Man muss das tun, wofür man brennt!

Ein Interview mit der Dirigentin Eva Meitner

Eva Meitner, Foto (c) Franzis von Stechow

 

Als ich mit der Arbeit der Dirigentin Eva Meitner in Kontakt kam, war ich erstaunt über die Aufbruchstimmung verbreitende, positive Energie, mit der Sie all Ihre Projekte angeht. Mit dieser Einstellung fällt es leicht, markige Entscheidungen zu treffen. Und das tut Eva Meitner. Es macht sie zu der ausgeprägten, Künstlerpersönlichkeit, die sie ist. Da ist zum Beispiel die deutliche und nach außen gekehrte Hinwendung zu neuer Musik, ganze Konzertabende bestreitet sie ausschliesslich mit Werken von Komponistinnen, und nicht zuletzt hat sie mit dem Freien Orchester Leipzig ein neues Orchester gegründet, das sie durch einen behutsamen Aufbau führt. Dem nicht genug, betreibt sie auch noch das zweiköpfige Trio TastoCorno, und ganz nebenbei ist Eva auch noch Dozentin an der Universität Erfurt.
Was steht hinter all diesen Projekten? Wie hört sich diese scheinbar grenzenlose Begeisterung an? Im Interview durfte ich nun versuchen, solche Fragen mit Eva Meitner zu beleuchten. Und wenn dann die Antworten durch ihre Ausführlichkeit auch noch so aussergewöhnlich viel Einblick geben wie bei ihr, dann bin ich wirklich ein Happy Blogger!

Eva, Du leitest als Dirigentin das Freie Orchester Leipzig, das letztes Jahr neu gegründet wurde. Anstatt eine komplette Saison zu spielen, fokussiert Ihr Euch auf einzelne Projekte. Wie seid Ihr organisiert? Wie finanziert Ihr euch?

Da unser Orchester relativ jung ist, haben wir natürlich noch keine eigenen finanziellen Ressourcen – was auch der Hauptgrund für unsere aktuelle Planung mit einzelnen Projekten ist. Da uns sehr daran gelegen ist, faire Gagen für unsere Musikerinnen möglich zu machen, haben wir uns entschieden, lieber weniger Projekte zu machen, diese dafür aber besser bezahlt und mit möglichst hohen professionellen Rahmenbedingungen.

Wir streben an, mindestens ein Konzert pro Jahr zu realisieren und somit eine Regelmäßigkeit und Kontinuität in der Orchesterarbeit und dem Aufbau unseres Orchesters zu gewährleisten. Besonders am Herzen liegt uns dabei eine professionelle Organisation im Vorfeld, um für unsere Musikerinnen ein schönes und angenehmes Arbeitsklima zu schaffen, in dem sie bestmöglich musizieren können. Das erfordert natürlich sehr viel gründliche und zeitintensive Vorbereitung von uns als Organisatorinnen-Team. Aktuell sind wir mit dieser Aufgabe zu zweit betraut: Katharina Hesse (zugleich auch Hornistin im Orchester) und ich leiten gemeinsam die organisatorischen und künstlerischen Geschicke des Freien Orchesters Leipzig. Für uns beide ist die Organisation eines kompletten Orchesterprojektes aufgrund der Komplexität der Aufgaben stets eine große Herausforderung, die wir allerdings sehr gerne und mit viel Hingabe machen. Die Bandbreite unserer Tätigkeiten ist dabei breit gefächert: Programmkonzeption, Zusammenstellung Orchesterbesetzung, Mails (intern an die Musikerinnen, extern an unsere Auftraggeber/Partner), Probenraum-Organisation, Instrumentenverleih/-transport (z.B. Pauken und Klavier), Probenpläne, Orchestermaterial zusammenstellen und verschicken, Homepage, Öffentlichkeitsarbeit (Social Media, Presse) und Konzertakquise. Die Konzerte 2018 und 2019 konnten/können wir schönerweise finanziell komplett über unsere Auftraggeber (LTM und musicpark/Leipziger Messe) realisieren. Das Theater der Jungen Welt Leipzig ist 2019 so freundlich uns einen Probenraum zur Verfügung zur stellen, wofür wir sehr dankbar sind. Für 2020 möchten wir ein Projekt unter dem Titel „Komponistinnen im Konzert – starke Frauen und fremde Länder“ realisieren. Dabei sollen Werke von Ethel Smyth (englisch), Cécile Chaminade (französisch), Augusta Holmès (französisch) und Amy Beach (amerikanisch) auf dem Programm stehen. Wir haben Fördermittel bei der Stadt Leipzig beantragt und konnten zudem schönerweise auch schon ideelle Unterstützer wie das Archiv Frau und Musik, Terre des Femmes, Kreatives Leipzig, das Institut francais Leipzig, das U.S. Generalkonsulat Leipzig und das Deutsch-Amerikanische Institut Sachsen für unsere Idee gewinnen. Wir hoffen jetzt natürlich sehr, dass die Stadt Leipzig uns eine Zuwendung gewährt. Unabhängig davon sind wir aktuell auf der Suche nach Sponsoren und versuchen Stiftungen von unserem Projekt zu begeistern, um es 2020 Wirklichkeit werden zu lassen.

Für Euer Konzert im musicpark 2019 am 1.11.2019 in Leipzig habt Ihr eigens ein Programm entworfen namens “Ladies on Stage”. Da spieltet Ihr Werke von Komponistinnen, die sonst nicht so oft gespielt werden, wie Ethel Smyth, Amy Beach oder Yu-Chun Huang. Warum haben andere Planer offenbar Probleme so mutig zu programmieren, und warum klappt das bei Dir?

Man muss vielleicht dazu sagen, dass die gesamte Freies Orchester Leipzig Konzeption eine außergewöhnliche ist. Zum Einen treten wir als Profiorchester in rein weiblicher Besetzung auf, zum Anderen liegt unser künstlerisches Hauptanliegen auf der Aufführung von Werken von Komponistinnen. Die geballte Weiblichkeit sozusagen, zumal das Orchester dann ja auch noch von einer Dirigentin (mir) geleitet wird. Insofern ist eigentlich unsere ganze Freies Orchester Leipzig Idee mutig, nicht nur die Programmgestaltung. Aber zurück zur Frage: Ich denke, andere Planer programmieren eher taktisch und auch nach Auslastungskriterien. Öffentlich-rechtlich finanzierte Orchester haben zwar zum einen das große Glück einer konstanten staatlichen Förderung, stehen zugleich aber genau dadurch natürlich unter enormem Druck. In Zeiten in denen über sämtlichen Orchestern stets das Damoklesschwert der Kürzung, Fusion oder kompletten Auflösung schwebt, bzw. stets hinterfragt wird, ob Kultureinrichtungen nicht gänzlich überflüssig sind, müssen Orchester stets ihren Stellenwert beweisen. Eigentlich ein Unding und eine mehr als traurige Sache – das ist aber eben leider Realität. Kultur ist leider für viele Politiker und Bundesländer schon lange keine Notwendigkeit mehr, sondern „Luxus“. Viele Häuser befinden sich also in der extrem unglücklichen Position ihre gesellschaftliche Bedeutung und Relevanz ununterbrochen beweisen zu müssen, um Mittelkürzungen zu vermeiden. Hohe Auslastungen von Konzerten sind da natürlich ein ganz wesentlicher Faktor – wenn man Stücke programmiert, von denen man weiß, dass sie beim Publikum quasi ein Garant für hohe Auslastung sind, ist das insofern in gewisser Weise sehr vernünftig und umsichtig. Unter diesem Gesichtspunkt halte ich es deswegen für schwierig, Programmkonzepteuren mangelnden Wagemut vorzuwerfen, da sie ja taktisch eigentlich nur auf Sicherheit setzen und darauf, Schaden von den Institutionen abzuwenden. Außerdem muss man dazu sagen, dass die meisten überhaupt keine Komponistinnen kennen. Wie soll man etwas programmieren, von dem man gar nicht weiß, dass es überhaupt existiert? Die Vorurteile gegenüber Komponistinnen gibt es vereinzelt natürlich auch – aber meiner Ansicht nach rühren sie zumeist von kompletter Unkenntnis der Materie her. Das Argument ist ja dann häufig, dass wenn die Stücke gut wären, man sie auch kennen würde, bzw. der damit verbundene Umkehrschluss: Wenn man die Stücke nicht kennt, sind sie eben nicht gut. Da die Werke von Komponistinnen mit den Stücken ihrer männlichen Zeitgenossen durchaus ebenbürtig sind, ist solch eine Argumentation in meinen Augen völlig unangebracht. Dies ist auch ein ganz wesentlicher Beweggrund für mich, Werke von Komponistinnen ganz bewusst aufs Programm zu setzen. Ich finde, man kann nur über etwas urteilen, das man auch kennt – und genau diese Möglichkeit des Erlebens möchten wir als Freies Orchester bieten.

Wir haben als Freies Orchester natürlich den Riesenvorteil, dass wir in unserer programmatischen Gestaltung völlig frei sind. Selbstverständlich freuen wir uns über eine hohe Auslastung unserer Konzerte, dies ist für uns aber keine Legitimierung unserer Existenz. Dadurch dass unsere Projekte nur von Leuten unterstützt werden, die unsere Idee toll finden, sind wir viel freier in unserer Konzeptionsmöglichkeit und müssen uns nicht dauernd rechtfertigen. Das ist eine tolle Sache! Im Übrigen sei vermerkt, dass ich bislang ausnahmslos positive Rückmeldungen zu unserer Programmgestaltung erhalten habe. Mein großer Traum wäre ja, dass Komponistinnen eines Tages ganz regulär mit ihren Werken in den Kanon aufgenommen werden. Vielleicht erlebe ich ja noch, dass auch öffentlich-rechtliche Orchester Komponistinnen ganz selbstverständlich programmieren, weil diese ein Garant für hohe Auslastung des Konzertes sind. Das wäre absolut großartig!!

 

Etwas Neues

Uns beiden liegt die Neue Musik sehr am Herzen. Welche Komponistinnen spielst Du da am liebsten?

Ich mag Filmmusik sehr gerne. Es gibt das wunderbare Komponistinnen Kollektiv „Track15 – female composers collective“, in dem sich 11 junge Filmmusikkomponistinnen zusammengeschlossen haben: Susanne Hardt, Maxi Menot, Yuchun Huang, Franziska Pohlmann, Hanna Sophie Lüke, Iva Zabkar, Zeinah Azouqah, Jasmin Reuter, Nathalie Hausmann, Doro Bohr und Tina Pepper. Ich habe Anfang 2019 ihre Werke mit dem Filmorchester Babelsberg für Universal Music eingespielt und es war ein wahres Vergnügen für mich! Die 3 Komponistinnen Susanne Hardt, Maxi Menot und Yuchun Huang werden auch bei unserem musicpark Programm im November 2019 live erklingen, worauf ich mich schon sehr freue!

Bei unserem Auftritt 2018 haben wir auch Teile aus Moritz Eggerts „Masse“ aufgeführt. Ein unglaubliches Stück, wie alle Stücke von Moritz Eggert. Auch das ist ein Komponist, den ich sehr schätze.

Enjott Schneider ist ein weiterer Komponist, den ich großartig finde. Sein Stück „Raptus“ würde ich wahnsinnig gerne aufführen – ein unglaublich lebendiges und ausdrucksstarkes Werk! Und so passend zu dem Beethoven Jahr 2020! Ich hoffe, das noch mehr KomponistInnen seinem Beispiel folgen und Stücke mit Bezug zu Beethoven schreiben – die Vorstellung, dass 2020 so ziemlich alle Orchester überall ein Jahr lang einfach nur Beethovens Sinfonien 1-9 spielen, fände ich eine etwas unkreative und unglückliche Umsetzung eines Beethoven-Jahres. Im Moment sieht es aber leider ganz danach aus, als würde genau das passieren… hoffentlich täusche ich mich und es kommen noch ganz viele einfallsreiche Konzerte auf uns zu! 

Eine weitere Komponistin, die ich sehr mag, ist Pam Wedgwood. Sie komponiert im Jazz Stil und hat richtig tolle Stücke geschrieben. Ihre Kammermusikwerke für Horn und Klavier finde ich großartig. Spannend finde ich außerdem Viktoria Kaunzner, Elisabeth Amandi und Shir-Ran Yinon, alle drei haben eine sehr authentische und emotionale Klangsprache – ich würde sehr gerne einmal etwas von ihnen aufs Programm setzen.

Für mein Toy Piano hatte mir Ratko Delorko mal Noten zugesandt – auch seinen Kompositionsstil mag ich sehr.

Abgesehen von den üblichen Vorbehalten gegenüber Neuer Musik, wie zum Beispiel “Das ist nur was für Experten”, welche unmittelbaren Reaktionen bekommst Du vom Publikum zu Neuer Musik? Gibt es bestimmte Publikumsgruppen die damit besonders gut zu bespielen sind?

Ich habe bislang nur positive Rückmeldungen zu Neuer Musik erhalten. Ich habe schon einige Uraufführungen dirigiert – bislang fanden das immer alle toll. Ich glaube, es ist einfach eine Sache der Kommunikation und Grundeinstellung. Man sollte nur Stücke auf den Spielplan setzen, die man selbst zu 100% toll findet und diese dann auch mit voller Leidenschaft aufführen. Das Publikum merkt sofort, ob man hinter dem Werk steht und dann springt der Funke auch über! Problematisch finde ich diese weitverbreitete Programmierung mit einer Uraufführung als „Pflichtstück“ im ersten Teil des Konzerts in Kombination mit einem großen „Kracher“ (wie z.B. Bruckner 7) im zweiten Teil nach der Pause. So nach dem Motto: Wir lassen die Uraufführung über uns ergehen, trinken dann Sekt und zur Belohnung gibt’s dann das, was wir eigentlich die ganze Zeit hören wollen. Im schlimmsten Fall ist es dann sogar so, dass selbst die Orchestermusiker das Neue Musik Stück schlimm finden und es einfach nur irgendwie lieblos „abspielen“. Dann ist es ja wahrlich kein Wunder, dass nichts beim Publikum ankommt! Problematisch ist die Programmkonzeption außerdem auch, weil die Publikumsgruppen dann meist oft tatsächlich aus genau den Leuten bestehen, die eigentlich nur wegen des zweiten Teils des Konzertes kommen. (das ist das, was ich mit „Grundeinstellung“ meine) Ich habe zum Glück viele Konzerte mit dem MDR erlebt, in denen eine richtig tolle Stimmung im Gewandhaus war. Das waren dann aber auch oft Konzerte, in denen es ausschließlich Neue Musik gab. Kristian Järvi hatte als Chefdirigent die Gabe, Neue Musik so zu dirigieren und rüberzubringen, dass die Leute sie sehr gerne gehört haben und auch das Orchester Feuer und Flamme war. Ich habe einige Male Standing Ovations und totale Begeisterung bei Neue Musik Konzerten unter seiner Leitung erlebt. Auch Moritz Eggert habe ich einige Male selbst als Interpret seiner eigenen Werke erleben dürfen – auch da war das Publikum immer restlos begeistert. So muss das sein! Neue Musik ist eine lebendige und emotionale Sache – keine lästige Pflichtveranstaltung!

Leitung will gelernt sein

Es gibt viele DirigentInnen die einen sehr eigenen Stil haben. Blomstedts Hände, Urbanskis Körperspannung. Wie würdest Du Dich da beschreiben? Wenn man ein Konzert mit Dir gesehen hat, woran würde man sich beim Dirigat erinnern?

Es ist natürlich nicht ganz leicht, sich selbst zu beschreiben. Ich denke: Energetisch und ausdrucksstark trifft es gut. Ich benutze viel Mimik und liebe den Kontakt und die Interaktion mit den MusikerInnen. Bei mir ist immer der ganze Körper dabei, außerdem bin ich mit meinen 1,78 m auch ein vergleichsweise großer Mensch und somit sehr präsent. Im Übrigen dirigiere ich immer im Kleid – ich weiß mittlerweile aufgrund vieler (positiver) Rückmeldungen diesbezüglich, dass sich das besonders beim Publikum einprägt. Ich habe mich bewusst für diese Garderobe entschieden, weil ich den Kontrast zwischen der offenkundigen puren Weiblichkeit, die ein Kleid versinnbildlicht, und der Position des Dirigenten, der in den Köpfen vieler mit Attributen wie Führungskraft und Stärke traditionell „männliche“ Eigenschaften verkörpert, in höchstem Maße reizvoll finde. Man kann ja häufig beobachten, dass Frauen in Führungspositionen sich bewusst recht maskulin und puristisch kleiden, um ernst genommen zu werden und ihre Kompetenz zu unterstreichen. Aber ist dies nicht ein Relikt früherer Zeiten bzw. muss eine Frau denn wirklich äußerlich „männliche“ Attribute an den Tag legen, um kompetent zu wirken? Ich möchte durch meine Auftrittskleidung bewusst auch diese Diskussion in Gang bringen. Interessant finde ich es in jedem Fall, dass meine Kleider sich beim Publikum so einprägen – in gewisser Weise ist das ja auch schon ein Statement. Wenn ein Mann schöne Kleidung trägt, bekommt er schließlich nicht ständig Komplimente dafür – bei einer Frau ist das nach wie vor anders. Ich finde den Diskurs in jedem Fall sehr spannend und aufschlussreich. Oft wurde ich übrigens auch gefragt, ob ich vom Ballett komme – meine Bewegungen scheinen also offensichtlich irgendwie besonders elegant und elastisch zu sein.

Was ist das Ziel Deiner Arbeit mit einem Orchester? Möchtest Du den Musikerinnen helfen ihre eigenen, besten Leistungen abzurufen, oder willst Du ein bestimmtes künstlerisches Endergebnis als Idealbild erreichen?

Ich möchte selbstverständlich, dass alle Musikerinnen ihre eigenen, besten Leistungen abrufen! Den Musikerinnen Individualität und Raum für eigene musikalische Gestaltung und Klang zu lassen, liegt mir sehr am Herzen. Das künstlerische Idealbild ist bei mir unweigerlich mit dem jeweiligen Klangkörper verbunden. Das ist ja auch das schöne! Jedes Orchester klingt anders, jede Musikerin hat ihre eigene Tonsprache. Wenn ich das ignorieren würde und versuchen würde, meine ideale, abstrakte Interpretation dem Orchester auf Teufel komm raus aufzuzwingen, dann würde ich ja das Entscheidende und Ausdrucksstarke des Ensembles zerstören. Und in gewisser Weise würde ich ja dann auch jedes Orchester, zu dem ich käme, in gewisser Weise seiner Individualität berauben und es klänge jedes Orchester unter meiner Leitung überall irgendwie gleich – das fände ich extrem schade! Ein Orchester ist ein Organismus mit dem man sehr respektvoll umgehen muss, außerdem kann jede Musikerin nur mit voller Leidenschaft musizieren, wenn sie ungezwungen und entfesselt musizieren kann. Ich betrachte meine Aufgabe darin, eine Balance zwischen guter Führung und zugleich Freiheit zum ausdrucksstarken individuellen Musizieren zu schaffen. Damit das Orchester über sich hinauswachsen kann.

Durch Deine kreativen Programme kannst Du Dich nicht in ein allgemeingültiges, einmal einstudiertes Standardprogramm fallen lassen, sondern musst immer wieder viele auch unbekanntere Werke erarbeiten. Verbringst Du mehr Zeit im “Partiturzimmer” als andere?

Was die Recherche Arbeit anbelangt: Definitv! Ich bin viel damit beschäftigt, Werke zu suchen und entdecke auf diese Weise schönerweise auch ständig neue wunderbare Musik, von der ich nicht wusste, dass sie überhaupt existiert. Für mich ist das ein großer persönlicher Gewinn, den ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Die Partituren überhaupt zu finden, ist dabei zum Teil wirklich schwierig und eine ganz besondere Herausforderung. Man fühlt sich zum Teil wie ein Detektiv, der aufgrund von Hinweisen mutmaßt, wo man das Werk wohl finden könnte. Das Internet ist dabei heutzutage auf jeden Fall eine Riesenhilfe, weil man relativ schnell und unkompliziert Zugriff auf Bibliothekskataloge oder Einsichten in Archive und Verlagsbestände bekommt. Zum Teil sind die Werke allerdings schwer lesbar, falls es sich z.B. nur um Autographe handelt und man benötigt daher teilweise schon deswegen mehr Zeit, die Stücke für ein Klangvorstellung am Klavier zu spielen, weil die Noten so schwer zu entziffern sind. Ich habe deswegen auch schon Noten aus dem Autograph mit Notenschreibprogramm abgetippt, um sie überhaupt flüssig spielen zu können. Wenn man sich dann für Werke entschieden hat, die man aufführen möchte, kommt der meist noch schwierigere Part herauszufinden, ob es davon Orchestermaterial gibt und falls ja, wo es zu finden ist. Falls es kein Orchestermaterial gibt (was leider bei Werken von Komponistinnen sehr häufig vorkommt), muss man eben Orchesterstimmen anhand der Partitur anfertigen lassen – diese Aufgabe übernimmt für unser Freies Orchester Leipzig schönerweise immer unser Arrangeur Douglas Brown. Da dies eine unglaublich zeitintensive Arbeit darstellt, bin ich mehr als glücklich, dass wir mit ihm einen so tollen Arrangeur gefunden haben, der auch immer wahnsinnig schnell und zuverlässig arbeitet. 

Wenn es dann an mein eigenes Lernen der Partituren geht, ist es tatsächlich so, dass ich mehr Zeit aufwende als für Standardliteratur. Dies liegt darin begründet, dass man die Standardwerke ja gewissermaßen „im Ohr“ hat, da man zum Einen ja damit aufgewachsen ist und sie zum Anderen ständig gespielt werden. Dadurch sind sie sehr präsent und man macht im Leben ja auch viele Stücke davon mehrmals, wiederholt also, was den Arbeitsprozess extrem beschleunigt. Bei den unbekannten Werken ist das ganz anders: Dadurch, dass man sie gar nicht kennt und zum Großteil nicht mal Aufnahmen existierten, muss man tatsächlich deutlich mehr Zeit investieren, um sich die Stücke anzueignen. Außerdem gibt es hier natürlich keine Urtext-Ausgaben, d.h. man muss eventuelle Fehler in den Partituren selbst erkennen und korrigieren. Ich persönlich liebe es aber, die wunderbaren Stücke zu lernen! Die Musik wird meines Erachtens völlig zu Unrecht nicht aufgeführt und es erfüllt mich mit sehr großer Zufriedenheit und persönlichem Glück, dass ich die Werke aufführe und dem Publikum vorstellen darf. Ich hoffe bei jedem Konzert immer sehr auf Nachahmer! Wäre es nicht schön, wenn die Werke eines Tages ganz selbstverständlich zum Standard Repertoire gehören würden? 

Eva Meitner, Bild (c) Gernot Menzel

 

Harmonisch zu zweit, dritt

Du betreibst auch das Duo “TastoCorno“, mit Horn und Tasteninstrument. Eine seltene Kombination. Wie kam es dazu und welche Stücke bieten sich da an?

Ja, das stimmt – die Kombination ist in der Tat sehr selten. Entstanden ist TastoCorno ausgehend von meiner Hornistin Katharina Hesse im Jahr 2017. Wir hatten schon gemeinsam musiziert (sie im Orchester, ich als Dirigentin) und sie hat mich daraufhin gefragt, ob wir nicht auch gemeinsam Kammermusik machen möchten. Ursprünglich wollten wir ein Trio für Sopran, Horn und Klavier bilden, um die viele originale Literatur, die es für diese Besetzung gibt und die so gut wie nie aufgeführt wird, zu spielen. Wir hatten dann allerdings zu der Zeit etwas Pech mit unseren Sängerinnen – Katharina und mir ist es ein Herzensanliegen wöchentlich zu proben, bei unseren Sängerinnen ging das aber leider nicht. Wir haben uns dann eben immer zu zweit getroffen und haben zunächst Stücke für Horn und Klavier gespielt. Dabei haben wir von Barock, Klassik, Romantik, Jazz und Filmmusik so ziemlich alles gemacht – wir lieben zum Glück beide eine breite stilistische Vielfalt. 2018 hatten wir dann einen Auftritt im Museum der Bildenden Künste Leipzig und wollten dort für unser Programm „Eine Oper in 4 Aufzügen“ unbedingt im (fahrenden) Aufzug spielen. Nun standen wir allerdings vor dem Problem, dass es im Aufzug natürlich keinen Stromanschluss gibt und ein E-Klavier deswegen dort nicht ging. Katharina hatte zufällig ein Kofferharmonium zu Hause und so kamen wir auf die gute Idee, im Aufzug eben mit Horn und Harmonium zu spielen. Wir sind also im Prinzip aus purem Zufall und aus der Not heraus auf diese Kombination gekommen – und haben festgestellt, dass diese Klangkombination unglaublich toll klingt! Von da an waren wir also mit dem Harmonium-Virus infiziert und erarbeiten uns Stück für Stück neues Repertoire für diese Besetzung. Hier sieht es mit Originalliteratur natürlich sehr schwierig aus, im Prinzip muss man alles arrangieren – das Arrangieren übernehme ich meist selbst. Besonders gut eignet sich für diese Besetzung Tango, wie wir festgestellt haben. Aber auch Klassik, Filmmusik und Jazz klingen für Horn und Harmonium wunderbar! Man braucht allerdings ein sehr gutes Klanggefühl, eine gute Intuition und eine gute Kenntnis der instrumentenspezifischen Besonderheiten, um geeignete Stücke zu wählen und zu arrangieren. Seit Mai 2019 haben wir nun anstelle des Kofferharmoniums ein großes und richtiges Konzertinstrument: Ein vollrestauriertes Harmonium, Baujahr 1890, das uns natürlich noch viel mehr klangliche Möglichkeiten bietet. Mit diesem Instrument ist nun sogar so ausgefallene Literatur wie Popsongs von Michael Jackson möglich – ich habe 7 Stücke von ihm arrangiert und es passt perfekt für TastoCorno! Seit Sommer 2019 besitze ich nun auch mehrere Toy Pianos, u.a. ein Toy Piano der französischen Marke Michelsonne (quasi der Porsche unter den Toy Pianos). Auch dieses Tasteninstrument, das klanglich überaus reizvoll ist, ist seither Bestandteil unserer Konzertprogramme. Seit Herbst 2019 besitzt Katharina auch ein Alphorn – dieses wird gewiss auch bald in unseren Konzerten erklingen. Da wir stets auf der Suche nach neuen und aufregenden Klangkombinationen sind, wird es mit uns nicht langweilig und wir freuen uns, wenn wir das Publikum auf unsere spannende Reise mitnehmen können. Interessanterweise hat das Schicksal sogar unserer Trio Idee wieder zum Leben verholfen: Bei der Revolutionale Leipzig 2019 haben wir mit der Sopranistin Franziska Hiller unter dem Titel LIBERTAS Werke für Sopran, Horn und Harmonium aufgeführt – auch diese Kombination klang großartig und fand beim Publikum großen Zuspruch. Ich hatte für diesen Auftritt 3 Lieder der Komponistin Ethel Smyth („The clown“, „Possession“ und „On the road“) arrangiert, außerdem noch Tangos und Kunstlieder. Auch in Bezug auf unsere Trio Idee sind wir also sehr glücklich, dass sich nun auch diesbezüglich alles so schön entwickelt.

Gibt es bestimmte Auftrittsformate die Ihr bevorzugt? Braucht Ihr einen bestimmten Rahmen?

Wir sind bezüglich unserer Auftrittsformate sehr flexibel. Katharina und ich lieben insbesondere ungewöhnliche Auftrittsorte. Unsere Highlights bisher waren auf jeden Fall die Auftritte im Museum der Bildenden Künste Leipzig und der Auftritt bei der Revolutionale Leipzig 2019. Das Konzert im Museum der Bildenden Künste war ein Konzert mit viel Bewegung: Es war als Wandelkonzert mit 4 unterschiedlichen Räumen konzipiert, das Interlude (den Umzug zum nächsten Raum) haben wir immer im Aufzug gespielt. Das Publikum musste uns also folgen, was eine sehr spannende Sache war. Ich persönlich fand das Spielen im fahrenden Aufzug zusammen mit dem Publikum richtig toll! 

Bei der Revolutionale Leipzig war das Konzept, dass wir im Schaufenster des ehemaligen Karstadt spielen (mit Tonübertragung nach draußen) und das Publikum von außen zuhört. Auch dieses Konzept fanden wir großartig und natürlich sehr außergewöhnlich. Ansonsten spielen wir aber natürlich auch sehr gerne ganz klassische Konzerte, sprich im Konzertsaal oder auch Hauskonzerte. Auch musikalische Umrahmungen von Weinverkostungen oder Vernissagen gestalten wir gerne. 

Auch wenn wir persönlich unkompliziert und offen sind, müssen wir mit unserem Harmonium nun immer etwas komplexer planen und viel beachten. Unser historisches Instrument ist nämlich eine kleine Diva: So sollten die Auftrittsorte lieber im Erdgeschoss sein (weil es sehr schwer und empfindlich ist), bei Auftritten in einer 1. Etage braucht man ein wirklich breites Treppenhaus. Auch das An- und Abliefern ist nun nicht mehr ganz so problemlos möglich wie wir es mit unserem E-Piano gewohnt waren, weil wir im Prinzip immer direkt vor die Tür unseres Auftrittsortes heranfahren müssen.

TastoCorno, Bile © Pia Kafanke

 

Die Dozentin

Seit 2015 lehrst Du an der Universität Erfurt Dirigieren und Chorleitung. Mit jungen Menschen zu arbeiten und Erfahrungen weiter zu geben macht ja den meisten Menschen Spaß. Welchen Herausforderungen stehst Du da gegenüber, und wie beeinflussen die Erfahrungen dort Deine Arbeit mit Orchestern und Ensembles?

Ja, das stimmt – die Arbeit mit jungen Menschen ist großartig und das Unterrichten an der Universität Erfurt macht mir nach wie vor sehr viel Freude! Eine Herausforderung ist es, jede/n dort abzuholen, wo er/sie gerade steht. Das braucht sehr viel Feingefühl und Intuition – ich finde aber genau das spannend! Insbesondere die Dosis zu finden, weder zu Überfordern noch zu Unterfordern, finde ich persönlich immer eine ganz besondere Aufgabe. Ich lerne interessanterweise durch das Unterrichten auch viel über mein eigenes Dirigat. Dadurch dass man lehrt, muss man ja viel und oft erklären – da dringt man nochmal tiefer in die Materie ein und muss sich gründlich Gedanken machen, wie man das, was für einen selbst selbstverständlich ist, so vermittelt, dass es für die Studierenden nachvollziehbar und vor allem umsetzbar ist. Das ist ein überaus spannender Prozess, den ich über alles liebe, weil man durch gründliche Analyse und aktivem Bewusstsein viele seine Aktionen nochmal unter völlig anderen Gesichtspunkten betrachtet. Ich habe als Lehrende übrigens auch eine Entwicklung durchgemacht: Am Anfang war ich extrem streng und fordernd, und war sehr hart zu meinen Studierenden. Außerdem hatte ich Sorge, dass meine Autorität und meine Qualifikation womöglich nicht ernst genommen werden, und habe jede Woche versucht, mich als kompetente Fachkraft zu beweisen. Mein Unterricht war komplett auf Leistung ausgerichtet – Spaß hat es meinen Studenten allerdings dadurch leider nicht gemacht und ich habe sie teilweise einfach komplett überfordert. Im Prinzip hatte ich also aufgrund persönlicher Unsicherheit eine zu forsche Unterrichtsart. Mittlerweile bin ich viel milder geworden und mir liegt sehr am Herzen, dass meine Studenten natürlich nach wie vor viel lernen, ich aber zugleich wirklich immer genau spüre, wieviel Input ich ihnen geben kann. Und mir ist auch sehr daran gelegen, dass mein Unterricht Spaß macht! Für mich persönlich ist das Unterrichten in all den Jahren nun also noch schöner geworden: Ich habe an Selbstbewusstsein gewonnen, weil ich weiß, dass ich eine gute Lehrerin bin und der Großteil meiner Studierenden gerne zu mir kommt. Dadurch ist mein Unterricht viel entspannter, aber gleichzeitig auch effektiver, weil ich voll auf die Bedürfnisse meiner Studierenden eingehen kann. Dieses Selbstbewusstsein und die insgesamt entspanntere Arbeitshaltung haben sich definitiv auch auf meine Orchesterarbeit übertragen. Ich versuche auch dort natürlich weiterhin musikalisch hohe Leistung aus dem Ensemble herauszuholen – aber dabei zugleich trotzdem immer genau zu erspüren, was das Orchester braucht und in gesundem Maße zu fordern, ohne Dinge zu erzwingen oder die MusikerInnen zu überfordern.

Im Gespräch über junge MusikerInnen betonst Du gerne, dass es gut ist, sich von verschlungenen Lebenspfaden nicht von seinem Weg abbringen zu lassen, und immer weiter zu gehen. Was war für Dich die verblüffendste Erkenntnis, die Dir Deine Studierenden ermöglichen konnten?

Ich bin ja auch Mentorin beim mentoring arts Programm der HMT Leipzig. Meine verblüffendste Erkenntnis war mein letzter Schützling Christian. Als wir angefangen hatten miteinander zu arbeiten, war er sehr unsicher und schüchtern. Vieles hat er sich nicht zugetraut und stand sich dadurch selbst im Weg – mit seinem Klarinettenstudium lief es deswegen auch nicht so richtig gut. Da mich solche Äußerlichkeiten aber noch nie in irgendeiner Weise beeindruckt haben und ich weiß, dass es manchmal im Leben eben solche Phasen gibt, habe ich intensiv mit Christian gearbeitet. Wir haben viel geredet und ich habe ihm immer wieder Mut zugesprochen. Für Probleme habe ich versucht, möglichst gut umsetzbare Lösungen/Pläne/Inspiration zu finden und ihm zu helfen, Selbstbewusstsein zu gewinnen, ohne ein komplett anderer Mensch zu werden oder sich irgendwie verstellen zu müssen. Ich wollte, dass er seine eigenen Qualitäten entdeckt und so Zugriff auf sein volles Potential erhält. Das war ein sehr intensiver Prozess – und zu 100% erfolgreich! Christian hat beim Abschluss eine glatte 1 gespielt! Da waren alle an der Hochschule völlig von den Socken. Niemand hätte ihm das zugetraut, allemal weil in Leipzig Bestnoten wirklich extrem selten vergeben werden. Als ich das gehört habe, war ich so stolz auf ihn und seine Wahnsinns-Entwicklung! Was mir wieder ganz klar vor Augen führt: Es ist egal, was andere denken, sagen oder tun. Man muss das machen, wofür man brennt und darf sich da nicht von Außen verunsichern lassen! Und man hat meist viel mehr Potential als man denkt – oft limitiert man sich tatsächlich einfach nur selbst.

Eine andere verblüffende Erkenntnis habe ich an der Universität Erfurt mit meinen Studierenden gemacht: Man sagt ja immer, der erste Eindruck sei entscheidend (erste 6 Sekunden) und auch irreversibel. Das kann ich so zum Glück nicht bestätigen. Ich weiß, dass mich die Studierenden meiner allerersten Unterrichtsjahre nicht ausstehen konnten, weil ich so streng und hart war. Das schöne dabei: Von genau diesen Anfangsstudenten haben aber später einige bei mir freiwillig im Master weiterstudiert. Zwei Studentinnen sind dann sogar noch nach ihrem Master Abschluss freiwillig zu mir ins Vokalensemble gekommen, um mitzusingen – also quasi in ihrer Freizeit. Das finde ich persönlich wunderschön und sehr berührend! Und auch eine tolle Botschaft: Nur weil man vielleicht den ersten Eindruck komplett versaut hat, heißt es noch lange nicht, dass man es nicht doch noch nachträglich korrigieren kann – es kann sogar etwas sehr Wertvolles, Schönes und Beständiges daraus entstehen!

Eva, Vielen Dank für das Interview!

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