Marcel Mok ist ein deutscher Nachwuchspianist, der bereits zahlreiche Preise gewonnen und Auftritte in bedeutenden Konzerthäusern Europas und Asiens hatte. Sein Studium an der Universität der Künste schloss er vor zwei Jahren mit Auszeichnung ab und daraus ist nun seine erste CD entstanden.
Marcel Mok über seine musikalische Prägung
Das ist etwas Besonderes für einen Künstler und ich gratuliere, es führt aber in diesem Fall auch zu der etwas ketzerischen Frage: Warum die Goldberg-Variationen von Bach? Wenn ich es richtig gelesen habe, ist das die 708. Aufnahme.
Ich habe da schon verschiedene Zahlen gelesen, aber es war öfter mal eine Sieben davor. Das ist eigentlich eine gute Frage. Ich würde sagen, in meinem Fall hat es sich so ergeben, teilweise. Es war aber auch immer ein Wunsch. Ich bin mit vielen Aufnahmen davon aufgewachsen, die mich schon immer fasziniert haben. Das habe ich meinem früheren Klavierlehrer gerade noch mal geschrieben, weil wir Kontakt hatten wegen dieser Aufnahme. Schon zu Musikschulzeiten habe ich immer wieder reingeguckt. Ich habe dann ganz geschickt die Kanons umkurvt, weil die mir damals zu kompliziert waren.
Wie ist es denn aktuell zu der Entscheidung für die Variationen gekommen?
Es ging tatsächlich mit meinem Programm zum Abschluss meines Konzertexamens einher. In Pandemiezeiten hatte man ja auch mal Zeit, sich an Werke heranzutasten, für die man einfach viel Zeit braucht und die man gerne mal in Ruhe angeht. Ich finde, gerade Goldberg ist nicht so ein Stück, das man mal schnell in ein Konzertprogramm reinschreibt, um sofort lustig drauf los zu üben, sondern es ist ein Stück, bei dem man sein Leben lang wachsen und sich damit beschäftigen kann. Gar nicht durchgängig, aber es gab immer mal wieder Stationen, wo ich mich damit beschäftigt habe. Ich glaube, ich bin selten zu einem Stück so oft zurückgekommen. Darum habe ich es auch endlich für mein Abschlussprogramm als Programm ausgewählt. Und da sich in derselben Zeit dann auch die Gelegenheit ergeben hat, die CD aufzunehmen, fiel die Wahl nicht so schwer.
Was ist das Faszinierende für Sie an den Goldberg Variationen?
Das Tolle an den Variationen ist, wie vielfältig sie sind. Man hat trotz der strengen Form unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Jeder Teil einer Variation, die sind ja immer zweigeteilt, wird einmal wiederholt, was generell oft in Bachs Instrumentalmusik vorkommt. Und da kann man natürlich, wenn man es richtig findet, dasselbe zweimal sagen. Man kann aber auch zwei verschiedene Versionen finden. Oder eine Version verzieren. Da hatte ich sehr viel Spaß daran. Und manchmal hat man gerade eine ganz tolle Idee gehabt und merkt am Ende, es passt irgendwie doch nicht oder es ist zu riskant im Konzert, so dass man es schließlich doch lässt, da ist man dann manchmal ein bisschen traurig.
Dann kann man viel mit verschiedenen Farben spielen – dabei kann man sich u.a. von den unterschiedlichen Registern des Cembalos inspirieren lassen, die man auf den modernen Flügeln mithilfe eines nuancierten Anschlags noch weiter verfeinern kann.

Die Wiederholungen geben also unendlich viele Möglichkeiten, teilweise auch im Charakter zu variieren. Das ist ein sehr schöner, kreativer Prozess, der manchmal fast schon überfordernd sein kann. Wenn man jedoch wieder eine Version gefunden hat, die einem gefällt, dann ist das sehr beglückend und erfüllend und man bekommt sehr viel von der Musik zurück. Und dennoch sehe ich jetzt vielleicht manche Dinge ein Jahr später auch wieder anders als im vergangenen Jahr.
Wo hat die Aufnahme stattgefunden?
Das war in der Andreaskirche in Berlin-Wannsee. Die klingt wirklich schön und gerade mit dem Instrument hat das sehr gut gepasst.
Ich hatte das Glück, von der Firma Shigeru Kawai einen wahnsinnig tollen Flügel zur Verfügung gestellt zu bekommen, der mir erlaubt hat, alles so zu gestalten wie ich wollte und ganz hervorragend zur Raumakustik gepasst hat.
Heißt das, die Goldberg Variationen werden Sie ihr Leben lang begleiten?
Musik ist ja was Lebendiges, aber ohne, dass Musiker sich mit der Musik beschäftigen, bleibt sie nicht lebendig. Und ich denke, natürlich kann man einen gewissen Status mit einer Aufnahme konservieren. Man kann das Stück konservieren. Aber wenn nie was Neues kommt, dann lebt die Kunst nicht weiter. Es gibt auch einen Grund, dass es so oft aufgenommen wurde. Und so gerne und mittlerweile oft gespielt wird. Eine Aufnahme ist natürlich für mich eine andere Kunstform als live zu spielen.
Wo ist der Unterschied?
Eine Aufnahme ist gewissermaßen ein Produkt. Es wäre schön, wenn man von vorne bis hinten durchspielen könnte und sagen könnte, das war es genau. So können wir es lassen. Aber es gibt verschiedene Versionen, verschiedene Takes, es wird natürlich auch korrigiert. Und man entwickelt auch Ideen während des Nachbearbeitungsprozesses, die man vielleicht beim Spielen noch gar nicht hatte. Kleine Timing Sachen oder man hat verschiedene Versionen gespielt und entscheidet sich in dem Moment, jetzt gerade, in dem Zusammenhang gefällt mir das so am besten. Beim Aufnahmeprozess hängt ganz viel daran, ob man wirklich immer nur versucht, so gleich wie möglich zu spielen, oder ob man verschiedene Versuche hat und verschiedene Versionen für sich selber erstmal aufnimmt. Eine Aufnahme bedeutet sehr viele Entscheidungen, die können in einem Konzert deutlich spontaner kommen.
Was ist Ihr persönlicher Zugang? Oder wo würden Sie sagen, das ist meins und deswegen ist es schön, sich ausgerechnet jetzt meine Version anzuhören.
Ich habe mich aus vielen Richtungen versucht zu inspirieren. Zum einen kommt man gerade, wenn man hier in Berlin studiert hat, aus einer sehr tollen pianistischen Schule. Aber dann habe ich auch ein bisschen alte Musik studiert und ich habe mich sehr oft mit der damaligen Cembalo-Professorin der UDK Mitzi Meyerson getroffen. Wir haben viel ausprobiert, auch auf alten Instrumenten. So habe ich sehr viel gelernt, auch über historische Aufführungspraxis. Ich weiß nicht, ob das ein guter Vergleich ist, aber Cembalo und Klavierspielen ist ein bisschen wie Badminton- und Tennisspielen. Auf den allerersten Blick hat es eine Ähnlichkeit, aber dann ist es doch grundverschieden. Ich probiere, diese Eindrücke unter einen Hut zu bekommen und zu meinen eigenen zu machen. Ein Beispiel: wenn man die alte Stimmung nimmt, die ist anders als die wohltemperierte Stimmung, mit der unsere heutigen Instrumente gestimmt wird. Je weiter man sich auf einem alten Instrument, von der Grundtonart wegbewegt desto schmerzhafter wird es, weil die Stimmung dann einfach gar nicht mehr stimmt. Und das geht auf den modernen Instrumenten etwas verloren. Aber wenn man das weiß und sich damit beschäftigt, dann kann man vielleicht trotzdem versuchen, diesen Stellen etwas Besonderes mitzugeben. Ich denke hier zum Beispiel an Variation 25, das Adagio, da gibt es viele Stellen, die tun ganz besonders weh. Da versuche ich meinen Weg zu finden und hoffe, dass das auch andere Leute hören.
Interpretation, Klang und künstlerische Entscheidungen
Können Sie uns den Unterschied von der Darbietung mit dem Cembalo oder dem Klavier noch etwas genauer erklären?
Wenn man von einem zweimanualigen Cembalo ausgeht, dann hat man zwei Achtfüße, so nennt man das. Das heißt, das kommt noch aus der Orgel.
Da hat eine achtfüßige Pfeife eben diese Tonhöhe produziert. Und eine vierfüßige Pfeife hat dann die Oktave höher produziert. Und so ist das dann beim Cembalo auch. Also man hat in der Regel zwei Achtfüße. Wenn man die zusammenschaltet, wird es lauter, weil die zwei Achtfüße eben zusammenklingen. Gleichzeitig haben beide Achtfüße bei schönen Cembali noch einen anderen Klang. Da kann man auch variieren. Dann kann man einen Vierfuß dazuschalten, was dann eben die Oktave dazu klingen lässt. Und man kann den Vierfuß eben mit dem einen Achtfuß oder dem anderen kombinieren.

Oder man kann den Vierfuß auch alleine spielen. Also da kann man sich ausrechnen, wie viele klangliche Möglichkeiten es gibt. Dann gibt es noch einen Lautenzug, der das alles dämpft und auch wieder eine andere Klangfarbe produziert.
Das alles haben sie jetzt versucht ins Klavier mit zu übernehmen?
Naja, ich würde sagen, dass spielt eine Rolle, die auch teils ganz unterbewusst verarbeitet wird und einfließt. Doch trotz der ganzen Beschäftigung mit alter Musik, am Ende spiele ich hauptsächlich Klavier und habe die Variationen auf dem Flügel aufgenommen, mit ganz anderen Möglichkeiten. Da kann ich versuchen, Sachen, die ich gelernt habe, unterzubekommen. Ich habe mich teilweise aber auch bewusst für andere Dinge entschieden, zum Beispiel was die Dynamik angeht. Pedal ist ja auch immer eine große Frage. Wie viel? Ob? Ja oder nein. Und da habe ich mich dann, nachdem ich tatsächlich meine ersten beiden Konzerte mit den Variationen ganz ohne Pedal gespielt habe, entschieden, trotzdem Pedal zu benutzen – gerade deswegen, weil der Flügel ohne eigentlich eines Teils seiner Möglichkeiten beraubt wird.
Gehen wir zum Anfang zurück. Wie ist Ihr musikalischer Werdegang? Wie sind Sie zum Klavier gekommen?
Ich habe mit meiner Schwester zusammen angefangen. Die ist drei Jahre älter. Mein Vater hat hobbymäßig Klavier gespielt und auch Schlagzeug. Er hatte eine Rockband. Und wir hatten eben zu Hause ein elektrisches Klavier rumstehen und ein wunderschönes altes Klavier bei meinen Großeltern. Es fing ganz hobbymäßig an. Ich bin mit meiner Schwester zum Unterricht gegangen. Sie hat nach einem Jahr aufgehört. Ich bin geblieben. Und das wurde dann graduell immer mehr in Kindheit und Jugend. Ich habe viele tolle Lehrer gehabt, die mich immer sehr gefördert und auch gefordert haben. Bis zu einem gewissen Alter, vielleicht 13 Jahre, habe ich gar nicht in Erwägung gezogen, dass man Pianist werden könnte. Weil es einfach in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, zwar viele musikbegeisterte Leute gab, aber keine richtigen Musiker. Wir haben dann drei Jahre in Italien gelebt, in Mailand.
Und in der Zeit hatte ich ab und zu zwar weiterhin auch noch Unterricht mit meinem Lehrer in Deutschland, aber gleichzeitig hatte ich auch Unterricht bei den beiden fantastischen Pianisten Bruno Canino und Roberto Plano. Ich bin in viele Konzerte gegangen und habe so das Musikerleben hautnah kennengelernt, alles was dazu gehört, auch die vielen Facetten, Kammermusik, Solokonzerte, Unterrichten, teilweise auch organisieren. Roberto hatte eine Akademie gegründet in der Zeit und das hat mich sehr fasziniert. Und dann wurde es auch bei mir immer mehr mit Auftritten und die Schule lief nebenher ganz gut, war aber nicht ganz so wichtig. Ja, dann kam der Wunsch immer mehr, das zum Beruf machen zu wollen und dann bin ich hier an Berlin gelandet. Da war mein absoluter Wunsch eben mein langjähriger Professor Klaus Hellwig.
Neue Projekte und aktuelle Albumarbeiten
Das ist Ihnen gelungen. Doch nun ist Ihr Studium beendet. Wie soll es weitergehen?
Also die eine Frage ist, wie entwickle ich mich musikalisch weiter, was ist so mein künstlerischer Impetus? Die andere Frage ist aber auch, was mache ich insgesamt? Weil sich die Zeit so schnell wandelt, dass viele Musiker auch heute überlegen, noch was anderes zu tun, als sich nur mit ihrem Instrument auseinanderzusetzen. Ich versuche, da offen zu bleiben, nicht nur auf eine Schiene zu gehen, auch viel Kammermusik zu machen und zu unterrichten. Denn ich finde beim Unterrichten lerne ich immer am meisten. Wenn ich jemandem erklären muss, wie er üben soll, dann merke ich selber, ich sollte auch so üben.
Sie arbeiten auch mit einem Verein zusammen für ein Kammermusikfestival?
Ich wurde 2023 von dem Verein KonzertLEBEN e.V. gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, an einem Kammermusikfestival mitzuwirken, welches wir 2024 zum ersten Mal auf der Insel Rügen organisiert haben. Aus dem Mitwirken ergab sich letztendlich, dass ich die Rolle des künstlerischen Leiters einnehmen durfte, was aber alle möglichen Aufgabenbereiche miteinschließt. Nun haben wir im vergangenen Jahr schon die zweite Ausgabe bestritten und sind sehr glücklich, wie wir vom Publikum angenommen werden. Jetzt sind wir schon intensiv an der Planung für die 3. Ausgabe im August, wofür ganz bald alle Details veröffentlicht werden.
Was genau macht der Verein Konzertleben?
Der Verein hat es sich zum Ziel gemacht, freischaffende Musiker auf vielerlei Weise zu unterstützen. Dazu gehörten zum Beispiel die Organisation und Unterstützung von Konzerten, aber auch die Förderung von Tonträgern. Meine CD wurde ebenso durch den Verein gefördert.
Das heißt Sie profitieren sozusagen in zweifacher Weise, einmal als freischaffender Künstler und dann auch als Organisator?
Ja, das ist eine sehr schöne Aufgabe, aber teilweise auch eine sehr herausfordernde, bei der man extrem viel lernt. Zum Beispiel auch den Musikbetrieb aus einer ganz anderen Perspektive wahrzunehmen. Dazu gehört etwa die Gestaltung von Plakaten, Websites, aber auch Programme zu kreieren, die sowohl musikalisch stimmig sind, die Musiker herausfordern und begeistern können und gleichzeitig das Publikum ansprechen. Sie müssen zudem auch ökonomisch passen. Da ist es für uns als kleiner Verein nun einmal nicht möglich, ein Konzert mit 15 Musikern aus allen Ecken der Welt zu gestalten. Wenn dann am Ende alles zusammenkommt und so funktioniert wie man es sich vorgestellt hat, oder sogar noch besser, dann freut man sich natürlich wahnsinnig darüber. Und das schönste sind dann aber ohnehin die vielen Begegnungen mit dem Publikum und den vielen Unterstützern, ohne die so ein Projekt überhaupt nicht funktionieren könnte.

Das heißt, es geht auf jeden Fall weiter mit dieser Zusammenarbeit. Sie sind schon dabei, das nächste Festival für den nächsten Sommer zu organisieren. Gibt es sonst noch Ziele, die in näherer Ferne sind oder Träume?
Also natürlich träume ich, dass das Festival weiterwächst. Träume können immer auch Werke sein. Prokofjews zweites Klavierkonzert mit Orchester wäre ein Traum. Das dritte gab es schon mal, aber es wieder zu spielen wäre auch ein Traum. Solche Dinge natürlich.
Träumen Sie auch von bestimmten Aufführungsorten?
Das ist eine gute Frage, es gibt so viele schöne Orte, da ist es schwer, einen herauszupicken. Vielleicht das Sydney Opera House? Meine Verlobte ist Australierin und Geigerin. Und Sydney ist immer ein schönes Ziel. Das Opera House ist einfach von der Kulisse her unglaublich. Die Kombination von Wasser und Musik ist einfach etwas, das natürlich zu einander passt.
Das sieht man so ähnlich ja auch in der Elbphilharmonie, wo wir vor Kurzem waren.
Persönlicher Ausblick: Wohin entwickelt sich Marcel Mok?
Haben Sie noch weitere Wünsche für ihre Zukunft?
Ein weiterer Traum wäre noch verstärkt in die Lehre zu gehen, vielleicht irgendwann auch im Hochschulbereich. Momentan habe ich das Vergnügen, mit vielen verschiedenen Alters- und Niveaustufen zusammen zu arbeiten. Das Spannende dabei ist, dass ich mich dabei in viele verschiedene Rollen hineinversetzen kann und auch muss, denn es ist natürlich etwas anderes, wenn man etwa über die Grundlagen oder verschiedene Interpretationsmöglichkeiten spricht.
Ansonsten wurde ich oft gefragt, ob es mein Ziel wäre, in 30 Jahren wieder Goldberg aufzunehmen. Das weiß ich nicht. Das muss vielleicht auch nicht sein. Was gar nichts damit zu tun hat, dass man es in 30 Jahren nicht komplett anders spielen würde. Denn das Schöne am Musik machen ist ja, dass sie immer lebendig bleibt. Eine zweite CD auf jeden Fall. Gar nicht mal in großer Eile, wobei jetzt vielleicht bald etwas Duomäßiges ansteht.
Was eine zweite Solo-CD angeht, da gibt es viele Ideen, aber die sind auch noch nicht vollkommen ausgereift. Ich versuche, mich relativ vielseitig, auch was die Musik betrifft, inspirieren zu lassen, finde Rachmaninov genauso toll wie Bach. Zum Beispiel: Nächste Woche spiele ich die Goldberg-Variation in der Woche drauf, Rachmaninov II mit Orchester. In der Musik gibt es ja immer etwas Neues zu entdecken und dass dabei die Neugier und Begeisterung bleibt, wäre natürlich das größte Ziel.
Marcel Mok, ich danke Ihnen für dieses anregende Gespräch.
Titelfoto © Kulturkreis / Jean M. Laffiteau


