Einfach Klassik.

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Musikvermittlung mit dem Quartet Moana in Barcelona

Es ist ein kalter Novemberabend in Barcelona. Vor dem Eingang des „Casal de Barri Mas Guinardó“, dem Stadtteil-Zentrum des gleichnamigen Viertels am nördlichen Stadtrand, hat sich eine Gruppe musikinteressierter Menschen aus Horta-Guinardó versammelt und wartet auf den Einlass zum Konzert mit dem Quartet Moana. Das vor allem in Barcelona und der Region aktive Streichquartett hat sich dem Jahresthema der Konzertreihe Clàssica Horta_Guinardó verpflichtet und spielt an diesem Abend ausschließlich Werke von Komponistinnen, die hierzulande eher unbekannt, in der internationalen Musikwelt jedoch durchaus präsent sind. Die Figur der Frau in der Musik ist das Motto von Clàssica Horta_Guinardó 2025. 

Mit der niederschwellig programmierten Konzertreihe lockt die Bezirksverwaltung die Bevölkerung seit 26 Jahren in Konzerte an verschiedene städtische Einrichtungen wie Bürger- und Stadtteilzentren, Bibliotheken und Jugendzentren. Sie alle bieten dann eine Bühne für Amateurmusiker:innen, junge Musikstudent:innen und professionelle Ensembles aus der Region. Die enge Zusammenarbeit mit den kommunalen und privaten Musikschulen des Bezirks ist dabei Ehrensache. 

Flyer

Das Programm der Spielzeit 2025 bietet neben zahlreichen Kammermusikabenden und Familienkonzerten auch die Vorführung des Films „Die Dirigentin“ von Maria Peters, einen Vortrag über die Rolle der Frau in der Geschichte der Musik sowie ein Konzert mit der Simfònica Tekhné, einem Orchester, das sich aus jungen, gut ausgebildeten Laien zusammensetzt und von der 29-jährigen Dirigentin Belén Clemente geleitet wird. Musikvermittlung für alle Menschen im Stadtviertel, hautnahes Erleben und das Schaffen einer lockeren Atmosphäre als Kontrast zum sonst so ernsten Klassikbetrieb ist die Idee hinter dem abwechslungsreichen Konzertzyklus. 

Quartet Moana präsentiert sechs Komponistinnen

Dieser Idee wird das Quartet Moana, das am 23. November mit dem Programm „Grans (desconegudes) compositores“ (Große (unbekannte) Komponistinnen) voll und ganz gerecht. Mit musikalischen Häppchen und einer charmanten Moderation, in die Primarius Rubén Herrera viel Persönliches einfließen lässt, wird das Publikum im Casal de Barri bestens unterhalten. Dass dabei nur einzelne Sätze aus den angekündigten Streichquartetten gespielt werden, stört hier niemanden. Schließlich geht es nicht nur um die Musik, sondern auch um die Geschichten rund um das Leben der Komponistinnen, und da taugen die kleinen Kostproben allemal. 

Quartet Moana, Foto © Christina von Richthofen
Quartet Moana, Foto © Christina von Richthofen

Den Start macht die Ouvertüre aus der Oper „Céphale et Procris“ der französischen Barockkomponistin Elisabeth Jacquet de la Guerre (1665-1729). Es folgt das Andante aus dem Streichquartett A-Dur von Amanda Röntgen Maier (1853-1894), erste weibliche Absolventin an der Königlichen Musikakademie Stockholm und Schöpferin wundervoller Kammermusik, die den Geist der Spätromantik atmet. Zupackend interpretiert das Quartet Moana danach den ersten Satz aus dem Streichquartett g-Moll von Emilie Mayer, von ihren Zeitgenossen gern als „weiblicher Beethoven“ bezeichnet und als Komponistin des 19. Jahrhunderts mit einer beispiellosen Karriere gesegnet. Allein sieben Streichquartette zählen zu ihrem überaus großen Oeuvre. Die Venezolanerin Teresa Carreño (1853-1917) hat vor allem als Pianistin Ruhm erlangt. Als energiegeladenes Wunderkind in einer männerdominierten Musikwelt trat sie bereits im Alter von neun Jahren vor Abraham Lincoln auf. Ihre Kompositionen jedoch sind kaum bekannt. Das Quartet Moana spielt das Scherzo aus ihrem einzigen Streichquartett in h-Moll. „Ein schweres Stück, geschrieben mit der Absicht, die Interpreten zu ärgern“, so Rubén Herreras Ankündigung. 

Als „Nachtisch“ serviert das Ensembles „Pink Breasted Robin“ und „Drinking Song“ – zwei unterhaltsame und schwungvoll gespielte Stücke der usbekisch-australischen Komponistin Elena Kats-Chernin sowie die Sicilienne von Maria Theresia Paradis. 

Gelungenes Modell 

Nach einer guten Stunde endet die Veranstaltung mit großem Applaus und das Publikum strebt, sichtlich zufrieden, Richtung Ausgang, um dem kulturellen Genuss den allabendlich kulinarischen folgen zu lassen. Clàssica Horta_Guinardó ist ein gelungenes Modell für ernst gemeinte Musikvermittlung. Und zeigt, dass es für das breite Publikum im Bereich der klassischen Musik nicht immer die Champions League sein muss. 

Titelfoto © Christina von Richthofen

Icon Autor lg
Seit meinem Auslandssemester in Santiago de Compostela in den späten 80ern zieht es mich immer wieder auf die iberische Halbinsel. Berufliche und private Verbindungen haben Spanien zu meiner zweiten Heimat gemacht. Orchestertourneen habe ich organisiert und begleitet, mit spanischen Agenturen und Veranstaltern zusammen gearbeitet und auf der Feria Internacional de Música Antigua in Murcia einen Vortrag über die Alte Musik Szene in Deutschland gehalten. Ich bin froh, dass das Kerngeschäft meiner Kölner Agentur für Kultur-Promotion Raum lässt für Exkursionen und Entdeckungen. Für den Orchestergraben berichte ich aus Barcelona über Festivals und Konzerte in der Region.
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