Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
Nein, an kontrovers zueinander sich verhaltenden Programmen gab es auch in dieser Bachwoche keinen Mangel. Dazu mag das Generalthema „BACH ad infinitum“, Bach als das Unbegrenzte, motivierend und thematisch auf sehr unterschiedliche Weise Werkauswahlen bestimmend beigetragen haben. Mit mal mehr, mal weniger deutlichen Bezugsmöglichkeiten zu diesem großén Assoziations-, ja auch Spekulationsräume bietenden Thema. Der Vorzug: die Bandbreite des dabei Möglichen ist denkbar groß, das Einbringen individueller Erfahrungen unterliegt wenig Zwängen und lässt letzlich vieles offen. Was das Schlechteste nicht ist!
Bach trifft Gershwin im Universitäts-Sinfonieorchester
Gedanklicher Stoff also auch für ein Konzert mit dem Universitäts-Sinfonieorchester (USO), das in St. Jacobi Bachs d-Moll-Konzert für Oboe, Violine und Streicher (BWV 1060) mit George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ und „Rhapsody in Blue“ koppelte. „Bach meets Gershwin“, so nannte sich das Konzept, und jeder konnte sich am Ende des Konzerts selbst befragen, ob und was diese Begegnung in ihm augelöst hat.
Schwierige Frage! Bach konnte einen Gershwin zwar nicht vorausahnen und irgendwelche Bezüge auch nicht einplanen, dafür hatte der Amerikaner als Klavierschüler nachweislich auch Bach gespielt. Aber was soll`s! Vielleicht ging es ja auch nur um die Anwesenheit beider in einem Programm. Und dort haben sich vor rappelvoller Hütte und begeistertem Publikum beide Protagonisten sichtlich bestens vertragen.
Bach hatte, als Älterer, den Vorzug des Einstiegs. Und der klappte schon mal bestens. Das USO musizierte in kammermusikalisch kleiner Besetzung unter UMD Harald Braun gut vorbereitet und so frisch wie lebendig. Und es erwies sich als aufmerksamer Partner von Jutta Borowski (Oboe) und Roger Burmeister (Violine), beides erfahrene und vielbeschäftigte Meister ihres jeweiligen Faches.

Dann Gershwin! Nun in großer Besetzung und in Kooperation mit dem Tutti Quanti-Projektorchster der Musikschule „Fanny Hensel“ in Berlin. Dessen Leiter, Steffen Höschele, dirigierte dann auch das erste Gershwin-Werk, den „Amerikaner in Paris“. Das tat er souverän und mit dem sicheren Gefühl für die agogischen Besonderheiten eines Komponierstils, der vom phantasievoll freien Ablauf unterschiedlichster „Bilder“ und Eindrücke lebt; aber auch vom typisch amerikanischen Stilmix, der dem Orchester einiges an gestalterisch nicht alltäglichen spieltechnischen Anforderungen abverlangt. Das klappte bemerkenswert gut. Es gab schöne Soli, markante softige Kantilenen, passabel geschmetterten „Lärm“, aber auch Transparenz und insgesamt einen musikantisch überzeugenden Musizierstil voller Schwung und durchaus ansprechender „amerikanischer“ Stilistik. (Dass das Musizieren in diesem großen Raum ganz allgemein oft etwas zu laut ausfällt, muss wohl als hinzunehmender „Kollateralschaden“ gelten. Man müsste mal versuchen, bewusst und generell eine Lautstärken-Gangart zurückzuschrauben).
Für Gershwins „Rhapsody in Blue“ galt über den „Amerikaner“ Gesagtes in absolut gleicher Weise. Jetzt stand UMD Harald Braun am Pult und sorgte mit gleicher Umsicht und Sorgfalt für ein Musizieren, das sein Heil ebenfalls im Differenzieren der Abläufe suchte und fand. Das scheint umso wichtiger, als die bekannte Ohrwurm-Qualität mancher Themen leicht vergessen lässt, dass Lautstärke nicht alles ist und der Feinsinn vieler Erfindungen eher in dann wirkungsvoller Ausdrucksintensität gefunden wird. In dieser Hinsicht konnte man durchaus fündig werden, nicht zuletzt hinsichtlich des brillanten Spiels eines Zhiao Lin, übrigens seit 2025 Künstlerischer Mitarbeiter am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald.. Er verlieh dem Stück spielerischen Glanz und gefühlshafte, fantasievoll weit schweifende und rhapsodisch „redende“Tiefe. Da hörte man gern zu. Und applaudierte auch hier langanhaltend und begeistert.
Die h-Moll-Messe als Höhepunkt der Bachwoche
Solcherart lautstarke Zuneigung galt dann auch dem eigentlichen künstlerischen Höhe- und Zielpunkt jeden Bachwochenjahres: die oratorische Aufführung. Diesmal war wieder Bachs h-Moll-Messe an der Reihe und damit jenes Werk, das für den Chor „vom Dienst“, dem Greifswalder Domchor, zur permanenten Bewährungsprobe gerät. Zum Werk selbst hier nichts. Zur Leistung des Chores aber schon. Rund einhundert Mitwirkende haben es geschafft, ohne erkennbar beeinträchtigende Ermüdungserscheinungen den außerordentlich hohen und anstrengenden sängerischen Anforderungen zu genügen. Man sang mit beachtlicher Präzision und passabler Technik, beeindruckte nicht selten mit chorischem Glanz, eindringlicher Klangintensität und musikantischer Lebendigkeit. Eingeschlossen die Feststellung, dass Dirigent Frank Dittmer gern relativ breite Chortempi im legato bevorzugte und etwa hinsichtlich denkbarer prägnanterer Artikulation und Stringenz noch Luft nach oben beließ. Das änderte wenig an einem (chorischen) Gesamteindruck, der im verstärkenden großen Raum des Domes seine Wirkung nicht verfehlte und einem mit sichtlich hohem Einsatz agierenden Domchor zu verdanken war. Natürlich in Kooperation mit dem Bachwochenorchester, das seiner Rolle als gestalterisch auf Augenhöhe mitwirkender Partner vollauf gerecht wurde.

Durchweg Glanzpunkte waren hinsichtlich des Solistenquartetts zu verzeichenen. Starke, tragfähige Stimmen, der deutliche Eindruck, dass man sich mit seinem Bach stilistisch bestens auskannte und einzeln (Arien) wie im Verbund (Duette) für sehr anregende, ja aufregende Partien sorgte. Da war die Bandbreite groß und die Spanne zwischen innig gläubiger Verinnerlichung und bewegt kraftvoller Tröstung Anlass genug, um mit artikulativ prägnantem, Texte rhetorisch gliederndem Gesangsstil musikalische Glaubwürdigkeit zu sichern. Spannend! Dafür standen Johanna Ihrig, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Christian Rathgeber, Tenor, und Anton Haupt, Bass. Ihnen, dem Chor und dem Orchester dankte in Greifswalds voobesetztem Dom St. Nikolai ein sichtlich beeindrucktes Publikum.
Zeitgenössische Antworten auf Bachs Violinsonate
Abschließend ein Blick auf die letzte Veranstaltung der Bachwoche. Da ging es um ein Kooperationsprojekt zwischen dem Verein für Neue Musik MV e. V. und dem Landesverband MV des Deutschen Komponist*innenverbandes. Ein leiser, nachdenklicher Ausklang auf Grundlage einer interessanten Idee. Bachs Sonate für Violine solo Nr. 2 a-Moll BWV 1003 hat vier Sätze. Für jeden dieser Sätze suchte und fand man ein Verbandsmitglied, das für den von ihm ausgewählten Satz eine eigene „Antwort“ komponierte; ebenfalls für Violine solo. Das Ergebnis: ein Präludium (Birger Petersen) und jeweils vier Satzpaare – Bachsatz plus „Antwort“ – in der Reihenfolge des Originals. Dazu kurze Einführungen der anwesenden Autoren, also von Peter Manfred Wolf („Fantasie“), Malte Hübner („Von Zeit zu Zeit“), Julia Deppert-Lang („Antwort“) und Benjamin Lang („Bachmündung“). Kein Wunder, dass diese von Malte Hübner (Nrn. 1 bis 5) und Julia Deppert-Lang (Nrn. 6-9) musizierten, meist recht konzentriert kurzen zeitgnössischen Programmteile („Antworten“) – sie interessieren hier besonders – sehr unterschiedlich ausfielen.
Anreiz aber genug, um als Hörer akustisch wie gedanklich nach Bezügen zwischen Einführung, Vorlage (Bach) und jeweiliger „Antwort“ zu fahnden. Eine anspruchsvolle Aufgabe also! Denn mit einer Ausnahme (Hübner) basierte das musikalische Geschehen auf spiel- und kompositionstechnisch avancierte Weise. Dies sehr abwechslungsreich und mit klar erkennbaren individuellen Unterschieden in der Handhabung und im Klang; natürlich auch im speziellen Umsetzen der jeweiligen Bach`schen Vorlage. Kein leicht zu beschreibendes Feld. Für die dann notwendige Darstellung von Einzelheiten wäre hier nicht Platz genug; man akzeptiere den Befund einer interessanten, vom Publikum sehr unvoreingenommen und mit herzlichem Beifall für Ausführende und anwesende Komponisten bedachte Darbietung. Wenn auch in kleinem Rahmen: Bach als Innovator und darin wohl tatsächlich unerschöpflich!
Titelfoto © Geert Maciejewski


