Große Rundfunkorchester! Genießen wir sie, solange wir sie haben! Eine Besonderheit, die andere Länder nicht besitzen und die für kulturellen Reichtum steht.
Schön, dass das MDR Sinfonieorchester nun auch beim Label Pentagone zu finden ist. Und mit dem Pianisten Illia Ovcharenko und der Dirigentin Oksana Lyniv legen die Beteiligten gleich ein sehr interessantes Debüt vor. Denn „Manu Sinistra“ beschreibt als Thema Klavierkonzerte, die für die linke Hand komponiert wurden, von Sergei Bortkiewicz, Maurice Ravel und Sergei Prokofiev. Es waren allesamt Auftragswerke des Pianisten Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte. Für mich ist es besonders im Ravel-Konzert „Piano Concerto in D Major for the Left Hand, M. 82“ hörbar, wie aus dieser tragischen Geschichte neue, ganz wunderbare Musik entstand.
Ein außergewöhnliches Konzept: Klavierkonzerte für die linke Hand
Ravels Konzert bleibt dabei ganz in seiner musikalischen Tradition, und das MDR Sinfonieorchester musiziert die vielen weiten und fantastisch harmonisierten Orchesterthemen sehr beflügelt, mit weiten Schwingen. Und dann steigt Ovcharenko ein in die erste Kadenz, mit atemberaubender Geschwindigkeit wirbelt er zwar durch einige Teile der Sequenz, legt aber mehr Fokus auf die Ausgestaltung der eindrücklichen musikalischen Narrative, die Ravel hier angelegt hat. Wohl bewusst erst mit der Zeit beginnen Pianist und Orchester gemeinsam zu musizieren, und die Situation des Sinfonieorchesters zusammen mit einer Hand am Klavier ist nicht immer leicht auszubalancieren, manchmal merkt man das auch ein wenig. Aber es besteht in dieser Situation generell ein gewisser Widerspruch zwischen Virtuosität und Durchsetzungsvermögen, und oftmals gestaltet das Orchester sehr bewusst feinfühlig in mittleren bis kleineren Intensitäten. Der dritte Satz des Konzertes „Tempo I“ begeistert mich dann mit großer Ravel-Symphonik, das Orchester agiert breit und groß, während der Pianist in seinen Parts leise und hintergründig Spannung aufbaut.

Ravel: Klangbalance zwischen Orchester und Solist
Ähnliches passiert interessanterweise auch im „Klavierkonzert No. 2 in C Minor, Op. 28“ von Sergei Bortkiewicz, jedenfalls zu Beginn. Im bekanntesten Klavierkonzert des Komponisten führt der erste Satz „Allegro dramatico“ dann bald über in wunderbare Bläsersätze, in denen die Hörner, aber auch die Flöten richtig glänzen können und sogar das Soloinstrument wunderbar komplementieren. Da bringt der gefühlvolle Einsatz der Bläser nach der Kadenz kurzzeitige Operettenstimmung, und auch im weiteren Verlauf des Werkes arbeiten alle diesen reizvollen Wechsel zwischen Streichern und Bläsern sehr erzählend aus. Und über allem fliegt das Klavier in perfekter Abstimmung hoch, hier scheint die Balance nicht so schwierig zu sein, was vielleicht an der geschickten Stimmaufteilung der Komposition liegt. Mehrere Zwiesprachen zwischen dem Klavier und verschiedenen Orchesterinstrumenten geben dem Stück viel Geschichten, und manchmal gesellt sich eine ganze Instrumentengruppe zum Solisten, wenn die Hörner zusammen mit dem Klavier durch Melodien schreiten.

Bortkiewicz: Farbenreichtum und erzählerische Dialoge
Mit dem dritten Werk auf dem Album, Prokofjews „Klavierkonzert No. 4 in B-Dur, Op. 53“, wird dann die unterschiedliche Herangehensweise der drei Komponisten in Bezug auf die Klavierstimme deutlich. Prokofjew versteht diese zu Beginn eher als monophones Soloinstrument. Das ändert sich im zweiten Satz, und Ovcharenko haucht diesem selten gespielten Werk durch sein kraftvolles und expressives Spiel viel Attraktivität ein. Mit viel Energie setzt er immer wieder starke Gegensätze zum oft im Tutti agierenden Orchester, bleibt dabei aber immer variabel und in seinem Spiel zugänglich.
„Manu Sinistra“ vereint drei sehr unterschiedliche Konzerte mit einem gemeinsamen, äußerst interessanten Konzept, das von begeisternden Künstler*innen mitreißend umgesetzt wurde!


