Ein Interview mit dem Orgelvirtuosen Lukas Hasler anlässlich seiner neuesten CD-Aufnahme „Gold“
Hundert Millionen Menschen sehen sie jedes Jahr beim Neujahrskonzert – aber trotzdem schweigt sie die meiste Zeit über: Die Orgel im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ist das vielleicht prominenteste unterschätzte Instrument der Welt. Lukas Hasler, einer der gefragtesten Konzertorganisten seiner Generation, will das ändern. Sein neues Album GOLD wurde auf eben dieser mächtigen Orgel eingespielt und versammelt unter anderem Beethoven, Bizet, Rachmaninoff und Bruckner – in Transkriptionen, die aus der Orgel ein ganzes Orchester machen. Im Gespräch gewährt Hasler Einblicke in eine Arbeitsweise, die so faszinierend ist wie das Instrument selbst – von nächtelangen Klangforschungen im leeren Saal bis zur Frage, warum man Musik manchmal wie Sprichwörter übersetzen muss.
Lukas Hasler und die Orgel im Goldenen Saal des Musikvereins
Wie sind Sie zu diesem originellen Programm gekommen?
Alles begann mit der Orgel im Musikverein. Jeder kennt sie durch das Neujahrskonzert. Jeder hat sie schon oft gesehen, aber niemand hat sie wirklich bemerkt. Der Goldene Saal ist wahrscheinlich die berühmteste Konzertbühne überhaupt und das Neujahrskonzert erreicht hundert Millionen Zuseher im Jahr. Aber die Orgel wird oft nur als dekoratives Beiwerk wahrgenommen und sollte eigentlich viel häufiger gespielt werden. Dabei wurde sie 2011 komplett neu gebaut – eine wunderbare, sehr versatile Konzertsaalorgel. Also habe ich einfach die Initiative ergriffen. Ich dachte mir: Was passt zu diesem Instrument und was zu diesem Saal? Da rückte natürlich hauptsächlich Orchestermusik in den Fokus. Eben Musik, die hier gespielt, vielleicht sogar für diesen Saal komponiert wurde.
Handelt es sich um Ersteinspielungen?
Einige Arrangements habe ich selbst angefertigt – vor allem Transkriptionen hauptsächlich aus der Klavier- und Orchestermusik. Es gibt zwei Ur- und Erstaufführungen: Mozarts Klaviersonate Nr. 5 G-Dur KV 283, bearbeitet für zweites Klavier von Edvard Grieg, die von mir wiederum für Orgel arrangiert wurde. Auch Schumanns Romanze Fis-Dur op. 28 Nr. 2 aus den Drei Romanzen wurde noch nie für Orgel bearbeitet. Und ganz zum Schluss gibt es Vienna Calling – ein augenzwinkerndes Arrangement, das Johann Strauss‘ Donau-Walzer mit dem Nokia-Klingelton zusammenbringt – eine Hommage an Wien, entstanden gemeinsam mit Marc-André Hamelin und Alex Johansson.
Transkriptionen und Ersteinspielungen auf der CD „GOLD“
Was ist das Besondere an der Rieger-Orgel im Musikverein?
Die Orgel im Musikverein ist in ihrer ganzen Konzeption orchestral gedacht, weil sie eben aus dem Orchester kommend und für das Orchester gebaut wurde. Sie verfügt über sehr instrumentale Klangfarben, mit denen sich viele Instrumente assoziieren lassen, und deckt wirklich alles ab von Pianissimo bis Fortissimo – weich und stufenlos. Gleichzeitig ist sie ein wunderbares Solo-Instrument.

Wie lange hat es für Sie gedauert, das alles auszuforschen? Haben Sie tatsächlich Orchesterinstrumente im Sinn?
Auch vermeintliche Klaviermusik wie Schumann denke ich orchestral: Wie würde man das im Orchester spielen? Die Hauptstimmen vielleicht mit einer Klarinette als Melodieinstrument. Ich habe sehr viel Zeit nur mit dem Einregistrieren verbracht, buchstäblich Nächte im Musikverein, um auszubalancieren, welche Klangfarben sich herausholen lassen. Diese Flexibilität in der Farbgebung war mir enorm wichtig – dem Zuhörer diesen Aha-Effekt zu liefern: Wow, das klang jetzt wirklich wie eine Klarinette! Die einzelnen Phrasen, die sich gegenseitig antworten und zwischen den Instrumenten Ping-Pong spielen.
Klangfarben, Registrierung und orchestrales Denken
Ist es manchmal schwierig, bei der Auswahl von Klangfarben und Registrierungen Entscheidungen zu treffen, oder geschieht das intuitiv?
Manchmal ist es absolut klar, manchmal ein echtes Suchen. Man registriert Optionen, wägt ab. Nur weil etwas am Spieltisch gut klingt, heißt das noch nicht, dass es im Raum trägt. Ganz oft ist es wie im Orchester: Die Begleitung kann die größte Unterstützung, aber auch die größte Konkurrenz für das Solo sein. Diese Balance zu finden ist herausfordernd, schweißtreibend – aber am Ende sehr lohnend.
Die Stücke zeichnen sich durch extrem viele Farb- und Registerwechsel aus, die oft von einer Phrase zur nächsten stattfinden. So schnell kann man doch kaum mitten im Spiel die Registereinstellungen vornehmen? Wie funktioniert das praktisch auf einer modernen Konzertorgel?
Man speichert die Registrierungen im Computer am Instrument ein. Im Spiel wählt man das nächste Preset. Man muss aber einen feinen Übergang schaffen und mit dem Instrument mitatmen, weil die Orgel Zeit braucht, die neuen Klangfarben einzustellen.
In den sozialen Medien war zu lesen, dass Sie gerade in der Berliner Philharmonie mit der Orgel beschäftigt waren, anderthalb Monate vor dem Konzert. Das heißt, das Einregistrieren ist ein eigener, umfangreicher Arbeitsschritt?
Man braucht die Zeit, das Instrument kennenzulernen – jede Orgel hat ihren eigenen Charakter, ihre Sonnen- und Schattenseiten. Die Klangfarben werden im Computer der Orgel gespeichert, da gibt es ein eigenes Profil mit eigenem Speicherplatz, von 0 bis 999. Wenn ich wiederkomme, kann ich alles sofort aufrufen. Bei dieser CD hat das Einregistrieren über ein halbes Jahr gedauert, für ein einzelnes Konzert sind es mehrere Stunden – je nach Repertoire.
Wie man Musik für die Orgel neu erfindet
Wie gehen Sie im Detail vor beim Transkribieren?
Man muss manches passend machen: eigene Stimmen hinzukomponieren, andere weglassen, oktavieren, Melodien herausfiltern, Instrumente tauschen. Eine Transkription ist ganz auf die Orgel zugeschrieben – man soll das Gefühl haben, das sei original dafür geschrieben. Teilweise ist es eine sehr enge, teilweise eine sehr freie Tätigkeit. Manches funktioniert am Klavier problemlos, wird aber an der Orgel zur Herausforderung – etwa weil der Orgelklang nicht leiser wird. Am Klavier geht es um den Anschlag und das Verpuffen des Tons, bei der Orgel hast du de facto Sustain. Das Ganze ist wie mit Sprichwörtern in fremden Sprachen: Vieles lässt sich nicht Note für Note übersetzen, weil es dann den eigentlichen Inhalt nicht mehr transportiert. Statt mit Dynamik arbeitet man mit Klangschichten: Die erste Phrase ist dunkel und wolkig, die nächste silbrig. Daraus entsteht eine Rhetorik der Abwechslung.

Bei der Mozart-Sonate KV 283 in Edvard Griegs Bearbeitung entwickeln sich fast schon experimentelle, jazzige Klangmischungen. Das fühlt sich so an, als ob Sie hier schon immer einen Moment weiter denken.
Grieg hat in seiner Bearbeitung wirklich große, fette, romantische Akkorde eingefügt. Das hat mich bei der Registrierung inspiriert – ich will ja nicht in biederer Kirchenorgel-Registrierung stehen bleiben, sondern unterschiedlichste Klangerlebnisse realisieren. Wenn man es als Allererster tut, kann man umso unvoreingenommener an die Sache herangehen. Es gibt keine Tradition, die man beachten oder brechen müsste – es ist im wahrsten Sinne des Wortes wie ein leeres Blatt Papier. Es ist alles möglich und es gibt kein Richtig und kein Falsch.
Beim ersten Satz aus Beethovens Mondscheinsonate op. 27 Nr. 2 nehmen Sie das Tempo deutlich zurück, sodass es fast schon wie Zeitlupe wirkt.
Das ist eine ganz bewusste Gestaltung. Das Klavier vergeht beim Tonanschlag, die Orgel dagegen ist immerwährender Klang. Bei Beethoven lässt sich dieses Liegende, Sphärische viel intensiver herausbringen. Die Orgel hat die Kapazität, das Ganze massiv zu dehnen und auf eine andere Klangsphäre zu heben, wodurch alles viel orchestraler wird. Das langsame Tempo ist eine Art Mittel zum Zweck, um die großen Bögen sichtbar zu machen.
Wie sind Sie bei Edwin Lemares Carmen-Fantasie nach Georges Bizet vorgegangen?
Das ist sozusagen ein Best-of aus der Oper, ein Medley unterschiedlicher Stücke und Charaktere. Mir war klar: Ich möchte hier möglichst viel zeigen, aber nicht einfach nur das Orchester imitieren, sondern die Orgel in ihrer ganzen Bandbreite. Hier trifft so viel aufeinander: Unterschiedliche Charaktere, Tempi, Solo-Stimmen – ein großes Potpourri, bis hin zu lautmalerischen Anspielungen auf eine Wiener Kirmesorgel, wo das Ganze auch komödiantisch wird.
Was hat Sie bei der Zusammenstellung des Programms angetrieben – persönliche Leidenschaft oder der Wunsch, Neuland für die Orgel zu erschließen?
Beides. Ich spiele diese Stücke aus persönlicher Leidenschaft, das ist die Grundlage. Aber mir war ebenso wichtig, Repertoire zu spielen, das auf der Orgel noch nie erklungen ist. Das Selbstbearbeiten macht mir unglaublich viel Freude – etwas Neues erschaffen, Weltersteinspielungen präsentieren. Es ist mein Weg, das Repertoire für die Orgel zu erweitern.
Publikum, Zukunft der Saalorgel und kommende Projekte
Orgelkonzerte in Konzertsälen werden seltener. Wie wichtig ist das Publikum für die Zukunft dieses Instruments?
Das Publikum entscheidet maßgeblich darüber, ob es dieses Instrument in Zukunft noch gibt. In vielen Konzertsälen gibt es längst keine Orgelkonzertreihen mehr – es ist oft lukrativer, den Saal für eine Orchesterprobe zu vermieten als für ein Orgelkonzert. Deshalb ist es so wichtig, Menschen für Saalorgeln zu begeistern. Ohne Publikum wird es schlicht keine Orgelkonzerte in Konzertsälen mehr geben.

Sie machen Ihre Arbeitsweise auch transparent durch Videos und Erläuterungen bei Konzerten. Was bewirkt das?
Die Orgel ist das größte und komplexeste Instrument der Erde – da etwas Licht ins Dunkel zu bringen, erzeugt beim Publikum große Aha-Effekte. Staunen lehrt zum Beispiel die Schumann-Romanze, die auch auf dieser CD ist: Die Hauptmelodie liegt im Pedal. Die Melodie spiele ich nur mit den Füßen. Meine Hände spielen lediglich die Begleitung, das ist eine völlig verkehrte Welt. So etwas transparent zu machen, erzeugt großes Interesse. So etwas brauchen wir, um die Lust an der Orgelmusik aufrechtzuerhalten.
Wie ist Ihre persönliche Faszination für die Orgel entstanden?
Ich komme vom Klavier und bin vor acht, neun Jahren zur Orgel gewechselt. Die Faszination war immer diese Größe, diese unterschiedlichen Klangfarben. Dass man Spieler und Dirigent gleichzeitig ist, seine Instrumente selbst auswählen kann. Die Orgel hat unbegrenzte Möglichkeiten – es gibt Register, die dem jeweiligen Instrument so ähnlich klingen, dass man es nicht für möglich hält. Diese schiere Größe und die schieren Möglichkeiten waren für mich ausschlaggebend.
Was steht als Nächstes an?
Jetzt geht es nach Amerika für Konzerte, dann wieder zurück nach Europa für das große Konzert in der Berliner Philharmonie am 22. März. Dafür habe ich Mahlers Rückert-Lieder für die Orgel transkribiert – wieder eine ganz neue Herausforderung, eine ganz andere Musik. Nächstes Jahr spiele ich im Goldenen Saal ein Solo-Konzert – das wird ein schöner Abschluss zur CD. Es geht also Schlag auf Schlag.
Wann ist das offizielle Veröffentlichungsdatum der „Gold“-CD?
Der 27. März. Aber schon diesen Freitag wird der erste Track veröffentlicht. Drei Singles kommen vorab, dann folgt der offizielle Release.
Lukas Hasler, vielen Dank für dieses Interview!
Titelfoto © Kirill Lialin


