenntnis, dass exzellente Musiker nach der Ausbildung oft in Vergessenheit geraten und als Freischaffende schwer bestehen können. Wissenschaftler und Musikkenner gründeten einen Verein im Dienste der Zukunft der Kultur: Klassische Musik gehört zu den essentiellen Alltagsbedürfnissen, auskömmliche Voraussetzungen für Musiker müssen geschaffen werden.

Das Festival wächst stetig. Kooperationen mit Musikschulen sollen mehr Kinder erreichen. Mit Partnern wie Shigeru Kawai (stellt mehrere Highend-Flügel zur Verfügung) und ehrenamtlichen Helfern entsteht ein Modell funktionierender Kulturarbeit. Das Festival zeigt: Eine neue Musikergeneration nimmt die Dinge selbst in die Hand und folgt einem gesellschaftlichen Auftrag. Das verdient Anerkennung und Unterstützung.
Ausblick auf den Herbst
Der Erfolg macht Appetit auf mehr: Für 29. Oktober bis 1. November 2025 plant der Verein das nächste Festival „Herbststimmungen – Kammermusik am Meer“. Wieder wird Rügen zur Bühne intensiver musikalischer Begegnungen, diesmal in herbstlicher Ostsee-Atmosphäre. Auch in Berlin setzt der Verein seine Arbeit fort: Am 1. Oktober 2025 erklingt im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ein Herbstkonzert, am 30. November folgen zwei Konzerte im Goethe-Saal des Harnack-Hauses – mit Victoria Wong, Irena Josifoska, Philipp Scheucher und Marcel Mok, die bereits auf Rügen ihre Klasse bewiesen. Ein Baustein der Vision: klassische Musik als essentielles Alltagsbedürfnis zu etablieren und jungen Musikern nachhaltige Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen – von der Ostseeinsel bis in die Hauptstadt.


