Die französische Komponistin Mel Bonis (1858–1937) hatte aufgrund vieler gesellschaftlicher Zwänge, Verbote und dadurch folgender persönlicher Dramen ein sehr bewegtes Privatleben. Nichtsdestotrotz hinterließ sie ein relativ großes Oevre von ca. 300 Werken in verschiedenen Sparten (Orchestermusik, Orgelwerke, Lieder, Kammermusik und Klavierstücke). Aber: Schon zu ihren Lebzeiten wurden ihre Stücke dermaßen konsequent nicht gespielt, dass es erst einer Wiederentdeckung bedarf um die große Schönheit ihrer Musik zugänglich zu machen. Dies geschah glücklicherweise ab Mitte der 1980er Jahre und immer mehr Musiker*innen und Ensembles nahmen sich ihren Werken auch auf Veröffentlichungen an. Die hier vorliegende Einspielung der Mel Bonis Orchesterwerke ist ein weiterer Schritt dabei.
Denn das WDR Sinfonieorchester legt den Fokus auf jene Werkgattung der Komponistin, in nicht weniger als einer Gesamtbetrachtung. Dabei kann man bemerken, dass diese Werke aus unterschiedlichen Gründen Rekonstruktion brauchen. Wegen der bereits erwähnten Ignoranz waren viele Stücke kaum überliefert, oder beruhten auf pianistischen Vorlagen. Die Konzeption des vorliegenden Albums ist also nicht nur eine reine Zusammenstellung bestehenden Notenmaterials.
Mel Bonis Orchesterwerke zwischen Rekonstruktion und Neuentdeckung
Thematisch bewegt sich das Konzept dabei durch die Charakterisierung von Frauenportraits („Trois femmes de légende“), Orientalismus der Belle Époque oder Tänzerische Miniaturen und stilisierte Formen.
Eine weitere Dimension bekommt das Album auch von den gesanglich Mitwirkenden, als Solistinnen Lydia Teuscher (Sopran) und Julie Robard-Gendre (Mezzo-Sopran), sowie die Frauen des WDR Rundfunkchores, die teilweise sehr interessante Einsätze erfahren.
Mich begeisterte von Anfang an die farbenfrohe Vielfalt der Musik, die hellen Töne, das symphonische Erzählen. Da wundert mich die Auswahl nicht, ein Sinfonieorchester kann hier gleich von Beginn an in den „Trois femmes de légende“ Vielfalt ausspielen, gestalterisch glänzen und einfach viel mitteilen. Die breite Besetzung ermöglich dabei viel Opernhaftes, manchmal blitzt auch etwas Richard Strauss auf. Tatsächlich erst beim zweiten Hören auffällig, dann aber umso beeindruckender ist die für mich erkennbare Ausgeglichenheit des Orchesters, es gibt nicht die eine Instrumentengruppe die besonders hervorsticht und brilliert, vielmehr wechseln sich breit agierende, große Streichersektionen ab mit sehr narrativen Bläsern in Form von berichtenden Klarinetten, kommentierenden Hörnern und der schwerelos überfliegenden Oboe. Das Schlagwerk bettet sich nahtlos ins Gesamtkonstrukt ein und führt zu gemeinsamen Akzenten. Das ist eine wunderbare Stärke eines hervorragend besetzten Rundfunkorchesters, so kann man eben auch größere Produktionen auf die Bühne stellen.
Farben, Erzählkraft und orchestrale Balance
Diese Charakteristika werde in der „Suite Orientale“ weitergeführt in ein genreoffeneres Gestalten. Manchmal wähne ich mich in einem Hörspiel, sehe Reiseszenen vor mir und gehen den entstehenden Bildern nach.
Mit „Les Gitanos, Valse éspagnole“ macht das Album dann einen starken Schwenk – Walzer! Ein Konzertwalzer, aber viel Abstand zur Unterhaltungsmusik der Walzertradition bleibt da nicht, und das WDR Sinfonieorchester geht auch konsequent in diese Gestaltungsrichtung, spielt die spanischen Elemente eher als Beiwerk und tatsächlich zum Tanz auf.

Im größeren Verlauf über die folgende „Suite en forme de valses“ hält das Orchester unter seinem Dirigenten Joseph Bastian eine sehr gute Balance, lässt kurz mal den Ballsaaltiger raus aber bleibt weiterhin gewitzt konzertant und auf symphonischer Grundlage arbeitend.
Gesangssolisten, Chor und der finale Eindruck
Die Sopranistin Julia Teuscher agiert in ihrem Solostück „Le Chat sur le toit (Les Amours du chat) op. 93 No. 2“ gegen Ende das Albums helltönig, prägnant erzählend und als solistische Führungsstimme mit dynamischer Tiefe, deren Timbre gerade mit den Bläsern des Orchesters wunderbar harmoniert. Ihre Gesangskollegin, die Mezzosopranistin Julie Robard-Gendre nutzt in „Noël de la Vierge Marie op. 54 No. 2“ dagegen sehr schön die besonderen Möglichkeiten ihrer Tonlage, malt warm und weich und zeigt viel Volumen in den tieferen Klangfarben. Sie bleibt dabei in bedächtiger Zwiesprache mit den verschiedenen Instrumentengruppen des Orchesters, für mich wieder ein Highlight von Bonis Orchestrierungsdetails.
Der Abschluss mit Chor gelingt dann als mächtiger, von Joseph Bastian gut integrierter Aufbau, mit Überraschungen wie der äußerst passenden Kooperation von Chorstimmen und Celli. „Le Ruisseau op. 21 No. 2“ schließt das Album harmonisch aber auch in sich etwas kurz ab, in dieser Kombination hätte ich dem Chor gerne noch etwas länger zugehört.
„Mel Bonis – Orchesterwerke!“ Ist eine dringende Empfehlung vor allem dann, wenn man mit dem Werk der Komponistin noch nicht so vertraut ist.
Titelfoto ©WDR/Marketing/Tillmann Franzen


