Einfach Klassik.

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Mendelssohns Elias beim Neujahrskonzert in Greifswald

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Das jährlich wiederkehrende Bild Mitte Januar ist vertraut und hocherwünscht: Greifswalds Dom St. Nikolai – oder wahlweise auch St. Jacobi – platzen aus allen Nähten, vorn Chor und Orchester in Großbesetzungen zuzüglich Solistenensemble. Und das Ganze mit jener erwartungsvoll spannungsgeladenen Atmosphäre, die immer dann hohe Wellen schlägt, wenn es sich bei den Ausführenden um die universitären Ensembles handelt. Es geht um deren traditionelles Neujahrskonzert und für Chor wie  Orchester um den Leistungsnachweis am Ende des stets herausfordernd kurzen, erst im Oktober des Vorjahres beginnenden Wintersemesters. Aber: Bange machen gilt auch dann nicht, wenn zudem den Sommer über regelmäßig diverse Mitgliederwechsel zu verkraften sind, also bewährte Teilnehmer*innen den Hochschulort verlassen haben und die meist vielen „Neuen“ schnellstens einzuarbeiten sind. Das Ziel aber lockt, denn es geht um die Erarbeitung eines großen Oratoriums.

Tradition und Rahmen des Greifswalder Neujahrskonzerts

Diesmal war es erneut Mendelssohns ELIAS, der am 17. Januar vor gut 800 Besucher*innen heftig gefeiert wurde. Uni-Chor und Uni-Sinfonieorchester hatten sich dabei zu einer Kooperation mit Projektchor & Orchester der Musikschule Fanny Hensel Berlin entschlossen und diesen dann recht stattlichen Aufführungsapparat mit den Solisten Polly Ott (Sopran), Julia Bayer-Tarassowa (Alt), John Irvin (Tenor) und Timo Janzen (Bass) komplettiert. Am Pult zwei Dirigenten: Steffen Höschele (Berlin) für den 1. Teil und UMD Harald Braun (Greifswald) für den zweiten. 

Mendelssohns ELIAS, Foto © Max Braun
Mendelssohns ELIAS, Foto © Max Braun

Wer das Werk kennt, der weiß um die Herausforderungen. Der weiß dann aber auch eine Aufführung durch Laien zu schätzen, wenn diese es vermögen, ihren Status durch hingebungsvolle Mitarbeit fast vergessen zu machen. Ein bißchen (unfreiwillige und nicht risikolose) Hilfe kommt in diesem Falle – wie passend! – buchstäblich „von oben“, denn Raumgröße und -höhe des Domes markieren sowohl ein akustisches Problem von nicht geringem Ausmaß, bilden allerdings gleichzeitig einen gelegentlich als dankbar empfundenen wohligen Klangschleier über das eigentlich hochdifferenzierte musikalische Geschehen. Das ist für Singende, Spielende und für das Publikum durchaus herausfordernd , wobei Letzteres etwas Zeit braucht, um sich eine gewisse Transparenz des Gehörten zu „erarbeiten“. Das Problem aber ist nicht neu. Und wer sich als Interpret wie Hörer*innen damit schon des öfteren hat befassen müssen, der weiß inzwischen damit umzugehen. 

Mendelssohns Elias und seine musikalischen Herausforderungen

Über das Werk, über Aufbau, Text und Wirkungsgeschichte sei hier nur Sporadisches gesagt. Die Uraufführung in Birmingham (26. 8. 1846) war ein selbst vom Komponisten nicht erwarteter Riesenerfolg, der in der Folgezeit anhielt und nicht zuletzt wegen seiner alttestamentlich handfest-drastischen Texte und der Möglichkeit, „recht dicke, starke, volle Chöre“ komponieren zu können, Oratoriengeschichte geschrieben hat; (was auch für den PAULUS gilt)  Damit wäre für Ausführende eine erste Marke gesetzt: die Chöre. Zum Namensgeber Elias führt eine weitere: Elias, von Mendelssohn gedacht „als einen rechten durch und durch Propheten…stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster…und doch getragen wie von Engelsflügeln.“ Dies alles spricht für eine Fülle dramatischer Situationen, deren prägnante, viele unterschiedliche Ausdrucksbereiche tangierende Gestaltung den Ausführenden obliegt.

Chorische Leistungen und Eindrücke der Aufführung

Die Greifswalder Aufführung durfte sich in dieser Hinsicht nicht wenige Pluspunkte auf die Haben-Seite schreiben. 22 meist recht anspruchsvolle Chorsätze standen da zunächst auf der Pflichtenliste. Aber: ungeachtet schwieriger Akustik waren kaum Unsicherheiten vernehmbar, eingeschlossen die nahtlos wirekenden, agogisch (rhetorisch) zu berücksichtigenden Wechsel zwischen Solisten und Chor. Die vorgeschriebenen Möglichkeiten dynamisch differenzierten Singens schienen ebenso genutzt wie das Hervorheben und Betonen jeweils charakteristischer Grundaffekte einzelner Chöre. Auch die rasanten Chorfugen verrieten eifriges Üben. Mit rund 120 Choristen durchaus opulent besetzt, wurde erstaunlich locker, beweglich und präzise gesungen, besaßen einige Chorsätze den ihr zustehenden ruhigen, melodisch intendierten Ton – Schumann sprach vom „edlen Gesang“ – beziehungsweise einen mitreißenden dramatischen Gestus oder den Glanz triumphierender Glaubenszuversicht; gute Intonation und schöne Höhe inbegriffen. Eine respektable chorische Leistung, an der auch mit dem Hinweis auf durchaus vorhandene „Luft nach oben“ nicht „gekratzt“ werden muss: Leistungsgrenze angestrebt – Potenziale ausgeschöpft und sichtlich engagiert einfach Musik gemacht, die entsprechend gut ankam! 

Mendelssohns ELIAS, Foto © Max Braun
Mendelssohns ELIAS, Foto © Max Braun

Das ging natürlich nicht ohne ein vor gleichfalls großen Aufgaben stehendes Orcherster. Hier war im Besonderen spieltechnische Beweglichkeit gefragt. Dazu die Bereitschaft und Fähigkeit, im Wechsel von Anpassung und Führung die Funktion des stets aktiv mitmischenden Motors zu erfüllen und für Stringenz im Leisen wie Kraftvollen zu sorgen. Das ist – zumal unter etwas ungewöhnlichen akustischen Verhältnissen – schon mal der sprichwörtliche Ritt auf Messers Schneide. Und der Kampf um größtmögliche Transparenz, was für die Bläser eher weniger, für Streicher, vor allem hinsichtlich der Mittelstimmen, nicht ganz so einfach war. 

Solist*innen, Orchester und Gesamtwirkung des Abends

Aber auch da kann unter dem Strich ein dickes Plus stehen, gehört doch die Partitur des ELIAS vom ersten Takt an zu den wahrlich anspruchsvollen Orchesterpartien. Nicht zuletzt im Hinblick auf die fragilen Rezitativ-Phasen und die Notwendigkeit höchst aufmerksamen, dynamisch agilen Reagierens im Sinne orchestralen „Redens“. Wie denn der ELIAS überhaupt das Sprachrohr großer biblischer Botschaften ist. Im gedanklichen Hintergrund dürften dann auch die Gattungstradition seit Händel und der Mendelssohnsche bewusste Blick auf die Chor- und Oratoriengeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als gestalterisch motivierend eine Rolle gespielt haben. Und das nicht zuletzt unter den so vielfältigen wie sensibel auszuführenden Aspekten vokalsolistischer Interpretation. 

Will heißen: hier die oft genug markanten, kommentierenden oder direkt eingreifenden Chöre als beeindruckend emotionale, großflächige  Fresken, dort der eher filigrane, ungemein gefühlvoll individualisierte Apparat eines vokalen Solistenensembles. In Greifswald präsentierte es sich in der abwechslungsreichen und von prägnanter, oft höchst lebendiger (auch dialogisierender) und rhetorisch sprachgewaltiger Formenwelt von Rezitativ, Arie, Duett, Terzett, Quartett und Doppelquartett als Ausdruck stärkster emotionaler Vielschichtigkeit. Ganz zu schweigen von einer erregenden dramatischen Lebendigkeit, für die die oft genug Soli und Chöre teils kontrastreich, ja nahezu szenisch verbindenden Wechsel verantwortlich waren.  

Mit den oben bereits genannten Solisten war da schon Staat zu machen. Sehr beeindruckend etwa der Bassist Timo Janzen mit der umfänglichen Partie des Elias, nicht weniger überzeugend und künstlerisch auf Augenhöhe aber auch die Sopranistin Polly Ott, die kurzfristig für die erkrankte Altistin Saskia Klumpp eingesprungene Julia Bayer-Tarrasowa und der Tenor John Irvin. Eigentlich unnötig, vervollständigend hinzuzufügen, dass beide Dirigenten das jeweilige Geschehen souverän im Griff hatten. Sie garantierten eine Aufführung, der man den überzeugenden Charakter eines Bekenntniswerkes wohl zusprechen durfte.      

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