Ein Beitrag von Julia Kaiser
Eine sattes Stück barockes Neapel holte die Akademie für Alte Musik Berlin für einen unvergesslichen Doppelabend in die Kulturkirche St. Elisabeth. Mit diskret schimmerndem Glanz und lässiger Glorie, aber mit mehreren Extraportionen Musikalität gab sie als Opernensemble im Handgepäckformat Johann Adolf Hasses Serenata „Marc‘Antonio e Cleopatra“.
„Marc’Antonio e Cleopatra“ als barockes Kammerspiel
Die Inszenierung ist so schlank wie witzig – der geschlagene Feldherr hängt seinen Kriegshelm an den Garderobenständer und ist „dann mal wieder da“. Die ägyptische Königin erklärt ihm wortreich und gleichzeitig ihn umgarnend, dass sie ihn nicht wirklich auf dem Schlachtfeld gegen Kaiser Oktavian im Stich gelassen, sondern nur ihre eigene Freiheit geschützt habe, und dass ihre Affäre nicht Mittel zum Zweck sondern auf tiefer Leidenschaft fußend sei. Man ahnt, wohin die Situation führen wird, die Schierlingsbecher in der Größe von Sangriaeimern stehen schon bereit.
Wie genial, in den ersten zwei Minuten alles zu klären, um sich dann ganz der Komposition, dem Gesangsduo und der musikalischen Beziehungsarbeit widmen zu können – was phänomenal gelingt. Der Sopran Federico Fiorio gibt Cleopatra im goldbestickten Wams rätselhaft und unwiderstehlich verführerisch, Altistin Margherita Maria Sala, schwarzer Hosenanzug und eleganter flacher goldener Lorbeer-Stirnreif, legt die Hosenrolle des Marc’Antonio als Gefangenen zwischen Selbstüberschätzung und rührendem Beschützerinstinkt an, der sich am Ende zum Gefährten im Selbstmord überreden lässt.

Johann Adolf Hasse und die Welt der Opera seria
Der knapp 26jährige Hasse war 1725, zum Zeitpunkt seiner Studienreise ins damalige europäische Opernzentrum eigentlich Tenor am Brauschweiger Hof, doch dieses Stipendium, verbunden mit dem anschließenden Prädikat des „Neapolitanischen Musikers“, machte ihn zu Lebenszeiten zum Komponistenstar der italienischen Opera seria. Sein Talent muss auch im avantgardistischen Neapel auffällig gewesen sein, jedenfalls ließ sich das it-Couple der Szene, der noch jungen Kastratensopran Farinelli und die 24jährige Altistin Vittoria Tesi Tremontini, die Rollen cross-gender auf den Leib schreiben.
Zwischen Unsicherheit und wachsender Intensität
Unterm Brennglas singen die Protagonisten, zu Beginn beide etwas angespannt, ihre ersten großen Hauptrollen im deutschsprachigen Raum. Fiorios Stimme wirkt (wohl durch eine Erkältung) angegriffen und versagt gar in den Höhen gleich der ersten Arie; die Einsätze scheinen wie in letzter Sekunde vorbereitet und der musikalische Sog kommt nur langsam in Fluss, das Zusammenspiel mit Sala gerät zunächst stolpernd. Bravourös überspielen beide gemeinsam diese Unpässlichkeit und münzen sie um in ein Fremdeln der wieder zu einander findenden Liebenden, die zunehmend für einander entflammen und einander auch gesanglich beflügeln.
Fiorio entscheidet sich, seine Stimmführung noch zarter zu gestalten, die Biegsamkeit für teils enorm schwierige Koloraturen kehrt zurück, Konzertmeister Bernhard Forck nimmt Dynamik auch aus der Akademie für Alte Musik, ohne an Spannung zu verlieren. Die federnde Energie der unprätentiös, aber freigiebig liebevoll spielenden Instrumentalistinnen und Instrumentalistenunterstützt die Stimmen ganz famos.

Margherita Maria Sala als Mittelpunkt des Abends
Margherita Maria Sala wird zum Star des Abends. Die Entwicklung ihrer Figur vom geschlagenen zum wahrhafte Größe zeigenden Helden ist aus einem Guss, besonders in der Tiefe hat ihr Timbre niemals Patina oder vulgären Nachdruck, sondern sie lässt immer erkennen, dass ihre Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft sind. Federico Fiorios Stimme ist ohnehin aus einer anderen Welt, seine Sorgsamkeit möge ihr lange Gesundheit bescheren – die hier schon deutlich zu ahnende Weltklasse wird bald auf allen großen Bühnen zu erleben sein. Oder, so ist es dieser kompakten Serenata zu wünschen, auf Reisen an die schönsten nach exquisiter Kultur dürstenden Orte.
Titelfoto © Linus Bickmann


