Einfach Klassik.

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Lelie Cristea über „Carpathian Tales“: Rumänien im Herzen

Die deutsch-rumänische Geigerin Lelie Cristea hat zusammen mit ihrem Ehemann Karlo ein Projekt erschaffen, das weit über eine klassische Musikeinspielung hinausgeht. Mit dem Debüt „Carpathian Tales“ haben sich die beiden auf genealogische Spurensuche begeben und musikalische Wieder-Entdeckungen gefunden. 

Ein musikalischer Liebesbrief an Rumänien

Lelie Cristea, Ihre erste CD „Carpathian Tales“ setzt sich mit der Schönheit Rumäniens auseinander. Sie haben rumänische Wurzeln. Welche Bedeutung hat das für dieses Projekt? 

Lelie Cristea: Um es so bildlich wie möglich zu erzählen, Rumänien, das sind für mich besonders die rumänischen Karpaten. Ich bin ja halb Rumänin, mein Vater ist Rumäne, Geiger und auch Geigenpädagoge. Ich bin aus einer langen Dynastie von Geigern hervorgekommen. Rumänien war immer schon ein großer Teil meines Lebens. Seit ich fünf oder sechs Jahre alt war, sind wir dort gewesen, damals in einem alten, umgebauten Bauernhof auf dem Land, wo wir jeden Urlaub verbracht haben. Ich habe Rumänien auf eine ganz andere Art kennengelernt als ich es hinterher oftmals in den Medien gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, ich muss Rumänien verteidigen vor vielen Menschen, die gesagt haben, hey, wo gehst du denn da hin, wo bist du im Urlaub? Und wenn ich dann davon erzählt habe, waren die Menschen oft sehr ungläubig, sie haben nicht verstanden, was ich damit verbinde. Mit Karlo im Dialog, denn das ist unser gemeinsames Projekt, ist mir bewusst geworden, dass Rumänien auf eine andere Art und Weise in den Medien präsentiert wird, als ich es im Herzen trage. Somit war es mir ein echtes Herzensprojekt zu zeigen, was ich mit Rumänien verknüpfe, mit der Musik, mit der Kulinarik, mit den Menschen, mit der Natur – daraus ist dieses Album entstanden. 

Aufgewachsen in einer Geigerfamilie

Sie haben schon gesagt, Sie stammen aus einer Geiger-Dynastie – Vater, Großvater. War es klar von Anfang an, dass Sie auch Geigerin werden?

L.C.: Ich bin mit der Geige wirklich groß geworden. Ich habe mit zweieinhalb angefangen zu spielen, mit einer winzigen Geige, die so miniaturmäßig war, dass sie praktisch für mich angepasst werden musste. Dadurch, dass mein Vater auch unterrichtet hat, habe ich immer die Geige gehört. Für mich war das sehr spannend. Ich habe bei meinem Papa auf dem Schoß gesessen und gerne zugehört, wenn er unterrichtet hat. Dadurch bin ich mit dem Klang schon sehr, sehr früh warm geworden und wusste genau, wie es klingen sollte und wollte es selber ausprobieren. Dann habe ich zum Nikolaus meine erste Geige bekommen. Mein Papa hat mich jeden Tag unterrichtet. Vorm Kindergarten, vor der Schule, auch nach der Schule natürlich, das war schon eine krasse Schule, die ich durchlaufen habe. Aber mein Papa hat immer gesagt, ich will, dass du so gut bist, dass du entscheiden kannst, ob du Geigerin wirst oder nicht. Aber so mit acht oder neun Jahren wusste ich, ich möchte Geigerin werden. Ich wollte noch eine Sache zur Geige an sich sagen. Ich glaube, die Geige hat mich immer fasziniert, weil sie der menschlichen Stimme so nah ist und man wirklich seine Gefühle so gut darüber transportieren kann. Für mich ist Emotionalität im Spiel eines der wichtigsten Dinge. Mir geht es gar nicht um Perfektion, wenn ich ein Stück höre. Perfektion ist wichtig, natürlich, dass man in dem Spielfluss bleibt, dass man sich nicht ablenken lässt. Aber was rüberkommt an Gänsehautmomenten ist mir viel wichtiger. Und da ist die Geige einfach das perfekte Instrument. Ich habe nie einen anderen Gedanken gehabt, dass ich etwas anderes machen möchte, außer dem pädagogischen Aspekt, den ich verfolge. 

Das heißt, Sie unterrichten auch?

L.C.: Ja. Das ist die Kombination, diese beiden Welten, die ich schätze und vereine. Das kommt daher, dass mein Vater mir nicht nur beigebracht hat, wie man spielt oder wie sich das anhören sollte, sondern vor allen Dingen: Wie kommt man da hin? Wie kann man Probleme lösen? Und das mache ich heutzutage mit Karlo zusammen, mit „Violin Love“ und mit unserem Album, dass wir beide Welten vereinen. Wir haben auf der einen Seite den musikalischen Aspekt, auf der anderen Seite den pädagogischen. Und beides ist für mich untrennbar miteinander verbunden.

Wie „Carpathian Tales“ entstanden ist

Jetzt kommen wir zum musikalischen Aspekt der CD. Wie sind Sie vorgegangen? Wie haben Sie recherchiert? Wie die Stücke ausgesucht? 

Karlo Cristea: 2020, als der Lockdown war, sind wir trotzdem nach Rumänien gefahren. Wir hatten Zeit, uns Gedanken zu machen, was machen wir jetzt eigentlich? Und da sind sehr viele Konzepte und Geschichten entstanden. Unter anderem haben wir recherchiert und wollten unbedingt reiten in den Karpaten. Dann haben wir tatsächlich einen Pferdehof gefunden und sind mit den Leuten ausgeritten. Ich war zum zweiten Mal, glaube ich, auf dem Pferderücken. Wir waren in den Karpaten geführt unterwegs. Als wir von diesem Ausritt wieder ins Haus zurückkamen, waren wir total baff von dieser wunderschönen Natur. Wir wollten ja schon vorher irgendeine CD konzipieren und planen. Aber das war wie so ein Impuls, der uns beide getroffen hat. Okay, die erste CD wird eine rumänische CD. Und so kam das, dass wir dann angefangen haben zu recherchieren – was kommt als Repertoire drauf? 

L.C.: Ja, das war echt spannend. Man muss sich vorstellen, die Karpaten, das sind ja wirklich die letzten Urwälder Europas. Und diese Plateaus, die es da gibt. Man kann unwahrscheinlich weit gucken. Auf dem Pferderücken, das war mal eine ganz andere Geschichte. Ich habe Rumänien vorher noch nie so erlebt. Ich habe schon alles an Wildnis gesehen in Rumänien, aber das war was anderes, ein ganz neues Gefühl. Wir sind auch richtig galoppiert. Das war schon wild, aber es war toll. Und dann saßen wir auf der Couch. Ich habe gesagt, Karlo, es muss ein rumänisches Album werden. Das muss unsere erste CD sein. Es ist mir total egal, dass es vielleicht kein Mensch hören wird. Dass es vielleicht nicht den großen Markt trifft, weil es sehr nischenhaft ist. Wenn wir unser Herzensprojekt umsetzen wollen, dann muss es über Rumänien sein. Das wollte ich seit meiner Kindheit machen. Und jetzt habe ich das Gefühl, das greifen zu können. Und dann meinte ich noch zu ihm, wir müssen da alle Aspekte reinbringen. Und dann haben wir angefangen zu recherchieren. Und dann war es so, dass es gar nicht so einfach war. Ich habe sehr viel neue Musik im ersten Schritt gefunden. Aber, neue Musik passt da nicht drauf. Das ist vom Genre nicht das, was ich verkörpern will, was mir so liegt. Wir brauchen etwas, das wie Filmmusik klingen muss. Das muss sehr ans Herz gehen. Und so habe ich dann gesucht und gesucht und Tage vergingen. Ich hatte eine Liste, wirklich handschriftlich und dann wurde es immer klarer, welche Stücke drauf müssen. Und unter anderem war mir auch klar: Mein Großvater Ionel Cristea war auch Komponist, nicht nur Geiger, er hat Etüde-Capricen geschrieben, die klingen wie kleine Konzertstücke für die Geiger. Also wie Miniaturen. Und ich wusste, die müssen da mit drauf und so sind zwei davon auf der CD gelandet. 

Also der Großvater war nicht nur Geiger, sondern er hat auch komponiert? 

L.C.: Er hat auch geschrieben, im pentatonischen Stil vor allen Dingen.

Aber diese kleinen Miniaturen oder Capricen sind wirklich sehr rumänisch. Man hört diesen rumänischen Charakter. Und das war mir auch wichtig, dass es nicht nur Stücke von rumänischen Komponisten sind, sondern dass sie auch nach etwas klingen, was das Land für mich auch darstellt, wie auch George Enescu oder Ciprian Porumbescu, um ein paar Namen zu nennen. Ich wollte noch etwas zu einem Stück sagen, da war ich sehr inspiriert. Das fand ich über den Geiger Daniel Hope, den ich wirklich wunderbar finde. Er ist ein toller Geiger, der ein sehr ausgefallenes Repertoire spielt. Er hat dieses „Rumänisch“ von dem Gelsenkirchener Komponisten Jo Knümann gespielt. So schicksalhafte Sachen sind passiert, wo ich dachte, die Geschichten, die am Ende herausgekommen sind, sind so vielfältig. Es sind einfach verschiedene Stücke auf der CD gelandet, die alle sehr unterschiedlich sind, aber trotzdem zusammen einem roten Faden folgen. 

Aber Sie haben nicht ihren Vater gefragt, der sicherlich auch viele rumänische Geigenstücke kennt?

L.C.: Im ersten Schritt tatsächlich nicht, weil ich erstmal selber gucken wollte.

Dadurch, dass ich mit meinem Vater sehr eng verbunden bin, was die Geige betrifft, war es mir wichtig, meinen eigenen Weg zu finden mit diesem Album. Mein Vater hat mich dann gefragt und meinte, das ist ja witzig, denn zwei der Komponisten sind tatsächlich ehemalige Professoren von ihm gewesen in Bukarest.

K.C.: Wir wussten ja noch gar nicht, was das Budget betrifft, wie kriegen wir das vermarktet, was soll man daraus machen. Ursprünglich war für uns klar, Geige und Klavier ist etwas, was wir direkt stemmen können. Aber es ist ja viel mehr draus geworden. Im Laufe der Recherche, denn die Aufnahme erfolgt ja erst 2022, das heißt von 2020 bis 2021 haben wir nur recherchiert, zusammengestellt und haben dann angefangen zu überlegen, wo wollen wir es machen, mit wem. Wir hatten ein paar Klavierproben und auch sehr viele Ideen. Aber dass dann so ein größeres Album draus wird, das hat sich erst im Laufe der Zeit ergeben, als wir gemerkt haben, wir wollen ein besonderes Arrangement haben. Dann haben wir mit Freunden gesprochen, die komponieren, unter anderem Nikolaï Clavier und er hat für uns zwei Bearbeitungen gemacht für Orchester. Und dann mussten wir nur noch ein Orchester finden.

L.C.:  Die Suche war gar nicht so einfach. Am Ende sind wir dann beim Swonderful Orchestra gelandet, das war einfach eine tolle Wahl. Die haben das einfach vom Blatt gespielt, diese Begleitung und das ist wirklich nicht einfach. Und auch vom Charakter her, haben sie so rumänisch gespielt. Da war ich auch von meinem Klavierpartner Maxim Shamo beeindruckt, wie der das wirklich absolut rumänisch auf die Bühne gebracht hat. Es war am Ende so eine Synergie, die sich ergeben hat von allen Musikern. Ich weiß noch genau, wie wir einige Werke hier von Dinicu gespielt haben, die Ciocârlia und die Hora Mărțișorului, sehr rumänische Werke, sehr schnelle. Die haben geschmunzelt, die Musiker, die hatten richtig Spaß. Man hat gemerkt, wie da so eine Energie durch sie durchkam, das war toll.

Was macht Musik eigentlich rumänisch?

Sie sagen die ganze Zeit, das ist sehr rumänisch. Es gibt eine rumänische Musiksprache. Aber wie kann ich mir die vorstellen? Was ist sehr rumänisch in der Musik? 

L.C.: Natürlich hat man Volksthemen, die man erkennt. Gerade wenn man mit Rumänien ein bisschen was verbindet und auch Volksmusik kennt, erkennt man in manchen Werken ein paar Themen. Aber für mich ist es fast mehr diese bildliche Sprache. Also wenn ich an Rumänien denke, denke ich an die Karpaten, die Wälder. Dieser Anfang der CD ist George Enescu, mit der Sonate. Da habe ich so ein Gefühl von Nebel, der sich über dem Wald lichtet und das hört man in der Musik. Dann haben wir zum Beispiel im Stück „Rumänisch“ von Jo Knümann den Herzschlag Rumäniens eingebaut. Das war tatsächlich die Idee meines Vaters. Er meinte, wir starten das anders, als es komponiert ist. Dann kommt dum, bidum, bidum, bidum. Das ist wie der Herzschlag Rumäniens, da sind so ein paar Effekte eingearbeitet ein paar Dinge, wo man einfach spürt, das ist Rumänien. Menschen, die Rumänien vielleicht nicht kennen, werden es erst durch die CD merken, was ich meine. Aber für mich verkörpert das wirklich diesen rumänischen Geist.

Möchten Sie noch etwas zu Ihrem Klavierpartner Maxim Shamo sagen? 

L.C.:  Maxim kenne ich schon sehr lange, aus dem Studium, wobei wir damals noch nicht so viel Kontakt hatten. Er ist ein wunderbarer Pianist, auch Pädagoge und schafft durch dieses virtuose Spiel, aber auch durch die filigranen Passagen – er kann unglaublich toll die Artikulation auf dem Klavier rüberbringen -, dass es unter die Haut geht. Das war genau das, was ich gesucht habe, um diese Stücke zu spielen. Und das Orchester war auch wirklich fantastisch mit Catherine Larsen-Maguire, der Dirigentin, zusammen. Es war ein Feuerwerk der Emotionen. Und Philipp Nedel natürlich, wenn wir den auch nennen wollen, als Tonmeister, war ein Traum. Was der aus mir rausgekitzelt hat, ich habe gespielt, dann hörte ich die Durchsage, Lelie, das hat sich schon gut angehört, aber ich glaube, da kannst du noch mehr. Der kam mit eigenen Ideen, obwohl er das Repertoire eigentlich so noch nie bearbeitet hatte. Wir saßen mit fast der ganzen Familie im Tonstudio. Mein Papa, Karlo, unsere Hündin Juni auf der Couch, das ganze Orchester, ein Riesensaal, die Dirigentin, Philipp Nedel oben drin, Maxim, also das war Full House, aber es war wahnsinnig schön und harte Arbeit. Man denkt darüber nach, hat sich zwei Jahre darauf vorbereitet, musikalisch, aber auch mental, was will man eigentlich damit machen. Aber dann diese drei Tage im Studio, Stück an Stück, und am Ende sagte ich, will noch weitermachen. Es war eine Zeit, die wir nie vergessen werden. Es war wirklich die pure Energie und Freude. 

Jetzt ist die CD endlich auf dem Markt und Sie haben gesagt, das ist vielleicht eine Nische und ich weiß nicht ob sie ein Publikum findet. Haben Sie jetzt schon Erfahrung sammeln können? 

K.C.: Das ist eine gute Frage. Feedback aus dem Markt, also das Ganze wird auf WDR abgespielt, im rumänischen Radio lief es eine ganze Stunde, glaube ich, CD-Besprechungen gab es auch schon. Und das war eigentlich auch so ein Gedanke, den wir hatten, als wir das konzipiert haben, das wäre doch traumhaft, wenn wir in unserem Haus in den Karpaten sind und auf einmal erklingt deine Musik im rumänischen Radio. Das war das ganz große Ziel. Und so ist es dann auch gekommen.

L.C.: Das war ein Gänsehautmoment. Es war so, dass wir von vornherein gesagt haben, wir machen dieses Projekt nicht, um es zu verkaufen, sondern es geht uns darum, ein Herzprojekt, an dem wir zusammengearbeitet haben, wo wir eine große Vision hatten, umzusetzen, und das in Eigenregie. Mit wirklich eigenen Mitteln, mit eigenen Ideen, mit allem, wie wir uns überlegt haben, ohne uns von jemandem reinreden zu lassen. Dass es wirklich, so wie es auf dem Album gelandet ist, von vornherein genauso in unseren Köpfen gewesen ist. Es war uns wichtig auch damit zu zeigen, man kann eigene Dinge machen. Man muss nicht darauf warten, dass jemand um die Ecke kommt und was weiß ich für eine Idee hat, sondern man kann eigene Ideen haben, man kann das rüberbringen und am Ende ist es im Radio. Menschen hören es auf Spotify, auf allen Plattformen. Das ist jetzt einfach für immer da und das war uns wichtig.

Vergessene Komponisten und familiäre Spurensuche

Kommen wir nochmal zurück auf Ihren Großvater, den Geiger und Komponisten Ionel Cristea.

L.C.: Ich habe ihn ja leider nie kennenlernen können. Mein Vater ist selber schon 87 mittlerweile. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass diese Stücke, diese Capricen, die ich auch schon vor langer Zeit erarbeitet habe, so ein bisschen zum Teil auch für mich geschrieben sind. Das war ein tolles Gefühl, als wenn ich ihn dadurch kennenlernen kann. Und dann in der Ankündigung im rumänischen Radio, seinen Namen zu hören oder auch unseren Familiennamen, was auch meinem Vater unglaublich viel bedeutet. Ein Werk, das nie veröffentlicht wurde. Das gibt mir einfach total viel, weil ich das Gefühl habe, generationsübergreifend der Musik einen Ort zu verschaffen.

Das ist nie veröffentlicht worden? Das war eine Uraufführung sozusagen? 

L.C.: Ja, das ist eine Uraufführung, genauer gesagt, mehrere auch von Dumitru Bughici die Suite im rumänischen Stil. Das sind tolle Stücke, die klingen wirklich teilweise wie Filmmusik. Auch Menschen, die vielleicht mit Klassik nicht so viel am Hut haben, werden sagen, oh, kann man sich wirklich sehr gut anhören. 

Lelie Cristea
Lelie Cristea

Von der CD zum internationalen Musikprojekt

Sie haben gesagt, das ist ein Herzensprojekt, da lassen wir uns nicht reinreden und Geld müssen wir damit auch nicht verdienen. Aber als Künstler muss man ja irgendwie Geld verdienen. Wie machen Sie das?

L.C.: Zum Glück ist es so, dass wir den Hauptteil der Arbeit mit dem pädagogischen Teil machen, mit unserem großen Herzensprojekt „Violin Love“. Wir haben in Deutschland, Österreich und Schweiz sehr, sehr viele tolle Schüler und Kunden. Mittlerweile auch in Kanada, in Schweden.

Was ist das für ein Projekt? 

K.C.: Das sind Online-Kurse, in denen man selbstständig mitarbeiten kann mit Notenmaterial, mit Videos, aber zusätzlich bieten wir dazu auch Online-Workshops und Gruppencoachings, wo man sich trifft. Das machen wir regelmäßig. Einmal im Monat mindestens ist so ein Termin. In der Spitze hatten wir einmal bei einem Workshop 102 Teilnehmer, wo alle dann gebannt auf Lelie schauen und sie die pädagogischen Konzepte an die Schüler bringt. 

L.C.: Und gerade die Workshops sind fantastisch gewesen. Wir hatten wirklich von jung bis alt alles dabei. Die jüngsten beiden Mädels waren mit ihrem Vater live geschaltet. Wie alt sind die? Sieben und neun, glaube ich. Da erhielten wir noch eine E-Mail im Nachhinein. Die allererste E-Mail, die die beiden geschrieben haben, ging an uns. Es war so toll. Die waren so begeistert. Und mir ist einfach so wichtig, und das habe ich auch in der Zusammenarbeit mit meinem Vater wirklich gelernt, wie man geigerische Probleme so einfach wie möglich löst. Am Ende will jeder einen schönen Klang haben. Man will jemanden erreichen mit seinem Spiel, Gänsehaut verursachen. Wenn da aber diese Hürde der Technik ist und man immer wieder rausfliegt und merkt, es läuft nicht, die Finger verknoten sich, wie schafft man das so schnell wie möglich zu überwinden? Da gibt es so viele Möglichkeiten dafür. So arbeite ich selber und meine Kursteilnehmer und die Menschen mit mir im Workshop. Da sind ständige Aha-Erlebnisse. Alle gehen raus am Ende und sagen, hey, auf einmal läuft es. Wie kann das sein? Es muss im Kopf einmal Klick machen. Man muss verstehen und zum eigenen Lehrer werden. Das ist unser großes Motto. Wenn man selber versteht und anderen erklären kann, wie man das jetzt erarbeitet hat, dann hat man es eigentlich erst richtig verinnerlicht. Das ist die Art und Weise, wie wir arbeiten bei „Violin Love“. Und wir machen es auch über YouTube natürlich. Das war unser erster Schritt damals über unseren YouTube-Kanal und mittlerweile ist eine ganz große Sache draus geworden. Wir erreichen viele Menschen und verändern viel in der Violintechnik tatsächlich.  

Noch einmal zurück zur CD. Haben Sie ein Lieblingsstück? 

L.C.: Oh, das ist immer so schwer. Eigentlich habe ich nur Lieblingsstücke auf der CD. Aber ein Stück, mit dem ich sehr viel verbinde, ist die Ballade von Ciprian Porumbescu. Man muss sich vorstellen, dass der Komponist Ciprian Porumbescu gar nicht alt geworden ist. Er ist schon leider als junger Mann verstorben. Die letzten Worte von ihm waren, lasst meine Musik nicht sterben. Ich habe jetzt schon gerade wieder Gänsehaut, denn das ist ein Stück, das geht einfach unter die Haut. Das ist melancholisch, gleichzeitig voller Hoffnung, da ist so eine Zerrissenheit zu hören. Und da muss man beim Interpretieren aufpassen, damit es nicht in den Kitsch irgendwo auf der einen Seite geht oder zu sehr auf die Tränendrüse drückt. Das ist so ein Spiel zwischen diesen sehr extremen Gefühlen. Das macht mir extrem viel Spaß zu interpretieren und meine Art und Weise zu finden. Und zusätzlich hat mein Papa auch damals, schon in Rumänien, dies als Zugabe gespielt. Das ist also ein Stück, das auch die Rumänen sehr, sehr lieben. Und mein allererstes Stück, das ich, glaube ich, von rumänischer Musik gespielt habe. Und was mir noch sehr am Herzen liegt, ist von Mircea Chiriac die Serenade. Das ist ein Stück, das er für seine Frau als Liebesbrief geschrieben hat. Das war praktisch wie eine Art von Heiratsantrag.  Corina Chiriac ist als Sängerin die Stimme Rumäniens gewesen. Und das sind einfach tolle Geschichten. 

Gibt es Pläne, das in Rumänien live zu machen? Konzerte aufzuführen? 

L.C.: Also vom Gefühl her sagen wir, wir müssen das schon auf die Bühne bringen, denn das sind Stücke, die leben live noch mal richtig auf. 

Wenn man wirklich dabei ist, das sieht. Müssen wir mal gucken, was in Zukunft alles kommt. Wir haben jetzt gerade viel zu tun mit unserer kleinen Tochter, mit unseren Kursleuten auch. Aber ich habe total Lust, die Stücke wieder in Angriff zu nehmen und noch mal zu spielen irgendwann. Wir überlegen schon, vielleicht noch mal einen Teil 2 von Carpathian Tales zu machen, weil so viel Material noch da ist, was man noch machen könnte. 

Es wird uns nie an Ideen mangeln, wir haben genug Futter für die nächsten Jahre, um tolle Sachen daraus zu machen. Und gerade Spaziergänge, da muss ich noch eine Sache sagen, der Naturaspekt der CD. Immer, wenn wir spazieren gegangen sind, haben wir angefangen, wie Ornithologen auf die Vogelstimmen zu hören. Ich bin teilweise stehen geblieben und Karlo hat sich schon gewundert, was los ist, weil ich wieder 5 Minuten dem Rotkehlchen, der Amsel zuhören musste, um das in die Kadenz von der Ciocarlia auf der CD zu bringen. Da sind nämlich Vogelstimmen drin und diese Kadenz macht jeder Geiger anders. Für mich war es aber wichtig, so viele Vögel wie möglich da reinzubringen. Und so habe ich tatsächlich abends gesessen und versucht, die Vogelstimmen, die ich gehört habe, aufs Papier beziehungsweise auf die Geige zu bringen. Und dann habe ich wirklich ganz oben auf der Geige, auf dem Griffbrett experimentiert, geguckt, was kann man machen, dass es möglichst klingt wie ein Vogel. Ich wollte, dass die Menschen, die es hören, das Gefühl haben, es hätte sich der Vogel ins Tonstudio verirrt und das wäre gar nicht ich, die spielt. Und unsere Hündin hat echt geguckt. Die hat wirklich gedacht, da wäre irgendwas los. Das war so witzig. Und ich glaube, es ist mir gelungen. Also, ich will nicht zu viel anteasern, aber wenn man es dann hört auf der CD, könnte das vielleicht eine Amsel gewesen sein.  

Zukunftspläne zwischen Rumänien und Geige

Gibt es Wünsche? Irgendeinen Traum für die Geigerin? 

L.C.: Für uns wünsche ich mir, dass wir immer weiter unseren eigenen Zielen folgen, dass wir so authentisch wie möglich das Ganze weiterführen. Und insgesamt für die Musik wünsche ich mir, dass die CD oder die Musik Menschen erreicht, die vielleicht mit Rumänien noch nicht so viel zu tun hatten, die dann tatsächlich Lust bekommen, Rumänien zu besuchen. Und für das Geigenspiel im Allgemeinen, dass die Menschen einfach sich mehr und mehr zutrauen, sich nicht von sich selber stoppen lassen von mentalen Blockaden, von Sorgen, von Ängsten, die manchmal die Geige betreffen und wirklich sagen, hey, wenn ich es mit der Violintechnik richtig angehe, wirklich verstehe, worum es geht, dann kann man so viel mehr erreichen, als man denkt. Selbst wenn man nach 20, 30, 40, 50 Jahren vielleicht wieder anfängt mit der Geige, kann man noch mehr schaffen, als man damals als Startpunkt hatte.

Also Hoffnung zu geben, mit dem Geigenspiel zu zeigen, wie schön Rumänien ist und insgesamt einfach zu zeigen, die Geige ist ein Instrument, das begeistert und mit dem man selbst auch für sich viel erreichen kann. 

Haben Sie ganz herzlichen Dank für dieses lebhafte und offene Gespräch.

Titelfoto © RoseTime

Das Album

Icon Autor lg
Als Hörfunkjournalistin habe ich die unterschiedlichsten Formate von der Live-Reportage, über Moderationen bis zum Feature bedient. In den letzten Jahren habe ich meine inhaltlichen Schwerpunkte auf die Kultur gelegt. Als Ethnologin interessiere ich mich schwerpunktmäßig für außereuropäische Literatur. Doch war Musik schon immer mein großes Hobby – Singen in vielen Chören begleitet mich durch mein Leben. Seit einiger Zeit bin ich im Vorstand von Orso Berlin e.V. an der Organisation und Durchführung von großen Konzerten in der Philharmonie mit unserem eigenen Chor und Orchester beteiligt und stehe auch auf der Bühne. Somit ergeben sich bei Gesprächen mit Profimusikern viele Anknüpfungspunkte. Es interessiert mich besonders, welchen ganz persönlichen Zugang die Musikerinnen und Musiker zu ihren jeweiligen Werken finden – oft auch verbunden mit dem Brückenschlag zu anderen Kulturen.
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