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Einfach Klassik.

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Mendelssohns Oratorium „Paulus“ in Greifswalds Dom St. Nikolai

Ein Gastbeitrag von Ekkehard Ochs

„Hier wirst du zum Glauben und zur Hoffnung gestimmt und lernst deine Menschen wieder lieben; hier ruht es sich wie unter Palmen, wenn du dich müde gesucht und nun eine blühende Landschaft dir zu Füßen liegt. Es ist der Paulus ein Werk der reinsten Art, eines des Friedens und der Liebe.“

So poetisch, so euphorisch formulierte Robert Schumann seine Eindrücke von Mendelssohns „Paulus“. Es schien ihm dies umso wichtiger, als er sich im gleichen Beitrag seiner „Neue(n) Zeitschrift für Musik“ (1842) an Meyerbeers ihm unsäglich erscheinender Oper „Die Hugenotten“ abgearbeitet hatte und sie einigermaßen bissig als „Gesamtverzeichnis aller Mängel und einiger wenigen Vorzüge seiner Zeit“ bezeichnet hatte. Da ließ sich der Gegenpol, nämlich ein Mendelssohn als „Prophet einer schönen Zukunft, wo das Werk den Künstler adelt“ und nicht der „kleine Beifall der Gegenwart“ (wie bei Meyerbeer) besonders eindringlich und wirkungsvoll loben. Zu Recht, auch wenn der Meister des so geschliffenen wie zutreffenden Wortes Schwächen des „Paulus“ und sich daraus ergebende Anknüpfungspunkte zu weiterführenden Diskussionen nicht übersieht. Zur Erörterung ist hier nicht der Platz; Nachlesen bei Schumann aber ist zu empfehlen.

Sei`s drum! Wer im Saal sitzt und das Werk hört, kann dem oben zitierten Rezensenten Schumann nur beipflichten. Er wird sich einem Werk gegenüber sehen, das in Wort und Ton eine wichtige Glaubensbotschaft vermitteln will, basierend auf verschiedenen Texten der Bibel und prägnant vertont mit dem gestalterisch vielfältigen Reservoir klassisch-romantischen Komponierens. (Geradezu spannend: Schumann warnt vor zu viel „populärem“ Streben und plädiert – im Hinblick auf ein sicher zu erwartendes künftiges Werk – für noch mehr Kraft und Begeisterung „wie wir es in den Werken derer finden, die sich ihrem großen Stoffe rücksichtslos, ohne Ziel und Schranke hingeben“.  

Das heißt nicht, dass es dem „Paulus“ etwa an solistischer Eindringlichkeit und instrumental-chorischer Prägnanz und Wucht fehlte. Dafür sorgt schon der thematische Gegenstand: die biblische Erzählung (vor allem Apostelgeschichte) vom Christenverfolger Paulus (große Stephanus-Episoden), der durch ein Jesus-Erlebnis zum Paulus wird, zum Bekehrten und mit dem Gefährten Barnabas zum künftig auch andere Bekehrenden. Und damit zu einer der ganz großen Gestalten der frühen Christenheit. 

Mendelssohn sparte nicht an Platz und Ausführlichkeit, um seinen absichtsvoll religiösen wie künstlerischen Ambitionen die Bedeutung einer existenziell wichtigen Botschaft zu verleihen. 135 (für Schumann „sehr lange“) Minuten waren ihm da gerade ausreichend. Und genauso lange dauerte eine Aufführung des Werkes kürzlich im Dom St. Nikolai zu Greifswald. Übrigens eine (schon am Tag vorher von Markus J. Langer in Rostock präsentierte) Gemeinschaftsproduktion von Greifswalder Domchor (Frank Dittmer), Rostocker Motettenchor und Figuralchor der Rostocker St. Johannis-Gemeinde als eine der größten Kantoreien Norddeutschlands (beide: Markus J. Langer) sowie der Norddeutschen Philharmonie Rostock. Am Pult: Frank Dittmer, Professor für Kirchenmusik, Schwerpunkt Chorleitung, am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald und Künstlerischer Leiter der Greifswalder Bachwoche. 

„Paulus“ in stilistischer Vielfalt

Nehmen wir das Ergebnis vorweg: eine Aufführung, die den Anforderungen des Werkes auf schönste Weise gerecht wurde. Dittmers Dirigat so ruhig und besonnen wie souverän, eindeutig in den gestalterischen Vorgaben und erfolgreich im erhebliche Entfernungen zu überbrückenden Zusammenhalten eines mehr als 200 Mitglieder umfassenden Chores und großbesetzten Orchesters. Erfreulich, dass das räumliche „Auseinanderziehen“ der Mitwirkenden die bekannten akustischen Probleme des Domes weitgehend zu relativieren vermochte und für bemerkenswerte klangliche Transparenz des Musikalischen sorgte. Ein glücklicher Umstand für die Chöre, deren Bemühungen um die im Werk eingebundene stilistische Vielfalt (mit den Vorbildern eines Bach, Händel oder Haydn; Polyphonie!) reichlich Früchte trugen.

Mendelssohns "Paulus" in Greifswald
Mendelssohns „Paulus“ in Greifswald

Die schiere Masse erwies sich dabei als nichts weniger denn hinderlich. Dittmer hatte also keine Mühe, sie höchst beweglich, ja stringent agieren zu lassen, mit ihnen in den Chorälen, den betrachtenden wie aktiven großen und oft fugierten Chorsätzen entsprechend variabel und stilkompetent zu musizieren; konträre Ausdrucksbereiche zwischen pastoraler Empfindsamkeit und hochdramatischer Wucht, schlichtem Chorsatz, innigem Gefühl, popyphoner Kunstfertigkeit und hymnischer Glaubenszuversicht inbegriffen. Ohne weitere Potenziale im Chorischen schon als völlig ausgeschöpft bezeichnen zu wollen, besaß diese Aufführung Prägnanz, Vielseitigkeit und emotionale Wirkungsmächtigkeit. Und damit eine Glaubwürdigkeit, die auch dem konfessionell Ungebundenen Verständnishilfe zu sein vermochte. Umso mehr, wenn man die anderen Parameter musikalischer Gestaltung durch Mendelssohn einbezog. Das beginnt bei der Ouvertüre, die mit der Verarbeitung des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ schon gleich zu Werkbeginn wesentliche inhaltliche Akzente setzt, findet in der Verwendung von Chorälen, die schon zu Mendelssohns Zeiten als bloße Nachahmung gottesdienstlicher Bräuche kritisiert wurden, ihre Fortsetzung und kulminiert in den Abfolgen von Rezitativen und oft genug freien ariosen Gesängen.

Hohes sängerisches Können

Hier schlug auch in Greifswalds Dom die Stunde des solistischen Vokalensembles. Dorothee Fries (Sopran), Marian Dijkhuizen (Alt), Jörg Dürmüller (Tenor) und Nikolay Borchev (Bass) verlebendigten mit viel Werk- und Stilverständnis die entscheidenden Geschehnisse und deren rhetorisch anspruchsvolle vokalsolistische Reflexionen; hier in einem mit Leidenschaft und tiefer religiöser Überzeugung geschriebenen Jugendwerk, das anspruchsvolle Texte bündelt und inhaltlich durchaus brisante Fragen etwa zum Verhältnis von Juden(tum) und Christen(tum) aufwirft. Interpretatorisch geschah dies durchweg mit hohem sängerischen Können, so variablem wie beeindruckend tonintensiven stimmlichen Vermögen und der Fähigkeit, den Hörer gestalterisch überzeugend zu fesseln und bis zum Ende des Werkes mitzunehmen. Dies, auch für die Chöre gültig, auf der Grundlage einer sowohl im Tutti als auch in differenziert feingliedriger Instrumentation (Streicher, Blechbläser) keine Wünsche offen lassenden Orchesterleistung. Keine unzulässigen, etwa die Chöre oder Solisten überdeckenden Klangmassierungen, was in Greifswalds Dom schon mal ganz schnell den Höreindruck trüben kann.

Dafür ein Musizierstil, der sich variabel an den jeweiligen, teils sehr unterschiedlichen Grundaffekten orientierte und anpasste und damit wesentlich zu dem Gesamteindruck einer in allen Bereichen sicher beherrschten, spannungsvoll abwechslungsreichen und stets äußerst lebendigen Aufführung beitrug. Wer ein Übriges zum tieferen Verständnis, zu historischen, musikalischen wie musikästhetischen Hintergründen des Werkes hat wissen wollen, der war mit dem Griff zum äußerst informativen, von Studierenden des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald in einem Seminar (Dr. Martin Loeser) erarbeiteten Programmheft bestens bedient.     

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