LGT Young Soloists “Beethoven Recomposed” – CD-Review

Von Katja Zakotnik

LGT Young Soloists


Kann man einen Klavier-Duopartner einfach mit einem Streichorchester ersetzen?

Diese Frage ist wie: „Kann man Birne Helene auch mit Apfel zubereiten?“

Ja, ist toll! Aber es ist ein anderes Gericht. Und Äpfel kann man bekanntlich ohnehin nicht mit Birnen vergleichen.

Und so ist es vor allem ein lohnenswertes und spannendes Erlebnis, die von den LGT Young Soloists neu veröffentlichte CD “Beethoven Recomposed” mit Beethovens berühmter Cellosonate op. 69 und Kreutzer-Sonate op. 47 in einem neuen Arrangement mit Streichorchesterbegleitung anzuhören.

LGT Young Soloists

Die LGT Young Soloists wurden vor sieben Jahren von dem Geiger Alexander Gilman gegründet. Ihr Name lehnt an ihre Sponsorin und Unterstüzterin, eine Privatbank, an. Ziel dieser Gründung war, sehr jungen Musikerinnen und Musikern Bühnenerfahrung zu ermöglichen. Entsprechend sind die Instrumentalist:innen erst zwischen 12 und 23 Jahren alt. In den sieben Jahren seit Gründung sind fünf Alben (inklusive dem hier rezensierten) entstanden, eine stolze Zahl. Die Werkauswahl ihrer Veröffentlichungen ist stets interessant, „Beethoven Recomposed“ trifft im Beethovenjahr 2020 jedoch ins Schwarze.

Eine Sonate für Klavier und Cello bzw. Violine zu bearbeiten, war für den Arrangeur und Komponisten Paul Struck wahrlich kein Neuland. So fällt schon zu Beginn der Cellosonate auf, wie geschickt er die Streicherstimmen einzusetzen weiß. Nach der Einleitung durch das Solocello, die der erst 14-jährigen Solistin Luka Coetzee sehr schön gelingt, übernehmen die Streicher fast im Stil eines Haydn-Konzerts mit durchlaufenden Achtelnoten. Das gibt dem ganzen schon am Anfang einen schönen Aufwind, lässt aber sogleich den großen Unterschied zum Originalwerk spüren. Die darauffolgende Kadenz über drei Oktaven verteilt Struck kurzerhand über alle Streicher – und erntet dafür ein Schmunzeln.

Ausloten

Während des weiteren Hörens des ersten Satzes bekommt man mehr und mehr das Gefühl, dass die Sonate zu einer Art Sinfonia concertante geworden ist, da einzelne Instrumente aus dem Orchester in solistischen Dialog mit der Cellostimme treten. Das ist einerseits eine wundervolle Hörerfahrung, andererseits fehlt ein wenig der Kontrast des Klaviers, welches ja die Saiten anschlägt und nicht anstreicht. Das Ringen um ähnliche Farben, das Ausloten von Gegensätzen und Gemeinsamkeiten im Klang zwischen Cello und Klavier, geht hier folglich verloren. Dies äußert sich im Besonderen beim Anspielen von Forzati (salopp übersetzt: Akzente), bei denen sich Cello und Orchester sehr gleichen, während das Klavier sich klar absetzen würde. Andererseits kann in dieser Version das Orchester die Cellistin im Akzentuieren unterstützen, was der Interpretation durchaus gut tut. Die dynamische Gestaltung gelingt toll und bringt dem Gesamtklang ein besonderes Temperament.

LGT Young Soloists
LGT Young Soloists, Foto von Paul Fenkart/BMFI


Wer die Klavierstimme kennt, erwartet mit Spannung den zweiten Satz der Sonate. Hier hat Beethoven angewiesen, die Finger bei den gebundenen (gleichen) Noten zu wechseln. Meist verursacht diese Spielweise einen kleinen Akzent. Dies wurde jedoch nicht in die Streicherstimme übertragen; es würde unter Umständen auch nicht gut klingen. Was dagegen wundervoll klingt, sind die Stellen im Rondo, in denen das Klavier mit der linken Hand schnelle Sechzehntel spielt. Diese obliegen nun der Bassgruppe, was ein herrliches „Schrubben“ (im positivsten Sinne!) ergibt. Beethoven mag ein Griesgram gewesen sein, aber spätestens an dieser Stelle hätte er sicher gelacht.

Der dritte Satz beginnt mit einem Adagio, das in das schnelle Allegro vivace führt. Das Adagio ist in dieser Formation farblich sehr schön und Luka Coetzee zieht die langen Linien sehr musikalisch, so dass man fast um ihr junges Alter vergisst.

Arbeit

Der schnelle Teil lebt von den Achteln und Sechszehnteln der Bassgruppe, vor allem aber von den Pizzicati im Kontrabass. Es wird klar: hätte das Klavier eine Zupf-Funktion, in der Originalversion des Werkes wäre sie an dieser Stelle gut angelegt gewesen. Die Läufe der Klavierstimme, die sich wieder durch alle Streichergruppen ziehen, haben sicherlich einiges an Probenarbeit abverlangt, die sich sehr gelohnt hat.

Mit dem als „Kreutzer-Sonate“ bezeichneten Werk für Klavier und Violine Nr. 9 in A-Dur setzte Leiter Alexander Gilman in diesem Album ein wunderbares Gegenstück. Die Geigenstimme übernimmt der 25-jährige Miclen LaiPang und man hört deutlich den Vorsprung an Reife zur Cellistin in der ersten Album-Hälfte. Miclen LaiPang holt die Forzati aus dem ganzen Körper und atmet lange Linien, so dass es eine Wohltat ist, ihm zuzuhören. Er kann Spannungen gut aufbauen und halten, was schon zu Beginn sehr wichtig ist. Leider gelingt ausgerechnet der Anfang dem Orchester intonatorisch nicht perfekt, was man ihm aufgrund der Altersstruktur aber schnell verzeiht. 

Wie in der Cellosonate, profitiert auch die Bearbeitung der Kreutzer-Sonate von dem Schwung und der Energie des Orchesters. Diese Sonate ist sehr empfindlich, was Temperament betrifft – so manchen Geiger:innen wurde in vergangenen Interpretationen zu viel „Gewalt“ vorgeworfen. Das kann man hier keinesfalls sagen, vielmehr ist das Spiel sowohl von Solist als auch vom Orchester sehr gut ausgelotet. Weiche Stellen gelingen samtig, da auch die Sologeige über entsprechende Farben verfügt, was für Gänsehaut sorgen kann.

Farben

Wer es nicht schon vorher getan hat, genießt im zweiten Satz der Sonate besonders die Farben des Streichorchesters sowie das Tänzerische, das mit einer Bassgruppe und Streicheroberstimmen herrlich leicht daherkommt. LaiPang lässt sich als Solist sowohl auf das eine als auch auf das andere ein, wird öfter mal zum Duopartner einzelner Orchesterkollegen, phrasiert sehr schön – und hat, so klingt es, einfach auch Spaß an dieser neuen Form der Kammermusik.

Das „Presto“ beginnt im Original mit einem A-Dur-Akkord-„Knall“ in der Klavierstimme. Dieser Akkord kann hier von den Streichern gehalten werden statt zu verklingen. Als Tarantella komponiert, spielt in diesem dritten Satz die Bearbeitung diesem jungen, temperamentvollen Ensemble wörtlich in die Hände. Während die Solovioline ihre Virtuosität voll ausspielen kann, zeigen die LGT Young Soloists, dass sie in der Lage sind, sich im wahrsten Sinne des Wortes in einen einzigen „Klangkörper“ zu verwandeln.

Oder um es wie zu Beginn kulinarisch auszudrücken: Die Musiker:innen kreieren mit diesem Album ein außergewöhnliches, kontrastreiches und sehr hörenswertes „Amuse-Gueule“. Chapeau!

Die Tracks

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