Einfach Klassik.

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Maria Sotriffer im Interview: „Beyond Virtuosity“

Die Geigerin Maria Sotriffer, Jahrgang 1999, ist Featured Artist der Jeunesse Musicales Österreich in der Saison 2026|27. Sie begann mit zwei Jahren Geige zu spielen, wurde mit vier als jüngste Studentin in der Geschichte der Wiener Musikuniversität aufgenommen und hat erste Preise bei der Ysaÿe International Music Competition in Liège, der London International Concerto Competition und der Vaclav Huml Competition in Zagreb gewonnen. Sie spielt auf einer Violine von Franz Geissenhof aus dem Jahr 1804, der sogenannten „Wiener Stradivari“, und hat ihr künstlerisches Programm unter den Begriff „Beyond Virtuosity“ gestellt. In der kommenden Saison wird sie im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins Tschaikowskys Violinkonzert mit dem MÁV Symphony Orchestra Budapest spielen, aber ebenso Konzerte für Babys und Kleinkinder geben. Ein Gespräch über vergessene Wiener Komponisten, neue Wege zum Publikum und die Frage, was nach der Virtuosität kommt.

Sie haben gerade eine ganze Reihe von Konzerten gespielt. Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Ich mag es sehr, dass man auf der Geige als Solistin mit Orchester auftreten, ein Recital mit Klavier machen und kammermusikalisch arbeiten kann. Jede Besetzung hat ihre eigenen Besonderheiten, man kann viel von anderen lernen und viel einbringen. Und natürlich hat man auf der Geige ein riesiges Repertoire mit großartigen Stücken, manche bekannter, manche unbekannter.

Was steht im Moment im Zentrum Ihres Repertoires?

Ich bereite gerade das Tschaikowsky-Violinkonzert vor, das ich nächste Woche in Bulgarien spielen werde. Ich bin mit den Aufnahmen dieses Konzerts aufgewachsen und habe es unendlich oft gehört. Es war auch das erste große Violinkonzert, das ich gelernt habe, angefangen mit dreizehn. Zu diesem Werk habe ich einen ganz anderen Bezug als zu den meisten anderen Stücken. In der kommenden Saison werde ich es im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins mit dem MÁV Symphony Orchestra Budapest spielen.

Ihr künstlerisches Programm heißt Beyond Virtuosity. Was meinen Sie damit?

Im Studium liegt viel Gewicht darauf, möglichst perfekt zu spielen. Das stimmt ja auch. Aber das Publikum kommt nicht ins Konzert, um jede Note perfekt zu hören, sondern um gerührt zu werden. Man muss Geschichten erzählen, Bilder aufmachen mit der Musik und Gefühle rüberbringen. Die Technik braucht man als Werkzeug, aber irgendwann muss man weiterdenken. Wenn man das Technische beiseitelässt und an die Musik denkt, funktioniert oft sogar die Technik besser, weil man nicht so verkrampft ist. Eigentlich ist es ein permanenter Prozess: Man erlebt Dinge, kann Gefühle in den Stücken besser widerspiegeln. Das Wichtigste ist, sein Leben zu leben, damit man auch etwas zu sagen hat.

Maria Sotriffer, Foto © Rita Newman
Maria Sotriffer, Foto © Rita Newman

Sie haben mit zwei Jahren angefangen, Geige zu spielen, und wurden mit vier an der Wiener Musikuniversität aufgenommen. Wie hat das begonnen?

Meine Mutter und meine Großeltern sind auch Geiger. Meine Mutter hat unterrichtet, und ich habe ständig Kinder mit einer Geige herumspazieren sehen. Ich dachte wahrscheinlich, es sei ganz normal, dass jedes Kind eine Geige hat — so wie andere Kinder dachten, man brauche unbedingt einen Nintendo. Ich habe den Schülern meiner Mutter immer das Instrument wegnehmen wollen. Dadurch ist das alles sehr natürlich entstanden.

Zwischen früher Förderung und eigener Stimme

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie ständig mit staunenden Fragen über diesen frühen Werdegang konfrontiert werden?

Es hat sich so selbstverständlich entwickelt, dass ich es heute als den normalsten Weg der Welt empfinde. Ich habe das Geigespielen nie als Last empfunden, meine Mutter musste mir eher sagen, ich solle auch mal aufhören. Es hat sehr geholfen, dass sie eine gute Lehrerin ist und ich von Anfang an viel Unterstützung hatte. Den Wunsch, mal auszusteigen, gab es nie. Mein Bruder ist Cellist, und wir spielen auch sehr viel zusammen. Musik war einfach immer da.

Von der Studierenden zur eigenständigen Musikerin — wie findet man die eigene Stimme?

Da hängt viel vom Lehrer ab. Die besten helfen einem, selbst herauszufinden, was man will, statt ihre Interpretationen auf den Schüler zu kopieren. Bei Meisterkursen habe ich aber auch erlebt, dass jemand sagt, so müsse es sein und anders gehe es nicht. Das ist für mich nicht Kunst. Wenn es nur eine richtige Interpretation gäbe, bräuchten wir eine einzige Aufnahme und sonst nichts. Aber das würde alles zerstören, was an dieser Kunst interessant ist.

Sie spielen auf einer Violine von Franz Geissenhof aus dem Jahr 1804, der „Wiener Stradivari“. Wie haben Sie dieses Instrument gefunden?

Ich habe drei, vier Jahre lang nach Geigen gesucht. Geissenhof war der wichtigste Wiener Geigenbauer und der Erste, der das Stradivari-Modell im deutschsprachigen Raum gebaut hat. Bei dieser Geige habe ich die ersten Takte Tschaikowsky gespielt, und es war, als wäre ich zu Hause angekommen. Sie hat eine unglaubliche Farbpalette und eine sehr gute Projektion, so dass ich auch ein ganz leises Pianissimo spielen kann, ohne befürchten zu müssen, dass man es in der letzten Reihe nicht hört. Als Wienerin auf einer Wiener Geige zu spielen, hat für mich etwas Besonderes. Das Instrument ist ein Teil von mir geworden.

Die Wiener Stradivari

Wie kam die Zusammenarbeit mit der Jeunesse zustande?

Ich hatte schon zwei Konzerte mit der Jeunesse gespielt. Danach haben sie mich gefragt, ob ich Featured Artist werden will. Die Jeunesse wählt jedes Jahr jemanden aus und bietet eine eigene Konzertreihe über die gesamte Saison an. Wir haben besprochen, welche Projekte und Formate in Frage kommen.

In Ihrem Programm stehen auch Konzerte für Babys — die Cinello-Formate. Was hat es damit auf sich?

Ich habe mir das Format in der vergangenen Saison angehört. Es ist eine schöne Art, das Konzert spielerischer zu gestalten und das ganz junge Publikum an Musik heranzuführen. Die Stimmung ist entspannter, die Kinder können herumlaufen und auch Lärm machen. Ich glaube, das ist eine wichtige Aufgabe: Wege zu finden, um ein neues Publikum zu gewinnen. Als kleines Kind war ich selbst bei solchen Jeunesse-Konzerten.

Beyond Virtuosity und neue Konzertformate

Das klassische Konzert mit seinen strengen Ritualen schreckt viele junge Menschen ab. Was müsste sich ändern?

Es muss sich gar nicht so viel ändern. Es reicht, wenn man etwas lockerer damit umgeht. Wenn jemand zum falschen Zeitpunkt klatscht, habe ich kein Problem damit, aber ich habe erlebt, wie das Publikum böse auf die Person geschaut hat. Ob das einladend wirkt? Viele meiner Freunde waren noch nie in einem klassischen Konzert, sind dann mal gekommen und gehen jetzt öfter. Man könnte mehr in Schulen machen, Stücke erklären und Hintergründe erzählen. Und man sollte über Ticketpreise reden, denn gerade in Wien sind die großen Konzerte für Studierende kaum erschwinglich.

Maria Sotriffer, Foto © Rita Newman
Maria Sotriffer, Foto © Rita Newman

Sie haben früh mit Gidon Kremer, Mischa Maisky, Janine Jansen und Julian Rachlin auf der Bühne gestanden. Fühlt man sich da nicht klein?

Das kommt auf die Menschen an. Wenn sie offen sind und einen miteinbeziehen, funktioniert es schnell. Musik ist immer Zusammenarbeit, und es hängt davon ab, wie man sich musikalisch versteht.

Was halten Sie von Wettbewerben?

Ich bin kein großer Fan davon, Musiker miteinander zu vergleichen. Aber Wettbewerbe können helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Man knüpft Kontakte, und mit einem Preis kommen oft Konzerte, die Türen öffnen. Das Wichtigste ist, man selbst zu bleiben und das Ganze als Konzert zu begreifen. Auch dort sitzen Leute, die schöne Musik hören wollen.

Beim Ysaÿe-Wettbewerb haben Sie die dritte Sonate gespielt, die Enescu gewidmet ist. Was macht dieses Stück besonders?

Ysaÿe hat jede seiner sechs Sonaten einem Geiger gewidmet, und man hört teilweise deren Persönlichkeit heraus. Dazu kommt der Einfluss von Bach und die Art, wie er alles nutzt, was die Geige hergibt. Die Ballade dauert sechs Minuten, aber man kann darin gefühlt das ganze Leben eines Künstlers erzählen. Die Stücke sind virtuos, aber was mich bewegt, sind die Klangfarben.

Wettbewerbe und unbekanntes Repertoire

Sie interessieren sich auch für Komponisten abseits des großen Kanons — Robert Fuchs, Weinberg. Was reizt Sie daran?

Die Freiheit, ganz von vorne zu beginnen. Man taucht in eine Welt ein, die man vorher nicht kannte, und hat nicht das Übergewicht von hunderten Einspielungen über sich. Beim Tschaikowsky kennt jeder alles, aber bei einem Robert Fuchs beginnt man bei Null. Im Konzert versuche ich immer, Bekanntes mit ein, zwei unbekannteren Werken zu kombinieren, und das funktioniert sehr gut.

Planen Sie eine erste Aufnahme?

Ich überlege gerade, aber ein fixes Projekt gibt es noch nicht. Ich würde gerne Sachen aufnehmen, von denen es nicht schon hunderte Einspielungen gibt. Das ist auch ein Reifeprozess, und irgendwann ist der Zeitpunkt da.

Maria Sotriffer
Maria Sotriffer

Was machen Sie, wenn Sie mal nicht Geige spielen?

Ich koche gerne und verbringe Zeit mit Freunden. Wenn ich zu einem Konzert anreise, versuche ich, ein paar Tage drumherum freizuschaufeln, um den Ort kennenzulernen, in Museen zu gehen, neue Restaurants zu probieren. Das weitet den Horizont und gibt Einblicke in andere Kulturen.

Blick in die Zukunft

Wo möchten Sie in zehn Jahren stehen?

Ich würde gerne möglichst viele Konzerte spielen und spannende Projekte machen. Das Schöne an der Geige ist, dass man in so vielen verschiedenen Besetzungen spielen kann, solistisch und kammermusikalisch. Und im Idealfall möchte ich dabei noch viele schöne Städte kennenlernen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Titelfoto © Peter Griesser

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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