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Einfach Klassik.

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Minimalismus in der Elbphilharmonie – Reich und Riley

Es stand mal wieder Minimalmusik auf dem Programm in der Elbphilharmonie. Musik der Komponisten Steve Reich und Terry Riley sind regelmäßig eingeplant in der Halle an der Elbe, und wir konnten schon verschiedenste Besetzungen damit erleben. Diesmal waren es zwei Klavierstücke, Reichs “Six Pianos” und Rileys “Keyboard Study No. 2” erforderten sechs Pianos auf der Bühne. Die Musiker, die diese Instrumente bedienten waren Gregor Schwellenbach, John Kameel Farah, Erol Sarp, Daniel Brandt, Paul Frick und Kai Schumacher, namhafte Pianisten und Komponisten, die, nicht nur in speziellen Szenen bestens bekannt, sich als Experten-Sextett für dieses Genre zusammengetan hatten, um uns mit diesem amerikanischen Programm zu begeistern.

Überraschenderweise stellten die Musiker jedoch noch ein Intro an den Anfang, in dem sie acht Stücke aus größtenteils eigener Feder spielten. Besonders beeindruckt hat mich da John Kameel Farah, der zwei seiner Kompositionen spielte, einmal “Introitus”, welches er bereits in der Elbphilharmonie gespielt hatte, und mit “Sonnenallee Fuge” ein ganz neues Stück. Beide Kompositionen haben mich bewegt mit ihrem Klassik-Crossover aus Romantik, Barock, und arabischen Melodien, technisch reichlich anspruchsvoll, wurden sie vom Komponisten aber pianistisch äusserst entspannt vorgetragen. 

Kleiner Ausblick

Weiterhin hat mir Schwellenbachs “Geduld Ungeduld” gut gefallen, das sehr minimalistisch wirkte, und im Trio gespielt wurde. Seine vielen, reizvollen Schwebungen und Verschiebungen fungierten da als erster kleiner Ausblick auf den musikalischen Rest des Abends.

Gesteigert wurde das noch in “Ocean Drive (Schamane)”, ursprünglich von Brandt Brauer Frick, das mit seinem sehr perkussiven Charakter den Fokus noch weiter auf Rhythmik legte.

Johan Kameel Farah, Foto © Jamie Day Fleck
Johan Kameel Farah, Foto © Jamie Day Fleck

Nach dieser Einleitung und einer Begrüßung durch Gregor Schwellenbach kamen die sechs Pianisten dann zu Rileys “Keyboard Study No. 2”, und schnell waren sie dabei den Charme und den Zauber dieser großen Werke des Minimalismus herauszuarbeiten. Nur wenige Minuten brauchten sie vom legen der metrischen Grundstruktur hin zur Befreiung aus starren Gerüsten und festen Mustern. Durch Rasterverschiebungen und Intensitätswechsel schufen sie ein lebendiges, waberndes Klangkontinuum, in dem immer wieder Figuren und musikalische Themen aufleuchteten. Wohl bewusst verwendeten sie charakteristische Stilmittel dieser Epoche, wie die Schichtungen verschiedener, teils gegenläufiger Elemente. Auch die temporäre Reduktion durch Zurückfahren verschiedener Stimmen setzten die Pianisten deutlich ein. Das alles fesselte die Aufmerksamkeit des Publikums fest an den Vortrag, und das Ende nach der etwas kurzen Dauer der Improvisation kam fast etwas abrupt.

Mitreissend mit Steve Reich

Nach der Pause folgte dann Reichs “Six Pianos” bei dessen ursprünglicher Idee alle Klaviere in einem Klaviergeschäft zusammen spielen sollten. Nach Tests reduzierte der Komponist den Aufbau schliesslich auf die sechs Klaviere, die auf engem Raum stehen sollten. Von Anfang an harmonierten die sechs Pianisten hier entspannt in den rhythmischen Mustern. Sie beschritten sicher die Gratwanderung zwischen dem aktiven verändern der Musik, und mehr Zurückhaltung um die Musik wirken zu lassen. Sichtbar auf der Bühne wurde das durch eine Mischung aus Introvertiertheit und aktiver Abstimmung zwischen einzelnen Musikern. Das resultierte in einer starken Verschmelzung einzelner Stimmen, und so entfalteten die sechs eng stehenden Klaviere auch hier einen lebendigen, mitreissenden Gesamtklang, der durch die immer perfekt abgestimmten Lautstärken nur noch voller wurde. Selbst an Stellen der Reduktion, an denen einzelne Stimmen wieder verdeutlicht wurden, blieb der Vortrag kräftig und präsent, und nur im dritten Abschnitt des Stücks war der gemeinsame rhythmische Vortrag kurz etwas wackelig.

Der kräftige Abschluss beendete dann einen wunderbar minimalistischen Konzertabend.

Veranstaltung

STEVE REICH & TERRY RILEY, Montag, 25.4.2022

Besetzung

Gregor Schwellenbach, Klavier

John Kameel Farah, Klavier

Erol Sarp, Klavier

Daniel Brandt, Klavier

Paul Frick, Klavier

Kai Schumacher, Klavier

Programm

Steve Reich
Six Pianos

Terry Riley
Keyboard Study No. 2 / aus: Keyboard Studies

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt den Orchestergraben-Blog, wo er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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